Über Open Source und Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen

- und darüber, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Freies Wissen und erst recht freie Musik sind ein schönes Märchen. Wirklich? Was zustande kommen kann, wenn viele Interessierte an einem Strang ziehen.

Johann Sebastian Bach starb vor über 250 Jahren. Durch stetige Rezeption seiner Werke ist er seit Mendelssohn Bartholdys Wiederentdeckungsleistungen bis heute nicht nur in der westlichen Welt präsent. Schon lange sind seine Kompositionen Allgemeingut, und durch die Erfindung des Internets und seiner Verbreitung sind sie nun auch jedem ohne den Umweg, sie in gedruckter Form beziehen zu müssen, verfügbar, oder, wie man heute sagen würde: herunterladbar.

Doch die Notenausgaben (Editionen) seiner Werke unterliegen den Urhebern der Edition, sind daher also in aller Regel nicht legal kopierbar. Dazu kommt, daß die wenigsten Menschen Musik über das Lesen von Noten, also mit den Augen konsumieren. Der Umweg über die Ohren ist für die meisten von uns unumgänglich und gewollt. Selbst, wenn die Noten also frei wären, gilt dies nicht für die Aufnahme ihrer Aufführung.

Durch die Interpretation von Musik enstehen dem Interpreten Urheberrechte. Der akustische Genuß kann also niemals freies Allgemeingut (Open Source) sein, denn dazu müßte ein Interpret ja auf seine Rechte verzichten. Eine unsinnige Vorstellung. Das wäre so, als gäbe es ein kostenloses, für alle verfügbares Lexikon ohne kommerziellen Hintergedanken. Nein, das wäre doch wirklich absurd in einer Welt der global agierenden Marketing- und vertriebstechnisch mit allen Wassern gewaschenen Großkonzerne wie BP, Shell, Nestlé, Coca Cola, Monsanto, Samsung, Apple und Co., oder?

Nein, es ist nicht absurd!

Erstaunlicherweise. Wir haben freie Betriebssysteme mit wachsender Beliebtheit (Ubuntu, Open Suse usw.), wir haben eine freie, nichtkommerzielle Wissendatenbank ohne Werbung (Wikipedia), und seit dem Jahr 2012 haben wir sogar ganz frei, für die ganze Welt zugänglich, Bachs Goldberg-Variationen (BWV 988). Das wurde durch Spenden, das freie Notationsprogramm MuseScore, viele freiwillige Musik-Experten, deren freie, auf einem Nachdruck des Autographen basierende Edition, den von der Firma Bösendorfer zur Verfügung gestellten Imperial-Flügel, und die auf ihre Rechte verzichtende Pianstin Kimiko Ishizaka möglich gemacht. Und deshalb kann dieser Artikel nun an dieser Stelle auf Edition und Aufnahme von Bachs Goldberg-Variationen verweisen.
 

Crosspost von realitas.org