Nur Mut, zdf.kultur-Killer Bellut!

| 25.02.2013 | 8 Kommentare

Durch die Zersplitterung in immer mehr Spartenkanäle haben sich die öffentlich-rechtlichen Hauptsender über Jahre selbst beschädigt. Jetzt muss gespart werden - bis zur Bedeutungslosigkeit.

„Wir haben einen Auftrag und der wird verdammt schlecht bezahlt“ sang dereinst die Neopunk-Gruppe Trend. „Wir pfeifen auf unseren Auftrag, lassen uns aber verdammt gut bezahlen“, scheint der Tenor in Mainz und Wiesbaden, den beiden Provinz-Metropolen, in denen unser öffentlich-rechtliches Fernsehprogramm bestimmt wird, zu sein. Seit man von GEZ-Gebühr auf eine Haushaltsabgabe umgestellt hat, muss jeder zahlen. Man lebt dort also von einer Steuer. Über diese werden knapp acht Milliarden Euro jährlich zusammenkommen. Zum Vergleich: Das ist ungefähr viermal so viel, wie die gesamte Musikbranche Deutschlands Umsatz macht!

Man meint, acht Milliarden sollten genug sein, um die Vielfalt zu gewährleisten, die der Gesetzgeber verlangt. Das sei ein Irrtum, lehrt uns Thomas Bellut. Der Mann ist mit Alt-Präsident Wulff in Osnabrück groß und an die Spitze des ZDF geschoben worden. Das ZDF muss nach Meinung seines Intendanten sparen. Als erstes muss der junge Sender zdf.kultur dran glauben. 12 Millionen betrug dort zuletzt der Jahresetat. Das sind 0,15% der Rundfunkgebühren oder 6 Sendungen „Wetten, Dass?!“. Der Sender, den Bellut abstellt, war mit „TV Noir“, „Bauhaus“, „Berlin Live!“ und der Festivalberichterstattung das letzte Outlet für popkulturelle Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Belluts Haus wie der staatlichen Konkurrenz der ARD machen vor allem zwei Phänomene zu schaffen: Einerseits hat man sich über all die Jahre einen riesigen Apparat mit gigantischen, dazugehörigen Pensionsansprüchen aufgebaut, andererseits die vorgegebene Vielfalt aus dem Hauptprogramm verdrängt, und musste, um ihr noch ansatzweise gerecht zu werden, immer neue Kanäle aus der Taufe heben. Weil das Feuilletonistische aus dem Programm verschwand, entstand erst 3SAT, dann arte; weil die parlamentarische Berichterstattung immer dünner wurde, musste Phoenix als neuer Sender her, um die Politik ruhig zu stellen; da es weniger Sendezeiten für Kinder gab, seit schon morgens Telenovelas liefen, entstand Kika; aus Angst, mit neuen Serien im Hauptprogramm zu scheitern, schuf man zdf.neo und testet dort „Mad Men“ und andere Kultserien vor, und schließlich eben zdf.kultur für den Pop, der beim ZDF schon lange keinen Platz mehr hat.

Getrieben wird die Verspartung in Nebenprogramme durch einen unsinnigen Wettbewerb mit dem Privatfernsehen. Um RTL, Pro Sieben und SAT 1 Paroli bieten zu können, darf in den beiden Hauptprogrammen von ZDF und ARD nur noch vorkommen, was vermeintlich ordentlich Quote macht. Selbst, wenn man es okay findet, dass dadurch mit steuerähnlichen Geldern der Privatwirtschaft Konkurrenz gemacht wird, Preise für Sportübertragungen und Ähnliches seitens Staatsfirmen damit in die Höhe getrieben werden, führt das Ganze für ARD und ZDF in die Sackgasse: Beide Sender haben mit einer überalterten Publikumsstruktur – im Durchschnitt um die sechzig Jahre – zu kämpfen. Es gelingt ihnen also seit Jahren nicht, in jüngeren Zielgruppen mit ihrer Mainstream-Strategie Markenbildung fürs Hauptprogramm zu erreichen.

Der Grund für das öffentlich-rechtliche Dilemma ist schnell erklärt: Die Sender machen zwar inhaltlich fast das gleiche Programm wie die privaten Wettbewerber, tun dies aber in einem steifen Korsett. Anders als RTL und Co. sind sie ausgewachsene Bürokratien. Neue Ideen und Impulse brauchen länger, um dort durchzukommen. Sucht man Erneuerung wie beim jahrelang versemmelten Eurovision Songcontest, muss man die Kooperation mit dem „Gegner“ suchen, damit das klappt. Stefan Raab und Pro 7 – bitte übernehmen Sie …

Ein weiteres Problem liegt in der engeren, politischen Überwachung. Natürlich kann man Programme, die an die Grenzen der guten Sitten gehen wie DSDS oder „Dschungelcamp“, dort nicht ausstrahlen. Man versucht sich deshalb in abgeschwächten Varianten. Somit hängt man endgültig zwischen Baum und Borke, ist für die einen zu „uncool“ und für die anderen zu banal.

Bellut und seine Kollegen bei der ARD leben noch immer von der Arbeit ihrer Vorgänger – das beweist die Altersstruktur ihres Publikums. In Zeiten, als die Popkultur noch nicht gesellschaftlicher Konsens war, trauten diese sich mit Sendungen wie „Beatclub“, „Musikladen“, „Rockpalast“, „Bananas“, „Ronny’s Popshow“, „Formel Eins“ und vielen anderen Sendeplätzen für Pop und Rock auf den Äther der Hauptprogramme. Musik machte schon damals keine gute Quote, war und ist aber prägend für ein junges Publikum. In der Jugend kommt es zur ersten Markenbindung. Bedient man die junge Zielgruppe, zahlt es sich später durch ihre Loyalität aus. Die damaligen Zuschauer von „Beatclub“ und „Formel Eins“ sind heute zwischen Mitte Vierzig und Anfang Siebzig – der Sockel, auf dem ARD und ZDF stehen.

Kein Mensch braucht auf die Dauer öffentlich-rechtliche Hauptprogramme, die teure, schlechte Kopien des Privatfernsehens sind. Gliedert man aber markenbildende Programme in Spartensender aus, die man dann unter Kostendruck schließt, bleibt von ARD und ZDF nichts mehr übrig. Unten wächst nichts nach, oben dünnt sich die Zuschauerschaft auf gottgegebene Weise aus. Am Ende wird sich ein Staat fragen, ob er diese Steuermilliarden nicht gänzlich anders einsetzen sollte. Ob der Konkurrenz aus dem Netz bitten ihn schon heute zum Beispiel Print-Journalisten flehentlich um Hilfe.

Das Einzige, was Bellut und Co. tun können, um dem absehbaren Tod durch Irrelevanz zu entgehen, ist, Mut und Rückgrat zu haben. Die Vielfalt, die Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist, muss wieder ins Hauptprogramm. Kommt sie dort an, arbeitet man wieder an der eigenen Zukunft. Dann ist selbst die Schließung von zdf.kultur kein echtes Problem mehr.
 

Tim Renner bloggt auf motor.de