Besinnt Euch!

Google profitiert genauso vom Journalismus wie der Journalismus von Google. Für die Urheber wird es Zeit, sich von Verlagen genauso zu emanzipieren wie vom Suchmaschinenkonzern.

Pippi Langstrumpf, die Schutzpatronin all derer, die sich die Welt so machen, widde-widde-wie sie ihnen gefällt, hätte am vergangenen Freitag ihre helle Freude gehabt. Mit der Mehrheit von Schwarz-Gelb hat der Bundestag das La-la-Leistungsschutzrecht für Presseverleger verabschiedet. Die Abstimmung war der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung, in deren Verlauf alle beteiligten Interessengruppen die Wirklichkeit so oft hin und her gebogen haben, bis die dadurch entstandenen Risse am Ende für niemanden mehr zu übersehen waren. Doch neben allem Schlechten, was uns dieser Tag und seine Genese brachten, kann man der Sache auch gute Seiten abgewinnen.

Zum einen wissen wir nun, wie man etwa in der FDP über die Notwendigkeit von durchdachten Gesetzestexten denkt. Den Hinweis, dass das Leistungsschutzrecht so viel Interpretationsspielraum bietet, dass es zwangsläufig den Gerichten obliegt, ihn auszuloten, kommentiert der studierte Jurist Stephan Thomae mit bemerkenswerter Randlosbrilligkeit: „So what? Dafür ist der Rechtsstaat da.“ Das Leistungsschutzrecht ist schon jetzt ein heißer Anwärter auf die Nachfolge der Advocard als Anwalts Liebling.

Zum anderen haben die Presseverlage das auf großer Bühne demonstriert, was sie sonst nur hinter den Kulissen zeigen: dass ihnen jedes Mittel recht ist, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Sogar die Verhöhnung der journalistischen Grundregel, zu einem Sachverhalt immer beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Verlage gerieren sich in der Öffentlichkeit als Demokratiebewahrer und agieren im Alltag als Besitzstandswahrer. Freie Journalisten bekommen das beinahe jeden Tag zu spüren. Jetzt konnten es endlich einmal alle im großen Praxistest erleben.

Und doch hat es keinen Sinn, sich nur auf Verlage und die Politik einzuschießen. Denn ihr größter Widersacher Google verhält sich nicht besser. Der Konzern geriert sich als Internetbewahrer und versucht doch nur, sich seine Geschäfte nicht kaputt machen zu lassen. Das ist angesichts der Strategie der Verlage keine verwunderliche Reaktion. Doch Journalisten müssen ihn dafür genauso scharf kritisieren wie die Verlage anstatt sich auf seine Seite zu schlagen. Gegen das Leistungsschutzrecht zu sein, bedeutet nicht, für Google zu sein.

Im Moment ist es en vogue, gegen Verlage zu opponieren. Stellen wir uns Google und die Anführer der Leistungsschutzrecht-Kampagne für einen Moment als Frauen vor. Da wäre die eine eine hippe, auch nicht mehr ganz so junge Göre, der ihr Erfolg zu Kopf gestiegen ist, mit der man aber trotzdem noch gern gesehen wird und in jedem Club auffällt. Die andere wäre dagegen eine schon etwas ältere Dame, die sich redlich müht, mit den Zeichen des Alterns zurecht zu kommen, und eine trendige Wollmütze zu ihren Perlenohrringen trägt. Doch bei allem Verständnis dafür, lieber mit Lady Google auszugehen: Ist es wirklich nötig, dieser Göre einen Tweet zur Verfügung zu stellen, wie Mario Sixtus es getan hat, mit dem die dann durch die Luft wedeln und sagen kann: Guckt, ich kriege ich auch Journalisten rum.

Die Sixtussche Taxi-Metapher ist ja nicht ganz verkehrt. Sie ist nur unvollständig. Wenn die Presseverlage Restaurantbetreiber sind, die von den Taxifahrern Geld verlangen wollen (und ihre Kunden anflunkern und hinterrücks die Zulieferer ausbeuten), dann ist Google ein Taxi-Unternehmen, das den Markt mit erdrückender Macht dominiert, aus ureigenen Geschäftsinteresse eine Kampagne mit dem Slogan „Verteidige deine Straße“ fährt und so tut, als müssten wir morgen wieder über Feldwege holpern, wenn die Restaurantbetreiber nicht gestoppt werden. Das ist ebenfalls nicht ganz verkehrt, aber unvollständig. Das Taxi-Unternehmen versteckt seine eigenen Motive einfach nur geschickt genug hinter dem vermeintlichen Kampf für die Allgemeinheit. Das alles passt natürlich weder in 140 Zeichen noch auf Kopflehnen.

In Reaktion auf die Entscheidung von Freitag schlagen nun viele vor, Google sollte doch einfach sämtliche Verlagsangebote auslisten. Und Thomas Knüwer beschreibt, wie er seit einem halben Jahr nicht mehr auf Verlagsinhalte verlinkt, ohne etwas zu vermissen. In einem Blog, das sich mit dem Strukturwandel befasst und dessen ungeschriebene Präambel mit dem Satz „Verlage begreifen nichts und daran wird sich auch nichts mehr ändern“ beginnt, kann das vielleicht funktionieren. Doch unser Leben im Netz wäre intellektuell und kulturell ärmer, würden wir alles ausblenden, was Zeitungen und Zeitschriften vertreiben. In der FAZ stehen eben nicht nur Kommentare, in denen Kritiker des Leistungsschutzrechts pauschal als Google-Lohnschreiber diffamiert werden, sondern auch Texte wie „Man hat uns Tier ins Fleisch gemischt“. Auf Stücke von so kluger Gedankenführung und ästhetischer Sprachkultur sollten wir auch in Zukunft besser nicht verzichten.

Auch Google wird das wissen und tunlichst vermeiden, nicht mehr auf Verlagsinhalte zurückzugreifen. Das mag, wie in Belgien, als vorübergehende Drohgebärde taugen. Langfristig allerdings würde sich der Konzern an seinem Markenkern vergehen. Er konnte seine Marktmacht überhaupt erst erreichen, weil er schneller und umfassender als andere das findet, was Menschen suchen. Würde er sich in dieser Leistung selbst beschneiden, verhielte er sich, um noch einmal die Sixtus-Metapher zu bemühen, wie ein Taxi-Unternehmer, der zwar der Schnellste von allen ist, aber seine Fahrer anweist: „Wir bringen niemanden mehr zum Italiener, keinen zum Vietnamesen und Burger-Läden sind auch tabu.“ Dann würden Kunden mit Lust auf Pizza, Đậu phụ ốc chuối xanh (das ist Tofu mit Schnecken und Kochbananen) oder einen Cheeseburger einfach ein anderes Taxi nehmen. Und User würden sich früher oder später eine andere Suchmaschine suchen. Vielleicht ja bei Google. Auch dies ist eine Wahrheit: Google profitiert genauso vom Journalismus wie der Journalismus von Google.

Es ist deshalb an der Zeit, dass sich die Urheber, um die es nach den wohlfeilen Worten so vieler Politiker ja zuvorderst geht, endlich emanzipieren, und zwar von beiden Seiten. Nichts wäre im Moment nötiger, als dass Autoren, Fotografen, Blogger, Journalisten und viele andere klar machen, dass es im Kampf zwischen Google und den Presseverlagen eine dritte Gruppe gibt, die weder auf der einen noch auf der anderen Seite steht, bevor ihre Interessen in diesem Kampf zermahlen werden. Man möchte deshalb in Erinnerung an den vor kurzem verstorbenen Stéphane Hessel allen Urhebern zurufen: Besinnt Euch! Hört auf, Euch an den Verlagen festzubeißen. Haltet Sicherheitsabstand zu Google bzw. Taxi-Unternehmern, die zu viel Macht haben. Und denkt lieber mit darüber nach, wie Urheber in dieser Auseinandersetzung eine eigene, selbstbewusste Stimme entwickeln, die nicht auf Kopflehnen von Taxis ihren Widerhall findet, sondern in den Köpfen der Leser.

Vielleicht ist die Vorstellung zu romantisch, als dass dies möglich wäre. Doch wenn es gelänge, müsste man fast aufpassen, vor Freude nicht Pippi in den Augen zu bekommen.
 
Kai Schächtele bloggt auf Frey + Schächtele