Politisch korrekt und mausetot

| 14.01.2013 | 131 Kommentare

Eine Ministerin liest ihrem Kind nicht vor, was die Autorin geschrieben hat. Ein Verlag schreibt Bücher um, weil die Sprache nicht mehr dem Zeitgeist entspricht. Was für eine Art Kultur ist das?

Es ist hanebüchener Unfug, was der Thienemann-Verlag veranstaltet. Nicht nur stellt diese “Anpassung” einen Eingriff in das Werk des Autors dar, sondern auch die Bewertung, was als pfui-bäh-Wort zu gelten hat. Ein Wort zu ersetzen, weil die Konnotation sich geändert hat, ist an sich nicht verkehrt, nur geschieht das üblicherweise in der gesprochenen Sprache von ganz alleine, und nicht mit der Brechstange von Verlagen oder selbsternannten Sprach-Gurus. Bücher wie “Die kleine Hexe” werden heute noch gelesen, weil sie genau so geschrieben sind, wie sie geschrieben sind, weil die Sprache darin bildhaft und lautmalerisch Kinder anspricht, die sich darunter etwas vorstellen können. Sonst wären sie irgendwann verschwunden.

Wenn eine blutleere Ministerin meint, sie könne ihrem Kind keinen “Negerkönig” zumuten, ist das ihre höchst eigene Entscheidung. Natürlich kann man alles ausblenden, was irgendwie nicht schön, gut und edel ist auf dieser Welt. Da ist es nur folgerichtig, mit der Sprache zu beginnen, denn kaum etwas ist uns näher, prägt und spiegelt unser Verhalten mehr. Wie weit einem Kind, das sich später in einer ganz und gar unkorrekten Welt zurechtfinden muss, mit dem Vorlesen in scheinbar “richtiger” Sprache gedient ist, mögen andere entscheiden.

Hanebüchen müsste wohl ebenfalls ausgemerzt werden, es ist ja nicht mehr gebräuchlich. Fontane schreiben wir gleich mit um, weil seine mit französischen Begriffen durchsetzten Plaudereien heute kaum noch jemand versteht, und seine vielen zeitgeschichtlichen Bezüge sind dem modernen Leser unzumutbar, der sie nicht mehr kennt. Wendet man diese verquaste Lektorensicht konsequent auf Goethe, Shakespeare und die Ilias an, ist der Bücherschrank am Ende leer. Sprache ist ein lebendiges Ding im Kontext ihrer Zeit. Aber man kann sie totschlagen.

Als nächstes wäre dann deutsches Liedgut zu durchforsten: “Zehn kleine Negerlein” etwa ist politisch so unkorrekt, dass es ganz schnell weg muss. Überhaupt enthält die deutsche Sprache so viele unkorrekte Wörter, dass man sie am besten im Ganzen erneuert. Die Fortschritte sind beachtlich: Das ist zu besichtigen an den gelungenen Versuchen der letzten beiden Jahrzehnte, sie immer weiter zu entpersonalisieren, wozu auch die Werbeindustrie ein kräftiges Scherflein beigetragen hat.

Politiker haben aus Müll Wertstoffe und aus kündigen freistellen gemacht. Im Ergebnis haben wir jetzt Politakteure, die niemand mehr versteht, ja, denen in dem Wissen, es kommen ohnehin nur Sprechblasen, kaum noch jemand zuhört. Sprache, die verschleiert, sagt über den Sprecher aus, dass er etwas zu verbergen hat. Das aber in dem Wortgeklingel zwischen Fachchinesisch und Marketingsprech ergründen zu wollen, ist eine zu hohe Anforderung an die Bürger. Wenn die Herrscher nicht mehr die Sprache des Volkes sprechen, ist das der Maßstab für ihre Entfernung von der Wirklichkeit.

Sprache sagt viel über die Kultur derer aus, die sie sprechen. Es sieht nicht gut aus.
 

 
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