Warum Filterbubbles toll sind

Seit Eli Parisers Buch "The Filter Bubble" wird diskutiert, ob Ausblendung akzeptabel ist, und falls ja, wieviel und wann.

Über Filterbubbles – also darüber, dass man sich in diesem Internet vor allem mit Leuten verbindet, die ähnliche Ansichten haben wie man selbst – wird ja oft viel Schlechtes gesagt: dass man sich damit in einer eigenen Wirklichkeit einspinnt und andere Meinungen immer mehr ausblendet, zum Beispiel.

Dagegengehalten wird meist, dass die sozialen Netzwerke diesen Effekt gar nicht hätten, weil gerade die “schwachen Kontakte” es besser als offline-Netzwerke ermöglichen, mit der Nase auch auf eher fremde Themen gestoßen zu werden. Also etwa das abgedrehte Hobby des Arbeitskollegen, oder die politischen Aktivitäten der früheren Schulfreundin.

Meine Erfahrung geht eher in die zweite Richtung. Mein Wahrnehmungshorizont für unterschiedliche Meinungen und Themen hat sich mit der Verlagerung meines Medienkonsums ins Internet definitiv ausgeweitet, im Vergleich zu der viel rigideren Filterbubble meiner ehemals abonnierten Papierzeitungen und den Gruppen und Netzwerken, mit denen ich in der früheren Offline-Zeit ausschließlich in Kontakt war.

Aber darum soll es jetzt gar nicht gehen, sondern um eine andere These: Nämlich die, dass Filterbubbles unabdingbar nötig sind, um zu den Themen vorzudringen, die mich wirklich interessieren – und ich würde sogar so weit gehen, zu sagen: Filterbubbles helfen uns, die wirklich interessanten Fragen zu stellen.

Denn ich stelle doch immer wieder fest, dass die Themen und Kontroversen, die so im medialen Tagesgeschäft hochpoppen, mich nicht soooo ungeheuer interessieren. Dort geht es doch meist um Dinge, wo es mir leicht fällt, Position zu beziehen, wo meine Meinung eigentlich schon fest steht. Im Bezug auf die meisten Alltagsaufreger bin ich doch mit fast allen Leuten, mit denen ich vernetzt bin – egal über welches Medium – im Großen und Ganzen einer Meinung: Wir sind gegen Atomkraft, finden bestimmte Werbung sexistisch, ärgern uns über dieselben antifeministischen Argumente, sind für ein menschlicheres Asylrecht, gegen Nazis, halten dieselben Sachen für rassistisch, und so weiter.

Man kann es natürlich für grobe Filterbubblebeschränktheit halten, dass mich die Vielfalt der im Netz vorhandenen Positionen nicht ernsthaft dazu bringt, darüber nachzudenken, ob das generische Maskulinum nicht vielleicht doch ‚ne tolle Sache ist, oder sexistische Werbung witzig. Nein, da reicht es mir völlig, mich mit meiner Filterbubble einig zu wissen. Auch dort gibt es zu allen diesen Themen gewisse Nuancen, und das ist mir dann auch schon genug an Diversität. Ich muss – egal in welchem Medium – nicht ernsthaft mit Nazis, Rassistinnen und Sexisten diskutieren, Filterbubble: I like you.

Aber, und das ist der Punkt, an dem es interessant wird: Auch in der Filterbubble kommen ja manchmal Themen auf, wo die Meinungen so richtig krass auseinander gehen. Wo die Homogenität der prinzipiellen Einigkeit plötzlich aufbricht. Das ist der Punkt, an dem es spannend wird.

Gestern abend war so eine Gelegenheit, als ich auf Twitter und Facebook zwei Fragen stellte zu einem Thema, über das ich gerade nachdenke (für mein zuletzt etwas vernachlässigtes Projekt “Liebe und Freiheit”), nämlich den Zusammenhang zwischen Lieben und Brauchen. Ich schrieb also in die Runde:

Frage für alle, die sich in einer Liebesbeziehung befinden: Würdet Ihr sagen, dass Ihr die/den andere_n “braucht”?

und:

Zweite Frage: Würde es euch in einer Liebesbeziehung gefallen, vom anderen/von der anderen “gebraucht zu werden”?

Grob geschätzt würde ich sagen, dass etwa ein knappes Drittel mit “klares Ja” antwortete, ein weiteres knappes Drittel mit “klares Nein”, und das letzte gute Drittel mit Differenzierungen unterschiedlichster Art im Sinn von “kommt drauf an”.

Scheint also ein interessantes Thema mit einer wirklich offenen Fragestellung zu sein. Und der Beweis dafür ist, dass die Auffassungen eben nicht nur gesamtgesellschaftlich auseinandergehen – das tun sie ja bei jedem x-beliebigen Thema – sondern eben gerade innerhalb meiner Filterbubble. Die Bubble ist sozusagen der Seismograph für offene und lohnende Themenstellungen: Wenn sie sich nicht einig ist, heißt das, dass ein Thema noch Gehirnschmalz braucht. Dass ich darüber wirklich nachdenken muss, weil noch nicht klar ist, wie “wir” (TM) dazu stehen.

Inhaltlich werde ich das in nächster Zeit auf dem Liebesblog sicher noch mal diskutieren. Hier ging es mir jetzt darum, mal die These in den Raum zu stellen, dass Filterbubbles etwas Tolles sind, denn ohne sie ist jene Diskursverschiebung nicht möglich, über die Benni und ich in der ersten Folge unseres Podcasts gesprochen haben.

Die Filterbubble erlaubt es mir, meine Aufmerksamkeit nicht ständig von den medialen Säuen auffressen zu lassen, die dauernd irgendwo durchs Mainstreamdorf getrieben werden, sondern einen anderen Fokus zu setzen. Nur in der Filterbubble kann auch unter den Bedingungen des Internets, wo Hinz und Kunz immer gleich hinter dem nächsten Klick hocken, wirklich Neues entstehen, also Gedanken und Einsichten, die aus etwas anderem bestehen, als nur aus Wiederholungen und Positionierungen des bereits Gedachten.

Crosspost von Aus Liebe zur Freiheit