Oliver Geden

Wohin entwickelt sich der Klimadiskurs?

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Der Tenor nach dem Klimagipfel in Doha ähnelt dem der Vorjahre: Ergebnis enttäuschend, aber in Zukunft wird alles besser werden (müssen). Wie lange lässt sich diese „story line“ noch aufrecht erhalten, obwohl der Verhandlungsprozess faktisch stagniert und die Emissionen stetig weiter steigen? Ein Szenario.

14.12.2012 | 

Der Klimadiskurs der kommenden Jahre dürfte hierzulande von drei Ereignissen geprägt werden: der Veröffentlichung des Fünften Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC 2013/14, dem mutmaßlich entscheidenden Weltklimagipfel Ende 2015, und dem Ergebnis der Verhandlungen über neue europäische und deutsche Klimaziele, irgendwann in der zweiten Hälfte der Dekade. Das offizielle Eingeständnis des Scheiterns des 2-Grad-Ziels könnte noch dazu kommen, durch eine flexiblere Neu-Interpretation der Zielkategorie – Benchmark mit Overshoot statt fester Obergrenze – aber eventuell auch vermieden werden.

Der Fünfte Sachstandsbericht des IPCC wird wohl ähnlich dramatisch wahrgenommen werden wie der Vierte im Jahr 2007, das entspräche der Logik des Mediensystems und auch einem verbreiteten gesellschaftlichen Unbehagen beim Klimathema. Daraus wird ein hohes Maß an Bekenntnis-Druck auf die Politik entstehen, den diese aber nicht dergestalt aufnehmen wird, dass sie größere Eigenanstrengungen bei Emissionsminderungen beschließt – Deutschland sind innerhalb der EU weitgehend die Hände gebunden. Für Klimapolitiker bleibt also fast ausschließlich die Möglichkeit, den Erwartungsdruck auf den Weltklimagipfel Ende 2015 noch weiter zu erhöhen. Der UN-Verhandlungsfahrplan sieht vor, sich bis dahin auf einen Vertrag zu einigen, der alle Großemittenten umfasst, also auch USA und China, und zudem noch mit dem 2-Grad-Limit kompatibel ist. Dass die Hoffnung auf den „großen Wurf“ nach Kopenhagen 2009 wieder einmal enttäuscht werden wird, ist jetzt schon absehbar.

Da die Enttäuschung wohl nicht mehr durch ein geschicktes Erwartungsmanagement (z.B. Verschieben der Entscheidung auf später) eingehegt werden kann, wären die Folgen für die Klimapolitik sehr weitreichend. Der Glaube an eine funktionierende globale Kooperation dürfte drastisch schwinden, auch die EU wird dann keine ehrgeizigen unilateralen Klimaziele mehr beschließen (können).

Der klassische top-down-Diskurs (von der Temperaturgrenze über ein globales Emissionsbudget zum verbindlichen UN-Vertrag, der die verbleibenden Emissionsrechte auf einzelne Länder aufteilt) wird ins Trudeln geraten, weil er sich nach 25 Jahren als komplett unrealistisch erwiesen hat. Die Begründung des eigenen klimapolitischen Vorreiter-Handelns wird sich teilweise vom globalen Politikprozess abkoppeln müssen, um noch Überzeugungskraft zu entfalten. Die Rollen von „Guten“ und „Bösen“ dürften im deutschen Klimadiskurs aber nach wie vor klar verteilt sein. Auf der einen Seite Deutschland und die EU (oder auch nur deren nordwestlicher Teil), auf der anderen Seite die „üblichen Verdächtigen“: China, USA, Russland, Indien und sicherlich auch Polen.

Unklar ist, wie die Gesellschaft die kognitive Dissonanz zwischen wahrgenommenem Problemdruck und zur Verfügung stehenden Lösungsmöglichkeiten aufzulösen versuchen wird. Für „Alarmisten“ wäre es naheliegend, die Option des globalen Geo-Engineerings stärker in den Vordergrund zu rücken, also die Manipulation des Klimas mit technischen Mitteln. Pragmatiker und Indifferente werden den Anpassungsdiskurs stärken, mit einem starken Fokus auf Deutschland / Europa, was die Aufgabe noch als zu bewältigen erscheinen lassen wird. In der Praxis wird es auf eine Kombination aus beiden Ansätzen hinauslaufen.

Vor dem Hintergrund des spezifischen deutschen Energiewende-Projekts dürfte hierzulande eine Diskurskonstellation dominant werden, in der nationales Handeln und globales Gemeinwohl noch einmal zusammengebracht werden können. Deutschland als Vorreiter-Nation der Green Economy, als Modell, an dessen Gelingen sich andere Länder schon bald ein Beispiel nehmen werden, und mit denen wir dann auch stetig größer werdende Bündnisse eingehen können.

Diese klimapolitische Erzählung ist heute in Ansätzen schon zu erkennen, etwa in der Initiative von Umweltminister Altmaier, der einen „Club der Energiewende-Staaten“ gründen will, als eine mögliche Variante von „bottom-up“-Klimapolitik. Diskursiv funktional wird dies aber nur unter der Voraussetzung eines selektiven accounting durch Politik und Medien sein können. Denn wenn man den Ansatz des „Modell-Lernens“ (Deutschland schreitet voran, der Rest der Welt folgt nach und nach) in globale Emissionspfade umrechnen würde, dann liefe dies auf globale Temperatureffekte hinaus, die weit von dem entfernt sind, was klimapolitisch als wünschenswert gilt.

 

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19 Kommentare

  1. Ulrich |  14.12.2012 | 14:37 | permalink  

    Der Klimadiskurs der kommenden Jahre dürfte hierzulande von drei Ereignissen geprägt werden: …

    Ein viertes “Ereignis” dürfte das Auftreten mehrerer positiver Wirkungen des Klimawandels sein, die allmählich in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten. Am wichtigsten dürfte die zunehmend grüne Sahelzone sein, die auch politisch für die entsprechenden Staaten sehr positive Folgen haben könnte.

    Die Katastrophen-Narration wird es in den nächsten Jahren schwerer haben. Bislang wurden vor allem die Risiken des Klimawandels behandelt; nun wird es auch öfter einmal um die Chancen gehen.

  2. Wohin entwickelt sich der Klimadiskurs? - CARTA | Polen-News-24.de | Polen-News-24.de |  15.12.2012 | 08:01 | permalink  

    [...] Wohin entwickelt sich der Klimadiskurs?CARTAAuf der einen Seite Deutschland und die EU (oder auch nur deren nordwestlicher Teil), auf der anderen Seite die „üblichen Verdächtigen“: China, USA, Russland, Indien und sicherlich auch Polen. Unklar ist, wie die Gesellschaft die kognitive Dissonanz … [...]

  3. Quentin Quencher |  15.12.2012 | 10:59 | permalink  

    Nun, ich denke wir werden eine Aufspaltung der „Klimaschützer“ sehen, in eine radikalere Fraktion mit apokalyptischen Vorstellungen, und eine die der Sozialethiker bei denen auch konservative Vorstellungen Platz haben. Bewirken werden beide nichts.

    Die Welt dreht sich weiter und wenn es Veränderungen gibt, wird man darauf reagieren. Die Angst vor der Klimakatastrophe wird keine Rolle mehr bei Entscheidungen spielen. Dieser Trend ist eindeutig, und wenn man genauer hinschaut, war dies auch noch nie anders.

    Momentan wird von selbsternannten Eliten der Versuch gemacht nachhaltige Lebensstile der Gesellschaft zu verordnen, die aber nicht angenommen werden. Als Lippenbekenntnisse schon, doch mehr nicht. Und selbst diejenigen die diese nachhaltigen Lebensstile als gut und richtig empfinden, handeln in ihrer Mehrzahl anders. Ein typisches Beispiel des „Thomas-Theorems.“

    Kurz und gut, es ist an der Zeit sich gänzlich aus der Klimawandeldiskussion zu verabschieden, weil viel wichtigere Dinge die Menschen zu Entscheidungen veranlassen.

  4. Niko |  18.12.2012 | 14:48 | permalink  

    @Quentin: Welche Dinge wären da deiner Meinung nach wichtiger als die Auslöschung kompletter Staaten durch steigende Meeresspiegel? Die Wiedereinführung der alten Autokennzeichen?

  5. Quentin Quencher |  18.12.2012 | 16:49 | permalink  

    Na, da haben wir schon mit Nico den ersten Apokalyptiker.

    Es gibt viele Aufgaben die wichtiger sind als Klimaschutz. Aber, dass muss einschränkend gesagt werden, dies kommt auf die Prioritäten an. Als erstes sollte man an die Menschen denken die heute und leben und versuchen deren Lebensstandard zu erhöhen, nicht vermindern, denn mit einem höherem Lebensstandart wächst auch Möglichkeit auf Veränderungen der Umwelt einzugehen. Der Schlüssel dazu ist Energie. Viel Energie. Selbst die Bundesregierung springt auf diesen Zug auf, allerdings mit der irrigen Annahme dies mit dem Export der Energiewende zu erreichen. Man schaue sich nur die letzten Reden von Minister Altmaier etwas genauer an.

    Dies wird aber nicht klappen, weil diese Technik mit der Kohleverstromung konkurrieren muss. Bislang ist dies völlig utopisch und wird deshalb nicht in die engere Auswahl kommen. Von unbedeutenden Minimalprojekten, die lediglich als Feigenblatt dienen, mal abgesehen.

    Also die Antwort auf die Frage ist: Die Aufgabe wird sein, vor allen den bisher unterentwickelten Regionen der Welt viel billige Energie zur Verfügung zu stellen. Nicht aus Klimaschutzgründen, sondern um deren Lebensstandard zu erhöhen. Das ist das was die Leute wollen, und dies ist zu berücksichtigen. Wer das nicht tut, lässt erkennen, dass er im Prinzip ein Menschenfeind ist.

  6. Dagmar Brandt |  20.12.2012 | 22:22 | permalink  

    Fragen an 5) Quentin Quencher:

    Sind die Bewohner in einigen Provinzen Chinas, die unter der Luftverschmutzung durch technisch veraltete Kohlekraftwerke leiden (Asthma etc.) und für saubere Luft – illegal – demonstrieren, Menschenfeinde? Die gelieferte Energie mag ja billig sein, für die Industrie ganz gewiss, ob für Otto-Normalchinese, wäre zu untersuchen.

    Sind die Bewohner von Bremen-Farge, die gegen das Uraltkraftwerk vor Ort protestieren, Menschenfeinde?
    Siehe dazu folgenden Link:
    http://bremen31nord.jimdo.com/die-wahren-kosten-der-kohleverstromung-und-der-verh%C3%A4ngnisvolle-irrtum-der-bremer-gr%C3%BCnen-zu-lasten/

    Warum werden nicht überall auf der Welt Filter der neuesten Generation bei Kohlekraftwerken eingebaut? Weil es wohl teuer ist! Wer soll das bezahlen? Der Stromkunde natürlich.

    Besteht Wohlstand nur aus billigem Energiekonsum, gehört nicht auch Gesundheit dazu? Soll Wohlstand von einem umfassenden Begriff von Lebensqualität getrennt verstanden werden?

    Anfang der 1970er Jahre prägte die NRW-SPD den Wahlkampfslogan: Der Himmel über dem Ruhrgebiet soll wieder blau werden!

    Das müssen Menschenfeinde gewesen sein.

  7. Quentin Quencher |  20.12.2012 | 22:59 | permalink  

    Frau Brandt,

    Sie reden von technisch veralteten Kohlekraftwerken. Davon war von mir keine Rede, Sie unterstellen mir dies gemeint zu haben. Das ist zutiefst unseriöse Argumentation und Sie bauen ein Bild auf, als ob Kohlekraftwerke, die die neu gebaut werden, zu solchen Zuständen führen wie sie sie beschrieben haben.

    Das ist völliger Humbug. Aber, lustig an ihrer Argumentation ist, dass nicht einmal Geld vorhanden ist, alte Kohlekraftwerke mit Filtern nachzurüsten. Wenn das schon nicht geht, woher soll das Geld dann für die teure sogenannte Erneuerbare Energie (ich nenne sie übrigens NIE, neue ineffiziente Energien) kommen?

    Nein, denken Sie einfach noch mal darüber nach. Sie werden die Kohleverstromung weltweit nur dann zurückdrängen wenn es Alternativen gibt die günstigeren Strom liefen können. Nicht irgendwann, jetzt. Weil die aufstrebenden Staaten mit ihren jungen Bevölkerungen eine Perspektive haben wollen, auch am Wohlstand partizipieren möchten.

    Im übrigen gibt es ja bereits Tendenzen die auf eine Trendwende weg von der Kohle hin zeigen: Erdgas, konventionell und unkonventionell gefördert! Schauen Sie sich die Pearl GTL gas to liquids Anlage in Ras Laffan, Katar, an. Des weiteren hielt vor wenigen Wochen Robert Hargraves vor der »THAYER SCHOOL OF ENIGEERING AT DARTMOUTH« einen Vortrag mit dem Titel: »Thorium: Energy Cheaper Than Coal.« Hargraves kam auch gerade aus China zurück und berichtete von diesbezüglichen Projekten, die dort sehr große Priorität haben.

    Also, um es kurz zu machen. Sie präsentieren ein Bild aus der Vergangenheit als Zukunftsmöglichkeit. So etwas ist aber Unsinn und trifft nirgends zu, egal ob es um Energiegewinnung oder Landwirtschaft oder Industrie geht.

  8. Ulrich |  20.12.2012 | 23:06 | permalink  

    @ Niko

    Welche Dinge wären da deiner Meinung nach wichtiger als die Auslöschung kompletter Staaten durch steigende Meeresspiegel?

    An welche Staaten denken Sie? Sowohl Bangladesch als auch die allermeisten der vielzitierten pazifischen Inseln sind über die letzten Jahrzehnte gewachsen.

  9. Quentin Quencher |  20.12.2012 | 23:10 | permalink  

    Frau Brandt,

    als Nachtrag, habe die Links oben vergessen. Zur Pearl GTL berichtet die New York Times:
    http://www.nytimes.com/2012/09/06/business/energy-environment/06iht-green06.html?_r=2&

    Den Vortrag von Hargraves können Sie hier sehen:
    http://engineering.dartmouth.edu/events/thorium-energy-cheaper-than-coal/

  10. Dagmar Brandt |  21.12.2012 | 02:30 | permalink  

    Quentin Quencher,

    es soll kein Geld vorhanden sein, alte Kohlekraftwerke mit Filtertechnik auszustatten – in China, Indien und auch in Deutschland? Oder fehlt es nicht vielmehr am Willen, weil die teuren Filter die Gewinnkalkulation gerade in China belasten? Dabei müsste diese Installationen verschmerzbar sein, denn diese Investitionen können steuerlich abgeschrieben werden – und der private Stromkunde muss so oder so jeden geforderten Preis zahlen. Wenn Kohlekraftwerke der neuesten Generation mit (hoffentlich) neuester Filtertechnik so billig sein sollen, dann hätte Indien doch schon längst einen Kraftwerksboom erleben müssen sowie einen Ausbau der Stromnetze, stattdessen ärgern sich gerade auch ausländische Investoren über die häufigen Blackouts.

    Noch wird China als der Kohleverbraucher schlechthin wahrgenommen. China sicherte sich die Abbaurechte für australische Kohle, und zwar in der Annahme, diese mit importierten billigen chinesischen Arbeitern fördern zu dürfen. Da hat die australische Regierung aber nicht mitgespielt – nun wird der Abbau der australischen Kohle viel teurer als geplant. Im Zweifelsfall kann man ja an den Filtern sparen.
    Allererste Schritte zur Förderung der Erneuerbaren finden sich in China seit 2009 mit dem Golden Sun und dem Solar Rooftop Program. In entlegenen Gegenden mit geringer Bevölkerungsdichte wurden die ersten Windparks gebaut, denn Kohlekraftwerke in schwach besiedelten Steppenregionen lohnen sich nicht. In der Tat gibt es in China immer noch Randregionen, wo die Bevölkerung sich mit Generatoren behelfen muss. Die Regierung hat im September 2012 angekündigt, die dezentrale Stromerzeugung mit Photovoltaik stärker als bisher zu unterstützen, was bis 2016 zu einer jährlichen PV-Installation von 5 Gigawatt führen soll. In China bahnt sich ganz langsam eine Diversifizierung der Energieversorgung an, nicht zuletzt deshalb, weil eben auch bei den eneuerbaren Energien der Lohnkostenvorteil der chinesischen Arbeitskräfte sich bemerkbar macht.
    Natürlich besteht bei der Photovoltaik, und nicht nur bei ihr, Verbesserungsbedarf in Sachen Rohstoffbasis, Effizienz, Haltbarkeit und Recyclebarkeit bis hin zur Entwicklung von Speichertechnologie.
    Was die unkonventionelle Förderung von Erdgas in den USA angeht, Fracking nämlich, wächst vor Ort der Bürgerwiderstand dagegen, nicht allein aus Umwelt- und Gesundheitssorgen (Grundwassergefährdung), sondern weil die Eigenheime in den Frackingzonen schlicht unverkäuflich werden.
    Wie teuer wären Erdöl, Erdgas und Kohle, wenn überall die in den Förderländern betroffenen Menschen den Schaden an Gesundheit und Umwelt (vor allem in Nigeria) und Eigentum so einklagen könnten wie die US-Regierung im Falle der Ölplattformexplosion im Golf von Mexico?

  11. Quentin Quencher |  21.12.2012 | 09:03 | permalink  

    Frau Brandt,

    Sie sind offensichtlich nicht über den Stand des Ausbaus von Kohlekraftwerken informiert. „ Derzeit sind weltweit 1.199 neue Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von über 1.400.000 Megawatt (MW) geplant. Dies geht aus einer aktuellen Analyse des World Resources Institute (WRI) in Washington hervor,“ berichtete IWE-News. Weiter heißt es dort: „ Die umfangreichsten Pläne für neue Kohlekraftwerke werden in China (rd. 556.000 MW) und Indien (rd. 519.000 MW) gehegt. Damit vereinen diese beiden aufstrebenden Staaten zusammen mehr als drei Viertel der gesamten Kohlekraftwerks-Pläne auf sich, um den rasant steigenden Energiehunger zu stillen.“
    http://www.iwr.de/news.php?id=22501

    Sie erwähnen: „Die Regierung hat im September 2012 angekündigt, die dezentrale Stromerzeugung mit Photovoltaik stärker als bisher zu unterstützen, was bis 2016 zu einer jährlichen PV-Installation von 5 Gigawatt führen soll.“ 5 GW zu über 500000 GW, rechnen Sie mal aus wie sich dieses Verhältnis in Prozent darstellt. Wobei letztere Zahl nur den Neubau von Kohlekraftwerken beinhaltet und zusätzlich noch nicht einmal klar macht, wie viel Strom tatsächlich geliefert wird.

    Dazu kommt noch die Shale-Gas-Revolution, welche den Energiemarkt bereits beginnt umzukrempeln. Die sind die Realitäten die man einfach anerkennen muss, alles andere ist Vogel-Strauß-Verhalten oder Wunschdenken.

    Aber noch mal zum Shalegas. Meine Informationen über die angebliche Gefahren sind wahrscheinlich etwas differenzierter. Mich würde mal interessieren welche Quelle Sie für Ihre Behauptung, dass Eigenheime in Frackingzonen unverkäuflich seien, haben. Unlängst wurde in der Sendung „ECO“ des Schweizer Fernsehens über den Shale-Gas-Boom in North Dakota berichtet. Gerade mit Immobilien haben die das Problem, dass nicht genug vorhanden sind und ein massiver Bauboom eingesetzt hat. Exorbitante Zuzugsraten sind zu verzeichnen, nachdem North Dakota bislang unter Bevölkerungsschwund litt.
    http://glitzerwasser.blogspot.de/2012/11/fracking-obamas-rettung.html

  12. Quentin Quencher |  21.12.2012 | 09:11 | permalink  

    Sorry, Flüchtigkeitsfehler: 5 GW zu 500 GW sollte es heißen.

  13. Dagmar Brandt |  21.12.2012 | 13:12 | permalink  

    Quentin Quencher, meine Informationen über den Bürgerprotest gegen Fracking stammen von der US-amerikanischen Website http://www.alternet.org, auch der WELTSPIEGEL berichtete über die unhaltbaren Zustände der konventionellen Erdgasförderung in Texas und Florida in der Nähe von Eigenheimsiedlungen, weil die Mindestabstände der Förderstellen zu den Siedlungen so gering sind. Luft und Grundwasser sind belastet, die Anwohner müssen sich das Wasser aus Wassertanks anliefern lassen. Ich unterstelle den Protestierenden keinen Umweltidealismus, es ist der Schaden an Gesundheit und Eigentum, der sie auf die Barrikaden treibt.
    In einem Ihrer früheren Postings schrieben Sie sinngemäß, es müsse mit der Bereitstellung billiger Energie erst einmal Wohlstand geschaffen werden, etwaige Umweltprobleme seien danach lösbar. Warum funktioniert das in den USA nicht, wie die zerschmetterten Siedlungen am Atlantik nach dem Hurricane Sandy zeigen. Seit über zehn Jahren haben die Bewohner den Bau von Dämmen gefordert und nichts geschah. Wenn der Konnex zwischen Wohlstand (wessen Wohlstand eigentlich?) und einer vorsorgenden Infrastruktur gegen (menschengemachte) Naturkatastrophen schon in den USA nicht funktioniert, wie dann erst in Indien etc.

    Sie halten den Katastrophendiskurs für ein Hirngespinst, für ökonomisch irrelevant. Die Rückversicherer beobachten akribisch den weltweiten Anstieg extremer Wetterphänomene seit den 1980er Jahren, das schlägt sich in den Versicherungsprämien für Industrieanlagen und Gebäude sowie Agrarflächen nieder. Die Münchener Rück ist auf jeden Fall vom menschengemachten Klimawandel überzeugt und das wird in die Prämien diskret eingepreist.

    Eine grüne Sahara, vielleicht möglich oder sogar händeringend notwendig, damit von dort die Agrarprodukte nach Europa kommen, die eines Tages von der vertrockneten iberischen Halbinsel nicht mehr zu konkurrenzfähigen Preisen geliefert werden können. Russische Strategen träumen von Sibirien als künftiger Kornkammer, vielleicht weltweit lebensnotwendig, denn der US-amerikanische Getreidegürtel erlebt seit Jahren Dürren und Ernteausfälle. Die prosperierenden Agrarzonen verschieben sich womöglich, aber sie weiten sich damit nicht automatisch aus …
    Das System Natur kann womöglich mit dem Kollaps regionaler Ökosysteme halbwegs klarkommen, irgendwann stellt sich eine neue Balance ein. Um Natur an sich braucht man sich nicht so viele Sorgen zu machen.
    Der entscheidende Schwachpunkt ist die menschliche Zivilisation, die selbst in den hochentwickelten Zonen keine zeitnahen Antworten zur Wahrung von Wohlstand und Gesundheit in Zeiten des Klimawandels findet.

  14. Ulrich |  23.12.2012 | 12:48 | permalink  

    Die Rückversicherer beobachten akribisch den weltweiten Anstieg extremer Wetterphänomene seit den 1980er Jahren,

    Gerade bei den extremen Wetterphänomenen wird inzwischen allerdings sogar das IPCC vorsichtiger. Je genauer man hinschaut, desto unklarer wird das Bild. Nicht einmal über die Vergangenheit kann man eine Zunahme der Extremphänomene sauber nachweisen.

    das schlägt sich in den Versicherungsprämien für Industrieanlagen und Gebäude sowie Agrarflächen nieder.

    Das ist übrigens genau der Grund, warum Versicherungen die Klimawandel-Debatte für sich nutzen und befeuern.

    Der entscheidende Schwachpunkt ist die menschliche Zivilisation, die selbst in den hochentwickelten Zonen keine zeitnahen Antworten zur Wahrung von Wohlstand und Gesundheit in Zeiten des Klimawandels findet.

    Immerhin begreifen allmählich immer mehr Leute, daß die Lösungen zu Klima- und Umweltproblemen fast ausschließlich lokal zu finden sind. Dorthin gehört auch die Debatte. Dieser unsinnige Katastrophendiskurs 1990-2010 war eine empörende Zeitverschwendung.

  15. Treibhausgasemissionen – eine Leerstelle im Energiewende-Monitoring — Carta |  23.12.2012 | 13:05 | permalink  

    [...] und den Ausbau der Erneuerbaren im Stromsektor thematisiert und das Klimathema in seiner Bedeutung mehr und mehr zurückfährt, muss es erstaunen, dass die Expertenkommission bei dem Versuch ca. ein Dutzend Teilziele in einen [...]

  16. Dagmar Brandt |  23.12.2012 | 14:26 | permalink  

    Dieser Publikationslink zur Lage der Geokatastrophen in 2011 sei zum Lesen empfohlen:

    https://www.munichre.com/publications/302-07224_de.pdf

    Ab pdf-Seite 34, Kapitel “Klima und Klimaänderung” wird zur ergebnislosen Konferenz in Durban sowie zu den klimawandel-induzierten Schadenereignissen Stellung genommen. Gleich eingangs des Artikels heißt es, “Der Schlüssel zu effizientem Klimaschutz: eine Einigung im kleinen Kreis der größten Emittenten”. Denn die sind die lokalen Verursacher mit globalen und zunehmend lokalen Folgen. Der Klimawandel trifft nicht mehr ausschließlich “die armen” Länder, er schlägt nun auch in den Wohlstandszonen der Erde mit hoher Versicherungsdichte und hohen versicherten Risiken zu.

  17. Quentin Quencher |  23.12.2012 | 15:14 | permalink  

    Frau Brandt,

    Aus ihrem verlinkten PDF, Seite 34:

    »Den größten Erklärungsanteil bei der Zunahme der Gewitterschäden in den Vereinigten Staaten haben sozioökonomische Faktoren. In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich die US-amerikanische Bevöl­kerung immer weiter nach Süden verlagert, hin zu Regionen, in denen schwere Gewitterstürme häufiger vorkommen. Damit wuchsen die Städte, und Vorstädte breiteten sich ins Umland aus; so entstanden immer mehr Regionen mit einer hohen Dichte an Ver­mögenswerten, die gegenüber schweren Unwettern exponiert sind. Außerdem ist es in diesem Zeitraum zu erheblichen Wertesteigerungen sowie zu einer drastischen Zunahme der ortsgebundenen wie auch der bewegl­ichen Vermögenswerte gekommen, darun­ter etwa elektronische Geräte, die extrem blitzempfind­lich sind, was das Schadenpotenzial durch Gewitter weiter erhöht. Nicht zuletzt reichen auch die Bau­ vorschriften in vielen gewittergefährdeten Bundes­staaten nicht aus, um zu gewährleisten, dass Gebäude starken Winden (Tornados oder sonstigen Windereig­nissen) und Hagelschäden standhalten.«

  18. Dagmar Brandt |  23.12.2012 | 17:34 | permalink  

    Wir streiten hier über folgende Fragestellungen,

    1) ob eine Katastrophen-Narration (Ulrich) (noch) eine Berechtigung hat, weil der Klimawandel doch auch Positives bewirken könne,

    2) ob die Angst vor der Klimakatastrophe (k)eine Rolle bei künftigen Entscheidungen spielen wird (Quentin Quencher),

    3) ob mit einem höheren Lebensstandard in den Armutszonen dieser Welt die Möglichkeit wächst, auf Veränderungen der Umwelt einzugehen, wozu man viel Energie braucht (Quentin Quencher),

    4) ob man in der Vergangenheit die Zunahme der Extremwetterphänomene nachweisen kann (Ulrich),

    5) ob die Lösungen zu Klima- und Umweltproblemen “fast ausschließlich lokal” zu finden sind (Ulrich).

    zu 1: Es gibt mehrere Varianten von Katastrophen-Narration, ich nehme an, Ulrich kritisiert vor allem den Diskurs von Naturschutz- und Umweltverbänden, die vor einem sich abzeichnenden Ökosystemkollaps warnen. Die andere Variante ist die nüchtern ökonomische Sprache der Versicherungswirtschaft bei der Schadensbegutachtung nach Extremwetterereignissen. Der Schaden an Natur ist dabei weitgehend irrelevant, weil kaum versichert. Der Verlust von Menschenleben wie bei der Monsunflutkatastrophe in Pakistan 2010 ist eine humanitäre Katastrophe, aber eben nicht versichert. Schon anders die Flutkatastrophe in Thailand, bei der versicherte Industrieanlagen betroffen und zu bezahlende Schäden entstanden waren und erst recht ganz anders in den USA, wo Hurricanes und Tornados einfach keinen Bogen um die sich ausdehnenden Siedlungen mit unzureichenden technischen Vorkehrungen gegen Regensintfluten, Blitzschlag, Hagel und Winddruck machen. Da bekommt “Katastrophe” eine sozio-ökonomische Dimension, die unmittelbaren Leidensdruck erzeugt – nämlich im Portemonnaie. Soweit zur Relevanz von “Katastrophen-Narration”, und zwar gerade in den Wohlstandszonen der Erde.

    Äußerst strittig in diesem Forum ist, ob diese sich häufenden Katastrophen-Ereignisse in den Wohlstandszonen lediglich ein unglückliches zufälliges Zusammentreffen von Natur und menschlichem Ausdehnungsdrang sind. Wenn ja, soll verbesserte Technik zur Vorbeugung von Schäden her – angefangen bei den Bau- und Blitzschutzvorschriften bis zum Deichbau. Und das ist schon teuer genug und in den USA nur mit Mühe durchsetzbar. Das wäre die lokale Minimalvariante vorausschauenden Planens und Handelns. Schon schmerzhafter wäre ein verändertes Planungsrecht, das eine künftige Wohn- und Industriebebauung in der Nähe von Flüssen, Küsten mit sich verschlechternden Standortbedingungen ausschlösse, also den vorsorglichen Rückzug verordnete. Wahrscheinlich läuft es aber auf diese Variante hinaus: Wer in den Gefährdungszonen sich keine Versicherung für sein Hab und Gut leisten kann, verliert beim nächsten Extremwetterereignis seine Existenz und muss eben abwandern. Auch eine Methode des lokalen Anpassungsmanagements, c’est la vie!

    zu 5: Insofern könnte Ulrich Recht haben, nur dass es sich nicht um proaktive Lösungen einer Klimaproblematik handelt, sondern um erzwungene Anpassungsleistungen, weil für technisch unterstützte Standortgefechte dem Einzelnen wie auch den Gebietskörperschaften schlicht das Geld und

    zu 3: eine Idee von Gemeinwohl fehlt. Wo die fehlt, kommen die vorhandenen technologischen Möglichkeiten nicht zum Einsatz. Es mangelt den USA doch nicht an Öl, Gas und Caterpillars, um Dämme zu bauen und bodengeführte Energieleitungen zu verlegen!

    zu 4: https://www.munichre.com/publications/302-06734_de.pdf – ab Seite 33, 37, 40 pp.

  19. Quentin Quencher |  23.12.2012 | 18:07 | permalink  

    Wir streiten hier über folgende Fragestellungen, …

    Ich denke man kann es vereinfachen, wir streiten uns darum ob Vorsorgestrategie oder Anpassungsstrategie der bessere Weg ist.

    Die Vorsorgestrategie ist gescheitert, also bleibt nur die Anpassungsstrategie. Egal ob man nun den Klimawandel als Katastrophe oder Chance begreift.

    Es sei denn man verfolgt mit der Vorsorgestrategie ganz andere Ziele als den Klimawandel, siehe dazu auch den neuen Text von Oliver Geden.

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