Offene Orte, an denen alles gesagt werden kann, gibt es nicht

Die Mehrheit hat nicht automatisch Recht: Konventionen müssen regelmäßig überprüft und angepasst werden. Und nicht alle gelten überall.

Was ich am Bloggen und den daraus entstehenden Diskussionen so besonders liebe, ist, dass das mein Denken in Trab hält. Die Kommentardebatte über meinen Post über Facebook und Zensur zum Beispiel hat seither in meinem Kopf gegärt. Und hat sich dabei verbunden mit einigen anderen Diskursen in der letzten Zeit, die sich ebenfalls um das Thema “Das wird man doch wohl noch sagen dürfen !!!!!” drehten – die Debatten um rassistische Wörter in Kinderbüchern, um sexistische Bemerkungen gegenüber Frauen, um sarrazineske Gesellschaftsanalysen.

Da hat sich ja so einiges angesammelt in der letzten Zeit, was man jetzt plötzlich angeblich nicht mehr sagen kann.

Aber halt! Natürlich darf man das alles sagen, man darf das N-Wort weiterhin sagen, sogar auf die Titelseiten großer Zeitungen schreiben, man darf  frauenverachtende Witze machen, sogar zur besten Sendezeit im Fernsehen, man darf über bestimmte Menschengruppen lästern und herziehen, zumindest in der eigenen Stammkneipe.

Was sich aber in der Tat verändert hat, ist, dass man das jetzt nicht mehr überall sagen kann. Zum Beispiel in diesem Blog nicht, weil es da gelöscht wird. An anderen Orten kann man es sagen, zum Beispiel auf Twitter, aber man muss mit Konsequenzen rechnen – man kriegt Kritik, wird geblockt, muss damit rechnen, dass andere eine_n dann nicht mehr leiden können und das am Ende auch noch weitererzählen.

Diese Erfahrung, dass man nicht alles, was man meint, überall und konsequenzenfrei sagen kann, scheint manche zu überraschen. So sehr, dass sie dann “Zensur” rufen. Aber ich sag euch was: Das ist ganz normal. Es gibt nämlich keine offenen Räume, in denen alle alles sagen können. Nie und nirgendwo gibt es die. Die Idee der absoluten Meinungsfreiheit ist eine Illusion, vergleichbar mit der Idee, es gäbe autonome Menschen.

In der wirklichen Welt existieren solche offenen Räume nicht, sondern jeder beliebige Ort, an dem ich mich aufhalte, jeder Blog, jede Plattform, jede Party, jeder Klassenraum, jedes Parlament und jeder Küchentisch ist ein geschlossener Raum mit mehr oder weniger eng gezogenen Grenzen. Ein Raum, in dem man bestimmte Dinge sagen kann – und andere nicht.

Je besser man im Mainstream des jeweiligen Raumes mitschwimmt, desto weniger bemerkt man das natürlich. Denn die eigenen Erfahrungen sind ja in der Regel so ähnlich wie die der meisten anderen auch, sie gelten als normal, so dass das meiste, was man meint, zum Spektrum dessen gehört, was in dem jeweiligen Raum gesagt werden darf. Je weniger man hingegen der jeweiligen Norm entspricht, desto häufiger erlebt man, dass die eigenen Erfahrungen und Perspektiven jetzt und hier nicht gesagt werden können.

Das hat in den seltensten Fällen etwas mit expliziten Verboten zu tun. Es hat noch nicht einmal etwas damit zu tun, dass man unangenehme Konsequenzen befürchten muss, auch wenn das schon öfter vorkommt. Noch viel häufiger ist es aber, dass das, was man gerne sagen würde, schlichtweg unvermittelbar ist, weil die anderen es nicht verstehen würden. Oder damit, dass es unhöflich wäre. Oder dass es die Beziehungen belasten würde, weil in dem Moment, wo ich etwas sage, was sich vollkommen außerhalb dessen bewegt, was hier und jetzt “sagbar” ist, eine Differenz manifest wird, die vielleicht nicht mehr zurückgenommen werden kann (nicht nur von den anderen, sondern auch von mir nicht). Dass ich also meine Zugehörigkeit aufs Spiel setze.

Der Rahmen, der festlegt, was jeweils an einem Ort sagbar und was unsagbar ist, ist ein wesentlicher Aspekt der “symbolischen Ordnung”. Ohne einen solchen Orientierungsrahmen wären menschliche Gemeinschaften nicht denkbar, denn man müsste ständig über alles verhandeln. Eine wesentliche Praxis des Feminismus ist daher die “Arbeit an der symbolischen Ordnung”, denn Dinge können nur verändert werden, wenn sie vorher überhaupt erst einmal denkbar und sagbar geworden sind.

Indem die Frauenbewegung den Separatismus als politische Praxis erfunden hat – also Orte schuf, zu denen keine Männer zugelassen waren – hat sie die herrschende symbolische Ordnung herausgefordert. Aber immerhin hat sie das transparent und offen gemacht: Es war klar, weshalb und warum. Viel üblicher ist es, dass die Grenzen dessen, was jeweils erlaubt ist und was nicht, wer zugelassen ist und wer nicht sind, intransparent sind, dass sich diejenigen, die diese Räume definieren und dominieren, einbilden (und behaupten), diese Orte wären offen für alle. Das sind sie nicht, denn solche für alle offenen Orte gibt es nicht, es kann sie nicht geben.

Allerdings sind die Grenzen der jeweiligen Orte nicht in Stein gemeißelt, und symbolische Ordnungen sind veränderbar. Wie das geht, habe ich mal in einem anderen Blogpost aufgeschrieben. Worum es dabei geht, ist die mühsame Arbeit der Vermittlung.

Worum es mir jetzt hier geht, ist der Hinweis auf das, was sich gerade verändert, sowohl durch das Internet als auch durch einen wieder selbstbewusster werdenden Feminismus. Darin zeigt sich nämlich das Ende der alten patriarchalen symbolischen Ordnung. Und zwar nicht nur, insofern der Inhalt dieser Ordnung (Männer sind mehr wert als Frauen) in Frage gestellt – also die Gleichstellung der Frauen – eingefordert wird. Sondern es wird sichtbar, dass es nicht die eine symbolische Ordnung gibt, sondern dass viele nebeneinander bestehen. Und dass die eine auch nie wieder zurückkehren wird, sondern, dass jetzt nicht nur diejenigen mit der Minderheitsmeinung, sondern auch diejenigen mit der Mehrheitsmeinung mit dieser Realität zurechtkommen müssen: dass sie eben nicht alles überall sagen können.

Wer in der Frauenbewegung aktiv ist, weiß das schon immer und kennt dieses Gefühl, etwa von einem feministischen Wochenende wieder zurück nach Hause zu kommen, den Fernseher einzuschalten, und dann erst mal den Schock überwinden zu müssen, was für ein unsägliches (haha) Zeug dort geredet wird. Vermutlich kennen auch andere Angehörige marginalisierter Gruppen dieses leichte Schwindelgefühl, das entsteht, wenn man sich in verschiedenen symbolischen Ordnungen bewegt, wenn sie zwischen “ihren Räumen” und den “normalen Räumen” hin- und herwechseln.

Das Internet gibt dem Ganzen aber noch einmal eine neue Dynamik, weil hier diese unterschiedlichen Räume mit ihren unterschiedlichen symbolischen Ordnungen zumindest teilweise der gesamten Öffentlichkeit zugänglich sind. Mit einem Klick ist man plötzlich wo, wo die eigene Perspektive oder die eigene Erfahrung als total falsch und komplett gaga gilt. Auf diese Weise sind nun auch alle mit dieser schockierenden Tatsache konfrontiert, dass anderswo eben ganz andere Regeln gelten und ganz andere Dinge und Perspektiven für normal gehalten werden, als die eigenen. Und auch die “Normalen” können ihre Meinung nun nicht mehr einfach behaupten, sondern müssen sich der mühsamen Anstrengung unterziehen, sie anderen zu vermitteln.

Tja, so ist das Leben, besser, ihr gewöhnt euch dran.
 

Crosspost von Aus Liebe zur Freiheit