Die Causa Christian Wulff im Spiegel klassischer Dramen

Hätte sich der Bundespräsident a.D. Christian Wulff als ein mit klassischen Dramen vertrauter Mensch erwiesen, wäre die Ausweglosigkeit seiner Kommunikationsstrategie erahnbar gewesen.

Ungefähr ein Jahr ist nun vergangen, seit Christian Wulff am 17. Februar 2012 als deutscher Bundespräsident zurückgetreten ist und sich zwischen Amtsverantwortung, Macht, Würde, Ethik und Moral vor der Öffentlichkeit und im Zuge der medialen Berichterstattung auf dramatische Weise selbst in den Untergang manövrierte. Doch welche Faktoren entscheiden über Sieg oder Niederlage in einer Schlacht, in der nicht die Eroberung von Gebieten im Mittelpunkt steht, sondern die der öffentliche Meinung – ein Gefecht, in dem nicht mit militärischen Waffen operiert wird, sondern mit kommunikativen Maßnahmen und Antizipationskraft?

Der Fokus liegt im Folgenden auf dem Auffinden und Entdecken von Parallelen zwischen dem Verhalten des ehemaligen Bundespräsidenten und jenem König Lears, dem Protagonisten des gleichnamigen Werks von William Shakespeare, sowie Karl Moor aus Friedrich SchillersDie Räuber“.

 

Massenmedien als „Wirklichkeitsmaschinen“

Die Relation von Massenmedien, Politik und Gesellschaft wird im Zuge der Auseinandersetzung mit der Thematik deutlich: Medienpersönlichkeiten wie Wulff werden von der Gesellschaft mit dem Blick eines Regisseurs betrachtet, der als eine Art „Moralwächter“ agiert und sich ein Urteil über die von den Massenmedien geschilderten Vorkommnisse bildet. Massenmedien können Selbstdarstellern dabei als Sprachrohr dienen, sollten jedoch zugleich auch kritisch Bericht erstatten. Wie schnell ein Skandal das Misstrauen der Öffentlichkeit hervor rufen (genauso aber auch die Macht von Massenmedien fördern) kann, wird in Anlehnung an Hans Mathias Kepplinger von Wolfgang Michal in seinem Artikel über Skandalberichterstattung beschrieben. Ein Skandal braucht meist ein symbolisches Opfer, ohne dessen ritualisierte Hinrichtung der Missstand nur schwer wieder behoben werden kann.

Die Öffentlichkeit ist es also, die eigenständig über die Übereinstimmung von Politik, Moral und Recht urteilt. Demgemäß sollte, zum Beispiel nach Niklas Luhmann, die medial geprägte Wirklichkeit als Versuch angesehen werden, die Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung in Einklang zu halten. Diese Wahrnehmung kann allerdings manipuliert werden und lässt sich auch als politisches Phänomen betrachten. Bereits im Lauf der Geschichte war die Ausübung von politischer Macht eng mit Theatralität, verzerrter Selbstwahrnehmung und Dramaturgie verbunden. Erst die Enthüllung, als dramaturgisches Element, beleuchtet BILDhaft jene Geschehnisse, die anderen sonst verborgen bleiben. Die Auswirkungen aber obliegen ganz der Kommunikationsstrategie und reaktiven Handlungsweise des Betroffenen – wie es in den folgenden Schilderungen der Tragödie deutlich wird.

 

Wulff, 1. Aufzug, 1. Auftritt

Eine umstrittene Finanzierung seines Privathauses, unbezahlte Urlaubsreisen, der Verdacht der Vorteilsnahme und der unglückliche Umgang Wulffs mit den Medien sind nur einige der enthüllten Ungereimtheiten in der Causa Wulff. Für die Dauer von knapp drei Monaten kämpfte Wulff um seine Würde und sein Amt als deutscher Bundespräsident, bis der Druck auf ihn zu groß wurde und er zurücktrat. Die einzelnen Details kamen erst nach und nach zum Vorschein.

Schon die Bundespräsidentenwahl 2010 verlief holprig, und er wurde erst im dritten Anlauf zum deutschen Bundespräsidenten ernannt. Der eigentliche Anfang von Wulffs persönlichem Drama begann im Dezember 2011 mit der Enthüllung von Ungereimtheiten eines privaten Hauskredits durch die BILD-Zeitung. Auslöser war allerdings nicht die Enthüllung an sich, sondern Wulffs Anruf beim BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, als er die Berichterstattung „verschieben“ wollte. Indem Wulff der BILD-Zeitung mit dem „endgültigen Bruch“ und „Krieg führen“ gedroht hat, ist er mit dieser Handlung unvermeidlich gegen die Massenmedien, den Regisseur der Gesellschaft, in die Schlacht gezogen.

Wer sich die Chronologie zur Causa Wulff wieder in Erinnerung ruft, kann in etwa nachvollziehen wie er immer stärker in einen Abwärtsstrudel geriet: beispielsweise durch das Bekanntgeben von Teilwahrheiten – „Salamitaktik“ – oder die Verweigerung der Abschrift des Anrufs bei Diekmann. Dass Wulff von privaten Vorteilen profitiert hat, dass er einen distanzlosen Umgang mit Wirtschaftsvertretern pflegte und sein politisches Amt nicht von privaten Interessen trennen konnte, vermittelte zusammengefasst den Anschein eines Politikers, der nach innen anderen Überzeugungen anhing, als er nach außen suggerierte.

 

Wulff, 2. Aufzug

Zum Rücktritt am 17. Februar 2012 führten nicht (oder zumindest nicht ausschließlich) die Massenmedien, sondern vielmehr Wulff selbst. Scheinbar hatte er nicht erkannt, dass es um seine Vorbildfunktion als Präsident für ein Land, eine plurale Demokratie, eine aufgeklärte Gesellschaft ging. Im Vergleich dazu haben auch König Lear (King Lear) und Karl Moor (Die Räuber) ihre eigene Lage verkannt. Aus ihren Geschichten lassen sich erstaunliche Parallelen in den Kategorien Macht und Würde, Ethik und Moral, Intrige und Treue der Gefährten zur Causa Wulff ableiten.

Wie der noch amtierende Bundespräsident Wulff, ist auch König Lear zu Beginn der Handlung im Drama noch ein festes Mitglied der Gesellschaft mit vollem Machtbesitz. Beide Protagonisten fällen Entscheidungen und erteilen Befehle. Bei König Lear sollte es die Vergabe des Königreichs an seine heuchlerischen Töchter Goneril und Regan sein, die ihn letztendlich ins Unglück stürzten. Durch die verkannte Zuneigung seiner treuesten Tochter Cordelia zeigt sich, wie verkehrt Lears Bild von Allmacht ist und wie falsch er richtet. Deshalb kommt diese Verkehrtheit und das dadurch ausgelöste Leid auf ihn zurück: Er (wie auch Wulff) muss alles ertragen, da er selbst den Anstoß dazu gab.

Bei Karl Moor kann durchaus die Wandlung zum Hauptmann der Räuberbande als Ursache des Übels angesehen werden: Nicht, weil er von seinem Vater durch die Intrige des bösen Bruders verstoßen wurde, kann Moor nicht mehr zurück in sein trautes Heim, sondern, weil er nun als Räuberhauptmann tatsächlich ein unflätiges Leben führt. Auch ihm kann Gier nach Macht und Anerkennung unterstellt werden. Im Fall Wulff lässt sich die Amtsverletzung ebenfalls auf diese Weise erklären: Je höher Wulff die Karriereleiter als Politiker erklomm, desto stärker wurde offensichtlich sein Verlangen nach Macht und eigener Vorteilsnahme und gleichermaßen seine Entfremdung von der Gesellschaft.

 

Wulff, 3. Aufzug

Durch ihre folgenschweren Entscheidungen und Handlungen ergibt sich eine Kehrtwende für alle drei hier zusammengeführten Protagonisten. Shakespeares König Lear wird plötzlich nicht mehr von seinen zwei heuchlerischen Töchtern umgarnt, auch Obdach wird dem König nicht mehr gewährt. Durch die Intrigen der Töchter lässt sich für Lear allmählich feststellen, dass er genau von denen geringgeschätzt wird, von denen er anfangs am meisten umschmeichelt wurde. Ähnlich ist es auch Wulff ergangen: getreu dem „BILD-Prinzip“ wurde ihm zunächst noch mit Titeln wie „BILD freut sich über Die schönste Liebes-Koalition des Abends“ gehuldigt, bevor die Situation sich immer mehr in Negativschlagzeilen niederschlug. König Lear erkennt seinen folgenschweren Irrtum langsam, so dass er sich mit seiner verbannten Tochter Cordelia versöhnt und nicht starrsinnig in seinem Egoismus und seiner Rachsucht verharrt.

Ähnlich ergeht es ebenfalls Schillers Karl Moor: Er hat sich zwar in einem Brief für sein lasterhaftes Studentenleben entschuldigt, fällt daraufhin jedoch einer Intrige seines Bruders Franz zum Opfer und wird von seinem geliebten Vater verbannt. Aus Trotz und bitterer Enttäuschung veranlasst ihn die ungerechte Verstoßung zum Räuberdasein. So gerät Moor immer tiefer in einen Teufelskreis von Unrecht und Verbrechen, der ihm den Weg zurück in sein altes, tugendhaftes Leben versperrt.

Von welchen Motiven Wulff getrieben wurde, sich so lange Zeit für eine Entschuldigung zu lassen, ist unklar. Die erste öffentliche Stellungnahme zu den Vorwürfen gibt er erst am 22. Dezember ab, zehn Tage nach dem Anruf bei Diekmann. Wulff werden seine Unfähigkeit zur Reue und sein Stolz vorgeworfen, die ihn auch daran hindern, sich die eigenen Makel einzugestehen und sich zu entschuldigen. Dennoch scheint es (kurzfristig) auch bei Wulff so, als wäre er zur Einsicht gekommen. Anfang Januar bestätigt er schließlich den Anruf bei Diekmann und gesteht außerdem in ARD / ZDF–Interviews Fehler ein. Durch ausweichende Antworten kann er die Vorwürfe gegen sein Handeln allerdings nur teilweise entkräften. Der Reaktion der Öffentlichkeit nach Wulffs Entschuldigungsrede folgend, hätte es für ihn – wie bei Lear und Moor – durchaus lohnend sein können, wenn er sofort um Verzeihung gebeten hätte. Doch noch immer bekommt die Öffentlichkeit nur Stück um Stück Geständnisse serviert, und Wulff verliert laut Umfrageergebnissen durch die fehlende Transparenz und Aufrichtigkeit mehr und mehr Zuspruch in der Gesellschaft.

 

Wulff, 4. Aufzug

Nun kann der Untergang in keinem der drei Dramen mehr aufgehalten werden. Er nimmt seinen absehbaren Verlauf: Offensichtlich hält sich Wulff für mächtig genug, dass sein Amt ihn auch als Persönlichkeit weiter schützt. Als Resultat folgt seine eigene Ohnmacht und beobachtbare Unvollkommenheit im dialektischen Sinn: Wulff zeigt sich zwar anfangs einsichtig (Nicht alles, was juristisch rechtens ist, ist auch richtig“), gleichzeitig reflektiert er seine Situation jedoch nicht und erklärt, nun endgültig alle notwendigen Angaben gemacht zu haben.

Sofern sich die Handlungen von König Lear auf Schuld und Strafe beziehen lassen, ist Cordelias Tod am Ende auch die Folge von Lears Fehlentscheidungen, die sich durch das gesamte Stück Shakespeares ziehen, und dem Bösen überhaupt erst den Raum zur Entfaltung bieten. Denn die Verbannung seiner Tochter kann zwar von dieser verziehen werden, die Folgen der tragischen Fehlentscheidungen lassen sich allerdings nicht mehr aufhalten. Neben den Auslösern des Wulff-Skandals, Hauskredit oder die Urlaubsfinanzierung durch Dritte, ist es vor allem der Anruf bei Diekmann, der die Erzeugung von Öffentlichkeit, den gegenseitigen Machtkampf, und schließlich die Entfremdung von der Öffentlichkeit bedingte. Zweifellos erleben Wulff, Lear und Moor im Handlungsstrang der Geschichte eine innerliche Entzweiung.

Denn auch Moor steuert aufgrund seiner Entscheidung, Räuberhauptmann und Mörder zu werden, einem „absehbaren Ende“ entgegen. Er tötet nicht nur seine Geliebte, Amalia, auf deren Flehen hin, sondern kehrt aufgrund seines Treueschwurs wieder zu den Räubern zurück. Bis zum Schluss, als er sich schließlich selbst der Justiz stellt, bleibt Moor eine doppeldeutige Persönlichkeit. Wulff wiederum zeigt im Gegensatz zur literarischen Klammer nicht einmal während seines politischen Untergangs die Einsicht in das Gute, die ihn lange tragende öffentliche Meinung, und sucht Mitschuldige (die Medien) als Grund für den Verlauf seiner individuellen Tragödie.

 

Wulff, 5. Aufzug, letzter Auftritt

Durch das zögernde Bekanntgeben von Teilwahrheiten verlor Wulff schlussendlich vor der Gesellschaft stetig an Glaubwürdigkeit, und die Vermischung von politischer Aktivität mit privaten Interessen zwang ihn zum Rücktritt. Er hat die Schlacht nicht gegen Massenmedien und Öffentlichkeit, sondern vielmehr gegen sich selbst verloren.

Sowohl bei Christian Wulff, als auch bei König Lear und Karl Moor führte ihr unbedachtes, auf sich selbst bezogenes Handeln in den Strudel der Verzweiflung und zum sicheren Untergang. Keiner der drei Protagonisten kommt früh genug aus der eigenen „Rolle“ heraus. Alle wissen früher oder später in unterschiedlichen Graden, dass sie Fehler gemacht haben. Dennoch treffen sie letztlich unbeeindruckt weiterhin folgenschwere Entscheidungen und verspielen dadurch nicht nur die Würde des Amts, sondern verspielen auch Ethik und Moral ihres Wirkungskreises. Gut und Böse können durch die Handelnden bis zuletzt nicht unterschieden werden. Dies alles sind Merkmale, wie sie im engeren Tun-Ergehen-Zusammenhang der Wirkung der Theodizee zugeordnet werden können.

All das ist als frei zugängliche Information und gewissermaßen auch als Bewusstsein von Personen in herausgehobenen Ämtern anerkannt. Die Überraschung hält sich insofern in Grenzen. Die weitere, spezifische Zuordnung der Personen, wie beispielsweise Cordelia, Amalia und Goneril und Regan, weiterer Gefährten und deren Rollen in den Dramen – beispielsweise das Beziehungsgeflecht Wulff und Glaeseker – bleibt offen.

 

Der Text ist eine Zusammenfassung der Abschlussarbeit von Sarah Klinger an der Fachhochschule St. Pölten (A), Studiengang Medienmanagement.