Die Null-Euro-Utopie

Worin besteht im Internetzeitalter der Wert von Information? Woran wird er gemessen? Gelten dieselben Maßstäbe wie zu Gutenbergs Zeiten?

Als ich mit dem Bloggen anfing, interessierte ich mich nicht für das Urheberrecht. Das ist etwas ganz Normales. Das Urheberrecht ist kompliziert und schwer verständlich. Nicht mal die Urheber wissen, was da drin steht. Sie haben Manager und Anwälte, die das für sie regeln.

Dass ich aber mit dieser Haltung im Internet nicht weit komme, musste ich erst lernen. Man schreibt so seine Texte, sucht per Google nach einem passenden Bild, um den Text etwas aufzulockern, und denkt sich nichts weiter dabei. Viele haben diese Erfahrung gemacht, einige allerdings teuer dafür bezahlt: eine Abmahnung kann schnell mal 1500 Euro kosten. Als ich immer häufiger von solchen Fällen hörte, war ich empört. Wo ist denn bitte das Problem, fragte ich? Wo ist der Schaden? Wem wurde denn bitte etwas weggenommen? Mein Gerechtigkeitsempfinden rebellierte gegen dieses offensichtlich antiquierte Gesetz: Urheberrecht.

Es war irgendwann 2007, als ich bemerkte, dass meine Bloginhalte „geklaut“ wurden. Meine Texte wurden automatisiert in von so genannten „Search Engine Optimizern“ (SEO) betriebene Websites gespeist, die nur zur Aufgabe hatten, sich untereinander zu verlinken, um Google zu suggerieren, dass es sich hier um relevante Websites handle; so etwas nennt man Linkfarmen. Ich war erbost. Wie kann es so ein dahergelaufener SEO wagen, meine tollen Inhalte einfach so als Füllmaterial für seine komischen Websites zu verwenden! Ich stellte mein Blog ab nun so ein, dass meine Inhalte nicht so leicht automatisch syndizierbar sind, und schrieb eine grimmige Drohung unter die Texte.

Man könnte nun hegelianisch mutmaßen, ich sei mit der einen Erfahrung (These) und der zweiten Erfahrung (Antithese) zu einer Synthese gelangt. Den meisten Netzbewohnern geht es so. Wenn man sie zum Urheberrecht befragt, wiegen sie den Kopf und sagen, „schwieriges Thema“. Doch ich bin zu einem anderen Schluss gekommen.

Ich glaube heute, dass meine erste Erfahrung die entscheidende war. Die Zweite war ein unreflektierter und selbstgerechter Reflex, der zwar menschlich ist, aber einer sinnvollen Logik entbehrt. Und ich hoffe, ihn überwunden zu haben.

Denn nüchtern betrachtet, haben mir die SEO-Leute ja nichts getan. Es ist nichts passiert. Ich habe keinen Schaden genommen. Mein Ärger und mein Verhalten war noch weit spießbürgerlicher, als der Rentner, der sich über Straßenlärm vor seinem Fenster beschwert. Darüber hinaus habe ich die Lesequalität meiner Leser eingeschränkt. Sie konnten meine Texte nicht in ihren dafür vorgesehen Readern lesen, sondern mussten auf meine Website kommen. Alles, weil ich unbedingt die Kontrolle behalten musste. Heute schäme ich mich ein bisschen dafür.

Die Netzszene hingegen – das habe ich beobachtet – besetzt weiterhin beide Standpunkte. Wenn Verlagsmanager und Rechteindustrielobbyisten gegen Filesharing wettern, wird abgewiegelt und eine Anpassung des Urheberrechts an das Internetzeitalter gefordert. Wenn die WELT-Kompakt einen Tweet eines Twitternutzers veröffentlicht, ohne zu fragen, geht das Geschrei los, als wären gerade grundlegende Menschenrechte verletzt worden. (Es ist übrigens sehr fraglich, ob Tweets bei derzeitiger Gesetzeslage überhaupt unter das Urheberrecht fallen).

Ich frage mich dann: Was haben sie zu verlieren? Warum glauben sie, ein Recht auf Kontrolle über die ins Internet gestellten Sätze zu haben? Und warum sollte sich jemand daran halten? Wieso beschränken wir also die Möglichkeiten und Freiheiten von Dritten, ohne, dass unsere eigenen überhaupt betroffen sind? Oder, anders gefragt: Wozu Urheberrecht? Was genau muss da geschützt werden, und wieso?

Fast bei jeder Diskussion unter dem Titel Urheberrecht geht es in Wirklichkeit um Geld. Es ist die Klage über wegbrechende Einnahmen, bei der gleichzeitigen Forderung an Politik und Gesellschaft, sie mögen die kostspieligen Aktivitäten im Internet (z.B. Filesharing) doch bitte wirksam unterbinden. Die Rechteverwerter glauben, dann würde alles wieder gut. Als hätten sich die Produktions- und Distributionsbedingungen von einst am Urheberrecht orientiert, und nicht das Urheberrecht an den existierenden Medienbedingungen.

Ich will damit gar nicht die schwierige Situation von Urhebern und Rechteverwertern leugnen. Ganz offensichtlich klappen bestimmte Geschäftsmodelle nicht mehr so, wie bestimmte Leute zu Geld kamen haben und wie sich ganze Branchen erhoben. Doch hat die Gesellschaft die Aufgabe, einer Minderheit das Geschäftsmodell zu garantieren? Um den Preis, die Freiheit aller anderen zu beschneiden?

Dennoch macht die Branche seit Jahren mit genau diesem Selbstverständnis Druck auf die Politik. Erfolgreich. Politiker neigen dazu, über jeden Stock zu springen, den weinende Rockstars ihnen hinhalten. Und so jagte ein Urheberrechtskorb den anderen, wurden Nutzerrechte eingeschränkt und die Strafverfolgung gegen Filesharer ausgebaut. Die Folge: ein Großteil der Gesellschaft – vor allem Kinder und Jugendliche – wurden kriminalisiert, Familien mit überzogenen Abmahnungen und Klagen in ihrer Existenz bedroht. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit die Inhalteindustrie meint, die ganze Gesellschaft für ihre Interessen in Geiselhaft nehmen zu dürfen.

Johnny Haeusler, Punkmusiker und Blogger, hatte vor einigen Jahren eine bedeutende Erkenntnis: Er behauptet, dass er zeitlebens nicht für Musik bezahlt hat. Bezahlt habe er zwar, doch immer nur für den Zugang zu Musik. Und wenn er Geld ausgeben musste, um sich eine Scheibe aus Vinyl oder später aus silbernem Plastik zu besorgen, die es ihm ermöglichten, die Musik zu genießen, dann tat er es eben.
 

“Und genau das tue ich heute noch: Seit den 90ern kaufe ich Festplatten und USB-Sticks und MP3- und Media-Player und lasse mein Geld in Musik-Downloads-Stores, um den Song, den ich hören will, jetzt und sofort genießen zu können. Ich bezahle Geld dafür, jederzeit beinahe jede Musik der Welt zu hören (solange ich Netz habe), um meinen Musikgeschmack anderen mitzuteilen oder um meine Lieblingssongs auf kürzestem Wege Freunden zukommen zu lassen. Dafür gebe ich Geld aus. Aber nicht für die Musik selbst. Weder gestern noch heute noch morgen.”

 
Welch ein Sakrileg! Hat Johnny Haeusler gerade gesagt, dass seine Musik nichts wert sei? Wie kann er so etwas Ungeheuerliches behaupten?

Wir kommen aus der Gutenberg-Galaxis, und man muss es uns nachsehen, dass wir nach wie vor in Kategorien von einst denken, obwohl sich der Möglichkeitsraum der Medien radikal verändert hat. Und wie immer, wenn sich etwas grundlegend verändert, wird die Sicht auf die eigene überkommene Perspektive sichtbar: auf all die Mythen, die unhinterfragten Bedingungen des eigenen Denkens, und sogar auf die unbewussten Grundlagen unserer Werte.

Und einer dieser zentralen Mythen besagt, dass Informationen etwas wert seien. Und wir merken nun, dass das gar nicht stimmt.

Es ist diese narzisstische Kränkung, die man in den Debatten über das Urheberrecht zwischen den Zeilen vernimmt. Dass Verlage all die Zeit nur bedrucktes Papier, Labels gepresste Scheiben und Filmstudios Zelluloidrollen verkauft haben, wollen sie nicht einsehen. Es ist, als werde ihnen erst jetzt ihre Stellung im Kapitalismus bewusst, mit dessen Wirken sie sich mehr oder weniger abgefunden hatten. Manche Dinge bemerkt man erst, wenn sie weg sind. Manchmal auch die eigenen Geschäftsmodelle. Das Internet macht nun den Blick frei auf das, was einst der Informationsmarkt war.

“Wissen ist Macht” bekommen wir häufig zu hören. Daten seien das neue Öl, heißt es neuerdings ebenso unreflektiert. Beides ist falsch. Wissen ist nur dann Macht, wenn es asymmetrisch verteilt ist. Wenn es einen Wissenden gibt, der seinen Informationsvorsprung gegenüber einem Nichtwissenden nutzen kann. Und ebenso haben Informationen nur dann einen Wert, wenn es jemanden gibt, der diese Informationen nicht hat. Ökonomischen Wert hat also nicht die Information an sich, sondern die Informationsdiskrepanz. Und bezahlt haben wir seit jeher immer nur für die jeweilige Überwindung dieser Diskrepanz. Den Zugang, wie Haeusler es ausdrückt.

In der Überwindung der Diskrepanz liegen die Kosten, in der Ungleichverteilung von Information die Nachfrage dieses Marktes. Und wie jeder Markt reagiert auch dieser auf die Erhöhung des Angebots, also das inflationäre Verbreitungsmöglichkeit von Information: die Preise fallen. Wenn also die Information an sich nichts wert ist, sondern nur die Überwindung zur Nichtinformation, heißt das, dass sich die Preise für Informationen langfristig in Höhe der Grenzkosten einpendeln wird, also der Kosten, die für die Produktion und Distribution pro zusätzlichem Stück anfallen. Diese Grenzkosten allerdings sind im digitalen Zeitalter bei knapp 0. Und das ist deswegen der Preis, auf den sich Informationsangebote langfristig zubewegen werden.

Sagen wir es gerade heraus: Mit dem Internet ist die Chance der sofortigen, globalen Gleichverteilungen von Informationen in den Horizont des Möglichen gerückt. Natürlich ist es eine Utopie. Eine Utopie aber, die heute weniger hinter technischen oder ökonomischen Hürden auf ihre Verwirklichung wartet, als vielmehr hinter rechtlichen – vor allem, aber nicht nur, urheberrechtlichen. Und diese Möglichkeit verpflichtet uns dazu – wenn wir uns als Demokraten sehen – sie auch anzustreben. Das heißt: alle ausschließenden Verfügungsrechte über Informationen abzuschaffen.

Der gesellschaftliche Gewinn einer Abschaffung des Urheberrechts wäre enorm. Stellen wir uns ein Netz ohne Grenzen vor, ein Weltwissen ohne Zugangsbeschränkung, eine Remixkultur ohne Transaktionskosten, eine ungebändigte Kreativität, in der jeder Gedanke, Text oder Film immer anschlussfähig bleibt, für jeden. Man stelle sich eine echte Informationsgesellschaft vor.

Man darf die Politik nicht den Interessen und Befindlichkeiten einiger Weniger überlassen, egal, wie gern man ihre Platten hört. Das Anliegen sollte vielmehr sein, das gesellschaftliche Gesamtwohl zu steigern. Und wenn man sich die gesellschaftlichen Kosten der Durchsetzung des Urheberrechts im Internet anschaut, dann wird schnell klar, dass wir hier eine extreme Schieflage haben.

Eine Politik, die heute das Gemeinwohl im Blick hat, sollte dem Geschrei der Informationsmarktteilnehmer über diesen Umstand kein Gehör schenken. Im Gegenteil: die Politik sollte genau den Preis 0 als Ziel für jedes Informationsgut anpeilen.

Vermutlich ist das Ziel unerreichbar, das macht es aber nicht weniger sinnvoll, diesen Preis als Zielvorgabe anzustreben. Denn er entspricht einem Zustand der absolut demokratischen Verteilung von Information. Ein Preis von 0 Euro für jede Information wäre der Gradmesser für die demokratische, informationelle Wohlfahrt der Gesellschaft und sollte somit das höchste politische Ziel eines jeden Medienpolitikers sein.
 

Bitte lesen Sie in Thomas Elbels „Vom Totalitarismus der Wissensallmende“ Argumente zur Gegenposition.