Bauchgrimmepreis

Demnächst werden wieder die Grimme-Preise verliehen. Viel Aufregung gab es im Vorfeld, weil die Unterhaltungsjuroren das Dschungelcamp nominierten. Dabei steht der nächste Kandidat schon vor der Tür: „Who wants to fuck my girlfriend?“

Der Direktor des Grimme-Instituts, Uwe Kammann, hat die Entscheidung der Vorjury, die RTL-Produktion „Dschungelcamp“ für den 49. Grimme-Preis zu nominieren, gegen alle Kritik verteidigt. Zitieren wir ihn am besten selbst. Kammann schrieb:

„…viele äußere Erscheinungen und Vorgänge des „Dschungelcamp“ sind nach herkömmlichem Empfinden ekelerregend und widerlich, verletzen für viele Menschen gewohnte Grenzen des Geschmacks. Richtig ist aber auch: Seit nunmehr acht Jahren nimmt eine große Anzahl von Menschen – um acht Millionen pendelnd – diese im australischen Dschungel inszenierte Show als Unterhaltung wahr, und eine Vielzahl von Medien (inklusive der unbestritten seriösen) verfolgt dieses auch in den sozialen Medien intensiv begleitete Spektakel mit hoher Intensität.“

Übersetzt heißt das (auch wenn Kammann das nicht wahrhaben will): Fresst Scheiße, Millionen Fliegen können nicht irren.

Leider gab es – neben dem gelungenen „Aufregerle“ – keine inhaltlichen oder ästhetischen Gründe für die Nominierung des „Dschungelcamps“. Man wollte nur ein wenig PR-Wasser auf die Mühlen des Grimme-Preises leiten. Was Kammann mit der Geste der Empörung weit von sich weist:

„Nicht aus Jux und Dollerei und aus Lust an der zu erwartenden Kontroverse; auch nicht mit Blick auf zu erwartende Aufregung und auf ein großes Medienecho; schon lange nicht als Wurf mit der Wurst nach dem Schinken und einer Verbeugung vor dem Herrschaftsanspruch der Quote, nach dem berüchtigten Motto, dass Millionen Fliegen sich nicht irren können, wenn…“

Doch doch, lieber Herr Kammann, genau das waren die Gründe für die Nominierung: Jux und Dollerei, die Lust an der erwarteten Kontroverse, das Genießen des riesigen Medienechos und die Verbeugung vor dem Herrschaftsanspruch der Quote. Nichts anderes. Und nichts darüber hinaus. Schade, dass Sie das nicht zugeben können. Die ganzen intellektuellen Nebelkerzen von „offener Diskurs“ bis „Wertewandel“, von „schillernder Zwischenzone“ bis „Tabubruch“ hätte es nicht gebraucht.

Es ist doch einfach so: Die Kritiker des Boulevard nähern sich dem Boulevard. Sie bekennen sich. Der Henri Nannen-Preis an BILD war der Vorbote. Und Stefan Raab wird irgendwann das Kanzlerduell moderieren und dafür den Hanns-Joachim Friedrichs-Preis gewinnen.

Begründen muss man das alles nicht mehr. Gegenüber wem denn? Die Preis-Kriterien sind bedrucktes Papier. Es reicht völlig, wenn man offen zu seinen Vorlieben steht. Denn Ehrlichkeit (im Zweifel auch als ‚Parodie’ oder ‚Spiegel vorhalten’ getarnt) ist die neue Ästhetik im Unterhaltungs-Business: Ehrlich und offen abfilmen, wie hohl das Leben ist. Nächster Kandidat: „Who wants to fuck my girlfriend“ (Tele 5). Es gibt keinen Grund, sich für solche geistigen Herausforderungen in Matschgrund und Dschungelboden zu schämen. Die Nachnominierung zum Grimme-Preis ist so gut wie sicher!