Alles digital? Grundsatzüberlegungen zur Medien- und Werbebranche

| 08.12.2012 | 3 Kommentare

Die Mediennutzung ändert sich rasant. Um den Anschluss zu behalten, müssen die Macher gebotene Chancen auch nutzen.

Man könnte sagen, wir leben in unruhigen Zeiten. Könnte man. Man könnte aber auch sagen: Wir erleben gerade die größte Medien-Revolution seit der Erfindung des Buchdrucks. Die Ersten, die vor ein, zwei Jahren mit dieser mutigen Äußerung daherkamen, wurden noch müde belächelt. Man warf ihnen vor, sie neigten doch ein wenig zur Übertreibung…

Geben Sie’s zu: Das haben Sie auch gedacht. Und? Denken Sie das noch immer? Nach der Einstellung von Newsweek, Prinz und der Financial Times Deutschland. Nach der Insolvenz der Frankfurter Rundschau. Nachdem Gruner + Jahr bereit ist, sich von Impulse und Börse Online zu trennen. Und Capital angeblich nur noch aus „arbeitsrechtlichen Gründen“ weitergeführt wird.

Viele hatten es ja vorhergesagt: Bevor das Jahr zu Ende geht, werfen die ersten deutschen Printmedien das Handtuch. Nun stellt sich die traurige Frage: Ist das der Dammbruch? Haben andere Verlage nur gewartet, bis endlich einer den Anfang macht? Weil keiner der Erste sein wollte?

 

Print erodiert, die Fernsehnutzung ändert sich

Das ist allerdings nicht die Frage. Print erodiert, ohne Zweifel. Wir kennen nicht die Geschwindigkeit dieser Erosion. Und die Geschwindigkeit spielt auch keine große Rolle. Print befindet sich, wie alle anderen Medien auch, in einer Transformationsphase. Interessant ist nur, wie unsere herkömmlichen Medien nach dieser Transformation aussehen werden. Auch wie sie sich in Zukunft finanzieren werden. Ich will versuchen, das zu ergründen. Ich will versuchen, auch die Konsequenzen für Marketing, Werbung, PR und für die Medienvermarktung daraus abzuleiten.

Transformation. Dieser Begriff beschreibt (lt. Gabler Wirtschaftslexikon) „eine fundamentale Wende in der Beziehung eines Unternehmens zu seinem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld“. Diese Definition trifft den Kern, denn es geht tatsächlich um Beziehungen. Um die Beziehungen zwischen Medien und ihren Nutzern – und ebenso um die Beziehungen zwischen den Medien und der Werbewirtschaft.

Nehmen wir uns erst einmal die Medien vor. Und beginnen mit dem Fernsehen. Dass die TV-Nutzung derzeit sinkt, ist nur ein erster, leiser Hinweis darauf, dass TV seine Rolle als Leitmedium und familiäres Lagerfeuer abgibt. Was sich in Wirklichkeit verändert, sind soziale Strukturen. Die Familie sieht nicht mehr gemeinsam fern. Jeder nutzt sein eigenes Medium. Die Kinder chatten und facebooken, während die Eltern zwar den Fernseher anhaben, aber jeder vor seinem Laptop und iPad anderen Dingen nachgeht. Die Frau surft durch die Fashion-Seiten oder, wenn nötig, durch die Kindererziehungs-Foren. Der Mann twittert über das Fußball-Match oder den Tatort, den er mehr am iPad als am Fernseher verfolgt. Die TV-Sender und Vermarkter freuen sich sogar über die neue Aufmerksamkeit, den ihre Programme mithilfe der Social Networks angeblich gewinnen – und merken nicht, dass die Menschen beginnen, TV wie Radio zu nutzen: Als Nebenher-Medium. Das Gerät ist einfach an – und es stört nicht.

Eine ganze Generation… Jugendliche, Nerds und Early Adopters sehen überhaupt nicht mehr fern. Nicht stationär. Sie lieben You Tube, die Mediatheken und die Streams. Sie machen sich ihr eigenes, digitales Programm. Und sind damit für Werbung so schwer zu erreichen wie noch nie zuvor.

Tina Beuchler sieht das Drama an ihren Zahlen. Sie ist Head of Media Communication beim Werbe-Riesen Nestlé. Sie beklagt den zu geringen und inzwischen sogar einen sinkenden Return On Media Investment. Sie meint damit TV. Das ehemals überlegene, unverzichtbare und stets zuverlässige Leitmedium der großen Werbemarken gerät in die Bredouille. Es zerfasert in unendlich viele, digitale, mikro-kosmische Einzelfragmente. Die Zeiten hoher TV-Reichweiten und höchster Aufmerksamkeit vor dem Bildschirm sind bald vorbei. Das nenne ich mal Transformation pur.

Die Radio-Nutzung wandert vom UKW ins Digitale. Im Auto haben wir digitalen Zugriff auf Hunderte von Sendern. Wir werden dem Digital Information System zurufen, was wir gerade hören möchten. Im Rechner und via Smartphone haben wir Zugriff auf Abertausende Web-Radio-Programme weltweit.

Die Funktion des Radio-Mediums als unser Tagesbegleiter verändert sich dabei nicht, wohl aber unsere Loyalität gegenüber einzelnen Sendern. Wir hören künftig Programm, nicht Sender. Und wie beim Fernsehen sind die Zeiten hoher Reichweiten irgendwann passé.

 

Schneller Wechsel, digitale Signale

Auch die Außenwerbung wird Schritt für Schritt digital. Die Zeiten geklebter Papier-Plakate, die zehn Tage lang hängen, sind bald vorbei. Digital Signage, wie es nun heißt, kennt Uhrzeiten, Wetterbedingungen, Verkehrsströme. Sie „er-kennt“, wenn erwünscht, jeden einzelnen Konsumenten, kennt seine Bedürfnisse – und leitet ihn zum nächsten Point of Sale. Aber nur, wenn die Pächter nicht vor der gewaltigen Investition einknicken, die ihnen diese digitale Transformation abverlangt…

Kommen wir zu den Printmedien, die derzeit am meisten unter dem digitalen Wandel zu leiden haben. Was tun, solange die gedruckten Printausgaben noch die Online-Websites mitfinanzieren müssen? Wenn Druck und Vertrieb ungeheure Mittel binden, die für notwendige Online-Investitionen nicht zur Verfügung stellen? Wenn längst schon ein und der gleiche Journalist Print und Online bedient, obwohl beide Distributionswege völlig unterschiedliche, journalistische Talente erfordern? Wenn längst Zentralredaktionen mehrere, völlig verschieden positionierte Objekte – wie Capital und Impulse, wie Für Sie und Petra, wie Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung – gleichzeitig bedienen sollen?

Zum Niedergang der FTD schrieb das Branchenmagazin W&V: „Die Zukunft der Nutzung von Wirtschaftsmedien ist digital, die Leserschaft der FTD ist jünger als anderswo, und Print-Erlöse waren hier zuletzt kaum mehr zu verlieren – trotzdem wagt es G+J nicht, mit ihrem Prestigeprojekt FTD die digitale Transformation von Medien zu erproben. Trotz aller Beteuerungen, in die digitale Zukunft des Verlages investieren zu wollen. Welches nachrichtenjournalistische G+J-Objekt wäre für dieses mutige Experiment besser geeignet gewesen als die FTD?“

Print ist wohl tatsächlich am Ende. Das Geschäftsmodell Print hat sich offenbar überlebt. Die Verleger haben weder Antworten, noch Lösungen.

Die Zeitungen haben den Online-Markt dermaßen verschlafen, dass ihnen das rentable Rubriken-Geschäft völlig weggebrochen ist. Und nun wandern auch die Einzelhändler, ihre treuesten Anzeigenkunden, ab. Unter nie dagewesenem Kostendruck sparen sie an den falschen Stellen: An ihren lokalen Redaktionen und damit an ihrer lokalen Kompetenz. Die Zeitungen sparen sich sprichwörtlich zu Tode.

Dennoch sind die Zeitungsmedien nach wie vor die Haupt-Nachrichten-Lieferanten fürs Internet. Nicht auszudenken, wie die Websites ohne sie aussähen. Aber keine Sorge, der Worst Case trifft nicht ein. Einige überregionale Tages- und Wochenzeitungen melden sogar steigende Auflagen. Weil sie das liefern, was es Online zu wenig gibt: Kompetente Meinungen, Hintergrundberichte und Kommentare, die Orientierung liefern und helfen, die Meinung der Leser zu bilden.

 

Wenn Print stirbt, stirbt Online mit

Würde hier die Transformation zum Digital Publishing vollzogen, könnten FAS, WamS, Zeit & Co. als Wochenzeitungen mit Sicherheit von Paid Content leben. Tägliche Nachrichten dagegen haben auf Print nichts mehr zu suchen. Nachrichten, da stimme ich Sascha Lobo zu, sind längst zu einem Fluss geworden, der digital verbreitet, geshared und via Social Media und Blogs im Minutentakt weiterverarbeitet wird. Und zwar digital.

Anders die regionalen Zeitungen. Ihre Domäne war und ist ihre lokale Dominanz, Präsenz und Kompetenz. Wenn sie dieses Heimspiel gewinnen – das geht allerdings nur über Investitionen in Redaktion – dann bleibt ihnen nach weiteren, gewiss schmerzlichen Auflagenverlusten ein Leser-Stamm, der seinesgleichen sucht: Die gebildetsten, kaufkräftigsten und wertvollsten Print- und Online-Leser, die die Zeitungen je hatten. Und das lokal, wo bekanntermaßen das Geschäft stattfindet: All business is local. Dieses Postulat bleibt auch im digitalen Transformationszeitalter aktuell wie nie.

Wenn jedoch die Zeitungsverleger nicht investieren, wenn sie stattdessen weiterhin ihre Redaktionen ausdünnen, dann gehen sie den Weg alles Irdischen. Dann hätten sie ihr eigenes Grab geschaufelt. Wenn es dann in absehbarer Zeit keine regionalen Zeitungen mehr gibt, dann war daran nicht das Internet Schuld, sondern die Unfähigkeit der Verleger zur Transformation. Und ihr Mangel an Visionskraft.

Allerdings: Wenn die Printausgaben der lokalen Zeitungen bei uns – wie in den USA – doch sterben sollten, dann gibt sie auch nicht mehr Online. Denn reine Online-Ausgaben regionaler Tageszeitungen haben mangels Existenzberechtigung keine Überlebenschance. Dann hätte die mögliche Transformation einfach nie stattgefunden.

Warren Buffet geht da einen anderen Weg. Der größte Investor unserer Zeit kauft mit einem Schlag 63 lokale Tages- und Wochenzeitungen im Süden der USA. Und das im Online-Zeitalter. Er ist entweder von allen guten Geistern verlassen. Oder er ist ein Genie…

Er ist… ein Genie. Er sagt: „In Städten und Orten mit einem starken Gemeinschaftsgefühl gibt es keine wichtigere Einrichtung als die Lokalzeitung.“ Er weiß um den Wert der lokalen Zeitung. Er weiß, dass ihr Wert höher ist als der des Fernsehens – und dass Online lokal bis heute nicht mithalten kann. Warren Buffett weiß um Heimat. Um lokale Verwurzelung. Um Verbundenheit. Deshalb nennt er die lokale Zeitung eine „Einrichtung“. Dieses Wort habe ich noch nie aus dem Mund eines deutschen Zeitungsmenschen gehört…

Ebenso wie die Zeitungen durchlaufen die Zeitschriften diesen Transformationsprozess. Die Dickschiffe verlieren massiv an Auflage. Titel wie Hörzu, Bunte und Stern haben sich schlicht überlebt. Und Brigitte? Machen Sie mal eine Frauenzeitschrift, die 60- wie 20-Jährige gleichermaßen fesselt. Schwierig…

Gleichzeitig nimmt interessanterweise die Zahl der Titel weiter zu. Die Entwicklung erscheint eindeutig: Es gibt immer mehr Zeitschriften mit immer geringeren Auflagen. Die Zeitschriften entwickeln sich offenbar vom Massen- zum Zielgruppen-Medium. Aber sterben? Nein.

 

Dialog zwischen Lieferanten und Kunden

Betrachten wir die Fachmedien. Sie besaßen schon immer das, wovon alle Medien träumten und worum sie alle anderen Medien beneideten: Eine Community. Sie besitzen die Plattform, auf der Fachleute diskutieren und auf der sich Profis austauschen. Der wesentliche Unterschied zum B2C-Markt besteht darin, dass sich alle kennen: Die Journalisten kennen alle Meinungsführer persönlich – und, noch viel wichtiger: Die Anbieter kennen ihre Kunden.

Deshalb ist der Markt der Fachmedien prädestiniert dazu, als erste Printgattung die Transformation in die digitale Welt umzusetzen. Der Dialog zwischen Lieferanten und Kunden kann nirgends besser und intensiver vonstattengehen als online: Website, Diskussions-Foren, Email-Newsletter, Unternehmens-Blogs, Datenbanken, Social Media. Zum ersten Mal hat B2B die Nase vorn. Gedruckte Fachzeitschriften werden angesichts der Stärke und Überlegenheit dieser digitalen Kommunikationsmittel bald obsolet.

Ich spüre es am eigenen Leib: Ich blogge seit zwei Jahren. Meine Blogposts werden, wenn es um reine Media-Fachthemen geht, von 2.000 – 6.000 Menschen gelesen. Das sind mehr Leser, als mir die gängigen Fachzeitschriften jemals bieten können. Meinen „Vertrieb“ organisieren freundlicherweise Twitter und Facebook. Und die Reaktionen spüre ich erstmals hautnah: Durch Kommentare und unzählige Journalisten und Top-Entscheider, die mich täglich darauf ansprechen. Und eben an-twittern. Mit anderen Worten: Auf die berühmte, einsame Insel würde ich meinen Blog mitnehmen und dort weiter bloggen – aber nicht mehr für Fachzeitschriften schreiben. Digital bin ich mein eigener Herr. Digital bin ich mein eigenes Medium.

Die digitalen Medien verschieben die Perspektiven. Es gilt nicht mehr die sogenannte Frontal-Kommunikation, also ein Absender jagt via klassischer Medien seine Botschaft hinaus in die Welt. Sondern es ist heute der Empfänger, der entscheidet, was ihn überhaupt interessiert. Die Zielgruppe entscheidet mehr denn je, ob und wie sie Medien konsumiert, was sie konsumiert und wann sie konsumiert. Wir nennen es zu Recht einen Paradigmenwechsel.

Das führt automatisch zur Frage, wie denn Kommunikation in einer digitalisierten Zukunft überhaupt aussehen wird. Und worauf sich die bisherigen Versender von Nachrichten und Botschaften einrichten müssen.

 

Suche nach der Zielgruppe

Erstens. Die Suche nach geeigneten Medien für die Kommunikation verschiebt sich zugunsten einer Suche nach der tatsächlichen Zielgruppe, für die die Botschaft Relevanz besitzt. Das klingt auf den ersten Blick nicht wirklich revolutionär, stellt jedoch die Mediaplanung und die gesamte Zielgruppenansprache völlig auf den Kopf.

Denn den Mediaentscheidern und Planern der Zukunft wird das Medium gleichgültig sein.

Entscheidend wird künftig weniger das Medium selbst sein, sondern die Plattform, die die Zielgruppe für kompetent und vertrauenswürdig hält. Da kann ein Blog wichtiger sein als eine Zeitschrift, ein Online-Portal oder ein You Tube-Kanal wichtiger sein als die diffuse Verbreitung einer Botschaft via TV. Folglich wird die Kommunikation die Perspektive der Zielgruppe einnehmen müssen. Aber darauf hat sie sich bisher in keinster Weise vorbereitet…

Zweitens. Die Glaubwürdigkeit des Absenders und des gewählten Mediums entscheidet über die Aufmerksamkeit, die eine Botschaft erhält. Es geht den Verbrauchern zunehmend um Transparenz, um Glaubwürdigkeit und werthaltige Information. TV und Online sind per se die unglaubwürdigsten Transporteure. Auf diesem „Battlefield“ gewinnen eher die Printmedien – allen voran die Zeitungen – vor allem aber die Empfehlungen neutraler Botschafter. Siehe das Phänomen Trip Advisor:

Die Menschen vertrauen eher fremden Mitmenschen als selbsternannten Experten. Künftig kann jeder sein eigenes Medium sein, seiner eigener Botschaften-Versender. Künftig entscheidet jeder Einzelne viel stärker als je zuvor über Wohl und Wehe einer Marke, eines Angebotes, einer Dienstleistung. Consumer is King. Und: Content is King.

An dieser Stelle gewinnen die Social Networks eine unvorstellbar wichtige Bedeutung. Bezeichnend, dass die meisten Unternehmen und Agenturen gerade Social Media vorschnell als ungeeignete Medien für ihre Kommunikation abgeschrieben haben.

Sie werden noch ihr blaues Wunder erleben. Sie haben schlicht keine Ahnung davon, welche Kraft Soziale Medien und Networks für und gegen sie entfachen kann. Geschweige denn, wie man schlichte Verbraucher zu einflussreichen Marken-Botschaftern macht. Lieber beklagen sie die sinkende Marken-Loyalität und machen die Medien verantwortlich für den abflauenden Media-ROI. Medien-Kompetenz sieht anders aus…

Drittens. Wenn die Verbraucher, unsere Zielgruppen, der Werbung weder glauben, noch ihr trauen – dann müssen neue Wege beschritten werden. Das wäre „The End Of Advertising As We Know It“, wie der Coca Cola-Marketingchef Sergio Zyman in seinem bereits vor zehn Jahren erschienen Bestseller prophezeite. Das wäre wohl dann auch das Ende der Werbeagenturen, die nur eins können: Sinnleere Werbe-Briefings für sinnleere Marken in sinnleere Werbe-Botschaften umwandeln.

Die ersten Global Player unter den Unternehmen machen sich das neue Phänomen Crowdsourcing längst zunutze. Mithilfe der digitalen Medien suchen und nutzen sie Talente auf der ganzen Welt, um neue Kommunikations-Konzepte zu entwickeln. Und das für einen Bruchteil des Geldes, das sie früher an die aufgeblasenen Werbeimperien namens McCann, Young & Rubicam & Co. zahlten.

 

Vergessenes Wissen

Leo Burnett, David Ogilvy und Bill Bernbach würden sich im Grabe rumdrehen. Denn ihre Forderungen an die Ehrlichkeit der Werbung sind zwar so aktuell wie nie zuvor, ihre Nachfolger haben dieses Wissen jedoch längst mit ihnen zu Grabe getragen und vergessen. Uwe Becker, Vorstand des Kundenverbandes OWM, sagt: „Vorhandenes Wissen ist in den letzten Jahren massiv entwertet worden.“

Ein Ergebnis dieses neuen Zugangs zum Endverbraucher sehen wir an den Inhalten der relaunchten Coca-Cola-Homepage, die derzeit für Furore sorgt und sofort zur neuen Benchmark für die digitale Kommunikation, für eine Verschmelzung von Unternehmens-Kommunikation, PR, Werbung und Mediaauftritt aufstieg. Die Homepage, wohlgemerkt.

Kein Unternehmen, schreibt dazu der Blogger Thomas Knüwer, „hat die Idee des Marketing über Content so drastisch aufgegriffen. Den Schwerpunkt der Seite bilden Geschichten rund um Coca-Cola, die Marke und die Produkte. Doch dies ist durchaus weit zu interpretieren. Auch Corporate Social Responsibility spielt eine gewichtige Rolle.“ Man will sogar fremde, Coke-kritische Beiträge auf der eigenen Homepage zulassen. Respekt.

Übrigens, Coca-Cola wird im nächsten Jahr in Cannes zum „Creative Marketer of the Year“ gekürt…

Mit dieser Entwicklung entsteht zwangsläufig ein völlig neuer Typus Werbeagentur, der Kommunikation – also Werbung, Verkaufsförderung und PR – vernetzt. Diese jungen Agenturen machen dabei eine verblüffende Feststellung: Was früher nur unglaublich selten und schwer zu „integrieren“ gelang, lässt sich digital – mithilfe der digitalen Medien – deutlich einfacher vernetzen. Diesen Agenturen gehört die Online-Zukunft.

Für Mediaplaner müsste die digitalisierte und fragmentierte Brave New Media World eigentlich ein Traum sein. Dermaßen vielfältige Möglichkeiten zur Ansprache diffizilster Zielgruppensegmente gab es noch nie. Doch statt ihre Profession für Werbekunden aufzuwerten und unverzichtbar zu machen, fördern sie mit jedem neuen Schritt die Intransparenz ihres Gewerbes. Mehr noch: Sie betreiben Trading, investieren in Tracking und Real Time Bidding – und bemühen sich nach Kräften um die Automatisierung ihres Planungsprozesses. Nur um noch mehr Rendite aus dem Geld ihrer Werbekunden zu schöpfen.

Sie sägen damit nicht nur am Ast, auf dem sie sitzen. Sie schaffen sich sehenden Auges ab. Das hat es meines Wissens in der jüngeren Vergangenheit des Wirtschaftslebens noch nicht gegeben. Ohne jede Not sind aus Mediaplanern IT- und Software-Spezialisten geworden, die die Programme entwickeln, mit denen ihre Kunden sie künftig ersetzen können. Das System Mediaagentur ist damit am Ende. In der herkömmlichen Form wird der Markt, der aus Medien einerseits – die das Angebot besitzen – und Werbekunden andererseits besteht – die die Nachfrage steuern -, die Mediaagentur-Schmarotzer bald zum Teufel jagen.

Was die Lenker der Mediaagenturen dabei übersehen, ist dass sich Märkte immer im Wandel, in einer steten Transformation befinden. Nichts bleibt auf ewig so, wie es ist. In ihrer blinden Gier nach Geld unterschätzen sie die Gefahr, die ihnen droht. Wer dem Markt dauerhaft ein Angebot präsentiert, von dem er nur selbst profitiert, wird irgendwann für überflüssig erklärt. Und dieses „irgendwann“ ist sehr bald.

 

Zielgruppe im Mittelpunkt

Eine neue Generation von Mediaagenturen wird nicht mehr in Medien, sondern in Zielgruppen denken. Sie wird den Gedanken umsetzen, den wir seit Jahren erfolglos vor uns hertreiben: Die Zielgruppe wird endlich in den Mittelpunkt der Media-Kommunikation rücken. Die Mediaagentur wird ihren Kunden individualisierte und vernetzte Zielgruppen-Packages schnüren und anbieten. Sie wird in Wirkung denken – und nicht mehr in Kontaktchancen, GRPs und TKPs. Sie wird sich ausschließlich von ihren Kunden honorieren lassen – und dabei auch nach Leistung, sprich nach Wirkung bezahlt.

Diese Transformation wiederrum, die Nachfrage nach vernetzten Angeboten, wird die Vermarktung von Medien enorm verändern. Hatte bislang jedes Medienunternehmen nur die eigenen Interessen im Sinn und jedes andere Medium, jeden fremden Werbeträger zum Feindbild, verlangt die digitale Zukunft nach Allianzen. Medien werden sich Partner suchen müssen, mit denen Zielgruppen-orientierte Vernetzungsstrategien sinnvoll angeboten werden können.

So betrachtet, ist die Allianz der regionalen G8-Zeitungsverlage zum „Medienhaus Deutschland“ ein visionärer Schritt in eine erfolgversprechende Vermarktungs-Zukunft. Denn hier werden sich in Zukunft Tageszeitungen, Anzeigenblätter, die stärksten, lokalen Online-Nachrichtensites, Radiosender und sogar Verteil-Organisationen, die an jede Haustür vor Ort anklopfen können, unter einem Dach zusammenfinden.

Solche Medienhäuser werden den Werbekunden völlig neuartige Plattformen für klassische Werbung anbieten können, für digital vernetzte Kampagnen, aber ebenso auch für die gesamte Unternehmenskommunikation. Unter Beibehaltung einer strikten Trennung von Werbung und Redaktion – können Werbung und PR nur dann zu einer Strategie verschmelzen, wenn es die Vermarkter zulassen. Wenn die Vermarkter individuelle und kreative Konzepte mit entwickeln. Ihre Leser, Nutzer und User werden es ihnen danken, wenn sich Reklame endlich zu relevanter Kommunikation entwickelt und auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten wird.

Plötzlich ergeben die Schlagworte, mit denen wir uns derzeit im wahrsten Sinne des Wortes herumschlagen, einen Sinn: Zielgruppe, Content, Digitalisierung, Vernetzung… werden vor dem Hintergrund der Revolution unserer Medienwelt zu einer alternativlosen Einheit verschmolzen. Zu einer wirksamen Kommunikation mit den Menschen, die wir Zielgruppe nennen. Zu relevanten Botschaften, zu glaubwürdigen Kampagnen – und zu einer endlich zielgruppengerechten Ansprache. Nur so finden wir bei den Verbrauchern wieder Gehör. Nur so hört Werbung endlich auf zu nerven…

 

Chancen der Digitalisierung nutzen

Die digitale Welt eilt voran. Jetzt müssen nur noch die Menschen nachziehen. Die Menschen bei Medien und Vermarktern, bei den werbenden Unternehmen, bei den Kreativ-, PR- und Mediaagenturen. Die Menschen sind bekanntlich immer das schwächste Glied in der Kette einer Technologie-getriebenen Entwicklung. Spätestens jetzt müssen wir die Chancen, die uns die Digitalisierung bietet, ergreifen. Dazu müssen auch wir uns besser vernetzen. Wir werden erleben, wie unsere Arbeit immer mehr Erfolg hat – und immer mehr Spaß macht.

Alles Digital? Ich war mir nie ganz sicher, ob uns die digitale Welt wirklich weiterbringt. Ob sie uns womöglich überfordert. Ob sie alles oberflächlicher und belangloser macht. Oder ob sie wirklich neue Lösungen auch für unser Gewerbe ermöglicht. Heute bin ich mir sicher.

Ich danke „Digital“ an dieser Stelle, dass es die Tür aufgestoßen hat zu dieser neuen, faszinierenden Welt.
 
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