Petra van Cronenburg

Ein Jahr Kindle

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Im Prinzip würde man ja schon … wenn das Angebot besser, bunter und übersichtlicher wäre.

03.01.2013 | 

Ein Jahr habe ich nun meinen Kindle. Währenddessen verstummen zum Glück langsam die recht überflüssigen Diskussionen zwischen Menschen, die dadurch das Abendland bedroht sehen, und Nerds, für die das Gerät schon wieder out ist, weil sie alle halbe Jahre neue Elektronikspielereien kaufen.

E-Books sind für mich so selbstverständlich geworden wie Luxus-Kunstkataloge oder Hardcover aus dem Antiquariat. Ich nutze meinen Reader zum Herumführen von Recherchematerial ebenso, wie zum entspannten Lesen ohne Lesebrille, oder zum Transport einer dicken Bibliothek in Wartezimmer. Verteufelt gut: Der Soforteinkauf zu jeder Tages- und Nachtzeit hat mir schon oft die Bettlektüre in letzter Minute gerettet

Nach einem Jahr zeichnet sich für mich ein neues Leseverhalten ab:

  • Ich lese mehr und schneller, dank Augenschonung.
  • Ich lese unerbittlicher. Dank Leseproben hat Schrott keine Chance. Wenn ich sie denn anschaue … (s.u.).
  • Ich lese sehr viel mehr fremdsprachige Originale. Schuld daran: die Preispolitik deutscher Verlage.
  • Ich lese sehr viel mehr Klassiker, als sowieso schon, und entdecke ständig neue dazu.
  • Ich kaufe fast keine Taschenbücher mehr, das Geld reinvestiere ich in edel gemachte Hardcover.
  • Ich lese wieder SF und Phantastik (keine Fantasy), weil endlich der Zugang dazu da ist (im Gegensatz zum stationären Buchhandel).

Auf meinem Reader findet man deshalb vor allem:

  • die typische Einmal-Leseware
  • reine Unterhaltung zur Entspannung
  • kostenlose Klassiker (und dadurch auch kostenpflichtige Ausgaben)
  • Bücher, bei denen das ausländische E-Book billiger ist als alle deutschen Ausgaben
  • Recherchematerial wegen der praktischen Such- und Markierfunktion
  • Risikoware (Bücher, die ich mir nie gekauft hätte, die mir aber dringend jemand empfohlen hat und die mich dank Leseprobe überzeugen konnten)

Ich kaufe Bücher aus Papier,

  • die ich dringend “greifbar” besitzen will
  • die ich sicher öfter als einmal lesen werde
  • die vom Verlag wertig und liebevoll gestaltet wurden
  • illustrierte Sachbücher, Coffee Tables und Kunstbände
  • historische Bücher
  • Bücher, die mich über viele Jahre begleiten sollen
  • die ich verschenken will.

Schwer, eine Bestenliste zu finden, es waren viele gute Bücher dabei. Viele gute Bücher habe ich nicht gelesen. Viele, die andere gut finden, finde ich gar nicht gut. Und ganz ärgerlich ist das Durchwühlenmüssen von immer mehr absolut schrottigen Büchern (wäre das nicht mal eine eigene Kategorie wert?), Spam-Books und wirklich betrügerischen Ausgaben zwielichtiger Macher, die oft die Suchergebnisse verstopfen. Gerade in Sachen Recherchematerial stolpere ich immer häufiger über Copy & Paste-Ausgaben aus Wikipedia und anderen gemeinfreien Quellen, die zu Fantasiepreisen angeboten werden und oft sogar die Verlagsausgaben in der Suchausgabe verdrängen. Ich warte auf den Shop, der Self Publishing anbietet, aber kriminelle Ware und Spam-Books ächtet.

In meinem Trash-Ordner landeten insgesamt sechs Bücher, die kompletter Müll waren. Ich hatte die Bücher ohne Leseprobenansicht sofort heruntergeladen, weil sie kostenlos, also kein Risiko waren. Kriterien: Lektorat, Korrektorat, Aufbereitung von Inhalten. Der wirklich unerträgliche Müll kam von drei Self Publishers, einem Kleinverlag und zwei Konzernverlagen. Damit halten sich Verlage und Self Publishing genau die Waage.Die Tendenz, Bücher zu produzieren, die in meinen Augen Müll sind (fehlendes oder unsägliches inhaltliches und sprachliches Lektorat; Inhalte, die wahrscheinlich auch Tante Erna nicht braucht), steigt leider bei Konzernverlagen signifikant an. Ich habe fast schon eine persönliche Black List, bei wem ich mich nie bewerben wollte, aus Angst vor so einem Lektorat. Wenn Self Publisher Müll fabrizieren, kann man das wenigstens mit dem Hobbyfaktor entschuldigen, aber bei einem Verlag?

Kurzum – die ganz großen Gewinner sind bei mir in diesem Jahr die Indie-Verlage (siehe Liste “Feine Verlage entdecken, links unten in der rechten Seitenleiste) und die wirklich in jeder Hinsicht professionell arbeitenden Indie-Autoren. Erstere finden körperlich in meine Bibliothek, letztere auf den Reader.

Was das Kaufverhalten betrifft: Wenn mein stationärer Buchhändler einen E-Book-Shop hätte, der folgende Kriterien erfüllt, würde ich nicht mehr bei Amazon herunterladen:

- Usability, Sicherheit und Bequemlichkeit, ähnlich wie bei Amazon

- das Angebot von Ware von Verlagen und von Self Publishers

- internationale Bücher

Was mich absolut abtörnt, sind Shopfreuden wie  diese hier.
 
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7 Kommentare

  1. Isarmatrose |  03.01.2013 | 11:06 | permalink  

    Als Beobachtung des Leseverhaltens mit eBooks, finde ich den Text und die Erfahrungen sehr interessant. Aber auch wenn es nervt, mir fehlen die warnenden Worte vor Amazon. Bücher werden da nicht gekauft, sie werden von Amazon geliehen. Etwas, dass bei deutschen Büchern auf Grund der Buchpreisbindung eine teure Angelegenheit ist. Ansonsten mag ich den Text sehr, mir fehlt wirklich nur ein ergänzender Absatz. :-)

  2. Thomas Klüppel |  03.01.2013 | 14:40 | permalink  

    Ich finde insbesondere den Kindle mittlerweile überflüssig. Man kann die Bücher besser im Browser lesen oder über eine schöne augenfreundlichere App.
    Z.B. die Kindle App unter Windows 8 auf dem Microsoft Surface Tablet.

    Ich gebe zu, im Gleitsichtbrillenalter zu sein.

    Bücher aus Papier kaufe ich aus denselben Gründen wo Sie!!

  3. Ein Jahr Kindle | e-books, e-reading, e-publishing: Lesen, Schreiben, Veröffentlichen im Social Web | Scoop.it |  03.01.2013 | 15:34 | permalink  

    [...] Im Prinzip würde man ja schon … wenn das Angebot besser, bunter und übersichtlicher wäre….Ein Jahr habe ich nun meinen Kindle. Währenddessen verstummen zum Glück langsam die recht überflüssigen Diskussionen zwischen Menschen, die dadurch das Abendland bedroht sehen, und Nerds, für die das Gerät schon wieder out ist, weil sie alle halbe Jahre neue Elektronikspielereien kaufen.E-Books sind für mich so selbstverständlich geworden wie Luxus-Kunstkataloge oder Hardcover aus dem Antiquariat. Ich nutze meinen Reader zum Herumführen von Recherchematerial ebenso, wie zum entspannten Lesen ohne Lesebrille, oder zum Transport einer dicken Bibliothek in Wartezimmer. Verteufelt gut: Der Soforteinkauf zu jeder Tages- und Nachtzeit hat mir schon oft die Bettlektüre in letzter Minute gerettetNach einem Jahr zeichnet sich für mich ein neues Leseverhalten ab:Ich lese mehr und schneller, dank Augenschonung.Ich lese unerbittlicher. Dank Leseproben hat Schrott keine Chance. Wenn ich sie denn anschaue … (s.u.).Ich lese sehr viel mehr fremdsprachige Originale. Schuld daran: die Preispolitik deutscher Verlage.Ich lese sehr viel mehr Klassiker, als sowieso schon, und entdecke ständig neue dazu.Ich kaufe fast keine Taschenbücher mehr, das Geld reinvestiere ich in edel gemachte Hardcover.Ich lese wieder SF und Phantastik (keine Fantasy), weil endlich der Zugang dazu da ist (im Gegensatz zum stationären Buchhandel).Auf meinem Reader findet man deshalb vor allem:die typische Einmal-Lesewarereine Unterhaltung zur Entspannungkostenlose Klassiker (und dadurch auch kostenpflichtige Ausgaben)Bücher, bei denen das ausländische E-Book billiger ist als alle deutschen AusgabenRecherchematerial wegen der praktischen Such- und MarkierfunktionRisikoware (Bücher, die ich mir nie gekauft hätte, die mir aber dringend jemand empfohlen hat und die mich dank Leseprobe überzeugen konnten)  [...]

  4. Aktuelles 4. Januar 2013 — neunetz.com |  04.01.2013 | 19:14 | permalink  

    [...] Ein Jahr Kindle [...]

  5. Petra van Cronenburg |  05.01.2013 | 14:37 | permalink  

    @Isarmatrose
    Wenn ich da etwas aufklären darf: Das wäre überall der Fall, wo man Bücher in einer Cloud lagert und sich auf den Reader “beamen” lässt. Man kann als Sicherheit aber auch per USB-Kabel kaufen. Und vor allem ein Back-up seiner gekauften E-Books auf dem Computer ablegen. Wie bei allen Daten sollte man nicht allein auf die gespeicherten Inhalte auf dem Reader zählen!
    Ob es sich Amazon nach dem Skandal der Löschung von Orwells “1984″ noch einmal erlauben kann, Bücher einfach vom Reader verschwinden zu lassen, wage ich beim heute sensibilisierten Publikum zu bezweifeln. Grundsätzlich gilt aber natürlich immer der Grundsatz: Trau, schau, wem. Solche technischen Möglichkeiten hat übrigens jeder Shop … Dass E-Books grundsätzlich etwas “Flüchtigeres” und eigentlich nur Kopien sind, während man Papierbücher körperlich besitzt, ist natürlich ein starkes Argument für Papier.

  6. Irene |  07.01.2013 | 14:29 | permalink  

    Etwas, dass bei deutschen Büchern auf Grund der Buchpreisbindung eine teure Angelegenheit ist.

    Nicht die Buchpreisbindung, sondern die Verlage sind für die Preise der E-Books verantwortlich. Die Buchpreisbindung würde durchaus erlauben, dass das E-Book nur einen Bruchteil des gedruckten Buchs kostet, und bei den Selfpublishern findet man auch einige Beispiele dafür.

    Die Buchpreisbindung garantiert aber, dass Amazon ein und dasselbe E-Book nicht billiger anbieten kann als die Konkurrenz.

  7. Isarmatrose |  07.01.2013 | 19:46 | permalink  

    @Petra: Das alles kann ich bei gekauften eBooks in der Regel machen, aber eben nicht bei welchen, die ich bei Amazon gekauft habe. Die kann ich nicht kabellos oder via UBS vom Kindle oder aus der Cloud holen und sichern. Darauf wollte ich hinaus. eBooks sind was nettes, aber auch hier sollte mit Prinzipien gekauft werden und die sind bei Amazon nicht gegeben. Es geht nicht mal darum, dass die nie wieder “1984″ löschen, sondern darum, dass alles weg ist, falls ich mich einmal von Amazon abmelde oder sich das Unternehmen auflöst. Proprietäre Software und Lizenzen und DRMs machen eBooks und den Zuagng zu ihnen, zu etwas flüchtigem.

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