Blogkultur als Antwort auf die Komplexität der Gesellschaft und der Krise ihrer Institutionen

Wir sollten Blogs nicht an der Elle der Massenmedien messen, sondern als Ausdruck einer sich vernetzenden Kultur begreifen. Blogs sind eher ein Spezialfall der Social Media-Kommunikation, als ein klassisches publizistisches Instrument der Gegenöffentlichkeit.

Tl;dr: Blogs erfüllen nicht die Funktionen von Massenmedien, sondern sie dienen (wie Social Media insgesamt) aufgrund der Kommunikationsstrukturen (n:n, asynchron, offen, barrierearm etc.) dem Austausch sozialer Normen im Publikum, weswegen massenmediale Maßstäbe von Reichweite und Relevanz verfehlt wären. Die Entwicklung von Blog-Kultur ist – neben persönlichen Kommunikationsbedürfnissen – eine Reaktion auf die Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft und den Autoritätsverlust ihrer leitenden Institutionen, die leistungsfähigere Kommunikationsformen für „lebenslange soziale Verhandlung“ benötigt. Diese Blog-Kultur geht im Social Layer des Web auf, weswegen von „Blogs in der Krise“ in kommunikativer Hinsicht nicht die Rede sein kann; das Gegenteil ist der Fall, die Kulturtechnik des „Bloggens“ weitet sich aus.
Anfang Januar hat Heribert Prantl in der SZ nebenbei bemerkt: „Kenner des Internets sagen, auch Blogs und Blogger hätten ihre beste Zeit schon hinter sich, weil sie sich in einer “Sandwich-Position” zwischen Facebook und Google plus einerseits und Twitter andererseits befänden.“

Seitdem wird eine kleine Online-Debatte unter der Schlagzeile „Krise der Blogs“ geführt (Zusammenfassung bei DRadio). Diskussionen über die Relevanz von Blogs sind allerdings zehn Jahre alt. Ob Blogs tot sind, ob Blogs wichtiger werden, ob sie den politischen Diskurs beeinflussen – jedes Jahr auf´s neue. Ich möchte daher hier versuchen, etwas grundsätzlicher auf das Thema einzugehen.

 

1. Der Zustand der Blogosphäre

Und in der Tat: Mal stellt jemand fest, dass Blogs die öffentliche Meinung kaum prägen, allenfalls werden ihre Impulse durch klassische Massenmedien aufgenommen und weiter verarbeitet. Mal stellt ein anderer fest, dass es in Deutschland immer noch keine Huffington Post gibt. (Worüber ich, am Rande bemerkt, sehr froh bin. Das Geschäftsmodell „Aufmerksamkeit gegen Inhalte“ halte ich für unfair, weil es den Aufmerksamkeits-Mehrwert zugunsten des einen vervielfacht, obwohl in Zeiten des Internets das einzige sonstige erforderliche Produktionsmittel der andere hat.) Manchen fällt auf, dass die berühmten Blogs wie BILDblog und Netzpolitik zwar Blogs sind im Sinne einer Softwaregattung, aber sicher nicht im Sinne eines inhaltlichen Formates: denn sie operieren wie Massenmedien mit ihrer festen Wissensdomäne, deren Formaten und mit Mehrautoren-Konstellationen, die schon semi-professionell sind. Und Internetfachleute sehen sogar: der Traffic sinkt hier und da, die Sichtbarkeit bei Google nimmt ab1, die Kommentar- und Backlink-Rate scheint zu sinken, und eine Nutzungsrate von 11% bzw. 12% der Unter-30-Jährigen (ARD/ZDF-Onlinestudie 2012) deutet auf ein Nischendasein. Ja, keine große Relevanz und keine große Reichweite, das sieht in der Tat irgendwie nach Krise aus oder zumindest Stagnation.

Dennoch kann ich schon mit der Frage wenig anfangen, ob Blogs in der Krise seien. Weil ich für „Krise“ einen Bezug brauche, eine Spitze, auf welche diese „Krise“ als Zuspitzung erfolgt: Als Krise verstehe ich einen Zustand im Hinblick auf einen unsicheren Ausgang. Außerdem können Gegenstände nicht in einer Krise sein; denn auch die These „Erdbeeren sind in der Krise“ wäre sinnlos, sogar im November, genauso wie mein Kühlschrank nicht in der Krise ist, wenn er leer ist. In der Krise können Institutionen und andere Akteure sein – aber sind Blogger mit ihren Blogs (ich sehe sie als soziotechnische Einheit) in der Krise? Es geht den meisten doch nicht schlechter als zuvor und auch nehmen weder Relevanz noch Reichweite ihrer Kommunikationsakte ab, da kommt es doch auf Google-Sichtbarkeit nicht so sehr an.

 

2. Die alte Perspektive

Schaut man auf die großen Debatten der Gesellschaft, sind Blogs als Institution nie so weit gekommen, dass sie den Zustand eigener Krise überhaupt erreichen konnten. Keine Schlachten um Sarrazin-Thesen, keine um den Wulff-Rücktritt und keine um Euro-Rettungsmaßnahmen werden in Blogs entschieden. Von Einzelfällen abgesehen, spielen nach wie vor Massenmedien die Musik.

Wer einen solchen Anspruch von Reichweite und Einfluss auf die politischen Großdebatten stellt, stellt Ansprüche wie an Massenmedien. Stellt man darüber hinaus noch emanzipatorische Ansprüche im Sinne einer Frankfurter Schule, gekoppelt mit eher akademischer Diskurstheorie im Sinne eines Habermas, so ist das Fazit recht klar: Ein richtiger Sprung in eine nunmehr emanzipierte bürgerliche Öffentlichkeit sähe anders aus – so mancher Leserkommentar lässt eher einen Rückschritt weit vor das Zeitalter der Aufklärung befürchten, und erste Blogger schließen aus diesem Grund sogar die Kommentarfunktion.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich das Geraune von der Krise, jedenfalls von einer gebildeten Öffentlichkeit: Krise als Ausdruck einer Perma-Enttäuschung aufgrund einer Erwartung, die sich einfach nicht realisieren will.

 

3. Die Denkfalle

Ich glaube, diese Krisen-Diagnose ist falsch. Das ist nur nicht ganz leicht zu erkennen, denn das Neue zu erkennen, ist immer schwierig, egal, aus welcher Position:

  • Wenn man die Kriterien der alten Medienwelt anlegt und (neue) Blogs für einen Spezialfall von (alten) Massenmedien hält, die 1:n eine unendliche Anzahl von Rezipienten erreichen können, sind Blogs ein Minus, wobei es eigentlich irritieren sollte, dass ein paar Eigenschaften wie persönliche Meinung, Ein-Mann/Frau-Produktion und ein Mangel an Qualitätssicherung (Prozessen und Institutionen) regelmäßig gar nicht zutreffen. Mit dem Paradigma der „Presse-Publikation“ im Kopf sind vor allem Journalisten in der Gefahr, unbewusst nur eine digitale Ein-Mann-Zeitung als „Redakteur ohne Verlag“ anzusehen, der Formen nicht einhält, Kompetenzgebiete überschreitet und unzuverlässig publiziert.
  • Das Neue erschließt sich ebenfalls nicht, wenn man Kriterien der politischen Öffentlichkeit anwendet und immer nur nach dieser Art von Öffentlichkeit fragt (Rainer Werner Faßbinder demonstriert hier2, wie schwierig es ist, mit falschen Fragen umzugehen). In der übrigens typisch kommerziell getriebenen Sicht nach einem „Hit“ der Sorte von Luthers Thesen im Kopf stellt sich dann schnell die Enttäuschung ein. Sarrazin? Das ist ein Buch, kein Blog.
  • Und auch für viele Blogger erschließt sich das Neue nicht. Dies schon nie ganz, weil jeder Versuch der Selbstbeobachtung nicht ohne blinden Fleck sein kann. Und weil einige Blogger den Fortschritt einfach herbeifingieren, indem sie (zumeist mehr hinter vorgehaltener Hand) darauf hinweisen, dass viele gute Blogger eine bezahlte Heimstätte bei klassischen Medien bekommen; dass also gewissermaßen ständig umgeleitet und „abgesaugt“ wird, was sie doch eigentlich produzieren, nämlich öffentliche Meinung.3

Kurz gesagt: Medienprofis und Blogger gucken auf das, was sie zu gucken gewohnt sind, und finden immer ein Minus vor, weil sie im Mediensystem verhaftet sind.

Doch: wenn etwas Neues in die Welt gekommen ist, dann spricht allein sein Gewordensein dafür, dass es eine neue Funktion hat. Und zwar erst recht dann, wenn es nicht wieder verschwindet.

Es ist besonders pikant, den Blogs schon deshalb die Relevanz abzusprechen, weil ihre Inhalte sich kaum in Massenmedien wiederfinden. Das ist meines Erachtens ein Argumentationsfehler. Denn Massenmedien kommt die Aufgabe zu, Informationen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen schnell und an eine große Zahl von Empfängern zu transportieren. Für Alltagskommunikation mit begrenzter Zielgruppe sind Massenmedien nicht geschaffen worden. Und viele Themen grenzen sie sogar aus, weil sie – zum Beispiel mit Paywalls – bewusst Informationshürden setzen, weil sie im Falle von Werbefinanzierung an die Bedingung gekoppelt sind, Werbeumfelder zu schaffen, oder weil sie – wie bei Nischenthemen – gar keine ausreichenden Ressourcen haben, um diese Nischenthemen abzudecken.

Schlecht geeignet, weil jedenfalls als Printmedium viel zu träge, sind sie für diskursive Prozesse, an denen eine dreistellige Personenzahl und mehr beteiligt ist. Und – last but not least – Massenmedien sind so oder so den Gesetzen der Ökonomie unterworfen und somit prinzipiell selektiv, balanciert, planmäßig. Das gilt leider auch für öffentlich-rechtliche Angebote mit ihren Inhalts- und Reichweitenvorgaben – und sie sind gewiss nicht unabhängig von der Politik, welche diese Angebote initialisiert, mit finanziellen Ressourcen und rechtlichem Rahmen versorgt und faktisch mittelbar beaufsichtigt. Massenmedien sind also immer zweckbestimmt über das Interesse des Autors hinaus, wenngleich man dem intern-strukturell zum Beispiel mit Trennungsgeboten entgegenzuwirken versucht.

Kurz: Weil wir das hergebrachte Mediensystem so kennen, nehmen wir einige strukturelle Schwächen gar nicht mehr recht wahr (bzw. sehen andere Schwächen wie Qualitätsmängel), übersehen den außerhalb des Mediensystems bestehenden Kommunikationsbedarf und machen schließlich auch noch den Zirkelschluss, die Blog-Relevanz an der Spiegelung der Inhalte durch Massenmedien zu messen, obwohl dieser Spiegel – bildhaft gesprochen – in eine andere Richtung zeigt. Dies ist nur noch dadurch zu übertreffen, dass man gebündelte mit ungebündelten Produkten (und das auch noch zweier Wertschöpfungsstufen) vergleicht, also die Auslagen von Gemüseläden mit dem Angebot von Kartoffelbauern.

 

4. Blogs als Kommunikationsraum für soziale Verhandlungen

Nach meiner Beobachtung muss man aus einer anderen Perspektive auf den Gegenstand sehen: Menschen kommunizieren nun mal, um ihre Identität ständig neu auszuloten, den Unterschied zwischen sich und ihrer Umwelt. Menschen artikulieren sich, weil Menschen sich beim Artikulieren finden, wenn sie ihre Meinung, ihre Gefühle, ihre Gedanken in Sprache verfassen. Und Menschen brauchen sowohl Bestätigung ihrer eigenen Sicht, weil diese Bestätigung ihr Ich stabilisiert und ihnen Kraft gibt, als auch Widerstand, weil Leben eben auch Widerstand und nicht nur das Dahinschweben auf einem Ponyhof mit Blümchen ist. Diese Identitätsfindung findet nun nicht mehr allein in der Präsenz von Mensch zu Mensch (auf der Straße, im Kaufmannsladen, vor der Kirche …), sondern zusätzlich online statt. Das gilt sogar für einfachste Kommunikationsakte, ein „;-)“ oder einen Gefällt-Mir-Klick, die man daher nicht von vornherein geringschätzen darf, denn für individuelle Kommunikation gelten eben massenmediale Maßstäbe nicht.

Dieser Prozess des Artikulierens, Antwortens und Referenzierens, nennen wir ihn ruhig „Kommunikation“, entsteht zwischen den Blog-Autoren (im folgenden einfach „Blogs“) durch eine Reihe von Bezugnahmen aufeinander, und er hat bei Blogs häufig auch eine übergeordnete soziale Bedeutung über den konkreten Fall hinaus. Man darf also nicht auf ein Blog oder gar einen Blogeintrag sehen, man muss die Operationsketten aller Blogs sehen, die einen vielfach verschachtelten Raum entstehen lassen, der sich in seiner Komplexität derzeit niemandem erschließt, denn es gibt schätzungsweise mindestens zweihunderttausend Blogs (siehe hier).

Leider sieht man diese Vielfalt nur, wenn man sich selbst auf die Suche begibt, denn die Aggregatoren und andere Maschinen, die sich zwischen Autoren und Publikum schieben, sind noch nicht so weit entwickelt, uns außer naiven „Tweet-Explosionen“ und leuchtend-blauen Facebook-Weltkarten Bilder und Zugänge in diese Welt zu erschließen, wir sehen auch hier konstruktionsbedingt immer den Shorttail und niemals das Gesumme der Vielen.

Für Inhalte gilt: Wo einfache Gemüter nur „Shitstorms“ und Belanglosigkeit entdecken, weil sie sich gedanklich an Nachbarschaftsstreit und Nachbarschaftsklatsch erinnert fühlen, geht es den Beteiligten aber auch darum, ihre Moral zu kommunizieren, durchzusetzen und zu verfeinern und miteinander die Regeln zu verhandeln, mit denen Gesellschaft gelebt werden soll. Das kann dadurch zum Ausdruck kommen, dass man

  • sich über Bilder bluttropfender Affenfinger empört,
  • sich wie Hamburger Blogger über gegen den Lärm eines Kindergartens klagende Nachbarn empört,
  • fragt, wie man als Vater mit Kind auf der CeBit behandelt wird, und ob man überhaupt ein Kind hätte mitnehmen dürfen, oder
  • diskutiert, ob aufgemalte schwarze Burkas bei Slutwalkerinnen Blackfacing oder Bodypainting sind, und ob sich ggf. der Netzfeminismus selbst demontiert (nebst Link auf den Beitrag einer französischen poststrukturalistischen Frauenrechtlerin), oder
  • ob Wikipedia junge Nutzer ausschließen soll, denen Vergewaltigung vorgeworfen wird (frisch).

Man verstehe mich nicht falsch: Mich stört all diese Empörung, weil sie nicht nur mit dem Finger auf andere zeigt, sondern weil sie auch mit diesem manchmal kleinbürgerlich-miefigen Finger direkt vor meinen Augen in meiner Timeline fuchtelt. Ich möchte bitte vermeiden können, dass sich sämtliche Empörung der Nation über meine Sinnesorgane in mein Gehirn ergießt und mich dadurch auf grausame Weise mitschwingen lässt.4

Trotzdem ist das Phänomen ein gutes Zeichen. Dass sich Menschen über die jeweiligen Tatsachen empören können, ist ein Zeichen ihrer psychischen Gesundheit und moralischen Integrität. Empörung ist die Emotion, aus der die res publica geboren wurde.5  Ich kann also der Meta-Empörung über „Shitstorms“ nicht viel abgewinnen, sie sind ein Seiteneffekt neuer Kommunikationstechnik, wie die Rufschädigung durch Boulevardzeitungen eine Folge der Druckerpresse ist. (Noch besser wäre es freilich, wenn Menschen nicht nur auf Bilder und Schlagzeilen reagieren, sondern auch die Geschichten und die Interessen ihrer Erzähler hinterfragen würden (6)).

Dass diesen Äußerungen oft eine konstruktive Richtung fehlt, etwa bei der Aufregung über eine Klageeinreichung, die bei funktionierendem Rechtssystem ja kein Problem verursacht, sondern Ausdruck eines Rechtsstaats ist, das ist der falsche Maßstab: Es geht eben nicht um Konstruktivität, es geht nicht um Lösungen, sondern es geht um die Entwicklung sozialer Normen, die sich durch Artikulation und Diskussion ausbilden – von Mensch zu Mensch getragen mit vielen kleinen Interaktionen, in „Mikro-Kommunikation“. Das Internet fungiert als post-elterliche Sozialisierungsstube, die permanente Weiterbildung nach der Grundausbildung.

Mit dem Internet entsteht so eine weitere Option, wie Menschen ihr Zusammenleben regeln – nicht mit formellen Gesetzen als Politik-Output, sondern mit sozialen Normen, die nicht ganz konturenscharf und ständig im Fluss sind und an welche keine Zwangsfolgen gekoppelt sind, sondern an die sich Menschen freiwillig halten können. Und weil die Komplexität und damit das subjektive Tempo der Veränderung zunimmt, geschieht die Aushandlung nicht nur einmalig, sondern etabliert sich als dauernder Prozess. Soziale Normen gelten eben keine 60 Jahre mehr, die ein erwachsenes Leben statistisch dauert.

Sigmund Freud wird ja das Bonmot zugewiesen, dass derjenige, der erstmals das Wort statt des Speers nahm, um einen Streit zu lösen, die Zivilisation begründet hat7. Vielleicht ist die Möglichkeit, mit Verzögerung (=asynchron) mit Abwesenden zu kommunizieren, ein völlig unterschätzter Fortschritt des Internets, weil sie bis dahin mit Briefen, Telegrammen und gegenseitigen telefonischen Anrufen ungleich mühsamer war – und diese alle, bis hin zur SMS als neuester Erfindung, ermöglichen keine n:n-Kommunikation, bei der auch noch Dritte hinzutreten und wieder ausscheiden können.

Wir konnten vorher den zur Nachtzeit bohrenden Nachbarn anschreien, dem Falschparker Zettel unter die Windschutzscheibe stecken oder ihm als Stadtguerilla den Außenspiegel umklappen. Nun, mit dem Internet, lässt sich die Kommunikation unter physisch Abwesenden mit mehr als einem Akt ohne Kollateralschäden gestalten, wobei die Schriftlichkeit, die Asynchronizität, die Offenheit vieler Strukturen, die Vielzahl der Beteiligten, die Option der Anonymität bzw. Pseudonymität und die formale Gleichheit8 der Beteiligten tatsächlich diskursive Gesprächsformen ermöglichen, wohingegen alle drei hergebrachten Äußerungsformen – vorsichtig formuliert – nicht auf sokratische Dialogformen angelegt waren.

Vor diesem Hintergrund ist auch ein Eindruck von Irrelevanz einzelner Beiträge subjektiv völlig zutreffend. Wer sich weder für Palmöl noch für Elternprobleme interessiert (um die drei obigen Beispiele wieder aufzunehmen), findet nicht überall „sein“ Thema. Das ist die Folge der Diversität, in der sich zu den 20 „großen“ Themen 20.000 hinzugesellen, von denen sich jeder für kein Zehntel interessiert. Das ist sinnanbietende Fülle, aber auch subjektiv viel sinnloser Noise.

 

5. Blogs als Reaktion auf eine Krise der Institutionen und die Komplexität der Gesellschaft

Wenn man sich klar macht, dass Technik nicht vom Himmel fällt, sondern genauso, wie sie soziale Systeme prägt, auch aus sozialen Systemen geboren wird, wird die Ursache klar: In der Moderne verlieren Institutionen an Bedeutung, wenn man die Entwicklung in Dekaden betrachtet. Der Autoritätsverlust betrifft Kirche und Knigge, Duden und Brockhaus, Parteien, Staatsgebilde und -repräsentanten, und wohl auch Eltern und gesellschaftliche wie private Vorbilder (wobei „Gandhi“ und „Mutter Theresa“ zwar beliebt sind, aber auch nicht recht zählen, weil sie weit von der eigenen Realität entfernt und so eher Ausdruck eines Werte-Eskapismus sind).

Immer weniger Menschen lassen sich davon leiten, was andere sagen. Zu sehr haben sie gesehen, was des Kaisers neue Kleider sind, weil es immer transparenter wird – von Günter Grass über Thomas Middelhoff bis Christian Wulff zeigt uns Google sofort, was Sache ist, und Autocomplete zeigt in Sekundenbruchteilen die Keywords der Diskurse. Danach können wir Genaueres in der Wikipedia vertiefen, falls wir nicht währenddessen noch von neuen Meldungen über andere Dummheiten, Missbrauchsfälle, Plagiate, Bordellbesuche und Steuerhinterziehungen gleich wieder davon abgehalten werden. Und aus meinen Beobachtungen öffentlicher Twitter-Kommunikation meine ich, schließen zu können: Dieser Autoritätsverlust ist erst der Anfang. Durch den Zerfall von klassischer Form, weltanschaulichem Überbau und von kommunikativer Privatheit implodieren die Außenfiguren des Politikers und Staatsmanns, des Intellektuellen, des Journalisten und des Wirtschaftsbosses. Alle kochen nur mit Wasser, überall geht die Luft raus, blitzt das Rohe, Unvollkommene9 hervor, ein jeder ist sein Boris Becker.

Nein, Blogs sind nicht in der Krise. Blogs sind eine Reaktion auf eine Krise der Gesellschaft, ihrer Institutionen. Und ich wünsche der Gesellschaft, dass noch Millionen von Blogs geboren werden. Sie kommen ohne Inhalte aus, die schon auf den Titelseiten der Massenmedien zu finden sind. Blogs sind, so gesehen, eine Ergänzung zu Massenmedien, weil sie zu deren einseitiger Richtung und großen Strahlkraft ein komplementäres System vernetzter und zweiseitiger Kommunikation anbieten, also sich wie Rinnsale und Bäche zu Strömen und wie Wege und Straßen zu Autobahnen verhalten, nur, dass sie auch noch mehr leisten können, weil sie zweiseitig operieren. Wie gut sich beides ergänzt, haben wir bei der Verschmelzung von TV, Handy und Internet während der ägyptischen Revolution sehen können, die eine einmalige emotionale Dichte bei gleichzeitig intensiver Einzelkommunikation bewiesen haben.

Zur Schwäche der Institutionen kommt die Fragmentierung und Diversität der Gesellschaft hinzu (ich persönlich halte dies übrigens, wie auch den Zustand „Krise“, für nichts Schlechtes). Blogs sind die Antwort auf ein Kommunikationsbedürfnis, das Massenmedien allein nicht mehr erfüllen können. Die Zeiten sind vorbei, in denen alle die 20-Uhr-Tagesschau sahen, und seit meinem letzten Projekt im Bereich SmartTV und Second Screen bin ich mir ziemlich sicher, dass der Prozess noch sehr viel weiter geht: Content-Bündelung schwindet, Kosten sinken, Medienorganisationen entgrenzen sich, weil es – übertrieben gesagt – weniger Organisation braucht, wo Maschinen die Verbreitung, Abrechnung und Bündelung übernehmen. Wo die Zahl der Stimmen steigt, muss mehr diskutiert werden. So herum wird ein Schuh draus.

 

6. Bloggen als plattformunabhängige Kulturtechnik – Warum die Kategorie „Blogs“ für Kommunikationstrukturen nicht hilfreich ist

Es ist nicht zu leugnen, dass sich beliebige Inhalte in Blogs finden, also nicht nur politische oder soziale Themen, sondern auch Wissenschaft und Fachartikel, fiktive Erzählungen und Kochrezepte – die Kategorie „Blog“ taugt für inhaltliche und kommunikative Beurteilung nicht. Umgekehrt finden sich alle diese Kategorien auch in klassischen Medien. Auch als technische Kategorie sind Blogs nichts herausragendes, denn es handelt sich bei ihnen um einfache, leicht installierbare und bedienbare Content-Management-Systeme (CMS); niemand würde sonst bei CMS auf die Idee kommen, die Publikationen nach der Art des CMS zu kategorisieren.

Was Blogs ausmacht, ist eine bestimme Kulturpraxis: des Schreibens (Länge, Subjektivität, Serendipität, Medienwechsel etc.), des Kommentierens (linear und verschachtelt, mit Bezugspraxis, Löschpraxis, Zurechtweisungen etc.) und der Vernetzung und Zitierung (Blogrolls, Pingbacks, Links, Reposts, Likes in Activity Streams), ergänzt um einfache andere Praktiken (Blogparaden, Linklisten, Aggregatoren, blogübergreifende Erschließung durch Tagging).

Diese Kulturpraxis ist in den letzten Jahren in die Massenmedien diffundiert, so dass sie sich in der Kultur und ihren Formen gar nicht mehr vom Einzelblog unterscheiden (Drupal beispielsweise, bei zeit.de im Einsatz, ist ja ein klassisches Blogsystem). Ebenso sind soziale Netzwerke entstanden, die diese Praxis übernommen und weiter ausgeformt haben.

Ich fürchte daher, bei der Unterscheidung zwischen Blogs und „dem Rest der Publikationswelt“ kommt es nur noch auf Herrschaftsverhältnisse und Geld an: wer bestimmt letzten Endes, was geschrieben wird, und wer erhält die Einnahmen? In Anlehnung an Marx gesagt: Den eigentlichen Klassengegensatz bildet das Eigentum über die Produktionsmittel. Das ist nach meinem Empfinden der Kern der Diskussion, die seit Jahren geführt wird, und der zum Beispiel gerade wieder Johnny Haeusler10 Nahrung gegeben hat. Es sagt nur niemand in dieser Schärfe, weil gleichzeitig die Situation vorliegt, dass nun jedermann kostenlos und mit geringstmöglichen Barrieren Öffentlichkeit erreichen kann. Es wirkt paradox: bei wirtschaftlicher Konzentration der Produktionsmittel ist eine Demokratisierung11 der Nutzung eingetreten. Ein ideologisches Minenfeld, das hier nicht weiter diskutiert werden soll.

Trennt man dieses Paradoxon, das ständig bei der Beurteilung im Wege steht, scharf von einer kommunikativen und konzeptionellen Sicht, so ist gar kein großer Unterschied zwischen Blogs und dem Rest des vagen „Web 2.0“ mehr gegeben. Blogs waren schon immer ein Teil von „Web 2.0“, und nun verlieren sie Jahr für Jahr an relativer Bedeutung: Facebook hat mit 50% der Online-Population mehr als zehn Mal so viel Nutzungsgrad, alle Netzwerke haben eine zigfache Viralität, und alle Netzwerke können mehr leisten – zum Beispiel Umfragen, Chats, Videokonferenzen, Veranstaltungsmechanismen. Blogs sind konzeptionell 17 Jahre alt, Facebook gut neun (facemesh.com).

 

Die Aussage „Blogs sind in der Krise“ ist so zwar richtig, aber falsch: Die technischen Plattformen werden absolut weiter gut genutzt, verlieren aber relativ an kommunikativer Bedeutung, weil ihre typische Kulturpraxis im Social Layer des Webs aufgegangen ist, der weit größer ist.

Mit dieser Erkenntnis löst sich die ganze Diskussion: Nicht allein Blogs sind die Antwort auf zunehmende Komplexität der Gesellschaft bei gleichzeitiger Krise ihrer Institutionen, sondern der ganze Social Layer ist es, in dem Blogs als vorgreifende Kulturpraxis aufgegangen sind. Zeitungsblogs sind Copycats, ein Teil des Social Layers. Wer „Blogs in der Krise“ ruft, kommt mir ein bisschen so vor wie jemand, der „GRÜNE in der Krise“ ruft, wenn Atomkraftwerke abgeschafft sind und alle nur noch Bio essen.

 

7. Ausblick: Lokale Micro-Öffentlichkeiten mit flüssigen Diskursstrukturen?

Micro-Öffentlichkeiten können sich in größerem Umfang erst mit dem Internet bilden, weil fast alle Äußerungsformen (abgesehen von Lokalzeitungen, Hausmeister-Aushängen, Steinstapeln in der Bergwelt und drohend spitzen Zäunen) flüchtig waren und nicht aufeinander Bezug nahmen, so dass gar keine flüssige Diskurs-Struktur entstehen konnte. Der weitere Ausformungsprozess wird Jahrzehnte dauern, weil die Informationsorganisation nach lokalen Kriterien erst am Anfang steht und soziale Systeme sehr träge sind.

Am Ende könnte stehen, dass Menschen das Internet nicht nur als Werkzeug von Globalisierung oder Weltfrieden und Kontinentalrevolutionen12 sehen, sondern dass zugleich die kleinen sozialen Einheiten als Keimzelle der Gesellschaft ihre Kommunikation verdichten und intensivieren. Dabei hoffe ich darauf, dass sie zudem besser Ressourcen teilen, weil das Internet dafür viele Voraussetzungen schafft. Und ich vermute, dass politische Reorganisation in diesen kleinen Einheiten anfängt, weil hier am meisten konkreter Nutzen liegt und am wenigsten ideologische Kämpfe geführt werden: Welche Straße soll ausgebaut werden? Wann beginnt der Kindergarten? Was für Unternehmen wollen wir ansiedeln? Wie gehen wir mit Bettlern um?

Die Probleme auf dieser Ebene, wenn es um den Ausgleich von Interessen geht (z.B. bei den Folgen von Infrastruktur), sind allerdings auch immens. Ich persönlich glaube, dass sich neue kommunikative und partizipative Übung über die kleine Einheit zur großen nationalen (und internationalen) Ebene entwickeln muss, das wäre der evolutionäre Weg mit den geringsten Risiken. So wird denn aus der scheinbaren „Blog-Krise“ einfach nur ein Übergang von einer kulturellen Praxis ist einen größeren Zusammenhang, der allen nützen kann. Eine kluge Politik schafft allerdings auch dafür die Voraussetzungen, dass Werkzeuge, Prozesse, Code und Wissen öffentlich vorangetrieben werden, damit sie danach von jedermann nutzbar werden.
Fußnoten:

1) http://buggisch.wordpress.com/2013/01/16/gibt-es-eine-blog-krise/

2) Fassbinders Verzweiflung ist sehenswert: http://www.youtube.com/embed/t1PszcdHyzo

3) Näheres hinter vorgehaltener Hand.

4) Idee: Shitstorm-Sentiment-Analyse mit Aggregator und automatischer Wortliste für Mute-Funktion von Twitter-Clients.

5) http://www.petersloterdijk.net/agenda/artikel/letzte-ausfahrt-empoerung

6) An dieser Stelle artikuliere ich gern meine Verachtung für Jung von Matt und alle Personen, die bei „krankes Schwein“ mitgemacht und so Vertrauen missbraucht haben, siehe fraumeike.

7) http://zitate.net/zitat_4038.html

8) „Formal“ im Sinne einer Kommunikationsform und im Sinne der Form, in der sie als Subjekt auftreten. Das wird aber mehrfach durchbrochen: durch Macht, die als Beeinflussungsvermögen über andere Menschen rein (online) kommunikativ entsteht und sichtbar wird, durch Systeme, die das abzubilden versuchen (Reputationsmanagement), und durch Identitätsaufdeckung (eigene, aber auch durch Anbieter, „certified user“), welche die Trennung zur physischen Realität aufhebt (hier wirkt dann also auch soziale, monetäre, sexuelle, physische etc. Macht der Gleichheit entgegen). Die Summe dieser drei Effekte ist so groß, dass die Idee von der formalen Gleichheit wahrscheinlich mehr ein romantisiertes Bild ist, sofern die Beteiligten nicht gerade anonym, en passant und mit gleichen „sozialen Graphen-Waffen“ aufeinander treffen.

9) Und daher auch lebendige!

10) http://www.spreeblick.com/2013/01/07/nachbearbeitung-das-web-zuruckerobern/

11)  Ich persönlich würde den Begriff „Demokratisierung“ außerhalb von Staatsformen-Diskussionen nicht anwenden, aber durch diese Formulierung wird vielleicht das Phänomen deutlicher.

12) Übrigens auch vermittelt durch viele Theoretiker, das beginnt schon beim verehrten MacLuhan und endet bei Polit-Aktivisten wie Eli Pariser, die nur durch eine politische Brille sehen können, weil sie keine andere Brille haben.
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