Verpasste Chance beim “Staatsgeheimnis Bankenrettung”

Für den Dokumentarfilm wurden zwar offensichtlich aktuelle Daten verwendet. Aber weshalb wurden sie, wenn schon vorhanden, nicht gleich mit veröffentlicht?

Es ist eine sehenswerte Dokumentation: „Staatsgeheimnis Bankenrettung“. Sie lief am 26. Februar auf Arte und ist dort noch für einige Tage komplett zu sehen (sie findet sich auch auf YouTube). Sie ist sehenswert, weil sie eine Idee davon vermittelt, wie ein investigativer Journalist arbeitet: In diesem Fall Harald Schumann – Redakteur für besondere Aufgaben beim Berliner Tagesspiegel. Früher war er bei der taz und beim Spiegel (siehe Wikipedia).

In der knappen Stunde der Doku wird dargelegt, dass die zentrale Frage, wer eigentlich von der Bankenrettung profitiert, von den Regierungen nicht beantwortet wird.

Transparenz: Fehlanzeige. Zudem wird deutlich, dass die Erzählung über die Finanzkrise, wie sie etwa Finanzminister Schäuble pflegt, in Irland ganz anders lautet. (Schäuble gibt übrigens einen Einblick in sein erschreckend simples Welt- und Sittenbild, das jedes wohlfeile Gerede von europäischer Gemeinschaft usw. konterkariert:  „Ein jeder kehr’ vor seiner Tür – und sauber ist das Stadtquartier“, sagt der CDU-Politiker [Minute 10]).

Scr_Arte_Bankenrettung_lorz_2013-03-01-09.35.00Allerdings enttäuscht das Rahmenprogramm zur Sendung. Es gibt zwar eine Art Onlinedossier und einige Interviews bei Arte zu sehen; auch auf den Seiten des Tagesspiegels. Aber nach Übersichten zu den Zahlen sucht man vergebens. So wird zwar in der Dokumentation gezeigt, wie Schuhmann in Daten recherchiert – bei der Bank for International Settlements etwa. Und er bekommt offenbar diverse Listen zugespielt. Und druckt sie aus (siehe Screenshot). Warum werden diese Datensätze nicht bei Arte und dem Tagesspiegel veröffentlicht?

So findet sich bei der Onlinepräsenz des Tagesspiegels zwar der lesenswerte Text „Staatsgeheimnis Bankrettung“ von Schuhmann, dessen Genese die TV-Doku zeigt. Der bringt über die vielen Zeilen eine Menge Zahlen. Zwei statische Diagramme und die Grafik einer Europakarte sind dort illustrierend beigefügt (wahrscheinlich wurden sie für den Printartikel produziert). Die Karte ist übrigens eine Wiedergabe einer Magnettafel o.ä., die man in der Doku bei Schuhmann im Büro hängen sieht – die ihm also während seiner Recherche schon eine gewisse Interaktivität bot. Was läge näher, als solch’ Interaktivität auch online dem Leser zu ermöglichen?

Zusätzlich wird vom Tagesspiegel eine schlichte Liste 32 deutscher und französischer Banken veröffentlicht – Gläubiger einer irischen Bank. Geldsummen werden nicht genannt.

Tools wie Google Docs oder DataWrapper einzusetzen – auf diese Möglichkeiten ist man bei Arte und Tagesspiegel nicht gekommen, um das komplexe Thema zugänglicher aufzubereiten. Schade. Sie hätten damit online einen Anlaufpunkt für das Thema etablieren können, an dem es weithin mangelt.

Die beiden Medienangebote hätten so mit gutem Beispiel vorangehen und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten dem Wunsch eines Interviewpartners von Schuhmann entsprechen können. Der sagt: “Fordert die Daten!“.

 

Crosspost von Datenjournalist