Leben im Transit · Dürfen Journalisten Politiker beraten?

Journalismus am Ende einer Epoche und auf der Suche nach einer Zukunftsstrategie. Teil 3 der CARTA-Reihe „Politikberatung zwischen Mythos und Machbarkeitsglaube“.

 

Politikberatung hat Konjunktur. Die Diskussion über Beratung auch. Das hat auch etwas mit der Konturlosigkeit des Begriffs zu tun. So steht das Schlagwort „Beraterrepublik“ für den Einfluss von Lobbygruppen, Kommunikations-Agenturen und Unternehmensberatungen. Gleichzeitig hat nicht zuletzt die Finanzkrise Zweifel an der Qualität wirtschaftswissenschaftlicher Experten ausgelöst.
In einer kleinen Serie veröffentlicht Carta in den nächsten Wochen Positionen von Gastautoren, die Politikberatung als Auftraggeber, Berater oder Beobachter kennengelernt haben – zwischen Mythos, Macht und Machbarkeitsglaube. Zum Abschluss der Serie widmet die Reihe Carta Diskurs dem Thema am 7. März eine Veranstaltung.

 

Jung trifft Alt – irgendwann im Sommer des letzten Jahres. Auf dem Podium sitzen erfahrene Journalistinnen und Journalisten, die Mehrheit von ihnen ist seit Jahren und Jahrzehnten fest angestellt. Im Publikum sitzen rund 50 Studenten, Praktikanten, Volontäre. Einige von ihnen arbeiten bereits als Freie.

Beide Generationen sind sich einig im Ziel: Journalismus ist Ausdauer, harte Arbeit, Talent und schieres Glück. Ahnung und Haltung, Neugier und Leidenschaft. Am Ende stellt der Moderator der Veranstaltung die Frage, wer denn nebenbei arbeitet, als PR-Berater oder Werbetexter zum Beispiel. Im Publikum gehen rund 50 Arme nach oben. Die Altvorderen auf dem Podium sinken in ihre Stühle und staunen mit offenem Mund.

Die Jungen arbeiten längst auch als PR-Berater und Werbetexter nebenbei, um sich Journalismus als Leidenschaft leisten zu können. Sie reisen permanent durch die Republik, haben zwei oder drei freie journalistische Jobs in München, Hamburg und Baden-Baden. Und weil sie von diesen Jobs nicht leben können, haben sie längst, was die Älteren mit einer Mischung aus Empörung, Unkenntnis, Festanstellungs-Luxus und auch Lamento von sich weisen: Ein lebensnotwendiges Standbein auf der “anderen Seite der Theke” als teilzeitarbeitende PR-Mitarbeiter, um existieren zu können.

Diese jungen Journalisten leben im Transit. In kaum einem Medienhaus wird jetzt und in den kommenden Jahren ein Platz frei. Die schlichte Verbreitung von Information, ob in Wort, Ton oder Bild, ist kein Mehrwert mehr. Das Publikum ist auch für Werbung nicht mehr so einfach zu erreichen wie einst. Das bisherige Geschäftsmodell zerbröselt. Damit aber ist der Berufsstand des Journalisten nicht im Todeskampf, wie’s derzeit in vielen Debatten landauf und landab behauptet wird. Zu Ende geht lediglich eine Epoche, und eine neue beginnt.

Im Zeitraffer zu beobachten in den USA: Seit gut zehn Jahren ist in den Vereinigten Staaten ein Viertel aller Stellen bei Tageszeitungen weggeschmolzen. Bisheriger Journalismus, finanziert aus Werbung und Abonnement, hat ausgedient. Journalisten, die noch eine Festanstellung in klassischen Printmedien oder in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt haben, können die gegenwärtige Zeitenwende aussitzen, mehr nicht. Und einen geordneten Übergang zu einem neuen System wird’s nicht geben. Der soziale Wandel, die Veränderung auch von Berufsbildern wird auch diesmal wieder dem technologischen Wandel um Jahre hinterherlaufen.

Was also bleibt den jungen Journalistinnen und Journalisten übrig? Sie müssen und sie werden im Transit leben. Der junge Kolumnist in den USA tut es längst. Er hat aktiv den Austausch mit seinem Publikum gesucht, seine Blog-Seite bei der New York Times ist inzwischen eine Marke, von der die Zeitung und der Verlag ebenso profitieren wie er selbst. Und die schreibende Wissenschaftlerin macht’s längst mit ihren Essays, Reportagen und Portraits zu Themen der Medizin und Gesundheitspolitik. Sie kann damit auch aktuelle politische Prozesse besser beeinflussen, weil sie Meinungsführer in der Politik erreicht.

Und was hat diese Kunst der Improvisation und des Überlebens im Transit mit Politikberatung zwischen Mythos und Machbarkeitsglauben im kleinen Deutschland zu tun? Sehr viel. Die junge Generation der Journalisten wird nicht nur irgendwie überleben wollen, sondern ihre journalistische Zukunft planen und gestalten. Wer sich als Journalist in die Themen Verteidigungs- und Sicherheitspolitik einarbeitet, kann mit seinem überlebensnotwendigen PR- oder auch Politikberatungs-Standbein Expertisen zum Thema Ernährung schreiben.

Unter einer Bedingung: Das eine und das andere berufliche Engagement sind transparent, öffentlich nachvollziehbar und klar erkennbar. Und mit der ebenso logischen Folge: Journalisten-Schulen, Universitäts-Studiengänge, Journalisten-Verbände und Gewerkschaften müssen sich Gedanken darüber machen, wie dieser gelebte Journalismus im Transit zum Ethos und der fundamental notwendigen Unabhängigkeit des Berufes passt.

Sagen Sie jetzt nicht, das ist ganz und gar unmöglich, weil in einer Person schier unvereinbar! Ich meine, seriöse Politikberatung muss lebensnah und langfristig und damit über kurze Legislaturperioden hinweg angelegt sein. Davon gibt es übrigens im politischen Bundesberlin viel zu wenig. Und eine strategische Politikberatung von Vertretern der jüngeren Generation würde auch deren Perspektiven ganz anders im Blick haben, und nicht mehr nur kurzfristige und aktualistische Konzepte im Sinn. Rita Süssmuth hat dieses Dilemma einmal benannt in dem Satz: “Wir haben einen scharfen Blick für Defizite und einen schwachen Blick für Potenziale!”

Die Gegenwart vieler junger Journalisten ist prekär! Sie besteht aus befristeten Honorarzeit-Verträgen und Dumping-Gehältern. Es gibt Volontäre, die nach der Ausbildung bei Subunternehmern als Leiharbeiter arbeiten. Und – immer mehr sind nebenbei politikberatend oder als PR’ler unterwegs, weil diese Arbeit sie ernährt und Journalismus oftmals nur noch das ist, was sie gern tun.

Wir Älteren haben die Aufgabe, diese jungen Journalisten zu unterstützen. Wir müssen sie bei der Suche nach ihren Stärken und Leidenschaften, ihren Risiken und in ihrer Hartnäckigkeit begleiten, weil wir uns mit ihnen einig sind: Journalismus – derzeit im Transit – bleibt ein notwendiger öffentlicher Dienst. Flexibel, kreativ, prinzipientreu und derzeit so herausgefordert, wie zu keiner Zeit zuvor. Zu Ende geht nur eine Epoche, und ein neues Abenteuer beginnt.