Wie tief wird die Rezession in Zypern?

| 28.03.2013 | 4 Kommentare

Schon längst hätten Lösungen gefunden werden können. Jetzt wird es richtig schlimm - für die Zyprer.

Der schon am 25. hier verlinkte André Kühnlenz hat sich erste Gedanken zur Frage gemacht, die Société Générale hat bereits in der letzten Woche eine Analyse geschrieben, die UBS hat eine erste Schätzung draußen, und auch aus Zypern hört man erste Prognosen. So unterschiedlich die Schätzungen sind, so einig sind sie sich in einem Punkt: Die Prognose der EU-Komission (BIP -3,5% 2013) ist viel zu optimistisch, und der Einbruch wird viel tiefer werden und viel länger dauern.

Das liegt vor allem daran, dass Zypern kein wirkliches Geschäftsmodell (mehr) hat und große Teile der Wirtschaftskraft am Finanzsektor hängen. Und der hängt natürlich nicht vom zyprischen Kleinsparer, sondern von großen Geldanlegern aus Russland und Griechenland ab. Vor gut einer Woche hörte man noch das Argument, dass die zyprischen Banken nicht unkontrolliert Pleite gehen dürften, weil das zu viele Arbeitsplätze kosten würde. Nur frage ich mich, wer nach Umsetzung des aktuellen Vorschlags noch Geld in Zypern anlegen soll, durch den die Großanleger mehr oder weniger große Verluste einstecken mussten. Die Antwort lautet wohl: Niemand. Und damit dürfte ein spürbarer Anteil der Arbeitsplätze im Finanzsektor flöten gehen.

Schlimmer noch, dass die Steueroasenfunktion Zyperns auch für Arbeitsplätze in anderen Bereichen verantwortlich war. Wer sein Geld zur Anlage vorbeibrachte, hatte oft auch noch Geld für’s Shopping dabei. Zahlte Liegegebühr für seine Jacht im Hafen. Kaufte sich Schampus für die Party. Oder gleich eine Immobilie.

Man hat’s ja.

Bleiben diese Geldanleger aus, bekommen deutlich mehr Branchen Probleme, als man bei einem Blick auf die Zahlen erwarten könnte. Der Finanzsektor steht für etwa 9% der Wirtschaftsleistung und stellt etwa 5% der Arbeitsplätze Zyperns. Sieht eigentlich überschaubar aus.

Nach der Bankenschrumpfung: Was ist Zyperns künftiges Geschäftsmodell? (FAZ)

Zypern fehlen nun also nicht nur die Geldanleger, die ihr Geld bei zyprischen Banken anlegen, sondern auch deren Konsum und deren Investitionen. Die griechische Zeitung Kathimerini schätzt den Gesamteinfluss auf 40% der Wirtschaftsleistung.

Dazu kommen eine Reihe von weiteren Zweitrundeneffekten:

Die Familien, bei denen ein Mitglied bei einer Bank angestellt ist, dürften sofort auf extremes Sparen schalten.
Die pösen Reichen, die über 100.000 Euro auf dem Konto hatten, dürften auch nicht allesamt aus dem Ausland stammen, sondern einige auch aus Zypern. Einige davon könnten gerade große Teile ihrer Altersvorsorge verloren haben. Auch hier wird gespart werden.

Gleichzeitig kommt kein neues Geld aus dem Ausland, im Gegenteil, es werden sogar große Summen abfließen. Damit fehlt den zyprischen Banken Eigenkapital.
Auf der anderen Seite werden ausbleibende Investoren aus dem Ausland und ein zeitgleich sinkendes Volkseinkommen die Immobilienpreise deutlich unter Druck setzen. Kredite werden ausfallen, und die Bankbilanzen kommen auch auf der anderen Seite unter Druck.

Kurz: es könnte gut sein, dass die jetzige Rettungsaktion für die Banken nicht die letzte war. Die Verunsicherung der Bevölkerung und der Anleger würde weiter steigen.

Und bei den Banken darf man eigentlich noch gar nicht aufhören, es folgt noch das Land. Denn die 10-Milliarden-Euro-Hilfe der EU ist ein Kredit an Zypern. Diesen eingerechnet, soll die Staatsschuld Zypern nach den aktuellen Planungen bei etwa 140% des BIPs toppen. In diesen Berechnungen ist ein Einbruch des BIPs von 20, 30 oder 40% aber noch nicht berücksichtigt. André kommt hier ganz überschlägig auf einen Staatsschuldenstand von mehr als 200% des zyprischen BIPs. (Update: André hat seine Überschlagsrechnung auf 170%des BIPs nach unten korrigiert, was aber immer noch zu hoch ist.) Damit ist eine Umschuldung der Staatsschulden unvermeidbar. Und wieder wird es zu mehr Verunsicherung und höheren Einkommens- und Vermögensverlusten kommen.

In Zypern wird eine Abwärtsspirale in Gang kommen, die das BIP über die nächsten Jahre massiv drücken wird. Es gibt einfach keinen plausibel herleitbaren Anlass für einen Hoffnungsschimmer. Der Blick auf Griechenland zeichnet die Entwicklung vor, und dort gab es bereits einen BIP-Einbruch über insgesamt mehr als 20%. Und das ist wohl das Minimum, das Zypern ebenfalls droht.

Zyperns Selbstmord auf Raten – eine brutale Rettung Teil 2 | WeitwinkelSubjektiv
ekathimerini.com | It will get much worse before it gets better

Die Frage ist nur, warum die EU immer diese unkreativen Radikalprogramme wählt, die zudem auch noch unter extremem Zeitdruck extrem chaotisch beschlossen werden. Die EU hat auch in Griechenland ein Jahrzehnt lang zugeschaut, wie sich das Land Stück für Stück von den Resten internationaler Wettbewerbsfähigkeit verabschiedet hat. Und auch bei der Aufnahme Zyperns in den Euro (2008!) war die EU nicht ganz unschuldig. Oder will jemand behaupten, Zypern hätte den aufgeblähten Bankensektor nicht schon 2008 gehabt? Oder die Funktion als Steuer- und Schwarzgeldoase?

Statt Verantwortung für die Fehler der Vergangenheit zu übernehmen, wälzen die EU-Politiker die ganze Verantwortung an die kleinen Länder ab. Dabei steckt man eigentlich mittendrin in der Verantwortung. Und sollte mal über kreative Lösungen nachdenken …
 
Crosspost von egghats blog