Grüne Medien? Schreibt was ihr wollt, auf Papier oder ins Netz!

Anders als die traditionellen Linken haben die Grünen weder „eigene“ Medien noch solche, die ihnen besonders nahe stehen. Aber vielleicht brauchen sie diese Nähe auch gar nicht. Teil 3 unserer Carta-Serie zur Lage der oppositionellen Medien.

Es gibt keine Zeitung und auch keine anderen Medien in Deutschland, die offen mit den Grünen sympathisieren. Die erst kürzlich von uns gegangene Financial Times Deutschland (FTD) hat als einzige deutsche Zeitung Wahlempfehlungen abgegeben, eine Sitte aus ihrer britischen Heimat. Im Jahr 2009 empfahl sie zur Europawahl 2009 meine Partei, Bündnis’90/Die Grünen. Grund dafür war das ″überraschend und erfrischend konkrete″ Wahlprogramm der Grünen, das ″nicht nur das längste, sondern auch das ausgefeilteste Programm″ war. Weil sich die Grünen bei ″Europas zentralen Zukunftsthemen als marktfreundlicher Innovationsmotor″ erwiesen und ″bei grenzübergreifend tätigen Banken das nationale Aufsichtswesen durch eine echte europäische Finanzaufsicht ersetzen″, was bei der Wirtschaftszeitung ausgesprochen gut ankam, schenkte die  FTD den Grünen einen Vertrauensvorschuss und empfahl: ″Wer mit seiner Stimme also sinnvolle Veränderungen vorantreiben will, kann sein Kreuzchen diesmal bei den Grünen machen. Hinzu kommt: Eine stärkere Präsenz der Grünen im EU-Parlament wirkt der Verfilzung entgegen, die das Machtkartell von Bürgerlichen und Sozialdemokraten über die Jahre geschaffen hat.″

Persönlich halte ich Die Zeit für eine mit den Grünen sympathisierende Zeitung. Nicht ohne Grund wählte der Chefredakteur von ZeitOnline, Wolfgang Blau, im September 2012 die Urheberrechtstagung der Grünen, um sich mit einer sehr guten Rede in die Debatte um eine notwendige Modernisierung des Urheberrechts einzubringen. Schaue ich mir aber dank der Content-API und einer App von Heroku die Anzahl der Artikel über die Grünen in einem Wahlmonat der vergangenen zwei Jahre an, bin ich mit meiner Annahme unsicher. Bei der Bundestagswahl 2009 waren die Grünen bei der Berichterstattung nur auf Platz 4, nur knapp vor den Linken und den Piraten. Bei den Landtagswahlen in 2011 und 2012 schwankte die Platzierung zwischen Platz 2 und 4. Eine Bevorzugung in der Berichterstattung war nicht zu erkennen, wenn der Tenor mancher Journalisten hier auch freundlicher ist.

 

Die politische Nähe stellt sich über die Sozialisierung der Journalisten her

Wie gesagt, es gibt meiner Meinung nach keine Medien, die mit den Grünen wirklich sympathisieren. Auch nicht die taz, trotz Hans-Christian Ströbele als ihrem Mitbegründer und trotz einer engen und teilweise gemeinsamen Geschichte. Es gibt aber Journalisten, die das tun. In den letzten Jahren entstanden immer wieder Studien, die vermeintlich belegen, dass die deutschen Journalisten politisch den Grünen nahe stehen. Die Regierungsparteien kommen mit einer Zustimmung von lediglich 7,6 Prozent (CDU/CSU) beziehungsweise 6,9 Prozent (FDP) auf die niedrigsten Werte aller Parteien. Die Grünen kommen auf eine Zustimmung von 33,8 Prozent, die SPD kommt auf 20,8 Prozent. Rot-Grün schafft es damit auf 54,6 Prozent, Schwarz-Gelb nur auf 14,5 Prozent.

Brauchten und brauchen die Grünen, um erfolgreich zu sein, also überhaupt ihnen nahestehende Medien? Oder reicht es, wenn die Journalisten in genügender Zahl mit den Grünen sympathisieren? Diese Frage lässt sich schwer beantworten. Natürlich gibt es die mit den Grünen sympathisierenden Journalisten, und diese Einstellung lässt sich in der Berichterstattung bestimmt nicht immer völlig ignorieren, am Ende können aber auch die Journalisten nur über Programme und Kandidaten schreiben. Die Wahlerfolge der letzten Jahre haben die Grünen ohne sie unterstützende Medien geschafft. Natürlich gab es besonders nach dem Reaktorunglück von Fukushima einen gewissen Hype in den Medien für grüne Themen. Dass dieser Erfolg aber auch auf einer festen Grundlage stand, zeigt besonders ein Vergleich mit der Piratenpartei.

Als der Medienhype um die Piraten vorbei war, sanken die Umfragewerte auf unter 5 Prozent. Zwar konnten die Grünen bei den Wahlen in Berlin und Nordrhein-Westfalen nicht das phänomenale Ergebnis aus Baden-Württemberg wiederholen (als grüne Themen in der Berichterstattung Hochkonjunktur hatten), aber in beiden Bundesländern wurden neue Rekordergebnisse erzielt. Gerade in Berlin mit seiner sehr ausgeprägten Medienlandschaft, wo die Grünen als Oppositionspartei viele Fehler im Wahlkampf machten, sind 17,6 Prozent ein außergewöhnlich gutes Ergebnis gewesen.

Ganz überzeugt von der eigenen Programmatik, verneine ich deshalb die Antwort auf die Frage, ob die Grünen nahestehende Medien brauchen. Guter Journalismus wird uns als Partei stets kritisch begleiten. Haben wir die überzeugenderen Argumente und machen unsere Politiker gute Arbeit, wird dies nicht unerwähnt bleiben. George Orwell definierte Journalismus einmal so: Es gehe darum, Dinge zu veröffentlichen, die andere nicht veröffentlicht haben wollen. Alles andere sei Öffentlichkeitsarbeit, und damit hat er Recht. Journalismus hat die Aufgabe, den Finger schonungslos in die Wunde zu legen. Selbst als bloggendes Parteimitglied mache ich das, denn nichts verändert ein Problem so gut wie Kritik. Deshalb kann auch schlechte Presse einen positiven Effekt für eine Partei haben, wenn die Kritik begründet und ehrlich ist. Das schützt vor der Filterbubble und gibt Möglichkeiten zur Reflexion.

Wird es also je ein großes Medium geben, von dem man sagen kann: Es steht den Grünen nahe? Das kommt ganz auf die Zusammensetzung einer Redaktion und deren Freiheit gegenüber dem verantwortlichen Presseverlag an. Eine Redaktion in einer Großstadt, besetzt mit akademisch gebildeten und jungen Redakteuren, wird grünen Themen immer näher sein als den Themen einer in manchen Politikfeldern doch rückständigen CDU. Die Existenz einer derart unabhängigen Redaktion wird aber Seltenheitswert haben, weshalb ich die Chancen, dass es ein großes “grünes” Medium geben wird, als sehr gering einschätze.

 

Das eigentliche Potential liegt im Netz – und dort im Lokaljournalismus

Wird jedoch eine funktionierende Medien-Antwort auf die Digitalisierung und damit ein Ausweg aus der aktuellen Medienkrise gefunden, sehe ich für linke Meinungsmacher sogar einen leichten Vorteil im Internet. Denn die im Internet aktivsten Parteien, vor allem ihre netzaffinen Mitglieder, ordnen sich selbst als links ein. Sie treffen auf eine Zielgruppe, die auf ein interessantes Angebot im Internet wartet, das ohne die übliche Bevormundung auskommt. Im Bereich Social News liegen daher gerade für linke Medien bisher ungenutzte Möglichkeiten.

Mit der steigenden Bedeutung des Hyperjournalismus sehe ich sogar neue Content-Produzenten, die den Grünen aufgeschlossener gegenüber stehen könnten als es jemals ein großes Medium sein wird. Wirklich stark sind die Grünen nämlich auf kommunaler Ebene, mit bundesweit mehr als 10.000 Mandatsträgern in Städten und Gemeinden. In kommunalpolitischen Gremien gelten auch selten die strategischen Regeln der Landtage oder des Bundestags. Es herrscht eine mehr am Thema orientierte Politik vor und weniger Fraktionsdisziplin. Wird dieser Bereich der Politik stärker in der Berichterstattung berücksichtigt – und sei es durch lokale Nachrichtenblogs – werden grüne Erfolge (und Nicht-Erfolge) mehr Erwähnung finden.

Grüne Medien, wenn es sie denn eines Tages geben sollte, hätten natürlich die gleichen Probleme wie alle anderen Medien auch, denn in der Wirtschaftlichkeit eines Verlagsprodukts spielen Ideologie oder Sympathie keine Rolle.

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Bisher sind in unserer Serie die folgenden Beiträge erschienen:

1. Arm und nicht mal sexy: Warum gerade linke Zeitungen so große Probleme haben. Von Wolfgang Michal

2. Zeitungskrise: Das Publikum geht leer aus. Von Wolfgang Storz