Tobias Schwarz

Grüne Medien? Schreibt was ihr wollt, auf Papier oder ins Netz!

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Anders als die traditionellen Linken haben die Grünen weder „eigene“ Medien noch solche, die ihnen besonders nahe stehen. Aber vielleicht brauchen sie diese Nähe auch gar nicht. Teil 3 unserer Carta-Serie zur Lage der oppositionellen Medien.

10.12.2012 | 

Es gibt keine Zeitung und auch keine anderen Medien in Deutschland, die offen mit den Grünen sympathisieren. Die erst kürzlich von uns gegangene Financial Times Deutschland (FTD) hat als einzige deutsche Zeitung Wahlempfehlungen abgegeben, eine Sitte aus ihrer britischen Heimat. Im Jahr 2009 empfahl sie zur Europawahl 2009 meine Partei, Bündnis’90/Die Grünen. Grund dafür war das ″überraschend und erfrischend konkrete″ Wahlprogramm der Grünen, das ″nicht nur das längste, sondern auch das ausgefeilteste Programm″ war. Weil sich die Grünen bei ″Europas zentralen Zukunftsthemen als marktfreundlicher Innovationsmotor″ erwiesen und ″bei grenzübergreifend tätigen Banken das nationale Aufsichtswesen durch eine echte europäische Finanzaufsicht ersetzen″, was bei der Wirtschaftszeitung ausgesprochen gut ankam, schenkte die  FTD den Grünen einen Vertrauensvorschuss und empfahl: ″Wer mit seiner Stimme also sinnvolle Veränderungen vorantreiben will, kann sein Kreuzchen diesmal bei den Grünen machen. Hinzu kommt: Eine stärkere Präsenz der Grünen im EU-Parlament wirkt der Verfilzung entgegen, die das Machtkartell von Bürgerlichen und Sozialdemokraten über die Jahre geschaffen hat.″

Persönlich halte ich Die Zeit für eine mit den Grünen sympathisierende Zeitung. Nicht ohne Grund wählte der Chefredakteur von ZeitOnline, Wolfgang Blau, im September 2012 die Urheberrechtstagung der Grünen, um sich mit einer sehr guten Rede in die Debatte um eine notwendige Modernisierung des Urheberrechts einzubringen. Schaue ich mir aber dank der Content-API und einer App von Heroku die Anzahl der Artikel über die Grünen in einem Wahlmonat der vergangenen zwei Jahre an, bin ich mit meiner Annahme unsicher. Bei der Bundestagswahl 2009 waren die Grünen bei der Berichterstattung nur auf Platz 4, nur knapp vor den Linken und den Piraten. Bei den Landtagswahlen in 2011 und 2012 schwankte die Platzierung zwischen Platz 2 und 4. Eine Bevorzugung in der Berichterstattung war nicht zu erkennen, wenn der Tenor mancher Journalisten hier auch freundlicher ist.

 

Die politische Nähe stellt sich über die Sozialisierung der Journalisten her

Wie gesagt, es gibt meiner Meinung nach keine Medien, die mit den Grünen wirklich sympathisieren. Auch nicht die taz, trotz Hans-Christian Ströbele als ihrem Mitbegründer und trotz einer engen und teilweise gemeinsamen Geschichte. Es gibt aber Journalisten, die das tun. In den letzten Jahren entstanden immer wieder Studien, die vermeintlich belegen, dass die deutschen Journalisten politisch den Grünen nahe stehen. Die Regierungsparteien kommen mit einer Zustimmung von lediglich 7,6 Prozent (CDU/CSU) beziehungsweise 6,9 Prozent (FDP) auf die niedrigsten Werte aller Parteien. Die Grünen kommen auf eine Zustimmung von 33,8 Prozent, die SPD kommt auf 20,8 Prozent. Rot-Grün schafft es damit auf 54,6 Prozent, Schwarz-Gelb nur auf 14,5 Prozent.

Brauchten und brauchen die Grünen, um erfolgreich zu sein, also überhaupt ihnen nahestehende Medien? Oder reicht es, wenn die Journalisten in genügender Zahl mit den Grünen sympathisieren? Diese Frage lässt sich schwer beantworten. Natürlich gibt es die mit den Grünen sympathisierenden Journalisten, und diese Einstellung lässt sich in der Berichterstattung bestimmt nicht immer völlig ignorieren, am Ende können aber auch die Journalisten nur über Programme und Kandidaten schreiben. Die Wahlerfolge der letzten Jahre haben die Grünen ohne sie unterstützende Medien geschafft. Natürlich gab es besonders nach dem Reaktorunglück von Fukushima einen gewissen Hype in den Medien für grüne Themen. Dass dieser Erfolg aber auch auf einer festen Grundlage stand, zeigt besonders ein Vergleich mit der Piratenpartei.

Als der Medienhype um die Piraten vorbei war, sanken die Umfragewerte auf unter 5 Prozent. Zwar konnten die Grünen bei den Wahlen in Berlin und Nordrhein-Westfalen nicht das phänomenale Ergebnis aus Baden-Württemberg wiederholen (als grüne Themen in der Berichterstattung Hochkonjunktur hatten), aber in beiden Bundesländern wurden neue Rekordergebnisse erzielt. Gerade in Berlin mit seiner sehr ausgeprägten Medienlandschaft, wo die Grünen als Oppositionspartei viele Fehler im Wahlkampf machten, sind 17,6 Prozent ein außergewöhnlich gutes Ergebnis gewesen.

Ganz überzeugt von der eigenen Programmatik, verneine ich deshalb die Antwort auf die Frage, ob die Grünen nahestehende Medien brauchen. Guter Journalismus wird uns als Partei stets kritisch begleiten. Haben wir die überzeugenderen Argumente und machen unsere Politiker gute Arbeit, wird dies nicht unerwähnt bleiben. George Orwell definierte Journalismus einmal so: Es gehe darum, Dinge zu veröffentlichen, die andere nicht veröffentlicht haben wollen. Alles andere sei Öffentlichkeitsarbeit, und damit hat er Recht. Journalismus hat die Aufgabe, den Finger schonungslos in die Wunde zu legen. Selbst als bloggendes Parteimitglied mache ich das, denn nichts verändert ein Problem so gut wie Kritik. Deshalb kann auch schlechte Presse einen positiven Effekt für eine Partei haben, wenn die Kritik begründet und ehrlich ist. Das schützt vor der Filterbubble und gibt Möglichkeiten zur Reflexion.

Wird es also je ein großes Medium geben, von dem man sagen kann: Es steht den Grünen nahe? Das kommt ganz auf die Zusammensetzung einer Redaktion und deren Freiheit gegenüber dem verantwortlichen Presseverlag an. Eine Redaktion in einer Großstadt, besetzt mit akademisch gebildeten und jungen Redakteuren, wird grünen Themen immer näher sein als den Themen einer in manchen Politikfeldern doch rückständigen CDU. Die Existenz einer derart unabhängigen Redaktion wird aber Seltenheitswert haben, weshalb ich die Chancen, dass es ein großes “grünes” Medium geben wird, als sehr gering einschätze.

 

Das eigentliche Potential liegt im Netz – und dort im Lokaljournalismus

Wird jedoch eine funktionierende Medien-Antwort auf die Digitalisierung und damit ein Ausweg aus der aktuellen Medienkrise gefunden, sehe ich für linke Meinungsmacher sogar einen leichten Vorteil im Internet. Denn die im Internet aktivsten Parteien, vor allem ihre netzaffinen Mitglieder, ordnen sich selbst als links ein. Sie treffen auf eine Zielgruppe, die auf ein interessantes Angebot im Internet wartet, das ohne die übliche Bevormundung auskommt. Im Bereich Social News liegen daher gerade für linke Medien bisher ungenutzte Möglichkeiten.

Mit der steigenden Bedeutung des Hyperjournalismus sehe ich sogar neue Content-Produzenten, die den Grünen aufgeschlossener gegenüber stehen könnten als es jemals ein großes Medium sein wird. Wirklich stark sind die Grünen nämlich auf kommunaler Ebene, mit bundesweit mehr als 10.000 Mandatsträgern in Städten und Gemeinden. In kommunalpolitischen Gremien gelten auch selten die strategischen Regeln der Landtage oder des Bundestags. Es herrscht eine mehr am Thema orientierte Politik vor und weniger Fraktionsdisziplin. Wird dieser Bereich der Politik stärker in der Berichterstattung berücksichtigt – und sei es durch lokale Nachrichtenblogs – werden grüne Erfolge (und Nicht-Erfolge) mehr Erwähnung finden.

Grüne Medien, wenn es sie denn eines Tages geben sollte, hätten natürlich die gleichen Probleme wie alle anderen Medien auch, denn in der Wirtschaftlichkeit eines Verlagsprodukts spielen Ideologie oder Sympathie keine Rolle.

Dieser Text steht unter einer Creative Commons Namensnennung: Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz

 

Bisher sind in unserer Serie die folgenden Beiträge erschienen:

1. Arm und nicht mal sexy: Warum gerade linke Zeitungen so große Probleme haben. Von Wolfgang Michal

2. Zeitungskrise: Das Publikum geht leer aus. Von Wolfgang Storz

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7 Kommentare

  1. Ronnie Grob |  10.12.2012 | 12:54 | permalink  

    Die im Beitrag erwähnten Zahlen zu den Parteineigungen deutscher Journalisten finden sich übrigens hier:

    http://medienwoche.ch/2012/10/29/mein-schatz-hats-gruen-so-gern/

    Die Zahlen wurden zusammengetragen aus drei verschiedenen Befragungen.

  2. Wolfgang Michal |  10.12.2012 | 13:07 | permalink  

    @Ronnie Grob: Danke für den Hinweis.

  3. LordSnow |  10.12.2012 | 13:40 | permalink  

    “Natürlich gab es besonders nach dem Reaktorunglück von Fukushima einen gewissen Hype in den Medien für grüne Themen. Dass dieser Erfolg aber auch auf einer festen Grundlage stand, zeigt besonders ein Vergleich mit der Piratenpartei.”

    Das halte ich für recht weit hergeholt, eine über 20 Jahre existierende Partei mit einem UMFRAGE-Tief einer noch neuen Partei zu vergleichen.

    Ich möchte jetzt auch mal orakeln. Ich kann mir vorstellen, dass in 20 Jahren viele Parlamente schwarz-grün aufgestellt sind, weil der Konservatismus wieder zusammenwächst. Die FDP wird dadurch vielleicht wieder mehr in Richtung individueller Freiheit gehen, also sich wieder von der konservativen Bevormundungspolitik ein Stück weit entfernen.

    Die Piratenpartei wird sich entweder wieder aus dem Umfragtief erholen, oder aber die anderen Parteien nehmen sich schnell genug der Positionen an, also das was bei den Grünen damals ja nicht passierte, so dass die Grünen als Alternative zu den damals großen Parteien galt. Nach dem letzten rot-grünen Experiment auf Bundesebene weiß man aber auch, dass es unter rot-grün keinen Mindestlohn oder einer interventionskritischen Außenpolitik geben wird. Eher muss man wieder einmal (ähnl. der Agenda 2010) mit dem größten Sozialabbau in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschlands rechnen. Vermutlich werden auch wieder die Rüstungsexporte in die Höhe schnellen und sich bei jedem Auslandseinsatz beteiligt. Ich war ja auch mal Grünen-Wähler, aber im Grunde ist schwarz/rot/grün mittlerweile so ziemlich alles untereinander austauschbar, mit nur sehr wenigen ganz kleinen Unterschieden.

    Von daher stellt sich eigtl. gar nicht die Frage, ob es eine grüne Zeitschrift gibt oder geben wird, weil natürlich auch neoliberale und konservative Zeitungen problemlos die Grünen empfehlen können.

    Viele Grüße
    René

  4. theo |  10.12.2012 | 19:38 | permalink  

    Mal abgesehen davon, dass die Untersuchungen über Parteipräferenzen von deutschen Journalisten ausnahmslos nicht wirklich repräsentativ sind, findet sich in der jüngsten – von Ronnie Grob dankenswerter Weise erwähnten – Studie folgende Feststellung:

    “Politikjournalisten schätzen sich auf einer rechts‐links‐Skala etwas links von der Mitte ein und das Medium, bei dem sie tätig sind, etwas mehr rechts als ihre eigene Position.”

    Dass eine wie-auch-immer-geartete Präferenz nicht automatisch zu einer bestimmten Berichterstattung führt, hat Ronnie Grob ebenso dankenswert nie belegen können – was er jüngst in einem Thread an anderer Stelle gegenüber Stefan Niggemeier auch zugeben musste.

  5. Thomas |  10.12.2012 | 21:55 | permalink  

    Das halte ich für ein Gerücht, Süddeutsche, taz, Zeit und viele andere Zeitungen werden vom grün-bürgerlichen Mileu gelesen, woarn mag das wohl liegen? Wenn das, was Grüne und Linkspartei verkörpern links sein soll, dann möchte ich kein Linker sein. So bürgerlich wie die Grünen ist nicht mal die FDP und die Linkspartei ist ja wohl das konservativste, was das deutsche Parteienspektrum hergibt, konservativ im Sinne von Staatsmacht erhaltend und den Leuten die Fähgikeit zur Selbsthilfe absprecend. Den anderen halte ich zgute, das sie ihre Abneigung gegen die Armen und Verlierer offen zur Schau tragen. Ehrlicher Abscheu ist mir lieber als paternalistisches Gutmenschentum.

  6. Newsletter vom 12. Dezember 2012 — Carta |  12.12.2012 | 08:10 | permalink  

    [...] Schwarz: Grüne Medien? Schreibt was ihr wollt, auf Papier oder ins Netz! Anders als die traditionellen Linken haben die Grünen weder „eigene“ Medien noch solche, [...]

  7. Grüne Medien? Schreibt was ihr wollt, auf Papier oder ins Netz! | Logbuch des Isarmatrosen |  15.12.2012 | 12:54 | permalink  

    [...] Crossposting von Carta.info [...]

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