Heribert Prantl, die FDP und die Blogs

Gibt es eine unterschwellige Parallelität zwischen dem Niedergang der FDP und dem Niedergang der Blogs? Oder ist an dieser These nichts dran?

Heribert Prantl, der Innenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung, ist ein Mann der starken Vergleiche. Sie kommen oft aus der Tiefe des Alten Testaments oder aus den Vorratskammern seiner Küche. In Prantls Kommentaren muss es drastisch und süffig zugehen und nach schweren Rotweinen und Schweinsbraten mit Knödeln und Blaukraut duften.

Um den Zustand der dahinsiechenden FDP zu beschreiben, wählte Prantl deshalb ein Gericht, das für einen bodenständigen Bayern die maximale Verachtung ausdrückt: das Sandwich bzw. den (Ham)Burger.

Die FDP, so Prantl, sei die undefinierbare Matsche zwischen den Sandwich-Scheiben, und diese Matsche habe ihr Haltbarkeitsdatum überschritten: „Der Braten ist zäh, der Thunfisch muffelt und die Gurkenscheiben sind labbrig… Das Zeug hat einen Hautgout.“ Ein Gschmäckle also. Es stinkt nach Fäulnis und Verwesung.

Natürlich kann man den Zustand der FDP so bildhaft und ekelerregend beschreiben. Doch unvermittelt schlägt Prantl dann einen gedanklichen Haken, der den Leser doch ziemlich verblüfft. Prantl schreibt mit Bezug auf die verfaulende FDP:

„Es gibt die unterschiedlichsten Dinge, von denen es heißt, sie hätten ihre beste Zeit hinter sich: Man sagt das von den Gewerkschaften, vom Vatikan, von der Fernsehshow DSDS, den Steakhäusern, den Ostermärschen und Trabbi-Witzen. Kenner des Internets sagen, auch Blogs und Blogger hätten ihre beste Zeit schon hinter sich, weil sie sich in einer ‚Sandwich-Position’ zwischen Facebook und Google+ einerseits und Twitter andererseits befänden. Gemeint ist damit, dass die Blogs im Vergleich zu den genannten Konkurrenten nicht mehr so viel zu bieten hätten.“

Hä? Wie kommt der geschätzte Leitartikler bloß von Philipp Rösler auf Blogs, Facebook und Twitter? Welcher Nachtmahr ist da mit ihm durch Wind und Gurkenscheiben geritten? Die Blogs – zerquetscht zwischen den harten Weizenmehldeckeln der Zeitungen und den Vollkorn-Brotscheiben von Twitter, Facebook und Google+? Steht es so schlecht um die Blogs, dass sie bereits müffeln wie Rösler in seiner Sandwichbelag-Partei?

Nein, den Blogs geht es erstaunlich gut. Denn sie unterliegen keiner 5-Prozent-Hürde, brauchen zum Überleben keine Mindestauflage, kein Werbeaufkommen und keine Nutzungsverträge. Wenn sie anfangen zu müffeln, werden sie schnell durch neue ersetzt. Das Potential ist riesig. Ein Teil der BloggerInnen diskutiert gerade, ob man für kulturelle Leistungen überhaupt Geld verlangen soll. Ob das Arbeiten für Geld nicht der eigenen Unabhängigkeit schade. Der andere Teil ist fröhlich dabei, den Journalismus aufzufrischen und auf originelle Weise zu ergänzen. taz, FAZ, NZZ, Zeit, Welt, das Handelsblatt, der Freitag – fast jede Zeitung von Bedeutung leistet sich heute einen Stall voller Blogs. Und viele sind besser geworden, seit die Zeitungen ein Auge auf sie werfen.

Nein, die alte Feindschaft zwischen Zeitungen und Blogs hat sich aufgelöst, unbeschadet manch ideologischer Nachhutgefechte und Sandwich-Phantasien. Die Blogs sind der würzige Belag zwischen dem täglichen Journalistenbrot und der eingezäunten Freunderlwirtschaft in den sozialen Netzwerken. Und das heißt: Sie haben ihre besten Zeiten noch vor sich.

(Oder hat Prantl mit seinem FDP-Vergleich vielleicht doch recht?  Im Freitag habe ich das Thema etwas vertieft)

Guter zusammenfassender Beitrag zum Thema “Krise der Blogs” von Konstantin Zurawski bei DRadio Wissen (15.1.)