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Vera Bunse

Frauen & Blogs: Die Rückkehr zur Normalität

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Ja, die gibt es tatsächlich. Zumindest, wenn man zwei Jahre zurückblickt.

19.12.2012 | 

Gestern rief eine Redakteurin von frau.tv an und wollte wissen, wie es denn mit den weiblichen Politbloggern aussehe: Ein Anlass, nach meiner letzten größeren Bestandsaufnahme vom Januar 2010 mal wieder darüber nachzudenken.

Es hat sich gleichzeitig viel und wenig geändert. Ehe ich das auseinanderklamüsere, will ich kurz erklären, weshalb ich mich aus dem Thema rausgezogen habe.

 

Genderpolizei

2010 war ich sehr zuversichtlich, dass die vielen gescheiten Netzfrauen dabei sind, sich freizuschwimmen und die Möglichkeiten von Blogs und sozialen Netzwerken für ihre Anliegen zu nutzen. Die Mädchenmannschaft war eine Anlaufstelle, die auch Menschen angesprochen hat, die sich selbst als “nicht politisch” bezeichnen. Diskussionen wurden dort offen, sachlich und höflich geführt, außerdem waren viele Männer unter den regelmäßigen Kommentatoren, was der Lebenswirklichkeit entspricht. Leider hat sich das geändert.

Es war dieser neue, dogmatische Ton, der eine Zeitlang die gesamte Feminismusdebatte im Netz bestimmt und mich abgestoßen hat. Ich wollte mir nicht anhören, was ich erst mal alles lesen müsse, um überhaupt mitreden zu dürfen. Die akademische Diskussion ist wichtig, sollte aber an entsprechender Stelle stattfinden und nicht Frauen ausschließen, die sich mit dem ganz alltäglichen Wahnsinn der Geschlechterdebatte auseinandersetzen wollen. Eine neue, unabhängige Plattform dieser Art gibt es meines Wissens nicht, obwohl auf einzelnen Blogs weiterhin sachlich und allgemein verständlich diskutiert wird. Dabei wäre sie dringend notwendig.

Antje Schrupps Beitrag “Kein Bock mehr” beschreibt gut, wie ich mich fühle. Auch der Ausdruck Genderpolizei gefällt mir sehr: So komme ich mir vor, wenn wütende Kommentare mir vorwerfen, dass ich in meinen Texten nicht gendere. Für mich ist das eine Lesebremse, und Sprache ist mir nun mal wichtig. Wenn andere gendern möchten, ist das auch in Ordnung. Wer deshalb aus meinen Artikeln herauszulesen meint, ich sei frauenfeindlich, bitte. Es gibt da dieses riesige Netz, da ist für jeden Geschmack was dabei.

Ich habe absolut keine Lust, mich auf Debatten über Feminismus einzulassen, die sich nicht im Geringsten mit lebendigen, atmenden Frauen beschäftigen oder nur den Versuch machen, sie mitzunehmen. Für mich ist die Durchschnittsfrau eine, die Alltagsprobleme hat, und wenn die mit ihrem Frausein zusammenhängen, braucht sie Lösungen, und keine 50 Bücher oder ein Soziologiediplom. Sie braucht Rückendeckung, Selbstbewusstsein und ganz normalen Hausverstand. Man kann tatsächlich nützliche Strategien entwickeln, ohne jemals von Gender Studies gehört zu haben.

 

Ein falsches Politikbild

Mein Anliegen waren immer die Frauen, die sich selbst als unpolitisch bezeichnen. Es ist erstaunlich, wie weit dieses Selbstverständnis oft von der Wirklichkeit entfernt ist. Die Beschäftigung mit Politik machen viele Frauen immer noch daran fest, Namen von Politikern zu kennen, stets parat zu haben, welche Themen gerade im Bundestag behandelt werden und die weltpolitische Lage samt Akteuren in fünf Minuten auswendig zusammenfassen zu können. Falsch, Mädelz, das braucht kein Mensch.

Zu dieser Einstellung haben jahrzehntelang (Medienschelte, kommt jetzt, ihr habt sicher schon drauf gewartet) die Massenmedien beigetragen. Weder in der Sache, noch im Tonfall oder in der Ausdrucksweise haben sie beschrieben, was politische Ereignisse bedeuten und was an ihnen wichtig ist. Sie haben vergessen, einfach darzustellen, was an diesem und jenem den Einzelnen betrifft, welche Auswirkungen es auf jeden Bürger hat. Sie haben ihre Rolle als Übersetzer nicht wahrgenommen. Bis heute scheint ein Schreibwettbewerb stattzufinden, wer den abgehobensten politischen Text verfassen kann. Wenn Journalisten belehrend auf dem hohen Ross des Durchblickers sitzen und mit Fremdworten und Schachtelsätzen Vermutungen anstellen, ist das bestenfalls feuilletonistischer Unfug und die tätige Förderung von Politikverdrossenheit.

Hinzu kommt die gesellschaftlich verbreitete Ablehnung der politischen Klasse an sich, weil sie unverständlich, intransparent und/oder selbstsüchtig handelt. Eine Familienministerin etwa, die in der Seifenblase eines virtuellen Biedermeiers lebt und weltferne Gesetze beschließen lässt, hätte eigentlich die Aufgabe, sich mit den Lebensumständen “da draußen” vertraut zu machen und Bedingungen zu schaffen, die sie erleichtern oder vereinfachen.

Es ist verständlich, dass Frauen sich mit so etwas nicht beschäftigen wollen, sie haben wahrlich Besseres zu tun. Allerdings verzichtet diese schweigende Mehrheit dadurch freiwillig auf ihren politischen Einfluss. Mit dem Internet ist eine Ausdrucksmöglichkeit entstanden, die Abhilfe schaffen könnte, aber durch die eingangs beschriebenen Diskussionen im Elfenbeinturm ist eher Abschreckung entstanden.

 

Das Netz hat sich verändert

Es gibt viel mehr Frauenblogs als noch vor zwei Jahren, auch solche, die sich mit den Alltagsproblemen von Frauen beschäftigen, und die das in verständlicher und oft amüsanter Form tun. Doch das Kind müsste erst aus dem Brunnen geborgen werden: Die erste Welle der Netzbegeisterung ist vorbei. Damit sind auch viele Frauen wieder verschwunden, die eigentlich Interesse gehabt hätten, sich aber in der damals vorhandenen, männlich dominierten Blogosphäre nicht zurechtfanden oder ihre Bedürfnisse nicht abgebildet sahen. Inzwischen hat sich die Bloglandschaft verändert und konsolidiert. Gründe sind unter anderem das Thema Netzpolitik, von dem sich viele betroffen fühlen, und die immens gestiegene Akzeptanz des Internets als Kommunikationsmittel, die langsam auch in der Politik ankommt. So hat Nessy heute auf ihren offenen Brief ans Familienministerium eine ausführliche Antwort auf ihrem Blog bekommen – vor zwei Jahren noch unvorstellbar.

Das Internet wird nicht mehr als Biotop für Spinner wahrgenommen. Neben der Tatsache, dass es ein riesiger Wirtschaftsfaktor ist (was zu neuen Problemen führt, aber das ist eine andere Baustelle), werden Blogs und soziale Netzwerke mittlerweile auch von Referenten und Mitarbeitern in netzferneren Dienststellen sorgfältig beobachtet. Das sollte nicht unterschätzt werden. Zwar stehen immer noch Netzangst und peinliches Unwissen im öffentlichen Fokus, aber die Einsicht, dass dieses Netz nicht mehr weggeht, ist doch Konsens. Und die Beschäftigten in den Ministerien sind großenteils jung und fit; dass sie keine Entscheidungsbefugnis haben, sagt nichts über ihren internen Wirkungsgrad aus.

Es ist ein großer Fortschritt, dass so unterschiedliche Politikerinnen wie Tabea Rößner (Grüne), Dagmar Wöhrl (CSU) oder Halina Wawzyniak (Die Linke) – neben vielen anderen – engagiert bloggen und twittern. Dahinter steht auch die Erkenntnis, dass der Rückkanal für die politische Arbeit nur nützlich sein kann. Wer eine twitternde Politikerin anspricht, bekommt fast immer Antwort – Frauen scheinen da weniger Berührungsängste zu haben, denn bei den twitternden Männern sind (sinnvolle) Antworten immer noch die Ausnahme. Diese Präsenz wird weitere Frauen ermutigen, auch ins Netz zu kommen.

 

Ins Netz schreiben

Die Debatte über die Unterschiede zwischen Bloggern und Journalisten ist weitgehend durch, unter Frauen hat sie auch kaum stattgefunden. Nach den Ereignissen während des arabischen Frühlings und in Fukushima hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Beide sich gegenseitig ganz gut ergänzen. Unter den Jüngeren ist das ohnehin kein Thema mehr. Das Argument, nicht schreiben zu können “wie ein Journalist”, ist damit obsolet (wobei sowieso nicht feststeht, dass Journalisten per se besser schreiben).

Die Vernetzung hat sehr erfreulich zugenommen. Blogs verlinken sich gezielter. Auf Twitter findet schnelle Verständigung statt, wenn man etwas wissen oder ein Thema publik machen will. Man kennt sich, Neue werden freundlich und hilfsbereit aufgenommen. Retweets sind ein Gebot der Höflichkeit, wenn man weiß, das Thema liegt der Absenderin besonders am Herzen, Rückfragen oder Absprachen sind per DM unkompliziert und schnell möglich. Und natürlich ist es die großartigste Informations- und Gossipquelle, die ich mir denken kann. (Facebook kann ich nicht leiden, dafür bin ich auf Google+.)

Nun wird nicht Jede, die twittert oder auf Facebook oder G+ unterwegs ist, gleich ein Blog aufmachen. Wichtig ist aber, dass die Bekanntheit der verschiedenen Blogging-Möglichkeiten zugenommen hat. Es ist etwas anderes, beispielsweise auf dem einfach einzurichtenden und zu bedienenden tumblr mit ersten Gehversuchen zu posten, wenn man sowieso schon bei Facebook ist. Damit ist der erste Schritt zum eigenen, “richtigen” Blog getan, und man kann es ja erst mal ausprobieren und nur für den engsten Freundeskreis freigeben. Der auch kommerziell große Erfolg der Koch- und Modeblogs zeigt, dass es jede kann, die schreiben mag und ein Thema hat, mit dem sie sich auskennt.

Es fehlt eine Anlaufstelle, wo Frauen über gelegentliches Kommentieren allmählich ins selbst Schreiben reinrutschen können. Ich bekomme häufig Mails, die ohne Weiteres als Blogartikel taugen würden, die Absenderinnen möchten sie aber durchaus nicht veröffentlichen, nicht einmal in den Kommentaren. Im gestrigen Gespräch mit der Redakteurin vermutete sie, das habe vielleicht mit der Angreifbarkeit zu tun, der man sich damit aussetze. Ich glaube das nicht. Meine These von vor zwei Jahren “Klappern, laut sein!” steht noch, sie enthält aber keineswegs die Forderung, gleich mit dem Klarnamen loszulegen, und laut sein ist auch keine Voraussetzung, um seine Meinung im Netz aufzuschreiben. Die Pseudonymität ermöglicht ja gerade die geschützte Meinungsäußerung; sie ist für viele Bloggerinnen, die ich kenne, der entscheidende Auslöser gewesen, es zu versuchen. Diese Frauen wollen sich nicht verstecken, geschweige denn, irgendwelchen Unrat absondern. Sie schaffen sich dadurch vielmehr einen Freiraum abseits ihres Alltags und die Möglichkeit, eine bestimmte Seite ihres Wesens darzustellen. Das fordert Unterstützung und Anerkennung, denn je mehr Frauen ins Netz schreiben, desto besser werden sie wahrgenommen, desto mehr steigt insgesamt der Einfluss von Frauen.

 

Traut euch!

Der Knackpunkt ist nach wie vor die eigene Einstellung, man “verstehe nichts von Politik”. Dann beobachtet euch doch mal abends bei den Fernsehnachrichten. Ihr sitzt da bestimmt immer seelenruhig im Sessel, auch, wenn Frau von der Leyen und Herr Rösler einen geschönten Armutsbericht veröffentlichen wollen, nicht wahr? Findet ihr ganz normal, klar, wie auch das Betreuungsgeld, das der alleinerziehenden Sozialhilfeempfängerin nicht im Geringsten hilft, oder? Altersarmut ist natürlich auch nicht euer Bier.
Denkt mal drüber nach.

Man muss nicht an hochgestochenen Diskussionen teilnehmen oder die veröffentlichte Meinung teilen, um mitreden oder -schreiben zu können. Es reicht ganz und gar, eine Meinung zu haben und genügend Deutsch zu können, um sie so aufzuschreiben, dass andere sie verstehen. Macht ihr doch jeden Tag – ihr unterhaltet euch bei der Arbeit, im Supermarkt, im Kindergarten oder in der Schule, im Bus, mit der Familie und mit Freunden. Und dabei sagt ihr nie etwas “Politisches”? Sorry, ihr seid lausige Schwindlerinnen.

Also: Es hat sich viel getan, das Internet ist keine Nerdecke oder Männerdomäne mehr. Frauen werden ebenso gerne gelesen wie Männer, und aus demselben Grund: Sie haben etwas zu sagen, weil sie über ihre Anliegen nachdenken und ihnen klar wird, dass andere dieselben haben. Es gibt kein Thema, das uninteressant ist. Wer im Netz unterwegs ist, weiß, dass es für die wildesten Hobbies und Interessen irgendwo ein paar Blogs gibt. Macht die Augen auf und sucht eure Nische.
 
Nachsatz
Liebe Medien,

von euch wünsche ich mir, dass ihr die Unwilligkeit der Politiker ausgleicht, sich mit Alltagsproblemen zu beschäftigen. Dafür seid ihr da: Dem gewöhnlichen Bürger zu erklären, was Sache ist. Nehmt zur Kentnis, dass die Bevölkerung nicht überwiegend aus Akademikern und Feuilletonlesern besteht. Seht euch die Sorgen und Nöte der Menschen an und fragt sie, was sie bewegt, bekümmert und freut. An frau.tv: Seid bissig. Macht den Frauen klar, dass sie etwas bewegen können – und dass sie sich dafür selbst bewegen müssen.
 

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20 Kommentare

  1. TmoWizard |  19.12.2012 | 18:06 | permalink  

    Hallo Vera,

    wirklich ein gut gelungener Artikel, der viel zum Thema Genderisierung beiträgt. Es gibt zwar schon viele von Frauen betriebene Blogs, im politischen Bereich sieht es aber tatsächlich leider sehr mager aus.

    Stimmt schon, viel Schuld daran haben die Medien und vor allem auch einige bloggende Kollegen, aber auch viele Frauen selbst; frei nach dem Motto: Was versteht schon eine Frau von Politik!

    Ehrlich gesagt kenne ich solche Leute auch aus meinem eigenen Umfeld, männliche und weibliche! Erst dann, wenn man mit ihnen redet bemerken viele, daß sie ja doch etwas davon verstehen.

    Die andere Seite ist allerdings, daß viele sich das Bloggen gar nicht zutrauen. Aber hier sehe ich in meinem Bekanntenkreis, daß das sowohl auf Frauen wie auch auf Männer zutrifft. Sie verstehen es nicht, wie z. B. ich das einfach so machen kann! Wie kann ich mich einfach so an meinen Rechner setzen, teilweise stundenlang recherchieren und dann auch noch öffentlich und für jeden lesbar einen Artikel ins Internet stellen? Das lustige (oder auch traurige) daran ist allerdings, daß viele von denen jeden Tag ihren Senf bei z. B. Facebook hinterlassen, welches eine wesentlich größere Reichweite hat wie mein kleines Blog!

    Nachdenkliche und bloggende Grüße nun aus TmoWizard’s Castle

    Mike, TmoWizard

  2. Vera Bunse |  19.12.2012 | 19:32 | permalink  

    Dankeschön – vor allem für die Bemerkung über Facebook. DAS mach den Leuten mal klar … Sisyphosarbeit ist dagegen ein Zuckerschlecken.

  3. Erbloggtes |  20.12.2012 | 03:27 | permalink  

    Wow, in dem Artikel stecken so viele wichtige Themen drin! Möglichst knapp ein paar angerissen:
    * Lebendige, atmende Männer gibt es angeblich auch da draußen irgendwo. Akademische Diskussionen über Gender schließen gewiss auch viele von denen aus, obwohl die, wie Du ja andeutest, auch eine wichtige Zielgruppe sind.
    * Sehr empfehlen kann ich Pseudonyme. Tragt Masken, schont das eigene Gesicht! (Spruch aus meinem Hinterkopf, keine Ahnung woher der ursprünglich kommt.) Auch Pseudonyme, die AutorInnen kein Geschlecht zuweisen, oder in dieser Frage verwirren, oder ein falsches Geschlecht suggerieren, finde ich sehr zu empfehlen. Niemand weiß, wie viele Frauen im Internet als “Arnold Schwarzenmann” oder “Günther Maskulinus” kommentieren – und das ist eine Chance, kein Problem.
    * Beim Politikbild der Massenmedien kann ich das aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Und das gilt nicht nur für Politik. Namen und Daten aufsagen können gilt in diesem Land als Bildung – und damit als einer der höchsten Werte des Bürgertums. Ganz genau: “das braucht kein Mensch”.
    * Mut, ins Netz zu schreiben: Der wird Frauen zweifellos abgewöhnt. Dazu gehört nicht nur die hohe Hürde, zu glauben, dass man selbst eine Meinung zu etwas habe. Sondern auch die ebenso hohe Hürde, zu glauben, dass man die auch artikulieren könne. Die Hemmschwellen sinken sicherlich. Aber was ich bei Facebook sehe, sind vielfach junge Frauen, die vorgefertigte Texte in ihr Profil posten (moderne Kettenbriefe) oder Bilder teilen, auf denen ein Text abgebildet ist. Selbstgeschriebenes kommt kaum an Twitter-Länge heran. Ich glaube ja, dass es tief in der Erziehung/Kultur drin steckt, dass Frauen in der Öffentlichkeit den Mund zu halten haben. Das muss dringend überwunden werden. Vorschlag für ein Schulfach: Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Wenn SchülerInnen Theateraufführungen machen können, warum sollten sie dann nicht bloggen können?

    Eine ketzerische Frage zum Schluss: Wenn ich mich bemühe, “Dem gewöhnlichen Bürger zu erklären, was Sache ist”, muss ich dann anders schreiben, als wenn ich versuche, der gewöhnlichen Bürgerin zu erklären, was Sache ist?

  4. Irene |  20.12.2012 | 13:01 | permalink  

    So lange das, was Männer tun, als wichtiger gilt als das, was Frauen tun, wird es immer so aussehen, als ob vor allem Frauen aufzuholen hätten. (Und wenn sie tatsächlich aufholen, wie etwa beim Frauenanteil in der Medizin und Biologie und Mathematik, dann zählt es irgendwie nicht recht, und es rücken die Ingenieurfächer in den Hyperfokus nach.)

    Man könnte das Spiel ja auch mal zum Spaß umdrehen und sich fragen, warum sich so wenige Männer trauen, kreativ zu sein Selbstgemachtes (Zeichnungen, Strickpullover, Schokomuffins, gehäkelte Interventionen im öffentlichen Raum) ins Netz zu stellen. Und die nerdigen Fotoblogs mit der 3.000-Euro-Ausrüstung einfach ignorieren.

  5. mumi |  20.12.2012 | 14:08 | permalink  

    Also ich persönlich scheiße darauf, ob ein Artikel oder ein Kommentar von einer Frau oder einem Mann kommt. Wenn es was taugt, taugt es was. Da ist mir völlig schnuppe ob von Männlein oder Weiblein. Diese Debatte ist doch ebenso zweckfrei und kindisch wie eine Frauen- oder Männerquote in Politik oder Wirtschaft.
    Wenn ich mir z.B. unsere Kanzlerin so anschaue, verdamme ich den Tag an dem Frauen anfangen durften zu Arbeiten. Scheiß aufs Geschlecht. Wichtig ist alleine ob der Mensch was taugt oder nicht!
    In welche Kategorie ich jetzt die oben erwähnte Polit-Schauspielerin einordne überlasse ich jedem einzelnen selbst.

  6. Art Vanderley |  20.12.2012 | 19:55 | permalink  

    “Also ich persönlich scheiße darauf, ob ein Artikel oder ein Kommentar von einer Frau oder einem Mann kommt. Wenn es was taugt, taugt es was.”

    Deftig und wahr.

    Auch was die Sprache angeht , werde ich nie verstehen , was die ganze Korrektheit über die tatsächlichen Verhältnisse aussagen soll, in die eine oder die andere Richtung.

  7. Anne Roth |  21.12.2012 | 11:18 | permalink  

    Jetzt nochmal hier – ich hatte den Text zuerst bei “Kaffee bei mir” gesehen:

    Ich war ein bisschen überrascht – beim Einstieg zu “weiblichen Politbloggern” hatte ich mit was anderem gerechnet als dem, was dann kam: es ist eher eine Auseinandersetzung mit Frauen- /feministischen Blogs oder Blogs, die sich mit Frauenalltag beschäftigen als mit Politik-Bloggerinnen, oder? Wie kommst du vom einen auf das andere?

    Ganz am Schluss steht, “das Internet ist keine Nerdecke oder Männerdomäne mehr. Frauen werden ebenso gerne gelesen wie Männer” – den Eindruck teile ich überhaupt nicht, tut mir leid. Bekannte Bloggerinnen kannst du doch an einer Hand abzählen, würde ich sagen. Zufällig habe ich gerade mal die Autorinnen in den beiden Netzpolitik-Jahrbücher von irights.info und von netzpolitik.org gezählt: 24 bzw. 25%. Von der Hälfte also noch weit entfernt, und mir fällt gerade kein anderes Thema ein, wo das anders wäre, abgesehen natürlich von den ‘Frauenthemen’.

  8. Irene |  21.12.2012 | 12:24 | permalink  

    Frauen werden ebenso gerne gelesen wie Männer” – den Eindruck teile ich überhaupt nicht, tut mir leid. Bekannte Bloggerinnen kannst du doch an einer Hand abzählen, würde ich sagen.

    Das ist kein Widerspruch. Dass die Männer bei den Alpha-Hirschis weit in der Überzahl sind, heißt nicht, dass Männer unterm Strich wirklich mehr gelesen werden.

    (Ich will damit nicht sagen, dass der Männerüberhang an der Spitze egal ist, denn die Hirschis werden ja eher von anderen Medien zitiert und auf Podien eingeladen.)

  9. Irene |  21.12.2012 | 12:45 | permalink  

    Einen hab ich noch.

    Von der Hälfte also noch weit entfernt, und mir fällt gerade kein anderes Thema ein, wo das anders wäre, abgesehen natürlich von den ‘Frauenthemen’.

    Das liegt am eigenen Filter.

    Bei den Buchblogs (also mit Buchtipps und Rezensionen) und Autorenblogs sind Frauen gut vertreten. Und bei Gartenblogs.

    Man kann jetzt natürlich einwenden, dass Gartenblogs ein Frauenthema sind und es deshalb irgendwie nicht zählt, siehe mein Kommentar von gestern (Nr. 4). Da reiche ich übrigens ein “und” nach, das ihr vor “Selbstgemachtes” in den Satz einkleben dürft :-)

  10. Vera Bunse |  21.12.2012 | 14:30 | permalink  

    @Anne
    Ja, der Text ist mir ein bisschen davongelaufen. Aber ist Frauenalltag unpolitisch? Ich finde, nein. Die Lebenswirklichkeit von Frauen ist sehr politisch, auch, wenn sie es nicht so wahrnehmen. Blogs wie etwa Sammelmappe, Manu bloggt, dyfustifications, Draußen nur Kännchen oder Frau Meike sind nicht unpolitisch, bloß, weil nicht “Politik” drübersteht (während es z.B. bei Atari-Frosch sofort klar wird). Sie haben eine Sicht auf Politik, die sich mit der der meisten Leserinnen deckt, die dabei wahrscheinlich überhaupt nicht an Politik denken.

    Ich bin mittlerweile in ganz anderen Netzecken unterwegs und habe mich wohl weitgehend von der traditionellen, selbstreferentiellen Sicht entfernt. Bloggende Frauen schreiben eben nicht nur über Feminismus, soziale Themen oder Mode / Kochen / Events. Sie bloggen über Autos, Technik, Software, Hardware, Wissenschaft, Wirtschaft, Banking, Journalismus, Geschichte, Literatur, Theater, und und und. “Weiblich, deutsch, bloggt” bedeutet nicht per se Befindlichkeits-Blogging. Der Ausschnitt, der immer beleuchtet wird, ist zu klein, der rein netzpolitische Blick zu eng, und Bekanntheit hat nichts mit Relevanz zu tun. Wenn man immer nur Kochblogs liest, kann natürlich der Eindruck entstehen, es gebe im Netz nichts anderes, aber der Tellerrand ist trotzdem nur einen Klick weit weg.

  11. Anne Roth |  21.12.2012 | 14:45 | permalink  

    Vera, mir musst du das im Grunde nicht sagen, aber wenn der Alltag von Frauen politisch ist (ist er), dann ist auch der von Männern politisch (ist er), und damit sind dann alle Politblogger. Hm.

    Aber darum ging es ja wahrscheinlich bei der Frage der Redakteurin nicht ;).

    Natürlich schreiben Frauen über alle möglichen Themen, wie eben Männer auch. Aber u.a. deswegen habe ich mich eben gewundert, dass du (nur) über die feministischen Blogs und dann die Frauen geschrieben hast, die sich ‘nicht trauen’ (oder andere Gründe haben, warum sie nicht bloggen wollen). Und die Partei-Netzpolitikerinnen. Dabei gibt es ja Frauen, die über dezidiert politische Themen bloggen, manche mit, manche ohne Bezug zu ihrem eigenen Alltag – und die hast du beim ‘Davonlaufen’ vergessen, glaube ich, oder? Mehr wollte ich gar nicht sagen.

  12. Vera Bunse |  21.12.2012 | 14:48 | permalink  

    @Anne
    Einverstanden. Dann muss ich wohl die Tage noch mal nachfassen, wenn ich ein bisschen Zeit habe. Danke für deinen Anschubs, mit etwas Input geht es einfach besser.

  13. “Das’ halt unnormal wie Ihr bloggt.” « shehadistan |  21.12.2012 | 14:54 | permalink  

    [...] auf Carta: Die Mädchenmannschaft ist die Gender-Polizei, unhöflich, unsachlich, dogmatisch und [...]

  14. Robin |  23.12.2012 | 09:26 | permalink  

    Es ist der Hammer: Gerade entschließe ich mich, ein zweites Blog zu starten, in dem ich auch feministische Themen ansprechen will, die mich interessieren, da fällt mir dieser Beitrag hier in den Schoß.

    Ich kann nur sagen: Vielen Dank dafür!

    Ich stamme aus einem ziemlich repressiven Dörflein, in dem die Geschlechtertrennung in manchen Bereichen noch genauso selbstverständlich durchgezogen wird wie anno 1950… also liegt mir das Thema Feminismus sehr am Herzen.
    Leider fühle ich mich vom Netzfeminismus bisher überhaupt nicht gut vertreten, aber selbst mitmischen? Das konnte ich mir lange nicht vorstellen. Mich hat die gegenderte Sprache abgeschreckt, ich konnte mit den ganzen schicken englischen Begriffen nichts anfangen und seriöse Bücher zum Thema habe ich auch nicht gelesen. Kurz, ich kam mir regelmäßig blöd vor, wenn ich mich auf verschiedenen Blogs herum trieb.

    Viele Inhalte des Netzfeminismus gehen an der Lebenswirklichkeit vorbei. Jedenfalls an meiner. Daher hoffe ich, demnächst auch ein wenig beitragen zu können, um meine Sicht der Dinge darzustellen. Beiträge wie dieser machen jedenfalls Mut.

    Nochmal: Vielen Dank!

  15. Vera Bunse |  23.12.2012 | 10:39 | permalink  

    Dann hat das Geschriebene ja ein Ziel erreicht, das freut mich.

  16. Frauen & Blogs: Die Rückkehr zur Normalität – Featurette |  23.12.2012 | 13:49 | permalink  

    [...] können – und dass sie sich dafür selbst bewegen müssen.   Dieser Text erschien sowohl auf Carta, als auch in Vera Bunses privatem Blog “… Kaffee bei mir?“ [...]

  17. Spiegel |  24.12.2012 | 09:26 | permalink  

    Ob Mann oder Frau jeder hatt das gleiche recht ein kommentar ab zu geben.

  18. kontinentaldrift |  24.12.2012 | 19:53 | permalink  

    Hallo Vera Bunse,
    guter Artikel. Danke!

  19. Dezember 2012 |  03.01.2013 | 21:36 | permalink  

    [...] Frauen & Blogs: Die Rückkehr zur Normalität Ich würde das, unabhängig von der Genderthematik, auch als Aufruf an alle weiterreichen einfach zu bloggen. Am besten mit eigener Meinung. [...]

  20. Webschau Januar 2013 |  16.01.2013 | 05:02 | permalink  

    [...] Frauen & Blogs: Die Rückkehr zur Normalität [...]

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