#offshoreleaks: Journalismus des 21. Jahrhunderts

Rund 260 Gigabyte Daten aus zehn Steueroasen, 2,5 Millionen Dokumente, 130.000 Betroffene aus über 170 Ländern - ein Riesencoup. Doch essentielle Fragen bleiben offen.

Die heute begonnenen Veröffentlichungen zu #offshoreleaks beinhalten alles, was man vom Journalismus des 21. Jahrhunderts im besten Fall erwartet:

  • Kollaboration: 84 Journalisten waren wochenlang damit befasst, koordiniert durch das „International Consortium of Investigative Journalists“ (ICIJ), das bis heute, gemessen an den Twitter-Follower-Zahlen, nicht wirklich weltbekannt war. Die Website war heute Vormittag auch nur langsam zu erreichen. Offensichtlich überschreiten die Zugriffszahlen bisherige Dimensionen.
  • Datenverarbeitung: 260 Gigabyte Daten mussten analysiert werden. Dafür wurde die kostenfreie NUIX-Software eingesetzt. Die Süddeutsche hat die Datenmenge in guter, bayerischer Tradition in 500.000 Ausgaben der Bibel übersetzt.
  • Datenvisualisierung: Das Firmengeflecht von Gunter Sachs wurde grafisch aufbereitet. Eine Weltkarte der kanadischen, öffentlich-rechtlichen CBC zeigt, welche Medien beteiligt waren. Ich erwarte hier in den nächsten Tagen und Wochen noch mehr Darstellungen.
  • Globalität: Journalisten aus 54 Ländern waren beteiligt. Schattenfinanzzentren gibt es weltweit. Die Kriminellen, Superreichen und Multinationals agieren global. In jeder Ecke der Welt finden sich Orte, an denen Geld gewaschen und versteckt werden kann. Medien sind nach wie vor vornehmlich national strukturiert. Journalisten können globale Sachverhalte am besten dann recherchieren und aufbereiten, wenn auch sie global handeln.
  • Politische Relevanz: Schattenfinanzzentren sind Orte, die von Waffenhändlern, Menschenhändlern, Drogenbaronen, Kleptokraten, Superreichen und Multinationals genutzt werden, mitunter aus unterschiedlichen Gründen. Wer Nicholas Shaxsons Buch „Treasure Islands“, das im Deutschen unter dem Titel „Schatzinseln – Wie Steueroasen die Demokratie unterhöhlen“ erschien, gelesen hat, ist kaum über die aktuelle Berichterstattung überrascht.

    In atemberaubender Geschwindigkeit ist das Thema ganz oben auf den politischen Agenden angekommen. Angela Merkel erklärte beim jüngsten Politischen Aschermittwoch in Demmin (Mecklenburg-Vorpommern), dass mit Steueroasen Schluss sein müsse.

 

Offene Fragen

Noch gibt es Aspekte in der Berichterstattung, die nach meinem jetzigen Kenntnisstand fehlen, noch kommen, oder die ich übersehen habe:

  1. Warum liest man nur von Töchtern von …, Ehemann von …, aber von keinem einzigen amtierenden Staatschef oder Unternehmenschef? Entweder die sind alle sauber, oder die verstecken besser, oder ich weiß es auch nicht. Ich darf mal den mongolischen Staatspräsidenten Parlamentspräsidenten, über den berichtet wurde, dezent in die zweite Reihe der „global leaders“ schieben.
  2. Im Zentrum der Berichterstattung stehen die üblichen Verdächtigen wie Panama oder die Jungferninseln und Luxemburg. Die zivilgesellschaftliche Organisation Tax Justice Network wird seit Jahren nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Delaware, Florida, die Schweiz oder die City of London zu den größten Schattenfinanzzentren gehören. Hierzu finden sich keine Berichte.
  3. Der Fokus der Berichterstattung liegt bei Kriminellen und Steuerhinterziehern. Was ist mit den Multinationals, die vermutlich in aller Regel legal ihr Firmenkonglomerat „optimieren“, um Steuerzahlungen zu vermeiden oder zu senken?

    ZDFzoom hat erst vor vier Wochen in einer exzellenten Dokumentation darauf aufmerksam gemacht, wie deutsche Multinationals, darunter Volkswagen, ihre Steuerzahlungen senken.

Zivilgesellschaftliche Organisationen haben seit Jahren den Boden zum Thema Schattenfinanzzentren bereitet, jetzt säen immer öfter Journalisten die Saat. So entsteht öffentlicher Druck. Jetzt gilt es, den Druck zu verstärken, damit diese Saat in politischen Entscheidungen und Handlungen aufgeht.

 
Dr. Christian Humborg ist Geschäftsführer von Transparency International Deutschland.