Jürgen Fenn

#aufschrei: Fazit einer Podiumsdiskussion

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Am 1. März fand in Frankfurt eine Diskussion über das Thema „#aufschrei. Zur aktuellen Sexismus-Debatte“ statt. Ein paar Notizen und Erkenntnisse.

07.03.2013 | 

Die Heinrich-Böll-Stiftung Hessen hatte am 1. März 2013 ins Haus am Dom zur Diskussion über den #aufschrei geladen. Bereits im Januar 2013 hatte die Journalistin Laura Himmelreich im Stern einen Artikel über den FDP-Politiker Brüderle geschrieben, von dem sie ein Jahr vorher sexuell belästigt worden war. Der Artikel war als Kampagne gegen die FDP angelegt, löste aber gleichwohl von feministischer Seite einen bis heute andauernden Shitstorm auf Twitter aus, indem Frauen unter dem Hashtag #aufschrei über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt im Alltag berichten und diskutieren. Was als plattes Wahlkampfstück begonnen hatte, setzte sich als Diskussion über alltäglichen Sexismus und Gewalt zwischen den Geschlechtern fort.

Zu Beginn der Diskussion stellte die Moderatorin Mechthild Veil die Frage, was bei alldem verlorengegangen sei, was angesichts einer deutlich fünfstelligen Zahl von Tweets aus dem Blick geraten sei. Julia Voss von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vertrat daraufhin die Ansicht, Himmelreich habe sich in einer Machtposition gegenüber Brüderle befunden, sie sei kein Opfer, was atypisch sei für Frauen in einer vergleichbaren Lage. Nadine Lantzsch vom Blog Mädchenmannschaft wies darauf hin, dass die Möglichkeit, an einer solchen Debatte in sozialen Netzwerken teilzunehmen, von vornherein ungleich verteilt ist. Wer keinen Zugriff auf das Internet oder überhaupt auf einen Computer hat, habe hier keine Stimme. Ludwig Greven von der Zeit erkannte einen „Mittelschichtdiskurs im Internet“ und beschrieb die Debatte insgesamt nicht nur als ein Problem der Etikette, sondern auch als „eine Machtfrage“.

Etwas grundsätzlicher beschrieb im Folgenden Angela Dorn (Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen) die Mechanismen alltäglicher Diskriminierung und Grenzüberschreitungen, denen auch sie zu oft mit Humor begegne. Das sei kontraproduktiv. Frau müsse sich ernster nehmen. Eine klare Ansage gegen solche Übergriffe sei angesagt, dazu sollten Frauen ggf. auch in speziellen Kursen angeleitet werden, um zu lernen, wie man sich besser wehren könne.

Dem stellte Ludwig Greven die Verunsicherung vieler Männer aus seiner und aus älteren Generationen gegenüber, die sich mittlerweile fragten, was sie noch tun dürften. Es gebe tatsächlich eine große Unsicherheit beim Flirten. Demgegenüber sah Nadine Lantzsch, aus der Tradition der Genderstudien sprechend, die eigentliche Ursache für Geschlechterkonflikte in der Beschreibung bzw. Einteilung der Gesellschaft nach Kategorien des Geschlechts. Lantzsch kritisierte, dass durch die Diskussion um die Probleme mancher Männer, eigene Grenzüberschreitungen zu erkennen, im Verlauf der Debatte der Fokus von den Frauen wieder auf die Männer verschoben worden ist.

Geteilter Ansicht war das Podium bei der Frage, warum es gerade jetzt zu dem #aufschrei gekommen ist.

Während Julia Voss in einer Geschlechterquote – auf Nachfragen: auch in den Betrieben – einen wichtigen Beitrag sah, um Diskriminierung zu begegnen, berichtete Angela Dorn von ihren Erfahrungen als Landtagsabgeordnete, wo sie mehrheitlich mit älteren männlichen Kollegen zusammensitze, die sie als jüngere Politikerin oft herablassend behandelten, als wollten sie sagen: „Was will denn das Mädchen hier eigentlich?“ Und: Auch wenn es bei den Grünen von Anfang an eine Quote gegeben habe, müsse man sich immer wieder fragen, was „echte Frauenförderung“ letztlich sei.

Ludwig Greven war sich unschlüssig, warum gerade dieser Artikel über Brüderle so viel ins Rollen gebracht hat. Die Anzüglichkeiten Brüderles seien schon vorher weithin bekannt gewesen. Er sah in alldem am ehesten noch eine „Symboldiskussion“, in der es um weit verbreitete Strukturen und um Entwürdigung von Frauen geht, in deren Verlauf sich aber niemand ernsthaft auf Brüderles Seite geschlagen habe. Greven erinnerte auch an Waltraud Schoppe, die noch 1983 in einer Rede im Bundestag eine offen verachtende Reaktion der patricharchalisch geprägten Regierungspolitiker geerntet hatte. Dabei wurde öffentlich im Parlament gefeixt, als feministische Positionen zur Sprache kamen. Die taz beschrieb damals einen „johlenden, grölenden Männermob“.

Diese Zeiten sind vorbei. Etwas deplaziert erschien nichtsdestotrotz der Ansatz Julia Voss’, die Quote im Vorstand des Verlags Gruner + Jahr habe sich auch in dieser Affäre ausgewirkt und die ursprüngliche Veröffentlichung im Stern begünstigt. Es war schlicht ein Aufmacher im Bundestagswahlkampf. Zudem ging es dem Stern zu keinem Zeitpunkt um Frauenrechte. Er wird nicht zögern, bei passender Gelegenheit wieder ein nacktes Model auf den Titel zu heben, zum Amüsement der Herrenwitzler.

Das Publikum war bei aller Sympathie für den Ansatz doch überwiegend skeptisch hinsichtlich des Nutzens der Geschlechterquote. Sie reiche im Ergebnis alleine nicht aus. Vor allem gegenseitiger Respekt sei vonnöten. „Wir leben nicht in einer achtungsvollen Gesellschaft“, sagte eine Diskutantin. Zum Geschlechterverhältnis wurde aber auch die Diskussion um Jungen als „Bildungsverlierer“ aufgegriffen. Die These werde ideologisch verwendet, für diesen „Backlash“ in der Debatte gebe es keinen empirischen Beleg, hieß es in der Diskussion, entgegen der Meinung einiger Podiumsteilnehmer.

Zusammenfassend ist Angela Dorn insoweit zuzustimmen, dass es letztlich trotz der großen Zahl an Tweets zum #aufschrei nur relativ wenige Stimmen waren, die sich in die Diskussion eingebracht haben. Die feministische Szene diskutiert weiterhin vorwiegend selbstreferentiell. Sie ist sich ihrer geringen Größe kaum bewußt – obwohl gerade diese Außenseiterposition eines ihrer wichtigsten Themen ist.

Das war vor allem an den Beiträgen von Nadine Lantzsch zu sehen, die als langjährige Aktivistin abgeklärt und vielleicht auch etwas gelangweilt meinte, es handle sich bei dem #aufschrei um keine neue und selbständige soziale Bewegung: eine solche gebe es vielmehr seit hundert Jahren. Man ist sich nicht bewußt, dass es sich bei der feministischen Szene um eine Subkultur handelt, die in diesem Fall einen Impuls aus dem Mainstream aufgegriffen und zum Anlaß für eine eigene Aktion genommen hat, die spontan auf ein latentes Bedürfnis reagiert hat und sich über einen langen Zeitraum erhalten ließ. Genausowenig wie man den #aufschrei hätte triggern können, wird man ihn wahrscheinlich am Laufen halten können. Auch wenn Massenmedien über ihn berichtet haben, bleibt er letztlich in der Szene und auf Twitter beschränkt. Er ist nicht mehrheitsfähig, weder, was das Thema angeht, noch hinsichtlich des Minderheitenmediums Twitter. Trotzdem ist mit dem Protestpotential, das er zutage gebracht hat, auch weiterhin zu rechnen. Offen bleibt allerdings, wie weit es reicht.

Trotz der differenzierten Diskussion hatte das Podium Anregungen aus dem Publikum leider nur unzureichend aufgegriffen. Zudem hat der überwiegende Teil des Panels den Nutzen der Geschlechterquote sicherlich überbewertet. Eine Änderung und buntere Zusammensetzung von Gremien ändert das Gremium und seine Rolle selbst noch nicht, und erst recht nicht die Spielregeln des Systems im ganzen. Letztlich geht es nicht um eine Geschlechter-, sondern um eine Machtfrage: Die Ausübung von Macht durch Menschen über andere Menschen. Endlich: Eine Demokratisierung der Gesellschaft ist angezeigt und eine gemeinsame Selbstverwaltung, in der die Geschlechter gleichberechtigt zum Zuge kommen.

Nach meiner Erfahrung fehlt es zudem gerade bei den jüngeren Frauen am Bewusstsein um ihre Rechte. Als ich in meinen juristischen Tutorien für BWL-Studenten die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts zur Zölibatsklausel für Lufthansa-Stewardessen diskutierte, war in zwei Semestern nicht eine einzige Studentin der Meinung, eine solche 50er-Jahre-Klausel verstoße gegen die guten Sitten. Alle gingen davon aus, dass es selbstverständlich auch heute noch zulässig ist, dem Arbeitgeber ein außerordentliches Kündigungsrecht im Fall der Eheschließung der Arbeitnehmerin zuzugestehen, dass so etwas frei arbeitsvertraglich vereinbart werden könne.

Es ist noch viel Aufklärung zu leisten. Wir waren schon mal sehr viel weiter.
 

Crosspost von schneeschmelze

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3 Kommentare

  1. mpunkt |  07.03.2013 | 12:13 | permalink  

    Der Beitrag spiegelt aus meiner Sicht recht gut den verworrenen Stand der Diskussion wider.
    Worüber wird eigentlich gesprochen? Nicht einmal darüber besteht Einigkeit.

    Ich meine, über “Sexismus” sollte jedenfalls nicht gesprochen werden.
    Eine Gesellschaft in der aufgrund von Geschlecht KEINE Normen und Handlungsweisen abgeleitet werden*…das wäre eine komplett ent-sexualisierte Gesellschaft, letztlich eine durch und durch pornografische Gesellschaft, in der Sexualität abgespaltet wird und nur noch dort einen Platz hat, wo nichts anderes als Triebabbau stattfindet (Bordelle, Porno, etc).

    Da niemand, weder Männer noch Frauen, in einer solchen (verlogenen) Gesellschaft leben möchte, verhindert dieser “Sexismus” Überbau die Beschäftigung mit realen Misständen, wie sie z.B. mit dem Hinweis auf die Lufthansa Zölibatsklauseln angesprochen werden. Die Realität wird vor lauter Ideologieblasen gar nicht wahrgenommen.

    Laut “aufschrei” zu rufen, aber keinen Fortschritt zu erzielen, das ist kein Widerspruch, sondern logische Konsequenz.

    (*Quelle: Sexismus Definition in Wikipedia)

  2. hardy |  07.03.2013 | 16:34 | permalink  

    [..] Nach meiner Erfahrung fehlt es zudem gerade
    [..] bei den jüngeren Frauen am Bewusstsein um ihre Rechte

    ich stelle noch mal meine ketzerische frage: wer hat die eigentlich in den letzten 30 jahren erzogen und sie mit ihren rechten und dem, was bereits erreicht war, vertraut gemacht?

    aber, immerhin, wissen wir ja jetzt, wie internet geht …

  3. Links 2013-03-07 | -=daMax=- |  07.03.2013 | 17:55 | permalink  

    [...] carta: #aufschrei: Fazit einer Podiumsdiskussion [...]

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