Der Grimme-Preis für das Dschungelcamp ist verdient

"Ich bin ein Star", der Grimme-Preis und #Aufschrei hätten keinen gemeinsamen Nenner, könnte man meinen - doch weit gefehlt.

In der seit Tagen laufenden Debatte über Rainer Brüderle, Laura Himmelreich, ein Erlebnis an der Bar, den Stern und den Sexismus im Alltag kam gestern die Mitteilung, dass das angesehene Grimme-Institut in Marl die allseits beliebte Abendunterhaltung namens “Ich bin ein Star. Holt mich hier raus” für den gleichnamigen Preis in der Kategorie “Unterhaltung” nominiert hat. Eine Begründung ist nicht zu finden, aber auch nicht nötig.

Diese Nominierung ist ein angemessener Kommentar zu der seit Mittwoch stattfindenden Debatte. Tatsächlich läuft der über Medien (und das sind keineswegs nur die Massenmedien alten Stils) verbreitete Diskurs nach den gleichen Regeln, wie das “Dschungelcamp”: Maximierung von Aufmerksamkeit und die Aufhebung der alten bürgerlichen Differenz zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Auch in der RTL-Sendung werden übrigens Urteile gefällt und moralische Bewertungen abgegeben. Sie sind ein elementarer Bestandteil für den Erfolg des Formats.

Seltsamerweise spielte die feministische Kritik an diesem Format nie eine Rolle. Auch der altbackene Hinweis auf Tugenden hatte lediglich Aussicht auf Heiterkeitserfolge. Nämlich menschliche Beziehungen und Kommunikation nur dann einer gaffenden Meute zum Lustgewinn vorzusetzen, wenn die Fiktionalität den Abstand zwischen der wirklichen Welt und unseren Diskursen sicherstellte. Der allenthalben lautende Trost – auch von Intellektuellen – wurde so formuliert: Es ist doch nur Fernsehen. Reine Unterhaltung.

Ist das jetzt bei Rainer Brüderle, Laura Himmelreich, ein Erlebnis an der Bar, der Stern und der Sexismus im Alltag anders? Davon sind (fast) alle überzeugt. Mag sein, wenn jemand denn noch den exakten Unterschied zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit zu ziehen vermag. Aber eines ist sicher: Der Unterschied zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ist weitgehend aufgehoben worden. Der frühere Blick hinter die Kulissen somit selber zur Kulisse  (siehe im Link unter “Bärendienst”) geworden. Das ist das Erfolgsrezept des “Dschungelcamps” und wird offenkundig zur Blaupause der Gesellschaft. Insofern hat niemand die Nominierung mehr verdient als dieses RTL-Format. Sie haben den Ekel gesellschaftsfähig gemacht – und den Begriff seines Inhalts beraubt. Wir wünschen weiterhin gute Unterhaltung.
Update:

Das ist zwar kein update, aber wie soll ich es sonst nennen? Gott, König, Vaterland. Es geht um Werte.
Crosspost von Wiesaussieht