Jung & Naiv: Mehr Technik als Publikum?

Tilo Jung möchte durch Crowdfunding eine bessere technische Ausrüstung für sein Video-Format Jung & Naiv finanzieren - der richtige Ansatz?

Tilo Jung hat eine bemerkenswerte Video-Serie zu politischen Fragestellungen auf die Beine gestellt und sucht nun auf Krautreporter nach Spendern, die ihm helfen, seine technische Ausstattung zu verbessern. So lobenswert sein Ansatz ist, er ist zugleich auch typisch deutsch: Erst kommt die Technik, dann das Publikum.

Jung & Naiv ist eine erfrischend andersartige Interview-Reihe, die allein von Tilo Jung realisiert wird. Er ist Reporter, Kameramann und “Freier Chefredakteur” in einer Person, die Ergebnisse seiner Arbeit stehen als Videos auf YouTube. Dort warten inzwischen über 30 Interviews auf ihr Publikum, die Abrufzahlen verharren jedoch überwiegend im niedrigen dreistelligen Bereich.

Das ist nicht gerade viel, gemessen an der Qualität der Interviews: Hochkarätige Gesprächspartner und ein gut gelaunter Tilo Jung, der sich traut, nicht nur naive, sondern auch unbequeme Fragen zu stellen, ergeben aktuelle und interessante Gespräche, die komplexe politische Themen transparent und verständlich machen. Doch warum bleiben die Abrufzahlen der Videos (bis auf wenige Ausnahmen) so niedrig? Macht es an dieser Stelle Sinn, in mehr Technik zu investieren, damit eine Postproduction möglich wird?

Natürlich kann man mit mehr Technik auch mehr aus dem Format herausholen: Eine zweite Kamera und die Möglichkeit zum Schnitt können Jung & Naiv ohne Zweifel auf ein höheres Niveau heben. Doch das wird den Zuspruch beim Publikum nicht entscheidend verbessern können, behaupte ich. Denn dem Format fehlt es nicht an Technik, sondern an Community-Management.

Die “Fans” der Serie sollten besser integriert werden. Ihnen muss mehr Gelegenheit gegeben werden, sich zu äußern, Inhalte  leichter weiterzusagen (Sharing) und untereinander zu den Themen zu diskutieren. Die Kommentarfunktion auf YouTube ist dafür nicht der richtige Ort. Besser wäre es, die Video-Reihe hätte ein eigenes Blog oder zumindest eine Seite auf Facebook. Die jüngst angelaufene Kooperation mit Carta weist in die richtige Richtung, sofern hier nicht einfach nur die Videos als Beiträge eingestellt werden, sondern auch die Diskussion in den Kommentaren angeregt und moderiert wird. Darüber hinaus sollte auch eine Meta-Diskussion (neue Themen, neue Gesprächspartner …) möglich sein.

Das Problem dabei ist natürlich, dass so ein Community-Management (viel) Zeit bindet. Zeit, die man auch mit dem Schnitt von Videos verbringen könnte. Vielleicht setzt Tilo Jung auch einfach nur darauf, vom Fernsehen entdeckt und engagiert zu werden? Selbst, wenn das sein Ziel wäre, würde dies eher über einen hohen Zuspruch beim Publikum führen, als über Kameras und Schnitt-Technik. Tilo Jung sollte jetzt also nicht der typisch deutschen Perfektion beim technischen Anspruch erliegen, sondern seine Energie voll und ganz darauf zu setzen, sein Format und sich als Person bekannt zu machen.

Nur ganz idealistische Köpfe werden mit seiner Person und den Videos die Hoffnung verbinden, dass daraus einmal ein neues politisches Internet-Medium entstehen könnte, das sich finanziell auch rechnet. Diese Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube …
 

Crosspost von bwl zwei null