Birgit Wentzien

Leben im Transit · Dürfen Journalisten Politiker beraten?

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Journalismus am Ende einer Epoche und auf der Suche nach einer Zukunftsstrategie. Teil 3 der CARTA-Reihe „Politikberatung zwischen Mythos und Machbarkeitsglaube“.

20.02.2013 | 

 

Politikberatung hat Konjunktur. Die Diskussion über Beratung auch. Das hat auch etwas mit der Konturlosigkeit des Begriffs zu tun. So steht das Schlagwort „Beraterrepublik“ für den Einfluss von Lobbygruppen, Kommunikations-Agenturen und Unternehmensberatungen. Gleichzeitig hat nicht zuletzt die Finanzkrise Zweifel an der Qualität wirtschaftswissenschaftlicher Experten ausgelöst.
In einer kleinen Serie veröffentlicht Carta in den nächsten Wochen Positionen von Gastautoren, die Politikberatung als Auftraggeber, Berater oder Beobachter kennengelernt haben – zwischen Mythos, Macht und Machbarkeitsglaube. Zum Abschluss der Serie widmet die Reihe Carta Diskurs dem Thema am 7. März eine Veranstaltung.

 

Jung trifft Alt – irgendwann im Sommer des letzten Jahres. Auf dem Podium sitzen erfahrene Journalistinnen und Journalisten, die Mehrheit von ihnen ist seit Jahren und Jahrzehnten fest angestellt. Im Publikum sitzen rund 50 Studenten, Praktikanten, Volontäre. Einige von ihnen arbeiten bereits als Freie.

Beide Generationen sind sich einig im Ziel: Journalismus ist Ausdauer, harte Arbeit, Talent und schieres Glück. Ahnung und Haltung, Neugier und Leidenschaft. Am Ende stellt der Moderator der Veranstaltung die Frage, wer denn nebenbei arbeitet, als PR-Berater oder Werbetexter zum Beispiel. Im Publikum gehen rund 50 Arme nach oben. Die Altvorderen auf dem Podium sinken in ihre Stühle und staunen mit offenem Mund.

Die Jungen arbeiten längst auch als PR-Berater und Werbetexter nebenbei, um sich Journalismus als Leidenschaft leisten zu können. Sie reisen permanent durch die Republik, haben zwei oder drei freie journalistische Jobs in München, Hamburg und Baden-Baden. Und weil sie von diesen Jobs nicht leben können, haben sie längst, was die Älteren mit einer Mischung aus Empörung, Unkenntnis, Festanstellungs-Luxus und auch Lamento von sich weisen: Ein lebensnotwendiges Standbein auf der “anderen Seite der Theke” als teilzeitarbeitende PR-Mitarbeiter, um existieren zu können.

Diese jungen Journalisten leben im Transit. In kaum einem Medienhaus wird jetzt und in den kommenden Jahren ein Platz frei. Die schlichte Verbreitung von Information, ob in Wort, Ton oder Bild, ist kein Mehrwert mehr. Das Publikum ist auch für Werbung nicht mehr so einfach zu erreichen wie einst. Das bisherige Geschäftsmodell zerbröselt. Damit aber ist der Berufsstand des Journalisten nicht im Todeskampf, wie’s derzeit in vielen Debatten landauf und landab behauptet wird. Zu Ende geht lediglich eine Epoche, und eine neue beginnt.

Im Zeitraffer zu beobachten in den USA: Seit gut zehn Jahren ist in den Vereinigten Staaten ein Viertel aller Stellen bei Tageszeitungen weggeschmolzen. Bisheriger Journalismus, finanziert aus Werbung und Abonnement, hat ausgedient. Journalisten, die noch eine Festanstellung in klassischen Printmedien oder in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt haben, können die gegenwärtige Zeitenwende aussitzen, mehr nicht. Und einen geordneten Übergang zu einem neuen System wird’s nicht geben. Der soziale Wandel, die Veränderung auch von Berufsbildern wird auch diesmal wieder dem technologischen Wandel um Jahre hinterherlaufen.

Was also bleibt den jungen Journalistinnen und Journalisten übrig? Sie müssen und sie werden im Transit leben. Der junge Kolumnist in den USA tut es längst. Er hat aktiv den Austausch mit seinem Publikum gesucht, seine Blog-Seite bei der New York Times ist inzwischen eine Marke, von der die Zeitung und der Verlag ebenso profitieren wie er selbst. Und die schreibende Wissenschaftlerin macht’s längst mit ihren Essays, Reportagen und Portraits zu Themen der Medizin und Gesundheitspolitik. Sie kann damit auch aktuelle politische Prozesse besser beeinflussen, weil sie Meinungsführer in der Politik erreicht.

Und was hat diese Kunst der Improvisation und des Überlebens im Transit mit Politikberatung zwischen Mythos und Machbarkeitsglauben im kleinen Deutschland zu tun? Sehr viel. Die junge Generation der Journalisten wird nicht nur irgendwie überleben wollen, sondern ihre journalistische Zukunft planen und gestalten. Wer sich als Journalist in die Themen Verteidigungs- und Sicherheitspolitik einarbeitet, kann mit seinem überlebensnotwendigen PR- oder auch Politikberatungs-Standbein Expertisen zum Thema Ernährung schreiben.

Unter einer Bedingung: Das eine und das andere berufliche Engagement sind transparent, öffentlich nachvollziehbar und klar erkennbar. Und mit der ebenso logischen Folge: Journalisten-Schulen, Universitäts-Studiengänge, Journalisten-Verbände und Gewerkschaften müssen sich Gedanken darüber machen, wie dieser gelebte Journalismus im Transit zum Ethos und der fundamental notwendigen Unabhängigkeit des Berufes passt.

Sagen Sie jetzt nicht, das ist ganz und gar unmöglich, weil in einer Person schier unvereinbar! Ich meine, seriöse Politikberatung muss lebensnah und langfristig und damit über kurze Legislaturperioden hinweg angelegt sein. Davon gibt es übrigens im politischen Bundesberlin viel zu wenig. Und eine strategische Politikberatung von Vertretern der jüngeren Generation würde auch deren Perspektiven ganz anders im Blick haben, und nicht mehr nur kurzfristige und aktualistische Konzepte im Sinn. Rita Süssmuth hat dieses Dilemma einmal benannt in dem Satz: “Wir haben einen scharfen Blick für Defizite und einen schwachen Blick für Potenziale!”

Die Gegenwart vieler junger Journalisten ist prekär! Sie besteht aus befristeten Honorarzeit-Verträgen und Dumping-Gehältern. Es gibt Volontäre, die nach der Ausbildung bei Subunternehmern als Leiharbeiter arbeiten. Und – immer mehr sind nebenbei politikberatend oder als PR’ler unterwegs, weil diese Arbeit sie ernährt und Journalismus oftmals nur noch das ist, was sie gern tun.

Wir Älteren haben die Aufgabe, diese jungen Journalisten zu unterstützen. Wir müssen sie bei der Suche nach ihren Stärken und Leidenschaften, ihren Risiken und in ihrer Hartnäckigkeit begleiten, weil wir uns mit ihnen einig sind: Journalismus – derzeit im Transit – bleibt ein notwendiger öffentlicher Dienst. Flexibel, kreativ, prinzipientreu und derzeit so herausgefordert, wie zu keiner Zeit zuvor. Zu Ende geht nur eine Epoche, und ein neues Abenteuer beginnt.

 

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11 Kommentare

  1. Roboter |  20.02.2013 | 13:31 | permalink  

    Liebe Birgit Wentzien

    Sie sagen:”Leben im Transit · Dürfen Journalisten Politiker beraten?”

    Die Roboter sagen ganz klar NEIN!

    Ein Journalisten der ein Politiker berät ist KEIN Journalist mehr!

    Orwell würde es Propaganda nennen!

    Warum müssen die Politiker heutzutage Beraten werden?
    Und wer berät die Journalisten?

    Hochachtungsvoll
    Roboter

  2. Wolfgang Michal |  21.02.2013 | 12:39 | permalink  

    Sehr geehrte Frau Wentzien,
    über dieses Beispiel bin ich dann doch gestolpert:

    “Wer sich als Journalist in die Themen Verteidigungs- und Sicherheitspolitik einarbeitet, kann mit seinem überlebensnotwendigen PR- oder auch Politikberatungs-Standbein Expertisen zum Thema Ernährung schreiben.”

    Ist das jetzt Realsatire? Und finden Sie es okay, wenn derjenige, der als Journalist über die Bundeswehreinsätze schreibt, den Soldaten im Afghanistan-Einsatz in einer Broschüre empfiehlt, mehr Rohkostsalat zu sich zu nehmen?

  3. Vonfernseher |  22.02.2013 | 01:16 | permalink  

    Sagen Sie jetzt nicht, das ist ganz und gar unmöglich, weil in einer Person schier unvereinbar!

    Das ist ganz und gar unmöglich, weil in einer Person schier unvereinbar. Und der Moment wird kommen, früher oder später. Wenn der Kollege mal ein unverbindliche Frage zur Schulessenpolitik and den Ernährungs-PR-ler stellt. Oder wenn der Sicherheitsexpertenjournalist eine E-Mail-Antwort vom Verteidigungspolitiker bekommt, die inhaltlich aber eigentlich von dem Kollegen stammt, der bei der grünen Woche noch auf der anderen Seite saß.

  4. Medienproletarier |  22.02.2013 | 08:57 | permalink  

    Frau Wentzien hat die Spaltung gut beschrieben: einerseits die Festangestellten (von denen viele wenig arbeiten) und auf der Gegenseite die Freien (von denen die meisten viel arbeiten, Festfreie im ö-r Rundfunk mal ausgenommen).

    Im Radio- und Fernsehbereich gibt es diese Verschärfung schon seit zehn Jahren und jetzt ziehen die Zeitungen nach, da hält sich mein Mitleid in Grenzen.

    Wer jetzt behauptet, ein Journalist dürfe keine PR machen, der hat den Schuss nicht gehört! Wenn ich in der PR Tagessätze ab 200,-€ bekomme, in so genannten Qualitätsmedien weniger als einen Hunni am Tag, müste ich bescheuert sein, mich ausbeuten zu lassen. Dann gilt: soviele PR-Schichten wie möglich abfassen, um sich eine gute investigative Story pro Monat fürs Gewissen leisten zu können.

    Denkt Ihr ernsthaft, die fest abgestellten Prediger der reinen Lehre würden es anders machen? Idealismus kann man sich vielleicht während des Studiums leisten, aber nicht als Familienvater.

  5. Vonfernseher |  23.02.2013 | 17:43 | permalink  

    Wer jetzt behauptet, ein Journalist dürfe keine PR machen, der hat den Schuss nicht gehört!

    Ich würde ja sagen: Der hat Haltung. Sie haben wohl eher eine Neigung, aber weniger zum Journalismus als zum Gewissenruhekissen.

  6. Entspannt Euch! — Carta |  27.02.2013 | 09:10 | permalink  

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  7. Carta-Diskurs am 7. März: Politikberatung — Carta |  01.03.2013 | 00:28 | permalink  

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  8. Nik |  01.03.2013 | 20:50 | permalink  

    “Und die schreibende Wissenschaftlerin macht’s längst mit ihren Essays, Reportagen und Portraits zu Themen der Medizin und Gesundheitspolitik. Sie kann damit auch aktuelle politische Prozesse besser beeinflussen, weil sie Meinungsführer in der Politik erreicht”

    Das, Frau Wentzien ist ein wundervolles Beispiel für Lobby-Arbeit, sorry in Ihrer Sprache, für gelebten Journalismus.

  9. Politikberatung: Zauberhafte Transparenz — Carta |  09.03.2013 | 09:44 | permalink  

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  10. Peter Christian Nowak |  20.04.2013 | 22:52 | permalink  

    Wer übt eigentlich die Kontrolle über Journalisten aus? Doch nicht die Konsumenten…oder doch?
    Wenn nicht, dann dürfte eine klandestine Beratungstätigkeit von aktiven Journalisten recht einfach sein.
    Journalisten führen im allgemeinen keine offene Beratertätigkeit aus. Wenn sie irgendeiner Partei nahe stehen, wird tendenziös berichtet. da ist es gerade in der heutigen Zeit notwendig, die Kritikfähigkeit der Konsumenten zu schulen (wo immer möglich) um Meinungsmache von Seriosität zu trennen. Zugegeben, das ist nicht immer einfach.

  11. Ulf J. Froitzheim |  21.06.2013 | 14:53 | permalink  

    Nur zur Info, lieber Medienproletarier: 200 Euro Tagessatz sind für PR-Verhältnisse ebenso prekär wie 100 Euro bei der Zeitung. Wenn Ihr Jungen Euch für solche Schandhonorare anwerben lasst, verderbt Ihr denen die Preise, die eine Familie damit ernähren müssen – und Euch selbst Eure Zukunft.

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