Evgeny Morozov, der Hitman der Feuilletons

| 03.04.2013 | 9 Kommentare

Immer feste druff: Weshalb nur ist Morozov so beliebt bei deutschen Feuilletonisten?

Man muss Alexis Madrigals ausführliche, nachdenkliche Kritik im Atlantic an Evgeny Morozovs neuem Buch gelesen haben, um zu verstehen, dass Morozov zwar ein sehr intelligenter Kritiker, aber auch ein gefährlicher Verdreher von Tatsachen sein kann.

Madrigals Artikel lohnt sich, zu lesen, weil er nicht nur aufzeigt, dass Morozov an einigen Stellen berechtigte Kritik an der einen oder anderen Ideologie von Technologiegläubigen übt, sondern ebenso deutlich macht, wie mit Morozov regelmäßig die Pferde durchgehen und er – man könnte fast meinen, er wäre CCC-Mitglied – hinter jeder neuen Technologie erst einmal Missbrauch und unausweichliche Dystopie sieht. Und mehr noch, gern das schlimmst anzunehmende Szenario als gegeben sieht, wenn man nicht sofort hier und jetzt die Schienen umlegt.

Wie leicht bei Morozov scharfe Analyse in wildes Herumfuchteln umschlagen kann, hat Alexis Madrigal an vielen Beispielen herausgearbeitet. Hier das Beispiel mit Rosa Parks.

Zunächst das Beispiel von Morozov:

 

Now, imagine that [Rosa] Parks is riding one of the smart buses of the near future. Equipped with sensors that know how many passengers are waiting at the nearest stop, the bus can calculate the exact number of African Americans it can transport without triggering conflict; those passengers who won’t be able to board or find a seat are sent polite text messages informing them of future pickups.

A smart facial-recognition scheme–powered by video cameras at bus stops–keeps count of how many people of each race are waiting to board and divides the bus into two white and black sections accordingly. The bus driver–if there still is one–can tap into a big-data computer portal that, much like predictive software for police, produces historical estimates of how many black people are likely to be riding that day and calculates the odds of racial tension based on the weather, what’s in the news, and the social-networking profiles of specific people at the bus stop. Those passengers most likely to cause tension on board are simply denied entry.

Will this new transportation system be convenient? Sure. Will it give us a Rosa Parks? Probably not, because she would never have gotten to the front of the bus to begin with. The odds are that a perfectly efficient seat-distribution system–abetted by ubiquitous technology, sensors, and facial recognition–would have robbed us of one of the proudest moments in American history.

 
Und die Kritik von Alexis Madrigal:
 

Parks did not just happen to be riding the bus in the spot where she was. Rather, she was a committed civil-rights activist with more than 10 years of activism under her belt and a plan for how to disrupt what was already a system designed to minimize disturbances. Parks’ training, agency, and forethought are significant because they complicate the freaky scenario Morozov conjures in which no one could possibly find a way to protest a “smart” but unjust system powered by sensors and big data.

The Parks incident was a calculated and principled act of defiance that was designed to strike exactly at a weak spot in the segregation system. It makes you think: Wouldn’t other activists find their way around even Morozov’s most implausibly nightmarish scenario? Not to mention that her act, while important, was one tiny piece of a movement that involved hundreds of thousands of people. Are we really supposed to believe that smart buses would have stopped the civil rights movement?

 
Morozov zerstört einen Teil seiner Aussagen, weil er den Gegenstand seiner Kritik, die ‘Internet-Apologeten’, die er bis auf’s Mark hasst, widerstandslos vernichten will. Keine Gefangenen, das ist Morozovs Motto. Zu behaupten, er würde damit gefährlich in Ideologiegewässer rutschen, wäre untertrieben. Das Parks-Beispiel zeigt, wie er berechtigte Argumente aufbauscht, mit angeblichen Anekdoten anreichert, und dann bei einem fehlgeleiteteten, simplizistischen Fazit landet.

Morozov ist ein Geschenk Gottes für die geschundenen Redaktionsseelen, die ihm willig Tür und Tor öffnen, wenn er ihnen Anlass gibt. Man muss den Artikel von Madrigal nicht gelesen haben, um die vorhersehbare Dummheit, mit der die deutschen Feuilletons Morozov rezensieren, in all ihrer Pracht sehen zu können, aber es macht diese in ihrem ganzen Ausmaß deutlich.

Interessant ist bei Morozov auch, dass er und seine Fans (hierzulande dürfte der größte Morozov-Fan FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher sein) dem von ihm seinen ‘Gegnern’ vorgeworfenen Solutionism auf gefährliche Weise selbst verfallen.

Evgeny Morozov über ‘Solutionism’:
 

Recasting all complex social situations either as neat problems with definite, computable solutions or as transparent and self-evident processes that can be easily optimized–if only the right algorithms are in place!–this quest is likely to have unexpected consequences that could eventually cause more damage than the problems they seek to address. I call the ideology that legitimizes and sanctions such aspirations “solutionism.”

I borrow this unabashedly pejorative term from the world of architecture and urban planning, where it has come to refer to an unhealthy preoccupation with sexy, monumental, and narrow-minded solutions–the kind of stuff that wows audiences at TED Conferences–to problems that are extremely complex, fluid, and contentious.

These are the kinds of problems that, on careful examination, do not have to be defined in the singular and all-encompassing ways that “solutionists” have defined them; what’s contentious, then, is not their proposed solution but their very definition of the problem itself. Design theorist Michael Dobbins has it right: solutionism presumes rather than investigates the problems that it is trying to solve, reaching “for the answer before the questions have been fully asked.” How problems are composed matters every bit as much as how problems are.

(Hervorhebung von mir)
 
“[R]eaching for the answer before the questions have been fully asked.” – So entsteht jeder Artikel in deutschen Zeitungen über ‘das Internet’.

Absurd ist der Schulterschluss mit Morozov in den deutschen Feuilletons allemal. Denn Morozov meint, in den USA gegen eine vorherrschende Ideologie ankämpfen zu müssen. Das Silicon Valley ist in den letzten 15 Jahren wirtschaftlich enorm gewachsen und mit ihm naturgemäß die Stimmen, die die wissenschaftliche Untermauerung auf der einen und die Narrationen für die Entwicklungen auf der anderen Seite mitbringen. Naturgemäß kommen auch Oberflächlichkeiten und Bullshit neben substantiellen Erkenntnissen in dieser wichtigsten Debatte unserer Zeit vor. Morozov hat das Bedürfnis, dem allen entgegenzutreten.

In der Deutschen Attrappe, die als Debatte verkauft wird, dominieren dagegen seit jeher ausnahmslos Themen wie Datenklau, Identitätsklau, Nepper, Schlepper, Bauernfänger ‘im Internet’. Oh, und natürlich das Recht auf Verpixelung der eigenen Hausfront. Wenn Andrian Kreye in der Süddeutschen dann seine Morozov-Rezension mit der Feststellung beginnt, der ‘Mangel an kritischen Stimmen’ hätte bisher vor allem daran gelegen, dass die meisten Texte sich auf eine ‘Analyse der Risiken und Nebenwirkungen’ beschränkt haben, dürfte dies bereits jetzt der Euphemismus des Jahres sein.

Der deutsche Intellektuelle kann nichts, außer auf die Häppchen zu warten, die ihm Morozov, Lanier oder Carr aus den USA zuwerfen. In Deutschland, von Schirrmacher teilweise abgesehen, kommt aus den Kreisen derer, die Schreibzugriff auf die Feuilletons haben, nichts außer pure Ablehnung gegenüber ‘dem Internet’. Diese Ablehnung geht so weit, dass sie nicht einmal in der Lage sind, sich intellektuell mit den Entwicklungen auseinanderzusetzen.

Warum schreibe ich ‘das Internet’ in Anführungszeichen? Weil Morozov ganz recht anmerkt, dass es hier um etwas Komplexeres geht, als dass man diesem einen Ding eine Richtung zuschreiben könnte. Man muss unterscheiden und einzelne Aspekte, Richtungen und Technologien betrachten.

‘Das Internet’. ”Unser Kind bekommt keinen Internetzugang bis es 16 ist.” Applaus in der deutschen Fernsehtalkshow.

Maximilan Probst hat sich für die ZEIT mit Morozov getroffen und schreibt, passend bildungsbürgerlich für die ZEIT, über Morozovs Buch:
 

Jenseits von Wikipedia-Wissen! Fundiert! Gelehrt! Sorgfältig! Vor allem: nicht der Sermon der Internet-Schelte.

 
Und, ausgerechnet:
 

Morozov verdammt nichts.

 
Morozov, der ultimative Verdammer, der Hitman, auf den die Redaktionen weltweit von New York Times bis FAZ dankend zurückgreifen, wenn sie den Ausführungen von Jarvis, O’Reilly oder Shirky ohne intellektuelle Gegenwehr gegenüberstehen und Beihilfe brauchen. Irgendjemand muss diese Leute doch einmal in ihre Schranken verweisen, hilf uns, Evgeny. Morozov also, dessen Profession längst ad-hominem-Angriffe geworden sind – hier als Beweisstück A ein 16.000 Worte langer Wutaufsatz gegen den höchst gefährlichen Tim O’Reilly – verdammt also nichts.

Ich glaube, mein Schwein pfeift.

Probst reduziert denn die Kritiker Morozovs auf Nerds, die in “Nerd-Blogs” Verachtendes über Morozov schreiben, und die Nerds Kaliforniens, die sich über dessen Kleidung lustig machten. Über die Kleidung! Diese Nerds! Unverschämt! Unfundiert! Ungelehrt!
 

“He’s like a vampire slayer that has to keep planting capes and plastic fangs on his victims to stay in business.” Steven Johnson über Evgeny Morozov

 
Es mag an Morozovs Alter liegen, er ist erst 28, dass er praktisch nie ohne persönliche Attacken auskommt und keinen Text verfassen kann, bei dem es zur Abwechslung einmal nur um das Thema selbst geht. Oder er weiß, dass genau das ihm Aufmerksamkeit und Schreibaufträge bringt.

Auf den oben verlinkten Essay schreibt Tim O’Reilly als Reaktion:
 

Criticism is useful for any thinker. Dialogue and debate are effective ways to improve our maps. Unfortunately, Morozov’s style of criticism fails precisely because it is not meant to be useful.  His disdain for engagement and discussion, his willingness to say “I know what you think better than you do,”  demonstrate someone with an axe to grind rather than someone who wants to find the truth.

 
Durch Morozovs Texte zieht sich oft bis immer eine Debattenverweigerung. Morozovs Texte fühlen sich immer an, als wolle er mit ihnen den abschließenden Punkt hinter jeden Debattensatz setzen, den er sich gerade vornimmt.

Und vielleicht gerade deswegen: Ein Geschenk Gottes an die deutschen Feuilletonisten. Ohne nachzudenken, gibt ihnen jemand Grund zum Zurücklehnen. Und wie könnte Morozov nicht recht haben? Er ist sehr belesen und klug. Er zitiert Nietzsche. Nietzsche!

Kein Feuilleton Deutschlands wird jemals die Aussage von Morozov behandeln, mit der Alexis Madrigal schließt, weil kein Feuilletonredakteur Deutschlands jemals von seinen Kollegen zum Nachdenken angestachelt wird, wenn es um ‘das Internet’ geht:
 

If it is worth pointing out that there are costs to any technological solution, as Morozov does, it is also worth noting that ideas can have costs, too. We don’t know how Morozov’s arguments will be deployed in the future, but I wouldn’t doubt it will sometimes be by people who want to support the continuance of unjust political and social arrangements.

Imagine how words like these might be applied by someone other than Morozov:

“That so much of our cultural life is inefficient or that our politicians are hypocrites or that bipartisanship slows down the political process or that crime rates are not yet zero–all of these issues might be problematic in some limited sense, but they do not necessarily add up to a problem worth solving.”

 
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