„Eine Frau Ihres Aussehens“: Eine Begegnung mit Thilo Sarrazin

Am 10. Dezember war Thilo Sarrazin im Amsterdamer Debattiertheater De Balie eingeladen, um über Europa und Migration zu diskutieren. Die Autorin dieses Texts kam dabei mit ihm ins Gespräch.

„Sprechen Sie Deutsch?“ fragt er während des Abendessens langsam und so deutlich er es eben kann. Am Tisch Holländer und Deutsche. Alle sprechen Deutsch. Er fragt nur mich. Die einzige Dunkelhaarige in der Runde.

Zwei Stunden zuvor: Meine erste Begegnung mit Thilo Sarrazin im Foyer des Amsterdamer Debattiertheater De Balie. Ich bin überrascht und fast ein wenig schockiert. Vor mir steht ein alter, gebrochener Mann. Sein Gang ist sehr steif, seine grauen Haare zerzaust, das Sprechen fällt ihm sichtlich schwer. Seine Augen schauen fast hilfesuchend durch die leicht schief sitzende Brille und wirken seltsam traurig und müde. Wir reden kurz über seine Anreise, den Verkehr, das Wetter, natürlich auf Deutsch.

Am Abend lädt der Direktor des De Balie dann eine kleine Runde zum Essen ein. Als sich alle gesetzt haben, fragt mich Sarrazin dann tatsächlich diese Frage.  Alle Gespräche verstummen, und am Tisch breitet sich ein beklommenes Schweigen aus. Sarrazin bekommt von all dem nichts mit. Ich sammele mich kurz und antworte: „Ich spreche Deutsch, Russisch, Englisch und Französisch fließend.“

„Wissen Sie“, fährt Sarrazin fort, „ich hatte letztens auch so eine junge muslimische Frau Ihres Aussehens im Gespräch in einer Talkshow.“ Jemand aus der Runde fragt, wie Herr Sarrazin von meinem Aussehen auf meine Religion schließen kann. Sind ab heute alle dunkelhaarigen Menschen Muslime? Und alle Muslime als potentielle Gefahr für den deutschen Staat anzusehen, so, wie er es in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ darstellt?

Stotternd versucht sich Sarrazin zu rechtfertigen. Er habe nur sagen wollen, das Mädchen sei genau so jung und hübsch gewesen. Er wolle gar nicht pauschalisieren. Entschuldigt sich sogar. Ich lächle ihn einfach nur an.

Das Gespräch am Tisch dreht sich bald um andere Themen, wie zum Beispiel die NSU-Affäre und das Versagen des Staats. Auch hier hat Sarrazin eine klare Meinung: „Das ganze Geschehen wäre nicht so ausgeartet, hätten wir starke Führer an der Macht.“ Und schon wieder blicken alle entsetzt von ihren Tellern hoch.

Hat er das gerade wirklich gesagt? Weder äußert er sein Mitgefühl für die Hinterbliebenen der neun ermordeten Männer, die in den Jahren 2000 bis 2006 der rechtsextremen Zwickauer Terrorzelle zum Opfer fielen. Noch betrachtet er die Zusammenarbeit zwischen dem Verfassungsschutz und den Mitgliedern des Nationalsozialistischen Untergrunds kritisch, welche erst die Beschaffung der Tatwaffen und somit die Mordserie ermöglichte.„Die enge Zusammenarbeit zwischen Staat und Rechtsextremisten ist auch in anderen Ländern üblich“, argumentiert Sarrazin, so als bereue er nur, dass die Affäre überhaupt aufgedeckt wurde.

Mir vergeht der Appetit. Ich lasse meinen Teller zurückgehen.

Kurze Zeit später begebe ich mich in den bereits fast komplett gefüllten Saal, in dem Sarrazin eine Rede hält, um anschließend mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen.

Es beginnt eine nicht enden wollende Stunde. Eine Stunde voller menschenverachtender, realitätsferner Thesen. Unter anderem sagt Sarrazin:

Es ist einfach zu beweisen, dass weitere Migration aus Afrika und dem Nahen und Mittleren Osten mehr Kosten verursacht – sowohl wirtschaftlich als auch finanziell, und auch in Form von kulturellen und sozialen Spannungen – und keine moralischen, finanziellen und wirtschaftlichen Vorteile bringt.

Und weiter:

Migranten aus der Türkei, Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten (mit Ausnahme der Migranten aus Iran und Migranten mit christlichem Glauben) sind die Gruppen mit den höchsten Geburtenraten, dem niedrigsten Bildungslevel, der geringsten Integration in den Arbeitsmarkt, der größten Abhängigkeit von Sozialleistungen und der höchsten Kriminalität.

Sarrazin beendet seine Rede schließlich mit einem persönlichen Appell:

In Bezug auf die kommende Migration nach Europa gibt es viele Gründe, die Zukunft in dunklen Farben auszumalen. Aber für heute werde ich dieser Versuchung widerstehen und ende mit dem Zitat zweier deutscher Gedichte:

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott,
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch
Friedrich Hölderlin (1802)                                        

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit.
Und neues Leben blüht aus den Ruinen
Friedrich Schiller (1804)

Im Publikum ist eine große Mehrheit begeistert. Es kommt keine einzige kritische Frage. Es ist bedrückend, wie viel Anklang sein Hass und seine Hetzerei bei den Menschen im Saal gefunden haben.

Als der Moderator den Abend beendet, stürme ich als Erste aus dem Saal. Ich will nur raus an die frische Luft. Mein Magen zieht sich zusammen, und im Kopf wirbelt alles durcheinander. Als Kind einer jüdischen Mutter und eines muslimischen Vaters kann ich nicht glauben, was ich gerade erlebt habe: eine Reise in die Vergangenheit. Wurde nicht schon einmal nach einem Sündenbock gesucht? Und wurde damals nicht das Bild vom bösen schwarzen Juden erschaffen? Und heute jagen wir den bösen schwarzen Moslem?

Ich gehe zurück ins Theater und spreche Thilo Sarrazin direkt an: “In Ihrer Rede erwähnen Sie ‘Araber’, die teilweise seit 30 Jahren in Deutschland leben und angeblich in Deutschland nur schmarotzen.” Ein Asylbewerber lebt in Deutschland vom monatlichen Grundleistungsbeitrag von ca. 130 bis 200 Euro. Dieser Beitrag liege weit unter dem Harz IV-Satz, und somit auch weit unter dem menschenwürdigen Existenzminimum. In der Urteilsbegründung des Bundesverfassungsgerichts vom 18. Juli 2012, das diese Praxis verbietet, heißt es: „ Die Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren.“ Was er, Sarrazin, dazu sage?

„Das Karlsruher Urteil halte ich für absoluten Schwachsinn!“, antwortet er mit einer unglaublichen Gleichgültigkeit. „Die Menschenrechte sollten in Deutschland nur für Deutsche gelten. Für Migranten sollten die Gesetzt ihres Herkunftslandes gültig sein.“

Ich bin sprachlos. Sarrazin wird scheinbar klar, was er gerade gesagt hat. Stotternd versucht er sich zu erklären: „Die Armutsgrenze in Deutschland ist die Luxusgrenze in Libanon. Ich finde, die Migranten sollten hier weiterhin in dem Armutsstandard leben, in dem sie in ihrem jeweiligen Land leben würden.“

Auf meinem Gesicht ein Ausdruck des Entsetzens. Sarrazins Stimme wird unsicher. Schließlich sagt er hastig, er brauche ein frisches Getränk, dreht sich um und geht.