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Vera Bunse

War die FTD eine Studentenzeitung?

 | 14 Kommentar(e)


Gestern, am 17. Dezember, erschien die „Protest Times“, die inoffizielle Nachfolgezeitung der „Financial Times Deutschland“. Hergestellt und verteilt von den „FTD-Studis“. Wie bitte?

18.12.2012 | 

Ja, von den 350 Mitarbeitern aus Verlag und Redaktion, die bei den Gruner & Jahr-Wirtschaftsmedien nun vor der Entlassung stehen, arbeiteten keineswegs alle in unbefristeten Verhältnissen (das waren nur 234). Ein gewichtiger Teil der Arbeit wurde

FTD

nicht von Redakteuren und dafür ausgebildeten Verlagsleuten, sondern von studentischen Hilfskräften erledigt. 57 Studenten und Doktoranden sind betroffen (das ist rund ein Sechstel der Belegschaft). Und diese 57 werden bei der Ausarbeitung des Sozialplans wohl das Nachsehen haben. Dazu heißt es in der Protest Times:

„Einige von uns sind schon seit acht Jahren angestellt. Wir übernehmen für die FTD und die Magazine Tätigkeiten, die auch von Festangestellten ausgeführt werden. Wir arbeiten für die Honorarbuchhaltung, die Anzeigenherstellung, sind als Büroassistenten tätig, gestalten das Layout, unterstützen die IT, schreiben Onlineartikel, erstellen Infographiken, übernehmen die Bildbearbeitung, sind beim Leserservice die Stimme nach außen, belichten am Abend die Seiten und lektorieren Artikel. Einige von uns arbeiten in manchen Wochen 40 Stunden und mehr. Dafür erhalten wir Bruttostundenlöhne zwischen 10 und 12,50 Euro. Sonntags-, Feiertags- und Spätschichten werden nicht gesondert vergütet… Dabei muss der Verlag uns nicht einmal krankenversichern und auch keine Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zahlen… Wir haben nur einen Monat Kündigungsfrist und kein Anrecht auf Arbeitslosengeld.“

Jetzt stehen die Studis auf der Straße. Und der ehemalige stellvertretende Chefredakteur sagt:

„Was wäre wohl aus uns geworden ohne das Heer unserer studentischen Hilfskräfte? Eine Loseblattsammlung … in der Orthografie eines Zweitklässlers.“

So sieht die Realität im Journalismus aus.
 

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14 Kommentare

  1. Thomas D |  18.12.2012 | 17:24 | permalink  

    Journalismus ist de facto eine Asi-Branche. Das sollte man in den heutigen Zeiten immer im Hinterkopf behalten. Und das sage ich als Journalist. Einfach mal akzeptieren und nichts mehr von den Verlagen erwarten.

  2. cbe |  18.12.2012 | 18:10 | permalink  

    Wo kann man die “Protest Times” denn noch herbekommen? Im Netz finde ich nichts dazu…

  3. Thomas D |  18.12.2012 | 18:28 | permalink  

  4. Vera Bunse |  18.12.2012 | 18:39 | permalink  

    @Thomas D

    Hab dazu eben noch was gefunden: http://www.absatzwirtschaft.de/content/marketingstrategie/news/jobs-fuer-arbeitslose-journalisten-unternehmen-buhlen-um-redakteure;78780;0 So sieht es aus. Dazu kommt der allseits beliebte Unterbietungswettbewerb – ein todsicher wirkendes Gift.

    Schönen Dank auch für die Verlinkung :)

  5. pyrrhussieg |  18.12.2012 | 20:06 | permalink  

    Wenn man mit solch’ unmenschlichen Bedingungen nicht klar kommt, dann sollte man woanders arbeiten und sich nicht ausbeuten lassen. Nur dadurch, dass es “immer welche mit sich machen lassen”, gibt es solche Zustände. Da hilft auch kein defensives Nachtreten in Form einer “Protest Times”…

  6. Aktuelles 19. Dezember 2012 — neunetz.com |  19.12.2012 | 07:01 | permalink  

    [...] War die FTD eine Studentenzeitung? "57 Studenten und Doktoranden sind betroffen (das ist rund ein Sechstel der Belegschaft). Und diese 57 werden bei der Ausarbeitung des Sozialplans wohl das Nachsehen haben." [...]

  7. Wolfgang Michal |  19.12.2012 | 11:27 | permalink  

  8. Frank |  19.12.2012 | 12:26 | permalink  

    Warum kommt mir das bekannt vor?

  9. Instagram und die traurige Realität des Journalismus |  19.12.2012 | 16:31 | permalink  

    [...] Selbst wenn es Redakteure gibt: Reisen dürfen sie oft genug gar nicht mehr. Und überhaupt sind die Redaktionen inzwischen zum Hort von Praktikanten und Volontären geworden, wie wir heute erfahren: Ein Sechstel der Mitarbeiter der eingestellten “Financial Times Deutschland” gehörte in… [...]

  10. Marc |  19.12.2012 | 18:26 | permalink  

    Da stellt sich die Frage welcher Student so etwas acht Jahre mitmacht. Entweder suche ich mir dann bei einer anderen Zeitung bzw. einem anderen Verlag eine Stelle oder wechsle die Branche. Ich stimme pyrrhussieg zu: Wenn alle zusammen stehen würden und sich keiner mehr ausbeuten lassen würde, würde es gar nicht so weit kommen… Vielleicht lernen ein paar daraus…

  11. Mediamär |  19.12.2012 | 21:42 | permalink  

    Naja, der Bruttolohn ist woanders auch nicht besser, auch nicht, wenn man eine abgeschlossene Ausbildung hat bzw. ein Studium oder beides. Ich bin niemals bei Zeitungen für Überstunden oder Wochenende bezahlt worden als Journalistin, warum sollte dieses Glück dann Studenten treffen? Wenn jemand schon acht Jahre studiert, ist auch fraglich, ob er das nicht lieber sein lassen sollte… Schade um die ftd ist es trotzdem. Ausbeutung gibt es aber in der Branche überall. Mich interessiert am meisten, was ehemals hohe Tiere machen, Redakteure, die noch einen Vertrag hatten und dadurch ein privilegiertes Leben und jetzt vielleicht wirklich keinen Job mehr kriegen, auch nicht durch Netzwerk und Vitamin B. Die müssen jerzt lernen, was es heißt, selbständig durchs Leben zu gehen, sich ganz neu erfinden. Das Leben ist nicht Auenland. Diejenigen, die das immer wussten im Kopf, werden es packen. Die anderen nicht. Auch im reichen Deutschland ist allmählich klar: Hab immer einen Plan B, C und D zur Hand! Als Journalist sowieso.

  12. Moki |  20.12.2012 | 12:22 | permalink  

    Zitat Mediamär: “Wenn jemand schon acht Jahre studiert, ist auch fraglich, ob er das nicht lieber sein lassen sollte”

    Wenn so einen arroganten, überheblichen Quatsch lese. Haben Sie überhaupt eine Ahnung, was junge Leute machen müssen, um einen dieser immer noch heißbegehrten Medienberufe zu bekommen? Mal eben in drei Jahren irgendein Bachelor-Studium durchziehen und dann in den Beruf einsteigen… so stellen Sie sich das scheinbar vor. Doch die Realität sieht anders aus. Da muss man neben dem Studium ordentlich ranklotzen, sich für spärliches Zeilengeld seinen Lebensunterhalt verdienen und dabei Berufserfahrung sammeln. Und immer schön auf dem Drahtseil tanzen, ob man nun lieber dem Wunsch der Redaktion nachgibt, immer mehr Termine zu machen oder ob man auch mal wieder die Uni von innen sehen will.

    Aber machen Sie es sich ruhig in Ihrer arroganten Märchenwelt gemütlich, während andere draußen rackern.

  13. Juza46 |  20.12.2012 | 14:10 | permalink  

    Der obige Link zur Protest-Times” führt zu nix. Wer sich die Sonderseite ansehen möchte, der sollte diesen Link folgen: http://elalemelalem.files.wordpress.com/2012/12/protest_times_made_by_students_121214.pdf

    Staunen wir? Wohl eher nicht. Seit Jahren vollzieht sich vor allem bei den Print-Medien der Prozess des Kaputtsparens, zuerst und allem bei Regionalzeitungen. Zuerst wurden allen Lokalredaktionen in GmbHs umgewandelt, dann wurden alle “teuren” Redakteure (gemessen an Beschäftigungsjahren) nach und nach in Vorruhestand geschickt oder wo das nicht ging, solage unter Druck gesetzt (um nicht gemobbt zu sagen), bis die es vorzogen, etwas anderes zu machen.

  14. Die Medienrevolution frisst ihre Kinder — Carta |  29.12.2012 | 09:10 | permalink  

    [...] Arbeitskräften spricht man in der Branche aber lieber von praxisnaher Ausbildung. Ein Sechstel der FTD-Belegschaft waren Studenten und Doktoranden. Während die alteingesessenen Journalisten oft zumindest durch [...]

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