Ulrich Horn

Die Stunde der Aufsichtsräte

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Wie ein roter Faden ziehen sich Unfähigkeit und hohe Verluste durch Vorstände, Aufsichtsräte und die Behörden von Bund, Ländern und Städten.

19.12.2012 | 

Bei ThyssenKrupp wurde aufgeräumt. Drei Vorstandsmitglieder mussten ihren Hut nehmen, weil sie den Konzern in Schieflage gebracht hatten. Ob auch Aufsichtsräte ihre Pflichten versäumten, wird noch untersucht. Die ohnehin schon spektakuläre Räumaktion könnte unter Umständen noch spektakulärer werden.


Mitverantwortlich für die Krise

Die harte Reaktion auf die komplexe Krise des Unternehmens ist ein Signal, das über den Konzern hinausreichen könnte. Aufsichtsratschef Cromme war Vorsitzender der Kommission, die das Regelwerk für ethisch vorbildliche Unternehmensführung schuf. Er muss sich an dem Kodex messen lassen. Bisher wendet er ihn bei anderen an. Es wäre an der Zeit, den Kodex mit Leben zu füllen.

Man wünscht sich, Crommes Aktion würde Schule machen. Was wäre, wenn es im wirtschaftlichen und politischen Leben üblich würde, jemanden zur Rechenschaft zu ziehen?

Crommes Kollege bei der Deutschen Bank, Achleitner, hätte ebenfalls gute Gründe, im Vorstand der Bank aufzuräumen. Auch Achleitner gehörte der Kommission für vorbildliche Unternehmensführung an. Die beiden Vorstandschefs der Bank, Jain und Fitschen, haben das Unternehmen in eine sehr schwierige Lage manövriert. Sein Ruf ist massiv beschädigt. Er könnte dauerhaft leiden.

Cromme musste rasch handeln, um das Heft bei ThyssenKrupp in der Hand zu behalten. Es wäre ihm fast entglitten. Er hatte die entlassenen ThyssenKrupp-Vorstände selbst eingestellt. Mit seinem harten Durchgriff versucht er nun, dem Vorwurf zu begegnen, er habe nicht sorgfältig kontrolliert und sei mitverantwortlich für die Krise des Unternehmens.

 

Vorwurf der Untätigkeit

Achleitner muss diesen Vorwurf bisher nicht fürchten. Jain und Fitschen wurden vor seiner Zeit als Chef des Aufsichtsrats an die Spitze des Vorstands berufen. Das geschah gegen den Willen des scheidenden Vorstandschefs Ackermann. Er hat wohl gewusst, was nach seinem Abgang auf die Bank zukam.

Achleitner könnte unbeschwert agieren. Er könnte Jain und Fitschen kippen, ohne sich selbst zu beschädigen. Bisher handelt er nicht, wohl, weil ihm Alternativen fehlen. Niemand wird sich drängen, eine Bank zu leiten, die derart viele Probleme hat.

Eine Lösung von außen ist problematisch. Der Vorstandschef der Bank sollte das Unternehmen schon gut kennen. Eine Lösung von innen drängt sich nicht auf. Doch über kurz oder lang muss sich Achleitner etwas einfallen lassen: Wartet er zu lange, zieht er sich den Vorwurf der Untätigkeit zu. Dann wäre auch er beschädigt.

 

Selbstreinigung funktioniert nicht

Unternehmen zu kontrollieren, ist kein Freizeitjob. Unzureichende Kontrolle begünstigte den Niedergang der WestLB. Mancher Kontrolleur distanziert sich heute von seiner Kontrollaufgabe. Peer Steinbrück war zwar zeitweise Mitglied des WestLB-Verwaltungsrats, will aber an keiner Entscheidung des Gremiums beteiligt gewesen sein.

Was passiert, wenn Aufsichtsräte versagen, zeigt sich auch beim Bau des Berliner Flughafens. Die Kosten schießen durch die Decke. Der finanzielle Schaden ist enorm. Der Start verschiebt sich ins Ungewisse. Die viertgrößte Exportnation der Welt ist unfähig, einen mittelgroßen Flughafen termingerecht und zu vernünftigen Preisen zu errichten. Ein Armutszeugnis.

Die Aufsichtsräte kleben an ihren Sesseln, als handele es sich bei ihren Fehlern und Versäumnissen um eine Bagatelle. Jeder sieht: Die Bauleitung und die Kontrolleure, allen voran die beiden Regierungschefs Wowereit und Platzeck, sind überfordert. Längst hätte ihre Partei, die SPD, ihnen das Handwerk legen müssen. Doch auch die Selbstreinigung der Politik funktioniert in Deutschland nicht.

 

Es geht auch um Korruption

Die Hamburger Philharmonie und das Duisburger Landesarchiv, die jeden Kostenvoranschlag sprengen; die Bahn, die über die jahreszeitlichen Temperaturwechsel aus den Gleisen gerät; das Weltunternehmen Siemens, das Bahn-Aufträge nicht pünktlich abwickelt; der Bau des Deckels über der A 1 in Köln, dessen Fehlplanungen viele Millionen kosten; Bund und Länder, die keine verbindliche Statistik über Bestand und Bedarf der Kita-Plätze zustande bringen: Wohin man schaut, Misswirtschaft – Made in Germany.

Die Liste ließe sich leicht verlängern. Die Projekte, die aus dem Ruder laufen, haben meist eines gemeinsam: Sie haben keine Konsequenzen. Das ist noch nicht das Schlimmste. Beim Duisburger Landesarchiv geht es auch um Korruption. Nur dort?

Eines der größten Projekte der Republik sind die vielen zehntausend Kita-Plätze, die derzeit mit großem Aufwand gebaut werden. Man kann vermuten: Sobald das Programm abgearbeitet ist, werden hier und da Staatsanwälte und Polizisten anrücken, um Büros zu durchsuchen, Akten zu beschlagnahmen und Anklage zu erheben. Wundern würde das niemanden.
 
Crosspost von Post von Horn

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3 Kommentare

  1. A. G. |  19.12.2012 | 09:43 | permalink  

    “Bei ThyssenKrupp wurde aufgeräumt.” Wohl nicht: http://www.thyssenkrupp.com/de/konzern/steinbrueck.html

  2. 68er |  19.12.2012 | 10:40 | permalink  

    Herr Horn, Sie sehen das ganz falsch. Unsere Bochumer Oberbürgermeisterin vertritt in einem Interview der Ruhrnachrichten in Bezug auf Millionenbeträge, die die Bochumer Stadttöchter an den Event-Manager Sascha Hellen für Promi-Sausen gezahlt haben, folgende Meinung:

    “Dass die Bürger Konsequenzen sehen wollen, wenn sowas geschieht, kann Scholz nicht verstehen: ‘Wir sind doch nicht im alten Rom.’ Es gebe eben ‘Situationen, wo es nicht geht, dass einer die Schuld auf sich nimmt.’ ”

    “Ein Rücktritt als Aufsichtsratsvorsitzende kommt für sie nicht in Frage. ‘Das wäre ein Schuldeingeständnis. Vor wem soll ich kapitulieren? Vor meiner eigenen Blödheit? Ich finde, da müssen andere Leute gehen.’ “

    http://www.ruhrnachrichten.de/nachrichten/region/hierundheute/Was-bleibt-ist-die-Hilflosigkeit;art1544,1843676

  3. dr.do |  22.12.2012 | 15:16 | permalink  

    Es gab einmal den Vorschlag, Körperschaftssteuerausfälle durch erwirtschaftete Verluste in eine zusätzliche Steuer für die zugehörigen Beschäftigten umzurechnen. Hört sich kompliziert an, ist aber im Computerzeitalter kein Problem. Ich halte das für regulatorisch brilliant. Wurde aber vom damaligen Finanzminister Steinbrück abgelehnt.

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