Juliana Goschler

Das Kindlein in der Krippe

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In Deutschland fehlen derzeit 220.000 Kitaplätze. Diese Zahl kann man drehen und wenden, wie man will, sie offenbart, dass die Bundesregierung in dieser Frage bisher versagt.

28.12.2012 | 

Sie lässt außerdem ahnen, was auf Behörden und Kommunen zukommt, wenn ab August 2013 ein Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz besteht. Was also tun, wenn man nicht regierungskritisch sein will, sich aber selbst nicht glauben kann, wenn man die bisherigen “Erfolge” im Kitaausbau schönzureden versucht, oder Tagesmütter, Omas und Opas als rettende Lösung präsentieren möchte?

Richtig, man wählt die Taktik “Angriff ist die beste Verteidigung” und behauptet einfach, dass die Betreuung von Kindern in Kitas sowieso eine schlechte, eine ganz schlechte Sache sei. Übel, gemein, bösartig. So zum Beispiel Christine Brinck gestern im Tagesspiegel. Und da wird kein rhetorischer Trick ausgelassen: Statt von Betreuung spricht sie davon, Kinder in der Kita “abzulegen”, ja, gar zu “entsorgen”. “Loswerden” wollten Eltern mit Kitaplatzwunsch ihre Kinder, und zwar so schnell wie möglich. Und das, obwohl jeder wisse, wie unglücklich Kinder in der Kita seien. Dass sich dieses “Unglück” nach einer Weile bessere, redeten sich Eltern zur eigenen Beruhigung ein. Und so weiter.

Über diese kleinen sprachlichen Kniffe hinaus wird aber auch thematisch ein kühner Bogen geschlagen: Über den Missbrauch des Begriffes des Kindeswohls (mal wieder). Denn diejenigen, die das Kindeswohl angeblich hochielten, täten dies natürlich nur als Vorwand: Dieser Vorwand solle zum Beispiel dazu dienen, Elternteile nach der Scheidung “bis auf drei Wochenenden im Jahr auszugrenzen” (man fragt sich hier, auf welchen speziellen Einzelfall sich dies beziehen soll – vielleicht auf ein Elternteil im Gefängnis oder in der Entzugsklinik, das nur dreimal im Jahr besucht wird? Denn selbst in den eher seltenen Fällen, in denen einem geschiedenen Elternteil das Sorgerecht entzogen wird, gilt normalerweise ein deutlich ausgedehnteres Umgangsrecht). Oder der “Vorwand” des Kindeswohls werde von Beschneidungsgegnern missbraucht, um einen kleinen, nur drei Minuten dauernden Eingriff zu delegitimieren. Wie viel schlimmer dagegen die Praxis, ein Kind in einer Kita betreuen zu lassen! Der Schmerz sei schlimmer, da seelisch, und langanhaltender, da das Geheul beim Abgeben klar länger als fünf Minuten dauere.

Schließlich wird eine Kitabetreuung mit klinischen Versuchen an Kindern gleichgesetzt, die man normalerweise an “Mäusen oder Strauchratten” vornehme. Und selbst die zeigten Stresssymptome, wenn man sie von der Mutter trenne. Inwiefern solche Befunde auf Menschen übertragbar sind, wird nicht diskutiert, leider wird auch die Studie nicht ordentlich zitiert. Man würde schon gerne genauer lesen, wie das Tierexperiment aussah, in dem junge Strauchratten stundenweise nicht von ihren Müttern, sondern von ausgebildeten Erzieherstrauchratten in speziell dafür entworfenen Strauchrattenkitas betreut wurden. Aber was kümmern an der Stelle solche Kleinigkeiten.

Nun könnte man dieses Schlechtmachen von Kitas als das abhaken, was es ist: Hetze. Aber die Autorin des Artikels macht keine halben Sachen – nicht nur sprachlich-rhetorisch will sie die Betreuung von Kindern in Krippen als unmenschlich und unverantwortlich brandmarken. Nein, sie hat auch wissenschaftliche Studien – durchgeführt an Menschen! – aufgefahren, die angeblich die schädlichen Effekte solch einer Betreuung beweisen. Zitiert wird eine Studie des „National Institute of Child Health & Human Development“ sowie ein auf den in dieser Studie gesammelten Daten aufbauender Forschungsartikel.

Diese Studie hätte “gravierende Verhaltensprobleme insbesondere bei Jungen festgestellt, wenn sie zu viel Zeit in der Krippe verbrachten”, berichtet Brinck zunächst.

Die Ergebnisse zeigen tatsächlich, dass es negative Effekte auf das Verhalten der Kinder gibt, wie es von Erziehern in der Vorschule berichtet wird. Diese negativen Effekte betreffen allerdings nur 16% aller Kinder, die in einer Einrichtung betreut wurden, und sie waren nicht besonders stark. Einige Forscher weisen deshalb darauf hin, dass wegen der geringen Effektstärken keine einfachen Schlussfolgerungen zu ziehen seien. Darüber hinaus unterschieden sich die Gruppen je nach ethnischer Zugehörigkeit: Bei hispanischen Kindern war dieser negative Effekt zum Beispiel nicht vorhanden. Allein dieses Detail lässt daran zweifeln, dass die Ergebnisse der Studie ohne weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragen werden können, wo sowohl die Zusammensetzung der Bevölkerung als auch die damit verbundenen kulturellen Unterschiede völlig andere sind. Aber selbst wenn man diese Übertragung großzügig zuließe, bleibt unklar, wie die Autorin von den tatsächlich berichteten Ergebnissen der Studie zu ihrem Fazit kommt. Denn diese liegen doch sehr weit auseinander.

Dass es sich bei den negativen Auswirkungen um “gravierende Verhaltensprobleme” handele, könnte man noch als sehr freie Übersetzung werten, denn tatsächlich ist nur ein kleiner Teil dieses berichteten Problemverhaltens tatsächliche Aggressivität, etwa in Form von “Kämpfen” zwischen den Kindern, oder soziale Unangepasstheit. Ein großer Teil der als problematisch eingestuften Verhaltensweisen fällt eher in Kategorien wie “Ungehorsam” oder “Widerspruch” (‘talking back’). Selbst, wenn man dies als durchweg negativ klassifizieren möchte – unklar bleibt in der Studie, wie die Autoren dieser auch selbst feststellen, inwiefern es sich dabei um Übergangsverhalten handelt, das eben dann auftritt, wenn Kinder sich in neuen und bisher unbekannten sozialen Situationen wiederfinden. Mit anderen Worten, dieses Problemverhalten könnte durchaus auch bei Kindern auftreten, die in ihrer frühen Kindheit zu Hause versorgt wurden – nur eben später, zum Beispiel in der Schule.

Gänzlich unter den Tisch fallen lässt die Autorin des Tagesspiegel-Artikels dagegen den Befund, dass Kinderkrippenkinder klare und eindeutige Vorteile im Bereich der kognitiven Fähigkeiten haben und sowohl in Prä-Lese-Tests als auch in Zahlen- und Raumverständnis besser abschneiden, und zwar über alle sozialen und ethnischen Gruppen hinweg. Der Tagesspiegel behauptet in der Zwischenüberschrift dagegen:

Kognitive Fähigkeiten sind besser, je länger Kinder daheim bleiben

Da die tatsächlichen Ergebnisse der Studie, die im Prinzip das Gegenteil zeigen, offensichtlich nicht so gut ins Bild der schädlichen Kita passen, führt Brinck eine weitere Studie ins Feld, die sich auf Grundlage der schon bekannten Daten mit der Frage befasst, welchen Einfluss genau die Dauer der Kitabetreuung hat. Brinck fasst zusammen, “dass die kognitiven Fähigkeiten am größten sind, wenn die Kinder zwischen zwei und drei in die Krippe kommen”. Auch das stimmt – Überraschung! – so nicht. Tatsächlich ist der Vorteil, den die Krippenkinder gegenüber den Zuhausebleibern haben, durchschnittlich am größten, wenn sie mit zwei bis drei Jahren in die Kita kommen, aber einen signifikanten Vorteil haben laut Studie ALLE Kitakinder – bis auf die, die erst mit fünf oder später außerhalb ihres Zuhauses betreut wurden. Das gleiche gilt für den Vergleich der wöchentlichen Betreuungsdauer: Den größten Vorsprung haben Kinder, die zwischen 15 und 30 Stunden pro Woche in der Einrichtung sind, aber auch Kinder, die länger als 30 Stunden betreut werden, schneiden besser ab, nur eben nicht noch besser. Bei Brinck wird daraus folgendes:

Nie mehr als 30 Stunden in der Woche sollten die Kleinkinder jenseits mütterlicher/häuslicher Pflege verbringen, lautete die dringende Empfehlung.

Nicht nur empfehlen die Autoren der letzteren Studie überhaupt nichts, auch diejenigen, die auf Basis der Studie tatsächlich etwas empfehlen, sagen nichts dergleichen. So zum Beispiel Christine M. Todd, Professorin für “Child and Family Development” an der University of Georgia, die Eltern rät, Kinder in möglichst hochqualitativen Einrichtungen betreuen zu lassen, und wenn dies nicht möglich sei, selbst für eine möglichst hochwertige Versorgung und Stimulation zu sorgen, notfalls selber eine Ausbildung zu machen bzw. demjenigen, der das Kind versorgt, eine entsprechende Ausbildung zu bezahlen. Denn mit dem Können, der Bildung und Ausbildung der erziehenden Person steht und fällt das Ergebnis der Kindererziehung.

Aber auch so ein Rat passt natürlich nicht zu der intendierten Stoßrichtung des Artikels. Denn nicht nur haben wir in Deutschland nicht genügend Kitas, es fehlt auch und vor allem an qualifizierten Erzieher*innen. Und die Idee, verkürzte Ausbildungen anzubieten, um Arbeitslose zu Erzieher*innen umzuschulen, wird das Problem mittel- und langfristig nicht lösen. Aber gerade das sollte ja vergessen gemacht werden. Oder noch besser: Je weniger verunsicherte Eltern ihr Kind NICHT in der Kita anmelden, desto weniger fehlende Plätze. Und desto kleiner das Versagen der Regierung.
 
Crosspost von Dr. Mutti

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3 Kommentare

  1. Andreas Moser |  28.12.2012 | 15:17 | permalink  

    Die Zahl zeigt auch (oder alternativ), daß wir keine Politik zur Förderung von noch mehr Kindern betreiben müssen, denn wir haben schon zu viele davon.

  2. Peer Steinbock |  28.12.2012 | 15:54 | permalink  

    Wenn wir mehr Kinderkrippen, Kitas, Kindergärten für Kinder, die jünger als drei Jahre alt sind, haben wollen, müssen wir sie bezahlen. Entweder wir alle, die wir Steuern zahlen, oder die Eltern über Gebühren. Auch eine Mischfinanzierung wäre möglich, ändert aber nichts am Grundprinzip.
    Schon jetzt muss jedes Kind ab sechs in die Grundschule, die bekanntlich vom Steuerzahler finanziert wird. So gut wie jedes Kind ab drei geht heutzutage in einen Kindergarten (eine Kita). Die Kosten werden zum Teil durch gestaffelte Gebühren, zum Teil durch Steuergelder beglichen.
    Jetzt geht es also praktisch um die Einjährigen und Zweijährigen. Im ersten Lebensjahr soll das Elterngeld eine Freistellung von Mutter oder/und Vater erleichtern.
    Da verwundert mich dieser Kampf, ja geradezu Hass, zwischen den Gegnern und Befürwortern der außerhäuslichen Betreuung von Kleinkindern. Beide Seiten nehmen nur die Studien, Statistiken, Erfahrungsberichte etc. wahr, die sie in ihrer Meinung bestätigen. Auch dieser Artikel ist ein schönes Beispiel für diese Einseitigkeit und teilweise Bösartigkeit.

  3. Peter |  29.12.2012 | 10:59 | permalink  

    In einer Gesellschaft, in der eher Geld für den Kinderkanal als für die Kinderkrippe, eher Geld für das Sportschauen anstelle des Sporttreibens da ist, muss ein solches Agieren nicht wundern. Wo kämen wir denn hin, wenn die Kinder aus allen Schichten unter guten Bedingungen aufwachsen würden und als Erwachsene dann die richtigen Fragen stellen würden? Herdprämien und schlecht ausgestattete Kindereinrichtungen konservieren vorhandene Verhältnisse. Die Prioritäten anders zu setzen, würde sie entwickeln.

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