Die öffentlich-rechtliche Echokammer unserer Demokratie (und was das Internet damit zu tun hat)

| 07.01.2013 | 6 Kommentare

Die Medienwelt hat sich insgesamt verändert, nur die Öffentlich-Rechtlichen bleiben gleich und schreiben alles wie gehabt fest. Nur teurer. Ist das wirklich die Zukunft?

Der WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn hat vor ein paar Tagen im Blog der ARD seine Überzeugung für ein öffentlich-rechtliches Rundfunksystem dargelegt. Er fand viele passende Worte, aber in den Ohren des digital-enhanced Mob blieben vor allem hängen: “Demokratieabgabe”, und seine deutliche Reaktion auf das Wort “UnGEZiefer”. Das sollte nicht so bleiben.

Diejenigen, die den digitalen Wandel beobachten, kennen das Argument, dass die etablierte Existenz einer Medienform ein Garant für die Demokratie sei. Viele haben dieses im Kampf um das Leistungsschutzrecht von den Verlegern eingesetzte Argument zerlegt, stellvertretend seien hier Stefan Niggemeier und Wolfgang Blau genannt. Und es war richtig, dies zu tun. Es ist die Aufgabe derjenigen, die disruptiven Medienwandel konstruktiv begleiten und betreiben, den Altvorderen dies genauso vorzuwerfen und zu widerlegen.

Dennoch kann Verständnis aufkommen, wenn realisiert wird, dass viele Bürger den öffentlich-rechtlichen Rundfunk über all die Jahrzehnte durchaus als wichtiges Element der Entwicklung der deutschen Demokratie erlebt haben. Sei es, weil dort ein Ort für kritische Journalisten, Dokumentarfilmer und Moderatoren zu finden war, sei es, weil die teilweise biederen Programme, die Tag für Tag über Millionen Bildschirme in ebenso biedere Wohnzimmer strahlten, denjenigen Antrieb gaben, Widerstand dagegen zu entwickeln und es anders zu machen. Internet-erfahrene Kritiker am öffentlich-rechtlichen System sollten nie so arrogant sein, diese historische Bedeutung in der prä-digitalen Epoche zu ignorieren.

 

Das Ende der Betäubung

Das öffentlich-rechtliche Programm sollte die Gesellschaft nicht nur widerspiegeln, sondern auch anregen. Das ist eine logische Quintessenz aus dem Auftrag für Information, Bildung und Unterhaltung. Es ist eingehend zu prüfen, ob dieser Auftrag noch zeitgemäß wahrgenommen wird.

Die Diskussion, die sich um das Wesen der Tagesschau zu ihrem 60-jährigen Bestehen kürzlich ergab, zeigt, dass es neue oder erneuerte Anspruchshaltungen an das Öffentlich-Rechtliche gibt. Diese sollten sich aber nicht auf eine einzelne Sendung anlässlich ihres Jubiläums beschränken, sondern müssen nachhaltig und konstruktiv entwickelt werden.

Dass die bestehende Struktur, die für diese Weiterentwicklung eigentlich zuständig sein soll, hier versagt, hat Niggemeier mit aktuellen Beispielen in seinem Text  “Die Schimäre von der Informationsoffensive” aufgezeigt. Auch der Artikel “Aus der Schaum” (Spiegel 50/12 S.160-167) zeigt, dass wir an einem Punkt angekommen sind, der ein Nachdenken über und das Gestalten von Neuem auf breiter Basis dringend notwendig macht.

 

Wir alle sind Eigentümer ohne Einfluss

Auch wenn wir froh sein können, dass in einigen öffentlich-rechtlichen Nischen noch die prä-neoliberale Kultur der 70er- und 80er-Jahre als Struktur erhalten geblieben ist, steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einer derart radikal gewandelten Öffentlichkeit, dass seine Legitimation als demokratieförderndes Medium ernsthaft neu geprüft werden muss, wie Thierry Chervel uns in seinem lesenswerten Artikel “Sendeschluß” deutlich macht.

Wo sind die respektvollen, aber deutlichen Diskussionsvorschläge für ein alternatives Mediensystem, wie es noch Hanno Beck im alten Carta von Robin vorgeschlagen hat? ”1% der GEZ für Blogger” ist der verkürzte Slogan, hinter dem viel mehr steckt, nämlich die Frage, wie aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten ein öffentlich-rechtliches Medium werden kann, das diesen Namen im 21. Jahrhundert verdient.

Liest man das aktuelle epd-Interview mit dem Publizisten und erfahrenen Medienforscher Lutz Hachmeister, kann man nur zu Weinen anfangen, wenn man versteht, mit welcher politischen Inkonsequenz und Hydra die Medienregulierung versagt. Die “Micky-Maus-Rundfunkpolitik der Bundesländer” und die generelle Weigerung der Politik, sich der Konvergenz der Medien auch mit einer Konvergenz der Medienpolitik zu stellen, ist nicht länger hinnehmbar.

 

„Was senden wir eigentlich – und wollen wir das so?“

Diese Frage wurde auf der kürzlich stattgefundenen Klausur der ARD-Chefs und ihrer Programmmacher nicht beantwortet – sie wurde nicht mal richtig gestellt! Wir, die digital aktiven Zuschauer (Zuhörer, Mitmacher, “Prosumenten”), können und sollten allerdings Antworten darauf finden. Konstruktive. Dass Markus Lanz eine leere Plastiktüte ist, über die sich jeden Tag mit Hashtag aufzuregen nichts bringt, hat sich ja langsam rumgesprochen. Was aber jetzt konkret zu tun ist, traut sich irgendwie keiner, mal konzertiert zu eruieren. Dabei haben wir doch so viele schöne Tools, um aus Ideen und Meinungen gemeinsame Konzepte wachsen zu lassen …

Die Programmverantwortlichen ahnen und einige wünschen sich insgeheim auch mehr fundierte und gestalten wollende Kritik, die auf breiter Basis steht. Mit Christian Ulmen, Olli Dittrich, Ashwin Raman und vielen anderen Medienmachern stehen auch bekannte Köpfe bereit, die diesen Aufruf zum Wandel sicher mittragen würden. Auch WDR-Chefredakteur Schönenborn ahnt, dass die Dinge sich ändern müssen, wenn er in seinem Blogpost schreibt:

“Wir werden mehr Rechenschaft ablegen müssen darüber, wie wir mit unserem Geld umgehen. Und wir werden weniger leichtfertig die Information einfach ausfallen lassen können, weil der Sport gerade gute Quoten verspricht.”

“Jüngere im Fernsehen für klassische Politik zu interessieren, ist eine Aufgabe, an der wir oft scheitern. […] Ich glaube, das hat vor allem mit unserem Politik-Begriff zu tun […] So gesehen hat die Tagesschau einen ziemlich alten Politikbegriff, den wir überprüfen müssen. Und zwar deshalb, weil uns die Demokratie-Abgabe noch mehr als bisher verpflichtet, politische Berichterstattung für alle zu machen.”

ARD, ZDF und WerWir?

Es wird keine einfache Operation, den Patienten ÖRR im laufenden Betrieb von seinen Auswüchsen zu befreien, und gleichzeitig ein geistiges Fitnessprogramm zu initiieren – aber es muss getan werden. Es wäre ein Beweis neuer Zuverlässigkeit für die digitale Schwarmintelligenz, hier einen entscheidenden Beitrag zu liefern. Das billige Gegröle auf Facebook oder Websites wie gez-abschaffen.de oder online-boykott.de, begleitet von der immer bereitwillig dem digitalen Pöbel zur Seite springenden Springer-Presse sollte nicht für die Möglichkeiten stehen, die das Web als Netzwerk der Denkenden zustande bringt.

Wir sollten 2013, das Jahr der Einführung des Rundfunkbeitrags, nutzen, uns als Öffentlichkeit den Diskurs um einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk des 21. Jahrhunderts anzueignen. Es ist nicht nur unser Geld, das dort eingesetzt wird, es ist nicht nur unsere Zeit, die wir bis jetzt damit verbrachten, uns konsequenzlos aufzuregen – es ist auch unsere Verantwortung, hier den Strukturwandel  einzufordern und zu gestalten. Ein offenes Web braucht auch offene öffentlich-rechtliche Medienstrukturen – und deswegen will ich Johnny Haeuslers Aufruf zur Rückeroberung des Webs erweitern und sage: Wir müssen uns unsere Medien zurückerobern.

……

Disclosure: Ich bin Fellow am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, welches vom im Text erwähnten Lutz Hachmeister gegründet wurde und geleitet wird.

Crosspost von Anders