Wolfgang Michal

Heribert Prantl, die FDP und die Blogs

 | 44 Kommentar(e)


Gibt es eine unterschwellige Parallelität zwischen dem Niedergang der FDP und dem Niedergang der Blogs? Oder ist an dieser These nichts dran?

10.01.2013 | 

Heribert Prantl, der Innenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung, ist ein Mann der starken Vergleiche. Sie kommen oft aus der Tiefe des Alten Testaments oder aus den Vorratskammern seiner Küche. In Prantls Kommentaren muss es drastisch und süffig zugehen und nach schweren Rotweinen und Schweinsbraten mit Knödeln und Blaukraut duften.

Um den Zustand der dahinsiechenden FDP zu beschreiben, wählte Prantl deshalb ein Gericht, das für einen bodenständigen Bayern die maximale Verachtung ausdrückt: das Sandwich bzw. den (Ham)Burger.

Die FDP, so Prantl, sei die undefinierbare Matsche zwischen den Sandwich-Scheiben, und diese Matsche habe ihr Haltbarkeitsdatum überschritten: „Der Braten ist zäh, der Thunfisch muffelt und die Gurkenscheiben sind labbrig… Das Zeug hat einen Hautgout.“ Ein Gschmäckle also. Es stinkt nach Fäulnis und Verwesung.

Natürlich kann man den Zustand der FDP so bildhaft und ekelerregend beschreiben. Doch unvermittelt schlägt Prantl dann einen gedanklichen Haken, der den Leser doch ziemlich verblüfft. Prantl schreibt mit Bezug auf die verfaulende FDP:

„Es gibt die unterschiedlichsten Dinge, von denen es heißt, sie hätten ihre beste Zeit hinter sich: Man sagt das von den Gewerkschaften, vom Vatikan, von der Fernsehshow DSDS, den Steakhäusern, den Ostermärschen und Trabbi-Witzen. Kenner des Internets sagen, auch Blogs und Blogger hätten ihre beste Zeit schon hinter sich, weil sie sich in einer ‚Sandwich-Position’ zwischen Facebook und Google+ einerseits und Twitter andererseits befänden. Gemeint ist damit, dass die Blogs im Vergleich zu den genannten Konkurrenten nicht mehr so viel zu bieten hätten.“

Hä? Wie kommt der geschätzte Leitartikler bloß von Philipp Rösler auf Blogs, Facebook und Twitter? Welcher Nachtmahr ist da mit ihm durch Wind und Gurkenscheiben geritten? Die Blogs – zerquetscht zwischen den harten Weizenmehldeckeln der Zeitungen und den Vollkorn-Brotscheiben von Twitter, Facebook und Google+? Steht es so schlecht um die Blogs, dass sie bereits müffeln wie Rösler in seiner Sandwichbelag-Partei?

Nein, den Blogs geht es erstaunlich gut. Denn sie unterliegen keiner 5-Prozent-Hürde, brauchen zum Überleben keine Mindestauflage, kein Werbeaufkommen und keine Nutzungsverträge. Wenn sie anfangen zu müffeln, werden sie schnell durch neue ersetzt. Das Potential ist riesig. Ein Teil der BloggerInnen diskutiert gerade, ob man für kulturelle Leistungen überhaupt Geld verlangen soll. Ob das Arbeiten für Geld nicht der eigenen Unabhängigkeit schade. Der andere Teil ist fröhlich dabei, den Journalismus aufzufrischen und auf originelle Weise zu ergänzen. taz, FAZ, NZZ, Zeit, Welt, das Handelsblatt, der Freitag – fast jede Zeitung von Bedeutung leistet sich heute einen Stall voller Blogs. Und viele sind besser geworden, seit die Zeitungen ein Auge auf sie werfen.

Nein, die alte Feindschaft zwischen Zeitungen und Blogs hat sich aufgelöst, unbeschadet manch ideologischer Nachhutgefechte und Sandwich-Phantasien. Die Blogs sind der würzige Belag zwischen dem täglichen Journalistenbrot und der eingezäunten Freunderlwirtschaft in den sozialen Netzwerken. Und das heißt: Sie haben ihre besten Zeiten noch vor sich.

(Oder hat Prantl mit seinem FDP-Vergleich vielleicht doch recht?  Im Freitag habe ich das Thema etwas vertieft)

Guter zusammenfassender Beitrag zum Thema “Krise der Blogs” von Konstantin Zurawski bei DRadio Wissen (15.1.)

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44 Kommentare

  1. Klaus Jarchow |  10.01.2013 | 11:15 | permalink  

    Ich würde das unter Zuhilfenahme der ‘Prantologie’ eher familienmetaphorisch aufdröseln: Zeitungen gleichen dann den ‘Volksmusiksendungen für die ältere Generation’, Facebook und Twitter sind das mediale Happihappi für die Kleinen im ‘Benjamin-Blümchen-Alter’ und für jene, die dies Alter nie verlassen, und wenn du aufs Gymnasium kommst, geht es allmählich mit den Blogs los …

  2. pantoufle |  10.01.2013 | 11:44 | permalink  

    An die Sprachgewalt eines Prantl wage ich mich besser nicht heran. Als Blogger fühle ich mich von seinem Vergleich überhaupt nicht angesprochen. Es ist eben ausdrücklich nicht Facebook oder Google+ , sondern die relative Freiheit, Form, Inhalt und Farbe selbst bestimmen zu können. Gerade das Beispiel Twitter ist doch eher abschreckend unter dem Aspekt, daß es Leute gibt, die glauben ihre Meinung in 140 (?) Zeichen fassen zu können. Wenn schon Cheeseburger, würde ich ihn dort verorten. Der sehr geschätzte Heribert Prantl hat gelegentich Anfälle, die darauf schließen lassen, daß er zum Internetz immer noch ein ambivalentes Verhältnis pflegt. Es sei ihm gegönnt: Dafür sind seine Artikel in der Regel Schwarzbrot, wo andere mit Tütensuppe daherkommen…
    Oh je: Jetzt hab ich’s doch getan

  3. Michael Lohmann |  10.01.2013 | 12:04 | permalink  

    Ich finde alle diese Metaphern nicht informationshaltig. Sie suggerieren einen Zusammenhang, sie suggerieren eine Beschreibung der Phänomene, aber sie bieten nichts konkretes. Das ist bloße Schwurbelei. Fakten würden da schon weiterhelfen. So müsste Prantl mal sagen, was konkret ihn zum Sandwich-Vergleich führt und was genau die aktuelle FDP ausmacht. Ich finde es jedenfalls recht unangenehm, wenn ich als Leser solcher Kommentare genötigt werde, lange Interpretationen anzufertigen, um herauszufinden, was mir der Autor eigentlich sagen will. Aber genau das muss ich tun, wenn ich einen Nährwert aus dem Metaphernsalat vieler journalistischer Texte ziehen will (um auch mal mitzuspielen ^^).

  4. Wolfgang Michal |  10.01.2013 | 13:09 | permalink  

    @Michael Lohmann: “So müsste Prantl mal sagen, was konkret ihn zum Sandwich-Vergleich führt…” Der Hunger?

    @Klaus: Du meinst, die Blogs sind der Übungsraum für Heranwachsende, die irgendwas mit Medien machen wollen? Warum nicht.

    Es hat übrigens noch niemand gesagt, dass es DIE BLOGS gar nicht gibt. Und dass die Blogdebatte so was von 2004 ist (Geert Lovink).

    (Je länger ich drüber nachdenke, desto besser gefällt mir der Vergleich von FDP und Blogs.)

  5. Heribert Prantl, die FDP und die Blogs – CARTA | FDPwatch |  10.01.2013 | 13:17 | permalink  

    [...] Heribert Prantl, die FDP und die BlogsCARTADie FDP, so Prantl, sei die undefinierbare Matsche zwischen den Sandwich-Scheiben, und diese Matsche habe ihr Haltbarkeitsdatum überschritten: „Der Braten ist zäh, der Thunfisch muffelt und die Gurkenscheiben sind labbrig… Das Zeug hat einen … [...]

  6. Klaus Jarchow |  10.01.2013 | 13:59 | permalink  

    @ Wolfgang: Naja, die Blogs wären demnach der “Übungsraum”, in dem es noch intelligent und independentmäßig ‘rockte’. Danach kommt dann das Alter, wo die ‘Beweglicheren’ allmählich vernünftig werden, auf die Volksmusik und auf die Charts schielen und prompt weichgespülte ‘Schweinemucke’ spielen …

  7. Irene |  10.01.2013 | 14:16 | permalink  

    Ich hätte ja eher gesagt, dass Facebook aus Weißmehl ist und die Zeitung aus Vollkorn. Zumindest die Sonntagszeitung auf dem Frühstückstisch des Manufactum-Kunden.

  8. Irene |  10.01.2013 | 14:33 | permalink  

    Ein SEO-Blogger sagt Ähnliches wie Prantl, vielleicht ist ja doch was dran ;-)
    https://www.contentman.de/content-marketing/die-grose-zeit-der-blogs-ist-vorbei-meint-jedenfalls-google/

  9. Erbloggtes |  10.01.2013 | 14:40 | permalink  

    Nicht so schnell mit den jungen, mittelalten und alten Pferden! Prantl (oder “Kenner des Internets”?) sieht Blogs “in einer ‚Sandwich-Position’ zwischen Facebook und Google+ einerseits und Twitter andererseits”. Von Zeitungen ist gar nicht die Rede. Die Deutung dieser fragwürdigen Metapher liefert er dann selbst: “Gemeint ist damit, dass die Blogs im Vergleich zu den genannten Konkurrenten nicht mehr so viel zu bieten hätten.” Aber wo ist denn die verständniserleichternde Leistung der Sandwich/Burger-Metapher? Sind Blogs (oder die FDP?) etwa das Fleisch, das von pappigen, austauschbaren, nährstofffreien Brötchenhälften umrahmt wird?
    An diesem Absatz ist einfach nichts durchdacht. Wahrscheinlich war Prantl nicht bei der Sache. Vielleicht hatte er eine Lebensmittelvergiftung von einem vergammelten Burger, und ein Praktikant musste den Kommentar zu Ende schreiben.

  10. Wolfgang Michal |  10.01.2013 | 14:49 | permalink  

    @Irene: Ich glaube, die unter dem Link angegeben Zahlen zu den Blogs sind handgepflückt. Danach lag die Aktivität bei Carta (als es ab April 2011 weitgehend inaktiv war) angeblich höher als heute. Das ist Unsinn. Carta hat seine Zugriffszahlen seit Januar (Neustart) mehr als verdoppelt (lt. Piwik u. lt. wordpress-stats). Durch die Zeit-Vermarktung wird allerdings anders gezählt.

  11. Klaus Jarchow |  10.01.2013 | 15:23 | permalink  

    @ Erbloggtes: Vielleicht mampft der Prantl seine Sandwiches ja auch mit dem Belag nach außen und dem Weißbrot in der Mitte. ;-)

  12. stilstand» Blogarchiv » Blogkrise? |  10.01.2013 | 16:20 | permalink  

    [...] den beiden trockenen Weißbrotschreiben. Nun ja – bei ‘Carta’ trug ihm das prompt einiges an Spott ein [...]

  13. Frau Sokol |  10.01.2013 | 18:01 | permalink  

    Man muss nicht immer gleich beleidigt sein, wenn ein Journalist “Blog” sagt. Prantl vergleicht die FDP im gleichen Atemzug ja auch mit DSDS und Trabbi-Witzen – ob dieser Vergleich stimmig ist, scheint hier aber jedem egal zu sein.

    Ob es den Blogs wirklich so gut geht, sei dahingestellt. Meiner persönlichen Beobachtung nach hat die Community-Funktion von Blogs tatsächlich gelitten. Ganz abgesehen davon, dass die Sache mit der vielbeschworenen publizistischen Freiheit der Blogger sehr relativ (um genau zu sein: Selbstbetrug) ist, solange sie sich nicht selbst refinanzieren können.

    Um Unterstellungen vorzubeugen: Ich bin kein Journalist. Ich bin selbst Blogger. Umso wichtiger ist es, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Eine weise Frau sagte einmal, dass der größte Feind der Arbeiterklasse ihre eigene Illusion sei.

    Das gilt auch für uns.

  14. Art Vanderley |  10.01.2013 | 20:36 | permalink  

    Insbesondere die Aussagen im Link “eingezäunten Freunderlwirtschaft” sind sehr treffend.
    Der Vergleich von Blogs und FDP ist einigermaßen abenteurlich , trotzdem , Prantl haut halt mal Einen raus , wie von pantoufle treffend beschrieben , immerhin ist er einer der wenigen , die auch in Hohezeiten neoliberaler Zeitungs-Okkupation bei ihrer Meinung geblieben sind ( und von der SZ natürlich auch die Chance dazu bekam) .

  15. Wolfgang Michal |  10.01.2013 | 21:12 | permalink  

    Versuchen wir es doch mal ernsthaft. Geert Lovink, kein Netzunbekannter, schreibt in seinem Buch “Das halbwegs Soziale. Eine Kritik der Vernetzungskultur”: “Rückblickend übersehen wir leicht, dass der rationale Netzbürger eine libertäre Gestalt war, eine Figur des neoliberalen Zeitalters der Deregulierung”. Die Deregulierung der schön geordneten demokratischen Öffentlichkeit (Zeitungen, Fernsehen) brachte u.a. den Blogger hervor. Nun neigt sich die neoliberale ‘Ära’ ihrem Ende zu, und mit ihm verschwindet auch…
    Ist diese Überlegung zu akademisch? Zu Lovinkisch?

  16. Thorstena |  11.01.2013 | 08:36 | permalink  

    Hier haben die Blogger also ihre beste Zeit noch vor sich, und drüben beim Freitag sind sie in der Krise – Kompliment: bei zwei sich widersprechenden herbeikonstruierten Trends springt der Shit-Detector (http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/2262/the-return-of-the-shit-detector-billige-tricks/) gleich doppelt an.

    Wenn alle alles sagen können, kann man sich ja auch selbst widersprechen. Hurra, der nächste Trend!

  17. Michael Lohmann |  11.01.2013 | 09:38 | permalink  

    In der Kürze, Herr Michal, fehlt mir dann doch eine These, die ich begreifen kann. Warum sind Blogs neoliberal? Was gibt es empirisch derzeit über Blogs und ihre Wirkung zu sagen?

    Ich selbst kann einfach keinen Trend entdecken, weder in die eine noch in die andere Richtung. Das liegt natürlich an meiner begrenzten Wahrnehmung. Ich nutze halt nur eine Hand voll Blogs und weiß daher nicht, wie es der Blogwelt an sich geht. Können Sie dazu noch mehr sagen? Bislang ist es jedenfalls so, dass ich in etlichen Blogs einfach handfestere Informationen finde als in mancher Zeitung. Solange das so ist, werden Blogs für mich weiter eine Rolle spielen.

  18. Klaus Jarchow |  11.01.2013 | 09:48 | permalink  

    @ Michael Lohmann: Die These ist schlicht Quatsch. Der Aufstand gegen den (Neo-)Liberalismus und die Ökonomisierung des Privaten findet – wenn überhaupt irgendwo – dann im Netz statt. Die Publizistik kann man hier in der Regel vergessen. Für den Geert Lovink, eh kein starker Denker, formt sich aus Begriffen wie ‘libertär’, ‘Freiheit’, ‘Neoliberalismus’ und ‘Individualismus’ eine Unio mystica im Kopf, die mit den realen Verhältnissen nur wenig zu tun hat.

  19. Klaus Jarchow |  11.01.2013 | 09:50 | permalink  

    @ Thorstena: Meines Wissens bezog sich dieser Text von Constantin Seibt auf Stilfragen, nicht auf ‘Weltanschauliches’ …

  20. Thorstena |  11.01.2013 | 10:05 | permalink  

    @Klaus Jarchow jetzt lassen sie mich aber abperlen: Im Blog von Constantin Seibt geht es zwar um Stilfragen, ja. Er schreibt in diesem Text aber auch, dass thematisch ein Trend allein nicht reicht; das Thema müsse einen “hinreissen”; man müsse “etwas zu sagen haben.”

    Wozu tendieren Sie denn nun, Wolfgang Michal: Krise oder Verheißung?

  21. Wolfgang Michal |  11.01.2013 | 11:18 | permalink  

    @Thorstena: Zu beidem. Wenn die Blogs die Krise für notwendige Korrekturen nutzen, haben Sie ihre beste Zeit noch vor sich. (Wie die FDP :- Sollte die in Niedersachsen über die 5 Prozent kommen, werden die Totenglöckchen schnell wieder eingesammelt werden). Im übrigen kann man so komplexe Fragen immer von zwei Seiten betrachten. Mir ist schon bewusst, dass das auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussieht. Ich erwarte mir von den Kommentaren ein paar Klärungen, wie sich die Blogs wohl weiterentwickeln. Die Krise kann das Ende oder das nächste Level anzeigen.

    @Michael Lohmann: Geert Lovink sagt ja nicht, die Blogs seien neoliberal, er sagt, die Figur des Bloggers ist in der heißen Phase des Neoliberalismus (90er Jahre) auf der Bildfläche erschienen. Und er leitet aus diesem Phänomen ein paar Überlegungen ab. So dumm ist das nicht.

  22. Michael Lohmann |  11.01.2013 | 11:20 | permalink  

    @ Wolfgang Michal: Ich ahne schon, wie das gemeint ist. Aber ich finde das noch etwas unkonkret. Und deshalb kann ich wenig dazu sagen. Worin besteht denn Ihrer Meinung die Korrekturbedürftigkeit der Blogs gegenwärtig?

  23. Wolfgang Michal |  11.01.2013 | 11:31 | permalink  

    Steht beim Freitag im letzten Absatz. Stichwort Mitschuld. 1. Elitäre Haltung ablegen 2. sich gegenseitig wieder mehr verlinken 3. Kommentardiskussion nicht schleifen lassen.
    Das ist aber nur das, was die Blogs selbst tun können. Die Großwetterlage (soziale Netzwerke, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Zeitgeist) hängt von vielem ab.

  24. Thorstena |  11.01.2013 | 11:46 | permalink  

    Wenn Geert Lovink schreibt, dass die Figur des Bloggers Ausdruck des neoliberalen Zeitalters ist, schwingt dabei die Enttäuschung mit, dass “die Blogger” es eben nicht geschafft haben, eine eigenständige publizistische Sphäre zu schaffen, die sich ökonomisch trägt und über politischen Einfluss verfügt, zumal die erfolgreichen Blogger sich inzwischen zum großen Teil von den Verlagen/Massenmedien bezahlen lassen.

    Aber war das nicht ohnehin immer eine Utopie?

    Ich glaube, es bringt nicht viel, Blogs mit den gleichen Kriterien zu bewerten wie Massenmedien. Das verstellt den Blick darauf, was Blogs wirklich leisten bzw. leisten können – zum Beispiel qualitative statt quantitative Arbeit, Suche nach neuen “Text”formen, etc.

  25. Klaus Jarchow |  11.01.2013 | 11:48 | permalink  

    @ Wolfgang Michal (21): Koinzidenz ist noch keine Kohärenz. Als das Automobil seinen Siegeszug antrat, feierte auch der Rudolf Steiner seine größten Triumphe. Also besteht zwischen Anthroposophie und modernem Straßenverkehr ein enger Zusammenhang … oder wie jetzt?

  26. Michael Lohmann |  11.01.2013 | 11:55 | permalink  

    @Wolfgang Michal: Ich habe jetzt Ihren Freitag-Artikel gelesen. Mir selber fällt dazu folgendes ein. Es ist in der Tat ausgesprochen schwierig, einen neuen Blog zu etablieren. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Vermutlich bieten soziale Netzwerke eben den Vorteil einer automatischen Aufmerksamkeit über die eigenen Kontakte. Diese bekommen jedenfalls jeden post irgendwie mit. Ein like ist dann schnell gesetzt. Das ist schon ungemein bequem, aber auch ein Rückzug aus der Öffentlichkeit.

    Zweitens erschöpfen sich viele Blogger darin, zu nörgeln, um es mal grob auszudrücken. Es wird lediglich kritisiert, seien es Politiker, andere Blogger, die Medien usw. (ich nehme mich davon nicht aus). Hier hat sich letztlich der Stil des Print-Großkommentators durchgesetzt, vom hohen Roß herab Dinge zu bekritteln. Das ist auf Dauer nicht sehr konstruktiv. Der eine oder andere Blogger ist zwar sehr unterhaltsam. Aber die Dauerkritik an allem möglichen kann kaum Existenzgrund für Blogs sein. Nicht jedes Thema lässt sich durch Kritik allein erschließen. Die Kritik wird zu schnell auch subjektiv, wenig verallgemeinerbar, eine Geschmackssache und auch dadurch verlieren Blogs an Relevanz.

    Wirkliche Geltung bekommen Blogs durch Kompetenz. Wenn ein Autor etwas weiß, was andere nicht wissen und wenn sie dieses Wissen gut darstellen können, werden solche Blogs sicher immer ihre Leser finden.

    Ihre Empfehlungen finde ich richtig. Gegenseitige Verlinkung sollte stärker werden. Gut, das klingt jetzt so, als würde ich vor allem auf die Popularität meines eigenen Blogs hoffen. Das ist aber nicht so gemeint: Verlinkungen wären da sinnvoll, wo Leute zu ähnlichen Themen verschiedenes sagen und wo sich dies gut ergänzen kann. Das setzt aber insgesamt ein konstruktives Diskussionsverhalten voraus, eine Bereitschaft, eigene Fehler einzugestehen (also: raus aus der Superkritikerhaltung!) und von anderen etwas neues zu lernen. Eine solche Haltung ist aus meiner Sicht aber ausgesprochen selten, auch im “analogen” Bereich.

  27. Wolfgang Michal |  11.01.2013 | 12:30 | permalink  

    @Michael Lohmann: Stimme Ihnen zu.

    @Klaus (#25): Du Schelm! Ich denke schon, dass es einen engen Zusammenhang zwischen dem Zeitgeist der Deregulierung/des Neoliberalismus und dem Typus gibt, den eine solche Strömung/Ideologie hervorbringt. Ich verstehe auch, dass es erhebliche Reserven gibt, sich das einzugestehen. Sich etwa als Blogger einzugestehen, dass hinter der eigenen libertären (anarchischen) Fassade oft ein Gutteil neoliberales (der Markt hat immer recht)-Denken steckt. Ich habe genug Kommentare gelesen, die das nahelegen.

  28. Klaus Jarchow |  11.01.2013 | 12:34 | permalink  

    @ Thorstena: Mein Fehler – ich dachte beim neuesten Seibt-Artikel, es handele sich um jenes ältere Exemplar, wo es tatsächlich nur um Stilfragen ging. Weil beide Artikel gleichermaßen mit Hemingway’s Shit-Detector starten. Sorry …

  29. Thorstena |  11.01.2013 | 14:14 | permalink  

    @Klaus Jarchow Kein Problem, alles gut :-)

  30. Detlef Borchers |  11.01.2013 | 16:33 | permalink  

    Ist Geert Lovink wirklich so ein gutes Beispiel? In seinem Buch analysiert er nicht die deutsche Blogosphäre (die er nicht liest), sondern befragt IMHO nur Oliver Gassner, Florian Cramer und Mercedes Bunz. Und die haben halt keine hohe Meinung von der deutschen Blogosphäre, umso mehr von sich selbst als DurchblickerInnen.

  31. Wolfgang Michal |  11.01.2013 | 16:40 | permalink  

    @Detelf Borchers: Ich nehme an, Sie verwechseln das Buch. Sein neues heißt: “Das halbwegs Soziale. Eine Kritik der Vernetzungskultur”, transcript Verlag, Bielefeld 2012, darin: “Ein letzter Blick auf das Web 2.0″ oder “Bloggen nach dem Hype: Deutschland, Frankreich, Irak”.

  32. André Tautenhahn |  11.01.2013 | 17:09 | permalink  

    Gute Blogs haben aber nur dann auch eine rosige Zukunft, wenn einer Ordnung ins Chaos bringt. ;-) Es ist schließlich nicht nur vorteilhaft, wenn jeder alles senden darf.

  33. Detlef Borchers |  11.01.2013 | 20:36 | permalink  

    @31, Wolfgang Michal: Das Sie ist lustig. Genau das Buch und den oberflachen Streifzug durch die deutsche Blogosphäre meinte ich. Auf S. 133 wird Oliver Gassner befragt, späte kommt Florian Cramer zu Wort, dann Verena Kuni, dann wieder Cramer und schließlich Mercedes Bunz mit ausgesuchtem Unsinn über die Frankfurter Schule und ihren technologiefeindlichen Einfluss in der Kulturdebatte. Und das technolibertäre Element stammt natürlich von Dave Winer, dem Vater aller Blogs.

  34. Art Vanderley |  11.01.2013 | 20:46 | permalink  

    @ Wolgang Michal

    “Die Deregulierung der schön geordneten demokratischen Öffentlichkeit (Zeitungen, Fernsehen) brachte u.a. den Blogger hervor. Nun neigt sich die neoliberale ‘Ära’ ihrem Ende zu, und …”

    Meint das Lovink so , daß mit dem Ende der neoliberalen Ära die Notwendigkeit einer kritischen Öffentlichkeit im Netz abnimmt?

    Der Gedanke wäre nicht absurd , aber eher unwahrscheinlich.
    Gerade das Ende des Marktradikalismus erfordert neue Ideen und Diskussionen , wir haben schließlich nicht den großen Entwurf in der Schublade , wies weitergehen könnte , gottseidank.
    Blogs und alle möglichen anderen Formen können da jede Menge beitragen , zumal es in der Bevölkerung haufenweise Leute gibt , die händeringend nach Sichtweisen außerhalb der Mainstream-Medien suchen.

    Unwahrscheinlich , daß die herkömmlichen Medien mal eben auf Freiheit umschalten , wenn die Marktliberalen endgültig abgewirtschaftet haben.

  35. Arno |  11.01.2013 | 22:38 | permalink  

    Da Prantl keinerlei Ahnung vom Internet im Besonderen und im Allgemeinen hat, braucht er “Internet-Kenner”, die ihm gelegentlich stecken, wie’s grad so läuft auf der Datenautobahn und ob’s da Staus oder Unfälle von Hamburger-Schwertransportern gibt, die ihre Sülze auf der Straße verteilen. Vermutlich sitzt der/die “Internet-Kenner” in der Online-Redaktion der SZ, deren Blogs – so sagen einige Kenner der Szene, har, har – genausowenig junge Leute anziehen wie das antiquierte Holzmedium eines Grantl, Verzeihung, Prantl.

    Würde ich nichts drauf geben.

  36. Wolfgang Michal |  11.01.2013 | 23:46 | permalink  

    @Art V.: Der Blogger als soziologischer Typus ist ja ein (heroischer) Einzelner (Dave Winer) und die Verlagerung der Diskussion in soziale Netzwerke wie Google+ könnte durchaus ein Hinweis darauf sein, dass kooperatives, kollaboratives Arbeiten/Schreiben im ausgehenden neoliberalen Zeitalter wieder stärker bevorzugt wird.

    @Detlef Borchers: Lovink zitiert schon noch ein paar mehr als die Genannten. Seine Sicht der Dinge ist nur eine Sicht. Welcher Theoretiker der Netzkultur könnte denn vor Ihren Augen bestehen?

  37. Erbloggtes |  12.01.2013 | 01:14 | permalink  

    Ich finde die Diskussion hier jedenfalls hilfreich. Ich nehme an, Kommentator #32 meinte seinen Kommentar gänzlich ironisch und bezog sich u.a. auf den problematischen Wunsch, eine eindeutige Tendenz (Untergang, Aufschwung) im Chaos der Blogosphäre festzustellen. Über “die Blogosphäre” den Überblick zu haben ist unmöglich. Wenn man über “die Presse” den Überblick haben will, dann definiert man erstmal so lange am Untersuchungsgegenstand herum, bis man ihn auf handhabbare Größe eingedampft hat. Z.B. auf die 6 größten deutschen überregionalen Tageszeitungen. (Dass dabei durchaus die absolute Mehrheit der verkauften Zeitungen außer Acht bleiben kann, ignoriert man.) Bei Blogs ist dieser Effekt noch weitaus schlimmer, da es keinerlei Kanon gibt. Jeder kann nur die Blogs betrachten, die er selbst kennt. Das ist in jedem Fall nur eine völlig unrepräsentative Stichprobe. Daher müsste man – wenn man über Blogs schreibt – eigentlich sehr subjektiv und ohne Generalisierungen schreiben. Zeitungsjournalisten sind das nicht gewohnt, da sie meist versuchen, etwas allgemein Relevantes für ihr regionales oder überregionales Publikum zu schreiben. Einen Blog kann man aber auch für ein Publikum schreiben, das nur aus 10 Personen besteht – ob das nun ein Freundeskreis ist, den man statt über facebook über wordpress informiert, oder ob das die weltweit 10 einzigen Menschen in der entsprechenden Sprache sind, die sich für das selbe Spezialthema interessieren. (Blogs in Sprachen, die nur so wenige Sprecher haben, nicht zu vergessen. Ich habe allerdings zugegebenermaßen noch kein klingonisches Blog gesehen.)

    Die Frage ist dann: Inwiefern ist ein Blog (oder sind die Blogs) auch für die “große” Öffentlichkeit relevant? Nun ja, wenn jemand zu einem speziellen Thema googlet, dann findet derjenige auch öfter mal ein kleines Blog, wo konkret etwas dazu steht. Für den Finder ist das dann auch öfter mal relevant. Und manchmal ist der, der zu einem speziellen Thema gegooglet hat, auch Journalist und schreibt das in einem unbekannten Blog Gefundene dann in sein Massenmedium, und so erreicht es die “große” Öffentlichkeit. Gute Journalisten geben an, wo sie die Information/das Argument/die Überlegung/die Kritik her haben. Online wäre das kein Problem, da gibt es ja diese Dings, na, diese Hyperlinks. Verlinkung auf Quellen gehört aber nicht zu den Gewohnheiten von Print-Journalisten (woher auch?). Und der sogenannte “große Linkfrieden des Winters 2012″, den die Online-Ableger der Big Player geschlossen haben betrifft natürlich nur die Praxis, “auf gute externe Quellen hinzuweisen”,[1] also “gute”, so wie in “Qualitätsjournalismus”. So ein Linkfrieden kann ja auch nur zwischen den Kriegsparteien geschlossen werden, und das waren nie die Blogs, die aus meiner Sicht immer verlinkt haben, was das Zeug hielt.

    Bevor ich aber noch weiter sinniere, mache ich lieber Schluss und ende mit dem Link auf ein junges Blogprojekt, das die Vorstellung vom Blogger als heroischem Einzelnen ziemlich in Frage stellt: das KneipenLog (Disclaimer: mit mir, aber nicht als heroischem Einzelnen).

  38. Detlef Borchers |  12.01.2013 | 09:45 | permalink  

    @Wolfgang Michal: viese Vrage. Vielleicht reicht das, was sich da der Netzkultur hingibt und theoretisiert, gar nicht aus, die Frage zu beantworten. Ich jedenfalls kenne keine fundierte Übersicht der Blogreichweiten und der ökonomischen Basis der Bogger, darum kann ich auch nicht von einer Krise reden. Ich muss da an die Mythopoeten der New Economy denken, wie das Michael Stuhr formuliert hat. Ohne den Arbeitskraftunternehmer der New Economy mit seinem Als-Ob des unternehmerischen Selbst sind all die Blogger nicht verständlich, die irgendwann einmal mit ihren Blogs Geld verdienen wollen, im Gegensatz zu denen, die das als modernes Tagebuch-Hobby betreiben.

  39. Onliner |  12.01.2013 | 12:01 | permalink  

    Ich glaube, das ist eher ein lautes Pfeifen im finsteren Walde seitens Prantl. Sehr viele Blogs tummeln sich im Web, die sich mit Adsense oder Affiliate-Programmen finanzieren – mal mehr, mal weniger erfolgreich. In jedem Fall gibt es online eine ganze Menge Spezialisten und Meinungen, welche die die klassischen Verlage in vielen Disziplinen abgehängt haben und zwar im doppelten Sinne.

    Wer in Google vorn ist, hat Zugriffe. Wer hoch spezialisierte Inhalte anbietet, kann damit genau die Leute anziehen, welche bislang nur Zeitung lasen. Das Ganze ist machbar für unter 5 EUR im Monat, mithin sind die Produktionskosten unschlagbar günstig im Vergleich zu einem Verlag. Zig Leser können sich aus zig Angeboten genau die passenden Inhalte zusammenstellen.

    Blogs gibt es zu Tausenden. Jedes knabbert irgendwo an den Märkten der Verlage und an den Werbeeinnahmen. Viele Jäger sind des Hasen Tod. Das hat die Rundschau abbekommen, die FTD lief nicht gut und überall bricht das Printgeschäft weg. Ich würde mal abwarten, was alles noch bei den Verlagen und im Konkurrenzverhältnis zu anderen Online-Anbietern passiert, bevor man da die große Lippe riskiert. Die ehemalige Meinungshoheit der Verlage und die eindeutige politische Zuordnung bringt da auch nichts mehr.

    Im Gegensatz zu Prantl sehe ich die Blogs weiter stark. WordPress und Co. sind ganz starke Mittel zu sehr geringen Kosten. An die Tiefe und Details vieler Blogs kommt eine normale Redaktion nicht mehr heran, an die Schnelligkeit auch nicht. Ich würde als Überlebende der digitalen Revolution nur die Blätter und Magazine sehen, welche supereffizient Inhalte verdichten und diese supersauber oder/und unterhaltsam aufbereiten. Alternativ ist richtige Recherchearbeit mit guten Stories ein Zugpferd. Die bieten dann einen Mehrwert gegenüber dem vielfältigen, frei verfügbaren Internetangebot, durch das man sich aber erst mal durchblättern muss. Beispiele gefällig? The Economist für Inhaltsverdichtung. Spiegel und Focus ab und an für Investigativarbeit. Rheinische Post für gute Recherche. Viele anderen, speziell Tageszeitungen, befinden sich mE online bei den Massen “normaler” Meldungen auf einem austauschbaren Holzweg, äh, Zelluloseweg.

  40. Detlef Borchers |  12.01.2013 | 12:43 | permalink  

    Jaja, richtige Recherche, geschenkt. Man muss nur einmal Journalisten, die vom investigativen Journalismus schwärmen, direkt die Frage stellen, was sie stante pede mit 10.000 oder 100.000 auf die Kralle recherchieren würden. Dann kommt häufig ein “öhm, ähem, mal überlegen”, wo jeder ein, zwei, drei Geschichten haben sollte, die ein Faß Wut enthalten, das in die Ecke gestellt werden musste aus diesen oder jenen Sachzwängen.

  41. Amigo Seure |  12.01.2013 | 20:04 | permalink  

    Heribert Prantl hat großen Einfluss auf die Meinungsbildung in Deutschland. Ich kenne keinen Blogger, der ihm das Wasser reichen kann.

  42. Blogkrise? — Carta |  13.01.2013 | 11:45 | permalink  

    [...] den beiden trockenen Weißbrotschreiben. Nun ja – bei ‘Carta’ trug ihm das prompt einiges an Spott ein [...]

  43. Gibt es eine Blog-Krise? | Christian Buggischs Blog |  16.01.2013 | 08:33 | permalink  

    [...] die Tatsache, dass SZ-Urgestein und Online-Nichtversteher Heribert Prantl den Blogs eine düstere Zukunft prognostiziert (“Kenner des Internets sagen, auch Blogs und Blogger hätten ihre beste Zeit schon hinter [...]

  44. Vincent |  19.01.2013 | 15:49 | permalink  

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