Der zypriotische Mittelfinger

Mit 56 gestreckten Mittelfingern hat das Parlament im griechischen Teil Zyperns das Rettungspaket von IWF und Euro-Zone verworfen. Das war mehr als kühn. Nun fragen sich alle, wie die Strafe für das unbotmäßige Verhalten wohl aussehen wird.

Die +++Live-Ticker+++ sind schon eingerichtet. Im Hörfunk flüstern Korrespondenten im Halbstundentakt in die Mikrophone, es sei noch kein „weißer Rauch“ über dem Parlament aufgestiegen. Noch 72 Stunden!! Noch 48 Stunden!! Das Fällen politischer Entscheidungen ohne solche Deadlines, Countdowns und Ultimaten (unter besonderer Berücksichtigung von Börsenöffnungszeiten) ist schon fast langweilig geworden. Kostprobe?

„22:00 Uhr: Zypern läuft die Zeit davon: Bis Montag muss ein Rettungsprogramm stehen, sonst gibt es kein Geld mehr von der Europäischen Zentralbank. Die zyprische Regierung sucht fieberhaft nach einer Lösung – doch die Luft wird dünner.“

Wir haben es seit Dienstag mit der spannenden Pilawa-Frage zu tun: Rettet Zypern die Million? Bringt es die benötigten 5,8 Milliarden bis Montag, 24 Uhr zusammen? Wird irgendein britischer, russischer oder amerikanischer James Bond die Bombe sieben Sekunden vor der sicheren Detonation entschärfen?

Niemand fragt heute mehr, warum die Zyprioten ausgerechnet 5,8 Milliarden Euro aufbringen müssen? Und ausgerechnet bis Montag? Warum nicht 6 oder 2,5 oder 10 Milliarden bis zum 15. Juli? Wurde denn irgendeine Grenze des EU-Stabilitäts- und Wachstumspaktes in der Vergangenheit je eingehalten? Haben nicht mindestens die Hälfte der 27 EU-Staaten die Haushalts-Defizitgrenze von drei Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) oder die Verschuldungsgrenze von 60 Prozent des BIP überschritten? Warum auf einmal so nickelig?

An Zypern sollte wohl (mit Zaunpfahl-Wink nach Italien) ein Exempel statuiert werden. Doch die Finanzbürokraten machten den unverzeihlichen Fehler, für ihr Exempel ausgerechnet diese hagestolzen Leute im Mittelmeer auszuwählen: Eher werden die Zyprioten den ganzen Krempel zum Teufel gehen lassen als sich einem EU-Diktat unterzuordnen. Duckmäuser sind die Zyprioten nicht. Sie werden vielleicht nicht gerade einen Sirtaki tanzen wie Anthony Quinn und Alan Bates in „Alexis Sorbas“ nach dem Zusammenbruch ihres Seilbahnprojekts, aber für ein paar leckere Mezedes und ein paar Flaschen Ouzo wird es schon reichen.

Der zypriotische Mittelfinger, den das Parlament am Dienstag nach Westen gestreckt hat, ist ein Hoffnungsfingerschimmer für alle Europäer. Als Bürger durfte man sich am vergangenen Dienstag so richtig europäisch fühlen. Denn es ist das erste Mal, dass eine in Frankfurt (EZB), Brüssel (Euro-Gruppe) und Washington (IWF) ausgekasperte „Rettungsmaßnahme“ von einem nationalen Parlament einstimmig (!) zurückgewiesen wurde – mögen die Motive der Parlamentarier auch nicht ausschließlich ehrenhafte gewesen sein. Aus Straßburg oder Brüssel kennt man solche Entschiedenheit nicht.

Nun müssen die Zyprioten aus eigener Kraft versuchen, ein Rettungspaket zu schnüren. Leicht wird das nicht. Denn EZB, Euro-Gruppe und IWF werden an jedem einzelnen Euro des Pakets herummäkeln. Zypern hat die ungeschriebenen Regeln gebrochen. Es war ungehorsam und hat seine Retter Chefs öffentlich blamiert.

Solche Niederlagen merkt man sich in Frankfurt, Brüssel und Washington.