Wibke Bruhns und die Veränderung, die sie verpasst

Wer männliches Fehlverhalten heute noch mit dem Frauenbild der Sechzigerjahre entschuldigt, hat ein paar Jahrzehnte lang nicht aufgepasst.

Viele haben sich am Sonntag über Wibke Bruhns in der Jauch-Talkshow geärgert oder waren enttäuscht (zum Beispiel Nele Tabler). Die Journalistin, bekannt als erste Nachrichtensprecherin im westdeutschen Fernsehen, bagatellisierte den alltäglichen Sexismus, über den gegenwärtig ganz Deutschland spricht. Männer seien eben so, so ihre Meinung zu dem Thema, und damit müssten  Frauen, die in gemischten Öffentlichkeiten unterwegs sein wollen, eben zurechtkommen.

Ich fand das eigentlich ganz interessant, weil Wibke Bruhns mit dieser Position gewissermaßen wie “aus der Zeit gefallen” schien, sie war sozusagen die leibhaftige Verkörperung eines “Common Sense”, wie er vor der Frauenbewegung üblich und normal war. Aber gerade, dass sie so antiquiert wirkte, zeigt doch, wie sehr sich das Selbstbewusstsein von Frauen und ihr Wille, das nicht mehr hinzunehmen, bis heute weiterentwickelt hat.

Man muss nämlich sehen, dass eine Haltung wie die von Bruhns nicht einfach ein ausgedachter sexistischer Quatsch ist, sondern ideengeschichtlich sehr genau in einen Kontext einzuordnen: Nämlich in den der Kämpfe, die Frauen vor der Frauenbewegung, also in den 1950er- und 1960er-Jahren auszufechten hatten.

Das, wofür wir™ uns jetzt im Zusammenhang mit “Aufschrei” einsetzen – nämlich ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es alltäglichen Sexismus gibt, dass er häufig ist, und dass er vielen Frauen mindestens lästig ist oder das Leben schwer macht – dafür hätte man zu der Zeit, als Wibke Bruhns jung war, nicht einzutreten brauchen. Es war doch genau das, was damals jungen Frauen vorgehalten wurde, wenn ihre Ambitionen über ein Dasein als “Hausfrau und Mutter” hinausgingen: Dort draußen, so wurde ihnen warnend vorgehalten, müssten sie ständig damit rechnen, sexualisiert, bedrängt, angemacht zu werden.

Frauen, so wurde damals vielerorts als Horrorszenario an die Wand gemalt, würden gewissermaßen die gesellschaftlichen Männerorte (Parlamente, Redaktionen, Universitäten, you name it) durch ihre bloße Anwesenheit durcheinanderbringen. Deshalb wäre es besser, sie blieben da weg (wie gesagt, “Gleichstellung” war noch kein allgemein akzeptiertes Ziel). Das Vordringen von Frauen in die “Männerwelt” würde nur zu sexuellem Durcheinander führen, zu Gefahren für die Sittlichkeit, die Männer könnten sich nicht mehr konzentrieren, weil sie nur auf Busen starren.

Ich finde es nicht sehr verwunderlich, dass Frauen, die damals trotz solcher Vorbehalte Ambitionen hatten, sich nicht nur berufliche Positionen zu erobern, sondern auch den öffentlichen Raum (die Straße, die Kneipen) diese Gefahren herunterspielten. Dass sie abwiegelten: Alles nicht so schlimm. Kommt doch selten vor, und wenn, können wir uns doch leicht wehren.

Dass die Mehrheit der Frauen das heute nicht so sieht, dass es ein offenbar überwältigendes Bedürfnis gibt, den Alltagssexismus zu thematisieren, offenzulegen, anzuprangern und konkret nach Möglichkeiten zu suchen, dagegen etwas zu unternehmen, und  zwar nicht auf individueller, sondern auf gesellschaftlich-strategischer Ebene, das ist meiner Ansicht nach nur vor dem Hintergrund möglich, dass sich die Rahmenbedingungen eben geändert haben.

Niemand verlangt heute mehr von Frauen, dass sie zurück an den Herd gehen. Dass Frauen prinzipiell das Recht haben, alle Berufe zu ergreifen und sich an öffentlichen Orten zu bewegen, ist inzwischen Common Sense und verbrieftes Gesetz. Und längst sind sie nicht mehr nur vereinzelt unterwegs, sondern es sind viele, in den Kneipen, in den Redaktionen, wo auch immer. Nicht auf der höchsten Führungsebene, aber doch darunter.

Frauen müssen heute also, wenn sie Alltagssexismus offenlegen und daraus eine politische Kampagne machen, nicht mehr befürchten, dass man ihnen entgegenhält: Seht ihr, und weil das so ist, müsst ihr in Zukunft wieder zuhause bleiben. Selbst in den allerschlimmsten Beiträgen und Talkshows der vergangenen Tage war das nicht zu hören.

Das Recht der Frauen, in der Öffentlichkeit, also dort, wo auch viele Männer sind, anwesend zu sein, steht damit außer Frage. Und diese Sicherheit war nötig, damit Frauen jetzt offensiv die Verhandlungen darüber eröffnen können, nach welchen Regeln an diesen öffentlichen Orten miteinander umgegangen wird. Dass sie auch von Männern erwarten können, dass diese sich von althergebrachten Männlichkeitsmustern verabschieden.

Frauen wie Wibke Bruhns haben diese Änderung nicht mitgekriegt. Sie glauben offenbar immer noch, dass die Welt nie eine sein wird, in der es ganz normal ist, dass Männer Frauen mit Respekt gegenübertreten. Sie glauben, dass “Männer eben so sind, wie sie sind” – und wir Frauen damit einfach leben müssen.

Mich macht das eigentlich nicht wütend, es macht mich eher traurig. So viel hat sich verändert – und trotzdem gibt es noch Frauen, die diese Veränderung einfach verpassen.
Crosspost von Aus Liebe zur Freiheit