Online-Medien: Vertrauenssache

| 18.12.2012 | 19 Kommentare

Prozessjournalismus ist als Begriff noch so neu, dass nicht alle ihn schon richtig verstanden haben.

Ein Freund sagte immer, ordentlich arbeiten könne man nur, wenn man die drei A beherzigt: Anfangen, Arbeiten, Aufhören. Tja. So war das früher. Angefangen und gearbeitet wird immer noch, nur das Aufhören scheint schwieriger geworden zu sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein fertiger, veröffentlichter Text auf der Website eines großen Online-Mediums mehrmals geändert wird. Das ist kein Einzelfall, nur ist es diesmal eben aufgefallen.

Einer der Vorzüge des Internets ist die Speicher- und Wiederholungsmöglichkeit, die Beiträge dauerhaft verfügbar macht. Manche können sich noch an die schrecklichen Schreibmaschinen erinnern, an die Durchschläge, die Tippfehler und das ewige Tipp-ex. Lästig, wenn in der Ausgabe ein Fehler war, der musste in der nächsten richtiggestellt werden und kostete Platz. Das ist zum Glück alles nicht mehr nötig: Vom Vertipper bis zu ganzen Absätzen kann man alles korrigieren, ohne mehr tun zu müssen, als das CMS zu öffnen und die Änderungen einzutippen. Wenn es nötig ist, fast in Echtzeit.

Allerdings hat die Sache ein paar Haken: Verlässlichkeit. Glaubwürdigkeit. Leservertrauen.

Im Normalfall wird ein Artikel von einer Person genau einmal gelesen. Geht es aber um ein kontroverses Thema oder eine umstrittene Darstellung, dann macht der Link in den sozialen Netzwerken die Runde, und Zitate werden verbreitet. Was, wenn die Zitate nicht mehr mit dem Text auf der Website übereinstimmen? Wenn der Sinn von Aussagen plötzlich ein anderer ist? Zunächst mag man noch an Zitierfehler glauben – wenn aber immer mehr Leser meinen, es sei nicht mehr derselbe Text? Vermutlich wurde dann geändert, ohne es zu kennzeichnen. Und das geht gar nicht.

Eine kleine private Umfrage bei Nicht-Nerds:

  • Vertraust du deinen bevorzugten Websites? Alle haben mit Ja geantwortet.
  • Glaubst du, dass Aussagen in einem bereits veröffentlichten Artikel geändert werden? Niemand hat mit Ja geantwortet.
  • Denkst du, dass in Onlinetexten geändert wird? Ja, bestimmt, wenn es nötig ist, aber dann sieht man es ja gleich.
  • Was sieht man? Na, dann steht “Update” drüber. Manchmal ist auch ein Wort oder Satz durchgestrichen, oder es ist ein Sternchen dran, das auf eine Erklärung am Textende verweist.
  • Du meinst aber, grundsätzlich kannst du dich auf Online-Veröffentlichungen verlassen? Wieder haben alle mit Ja geantwortet.

Schreiben als Prozess ist eines der neuesten Buzzwords. Was Dirk von Gehlen gerade versucht, ist spannend, denn er bezieht die Rezipienten mit ein und macht den gesamten Entstehungsvorgang begreifbar. Über andere Spielarten der zunehmenden Fortschreibungspraxis müssen sich Medienwissenschaftler den Kopf zerbrechen: Vielleicht brauchen wir bald alle unendlichen Speicherplatz, um die vielen Versionen der gleichen Geschichte unterzubringen; vielleicht können wir bei Amazon aussuchen, welches Ende von “Vom Winde verweht” wir vorziehen. Besonders sympathische Charaktere in Krimis werden gar nicht erst umgebracht, und von Mankell gibt es auch gleich eine gewaltfreie Version. Alles ganz kuschelig.

Schlimm genug, dass Regierung und Großverlage schon auf Kuschelkurs sind, da braucht es in den Nachrichtenmedien nicht auch noch unendliche Geschichten. Was die Leser von Onlinern – Journalisten wie Bloggern – erwarten können, ist, dass der Text so stehen bleibt, wie er geschrieben wurde. Dass Änderungen kenntlich gemacht werden. Dass nicht nachträglich an einem Artikel herumredigiert wird, bis die ursprüngliche Aussage verwässert ist oder dem Publikum besser gefällt.

Aufhören. Transparent ändern. Vertrauen verdienen.