Die Medienrevolution frisst ihre Kinder

Der Nachwuchs in den Medienunternehmen ist oft nur lobbylose Melkkuh. Der Ärger wird zu einer verlorenen Generation führen - oder einer Revolution.

Sie könnten die Hoffnungsträger der Medienhäuser in Zeiten des Umbruchs sein. Könnten. Doch die junge Generation von Medienschaffenden wird eher eine verlorene Generation sein. Die Zeichen, die das andeuten, verdichten sich. Während Verlagsbosse in teuren Anzügen darüber meckern, dass die Einnahmen einbrechen, arbeiten für sie dutzende Praktikanten, die im Monat weniger bekommen, als der Chef gerade am Körper trägt. Oftmals bekommen sie gar nichts.

Nicht nur, dass sie Praktikum an Praktikum reihen. Diese Praktika werden auch immer weniger wert. Denn während die einen noch unbezahlt ihren Chefs Twitter und das CMS erklären und im Abschlussgespräch hören müssen, dass das angedeutete Volontariat nun doch an jemand anderen geht – aber man gerne kostenlos weiter „Erfahrungen sammeln“ dürfe -, beenden die anderen ihr Praktikum und dürfen dann ansehen, wie die geknüpften Kontakte nur noch Bruchstücke wert sind, da die Redaktion samt Medium geschlossen wird.

Gleichzeitig darf ein Heer von studentischen Hilfskräften ohne Lobby das Rückgrat vieler Medien spielen. Die Welt kompakt wird weitestgehend von eigenen Journalistenschülern betrieben. Statt von unterbezahlten Arbeitskräften spricht man in der Branche aber lieber von praxisnaher Ausbildung. Ein Sechstel der FTD-Belegschaft waren Studenten und Doktoranden. Während die alteingesessenen Journalisten oft zumindest durch Forderungen von Gewerkschaften unterstützt und zum Teil von ehemaligen Konkurrenten umworben werden, stehen die entlassenen „Hilfskräfte“ häufig lobbylos da. (Bei der FTD hat sich ver.di eingeschaltet.)

Ohnehin stellt sich die Frage, warum es so häufig Journalisten sind, die entlassen werden, wenn die Einnahmen rückläufig sind. Ist es nicht die Anzeigenvermarktung, die primär von rückläufigen Anzeigen betroffen werden sollte? Oder die Geschäftsführung, die schlechte Zahlen verantworten muss? Klar, alle sitzen in einem Boot. Aber doch tun sich hier potentielle neue, innerbetriebliche Konfliktfelder auf. Im Fußball jedenfalls entlässt man, wenn die Ergebnisse nicht stimmen, meist den Trainer. Überraschend häufig hat man damit sogar Erfolg.

Der Trend ist klar: Es wird in Zukunft mehr Online geben. Und nachdem immer mehr Zeitungs-Journalisten entlassen werden, kann man davon ausgehen, dass immer mehr Online-Journalismus von Print-Journalisten gemacht werden wird. Ob das Innovationen voranbringt, darf bezweifelt werden. Die nativen Onliner werden derweil belächelt, sie sollen erst mal „richtigen Journalismus“ machen – aber davor doch nochmal kurz zeigen, „wo ich dieses Twitter einschalte“.

Um sich nach der Ausbildung zu beweisen, in der sie zum Teil Vorzeigeprojekte auf die Beine stellen, mit denen sich Verlage sonnen, bleiben den frischen Kräften oft nur Startups und Blogs außerhalb der großen Unternehmen. Damit holen sie zum Teil sogar Journalisten-Preise (Carta, FuPa, 2470media, OpenDataCity, …). Von großen Medien und konservativen Ausbildern werden sie dennoch gering geschätzt. Vielleicht aus Arroganz, vielleicht aus Angst. Gleichzeitig werden auch hierzulande US-Blogs wie selbstverständlich als Quelle in der Berichterstattung angegeben.

Was bei all dem entsteht, ist eine verlorene Generation. Vor Frust oder aus finanzieller Notwendigkeit wandert sie in andere Bereiche ab. Statt beim Medienwandel zu helfen, arbeitet sie in PR oder Webdesign. Und es stellt sich eine neue Frage. Nicht: Wie werden wir in zwanzig Jahren den Journalismus finanzieren? Sondern: Wer wird in zwanzig Jahren überhaupt Journalismus machen?

Vielleicht fühlt sich diese Generation aber auch provoziert. Vielleicht will sie einfach nichts anderes machen als ihren Traumberuf. Vielleicht will sie beweisen, was in ihr steckt. Vielleicht wird sie einen Verbündeten finden. Vielleicht wird Google, wenn es von den Verlagen zu genervt sein wird, Geld in die Hand nehmen und mit den jungen Kräften hier etwas auf die Beine stellen. Vielleicht werden Innovation und der Wunsch, „es denen zu zeigen“, dafür sorgen, dass das Bisherige weggefegt wird in einem reinigenden Sturm. Revolutionen waren schon immer etwas Blutiges.

Das ist unwahrscheinlich und es ist unklar, ob es überhaupt klappen würde. Aber an manchen Tagen wünsche ich es mir. Diese Tage werden immer häufiger.