Die verstörende Faszination des Schreckens: Boston Marathon

| 19.04.2013 | 4 Kommentare

Was machen Bilder von grauenhaften Ereignissen mit dem Betrachter? Was kann und darf Bildberichterstattung?

Am Abend des Bombenanschlags beim Boston Marathon riefen mich Kollegen an. „Du schreibst über Bilder in Deinem Blog, Du sitzt im Presserat. Kannst Du über diese Bilder schreiben?“ Ich habe mich auf die Suche gemacht, auf Newssites, im Social Web, bei Instagram. Bei Tageszeitungen und Magazinen, bei Fernsehsendern, auf Spurensuche in der Bildberichterstattung. Es hat mich zwei schlaflose Nächte gekostet: Wegen der furchtbaren Bilder aus Boston. Wegen der eigenen Bilder im Kopf, aus meiner Zeit in der tagesaktuellen Berichterstattung, die plötzlich wieder sehr präsent waren, mit einem verstörenden visuellen Eigenleben. Und wegen der Gedanken zu den Bildern.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden viele dieser Fotos wieder auf meinem Schreibtisch landen – mit einiger Zeitverzögerung: Ich gehöre dem Deutschen Presserat an. Dort werden sich auch diesmal Leser beschweren, über Medien und ihre Grenzüberschreitungen in Klickstrecken, Videos und seitenfüllenden Abbildungen von Blut, Opfern und Grauen. Über sensationslüsterne Journalisten, deren Kaltblütigkeit und Ignoranz auf der Jagd nach Auflagenzahl und Seitenzugriffen.

Nicht in allen Fällen treffen solche Vorwürfe zu. Ob vor Ort oder in den Redaktionen, Journalisten sind ihrer Arbeit verpflichtet, der Information ihrer Leser und vor allem der Wahrheit in Text und Bild. Journalisten sind Filter: In der Entscheidung über das, was man zeigen darf und kann, vielleicht sogar muss. Erschwert wird diese Gratwanderung der Auswahl durch den Stress des Produktionsalltags, die Unmengen an zum Teil unerträglichen Fotos: Mehrere Tausend sind das Pensum eines Bildredakteurs – an einem normalen Arbeitstag. Nicht an diesem Tag. An solchen Tagen hören Bildredakteure auf zu zählen.

Fünfunddreißig Fotos bei „The Big Picture“, zehn Fotos bei Lightbox (TIME): John Tlumacki, Bildjournalist und langjähriger Mitarbeiter des Boston Globe erzählt über seine Arbeit und die Gefühle des photographischen Augenzeugen:
 

„(…) I can’t think about it — I gotta keep doing what I’m doing. (…) We use a camera as a defense but I was shaken when I got back (…). It’s haunting to be a journalist and have to cover it.“

 
Während der Arbeit ist die Kamera der Schutzschild des Fotografen. Beim Sichten der Fotos nicht mehr, dann versagt aller Schutz. Es gehört zur Arbeit von Journalisten, ist ihr Berufsrisiko. Die gesehenen Bilder bleiben meist unauslöschlich, ein Leben lang.

Boston, das sind im Social Web eine Handvoll Bilder in Endlosschleife und mit Hashtag. Bar jeder Information werden sie zu tragischen Geschichten umgewidmet und tausendfach wiederholt: Der Mann, der angeblich an der Ziellinie auf seine Freundin wartete, wollte sich mit ihr verloben, sie starb. Ein kleines Mädchen mit Brille und Pferdeschwanz, angeblich das tote Kind von Boston. Eine lachende Frau, angeblich gestorben in Boston.

Die rührseligen Geschichten haben eines gemeinsam: Sie sind allesamt falsch. Der Mann im roten T-Shirt beugt sich über ein am Boden liegendes Opfer, das überlebt hat. Das kleine Mädchen lebt ebenfalls, anderswo und nicht in Boston. Die Frau mit dem fröhlichen Lachen starb 2012 in der Grundschule von Sandy Hook. In den Timelines tauchen visuelle Richtigstellungen auf, wechseln sich ab mit unbeholfenen Illustrationen, Blümchenknipsfotos, Zeichnungen und in kindlicher Handschrift notierten Beleidsbekundungen für die Opfer von Boston. Das Soziale Netz ist bis dahin sozial und menschlich – und trauert. Doch es sind einige andere Fotos unterwegs; sie stammen aus ersten, eiligen Veröffentlichungen auf Newsseiten.

Sie sind schlimmer noch als die tausendfach kolportierten Fälschungen: Schwer verletzte Menschen inmitten von Blutlachen sind zu sehen, aus zerfetzten, blutigen Unterschenkel ragen blanke Knochen. Auf Facebook und Instagram kursieren die Bilder, tauchen unverhofft in den Timelines auf. Anderswo werden die Gesichter auf diesen Fotos immerhin noch nachträglich unkenntlich gemacht, als „graphic content“ gekennzeichnet und hinter schwarzen Flächen verborgen, die man erst wegklicken muss. Mitunter werden Verletzungen wegretuschiert, Bilder beschnitten, um das Schlimmste zu verbergen. Die digitale Schere des Bildredakteurs als Schere im Kopf des Betrachters: Darf nicht sein, was Realität ist?

Anders im Social Web, dort ist das Opfer erkennbar, seine Verstümmelungen sind es auch. Das Soziale Netz entpuppt sich als höchst unsozialer Ort: Denn eins der Fotos wird von einem Instagram-Nutzer umgestaltet. Das Opfer im Rollstuhl trägt ein grinsendes Comicgesicht. „Ouch my Leg!“ höhnt grellbunte Schrift über dem, was einmal Beine waren. Das vielfach verbreitete Bild und dessen Nutzer sind mittlerweile von der Plattform gelöscht. Die Erinnerung daran lässt sich nicht so einfach entfernen wie mein dokumentierender Screenshot von der Festplatte des Rechners.

Wie fast immer nach Katastrophen, Attentaten und Amokläufen tobt wenig später Medienschelte; die Vorwürfe der Sensationsgier, der Auflagenjagd sind fast schon ein Automatismus. Einschätzungen der Praktiker aus Redaktionen regionaler und überregionaler Tageszeitungen lassen jedoch den Schluss zu: Die sensationsgierigen Titelseiten steigern nicht die Verkaufszahlen – eher im Gegenteil.

Möglicherweise sind solche schlichten, wiederkehrenden Denkschemata bequemer als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Bildern und dem eigenen Verhalten angesichts der blutigen Realität. Zum einen entscheiden in Redaktionen Menschen; und allen professionellen Bemühungen zum Trotz scheitern sie bisweilen: An ihrem eigenen Entsetzen, ihrer Hilflosigkeit – und im Sortieren, Bewerten und Darstellen dessen, was alles Vorstellungsvermögen überschreitet.

Zum anderen schauen wir zu, gebannt von der Faszination eines Schreckens, der alle Grenzen sprengt. Von Brock bis McLuhan haben viele Medienwissenschaftler über diese obszöne Anziehungskraft des Grauens nachgedacht, die Menschen zu Voyeuren zu machen scheint. Wir schauen aber nicht nur zu.

Ob Bildjournalist, Leserreporter oder Hobbyfotograf: Wir fotografieren. Machen uns ein eigenes Bild. Mit unterschiedlichen, individuellen Grenzen und Kenntnissen – und einer wesentlichen, tiefer gehenden Gemeinsamkeit: Abbilden ist zugleich ein Versuch des Einordnens, des Machtgewinns über das Gesehene und damit ein erster Schritt zur Verarbeitung des Schreckens. „Mach Dir ein Bild von etwas und Du nimmst ihm jegliches Leben.“ formulierte der französische Filmemacher Jean Cocteau. Im übertragenen Sinne mag dieses Zitat zutreffen: Etwas abzubilden, kann gleichzeitig bedeuten, aus der Passivität des hilflos Konfrontierten in eine aktive Rolle zu wechseln – und sich dadurch von traumatisierenden Erlebnissen zu befreien; mitunter auch durch Zerstörung des Abbilds.

Wir wollen nicht sehen und damit nicht wahrhaben, was uns aus der gewohnten Bequemlichkeit unserer überwiegend friedlichen Komfortzonen aufstört. Was uns hierzulande gelegentlich streift, dem können sich Menschen anderen Orts nicht verweigern und entziehen. Weder den Bildern – noch der Realität: Blut hat dieselbe Farbe, ist dasselbe Grauen, Tod ist Tod ist Tod, überall. In Gaza, im Irak, in Mali, in Syrien ist Alltag, was die Bilder von Boston zeigen.

 

Kollegenstimmen zu den Bildern von Boston:

Sascha Rheker, Bildjournalist: “Die Schere am Bild und im Kopf des Betrachters”

Sebastian Baumer, Fotograf: “Digitaler Katastrophentourismus”

Bildblog: „Überall Blut“

Christine Haughney, New York Times: “News Media Weigh Use of Photos of Carnage”
 

Bildjournalisten und ihre Bilder:

John Tlumacki (Boston Globe): One Photographer’s Eyewitness Account (Lightbox/Time)

The Boston Globe/The Big Picture: “Terror at the Boston Marathon”

Lou Angeli/Getty via Facebook: “Boston Marathon Attack”

 
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