Überproduktionskrisenerscheinungen

Würden die Deutschen weniger produzieren, gäbe es auch keine innereuropäische Spaltung.

Vor einigen Wochen habe ich hier die „Überproduktionskrise“ im Journalismus beschrieben. These: Die Flut von (oft gut geschriebenen) Geschichten sorgt dafür, dass die Marktpreise für Texte ins Bodenlose fallen und den eigentlichen Journalismus zerstören. Wären die Kriterien strenger, wäre auch das journalistische Angebot knapper; ergo würde sich der Beruf erholen und die Honorare würden sich stabilisieren (alle Vielschreiber protestierten natürlich lauthals).

Kurz darauf entdeckte Valentin Groebner in der FAZ eine andere „Überproduktionskrise“, nämlich die bei wissenschaftlichen Texten:

„Mein eigenes Fach, die Geschichte, steckt, wie alle Kulturwissenschaften, im Moment in einer Phase fetter Überproduktion. Vervielfältigung der Publikationen, Aufsätze, Monographien: In jedem Feld, in das ich auch nur halbwegs Einblick habe, gibt es nicht zu wenig, sondern zu viele neue Texte.“

Auch hier führt das permanente Zuviel zu einer deutlichen Qualitätsminderung und zu einer Verwässerung der wissenschaftlichen Kriterien, was letztlich zu Ansehensverfall, Wertminderung und schlechterer Bezahlung führt (Groebner wurde dafür heftig kritisiert).

Anschließend schrieb Matthias Dell im Freitag anlässlich der Berlinale von einer „Überproduktionskrise“ im deutschen Film. Es würden viel zu viele Filme gedreht, nur wenige davon schafften es ins Kino. Es gebe eine Verstopfung der Kanäle. Die Budgets verfallen. Mit ihnen die Qualität (Betretenes Schweigen).

Und nun fordern 100 Prominente in einem Offenen Brief eine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Wochenstunden, weil das ständige Überangebot an Arbeitskräften einen drastischen Lohnverfall bewirke.

„Man muss die Ware Arbeitskraft verknappen, sonst bekommt man die Löhne nicht hoch“.

Es ist ein dramatischer Appell an die Gewerkschaften, endlich zu handeln (Der Appell wird sofort als gelungener Faschingsscherz zu den Akten gelegt).

 

Markterweiterung oder Gesundschrumpfen

Fakt ist, dass in Deutschland viel zu viel (sinnlos) gearbeitet und viel zu wenig (genießerisch) konsumiert wird (logisch – wenn man kein Geld zum Ausgeben hat, muss man die Zeit mit sinnlosem Arbeiten totschlagen). Das hat Folgen: Die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen sind in den vergangenen 15 Jahren um mehr als 80 Prozent gestiegen. Überall wird Erschöpfung diagnostiziert.

2012 hatte Deutschland einen Außenhandelsüberschuss von 188 Milliarden Euro. Fast wäre der eigene Weltrekord aus dem Jahr 2007 nochmals übertroffen worden. Den „Schwellenwert für Ungleichgewichte“ innerhalb der EU hat Deutschland deutlich überschritten. Sanktionen? Natürlich keine. Die Deutschen dürfen exportieren, was das Zeug hält, wichtig ist nur, dass die eigene Bevölkerung nichts davon hat (= der Anteil des Profits am Volkseinkommen wächst, die Kaufkraft sinkt).

Es gibt zwei systemimmanente Möglichkeiten, auf Überproduktionskrisen zu reagieren: Markterweiterung (die Exporte in die Euro-Länder fielen 2012 um 2,1 Prozent, die Exporte in Länder außerhalb der EU stiegen um 8,8 Prozent!) oder „Gesundschrumpfen“. Beides wird derzeit versucht. Auf allen Ebenen. Von der Regierung bis zum Journalismus.