Die kalifornische Ideologie und der deutsche Reflex

Der Kampf gegen Google, Facebook und Apple entwickelt sich zu einem Kulturkampf, in dem die Fronten verwirrend erscheinen. Manche Beobachter fragen sich: Wehrt sich hier die deutsche Geisteselite gegen eine neoliberale US-Hegemonie oder will eine kulturkonservative Branche die Modernisierung der Informationsgesellschaft verhindern?

Der Kampf gegen die amerikanischen Internet-Giganten hat eine neue Qualität erreicht. Es geht nicht mehr nur um einen Gesetzentwurf, es geht um die ‚Grundübel der Moderne’: Überfremdung, Enteignung und Kontrollverlust. Und weil es darüber hinaus auch um einen Batzen Geld geht, werden sämtliche Register gezogen. Auf dem Spiel stehen Lebensweise, Kultur, Glück und Demokratie der Deutschen, wenn sie sich weiter von der „kalifornischen Ideologie“ in Gestalt von Apple, Google und Facebook umgarnen lassen.

Kein Vergleich ist den Kritikern inzwischen zu blöd, kein Bild zu schief (Nordkorea, Mullah-Regime), um den „anti-kapitalistischen“ Impuls in den guten Deutschen wachzurufen. Die Karikaturen, die von der Neuen Welt gezeichnet werden – verbal oder als Bild – sind nicht mehr allzu weit entfernt von ähnlichen Mustern in der Vergangenheit. Nur schade, dass sich Steve Jobs und Mark Zuckerberg nicht als Zigarren schmauchende, fette und krummnasige Kapitalisten darstellen lassen, die mit großem Appetit die Weltkugel verspeisen.

Christoph Kappes hat hier bei Carta vor drei Jahren in nüchterner Strenge beschrieben, was das Unternehmen Google ist und will, und gleichzeitig davor gewarnt, den US-Konzern als billiges Ersatz-Feindbild für alle Übel dieser Welt zu benutzen (und dadurch von hausgemachten Problemen abzulenken). Doch genau so ist es gekommen – und die Finanzkrise, die uns Amerika 2008 „geschickt hat“, hat das Feld für die jetzige Kritik perfekt vorbereitet. Banken und Internet hängen ja eng zusammen. Miteinander verquickt bilden sie den aktuell wirkmächtigsten Teil der kapitalistischen Entwicklung (sozusagen Kalifornien plus New York).

Statt aber diese Entwicklung zu analysieren und der politischen Gestaltung damit zugänglich zu machen (Regulierung), werden Kriegsschauplätze ausgekundschaftet und Kriegsvokabeln einstudiert („nukleare Option“, „Endgame“). Der Konflikt wird ideologisch aufgeladen. Zu unterscheiden ist dabei eine (vordergründig) kluge und geschmeidige von einer eher plumpen und fahrlässigen Kritik.

Wenn Frank Schirrmacher und Frank Rieger z.B. gemeinsam gegen die kalifornische Ideologie opponieren, tanzen wenigstens die Verhältnisse, aber wenn Hajo Schumacher blindwütig auf Apple eindrischt und den Konzern wahlweise mit Nordkorea, einem Mullah-Regime oder Opus Dei vergleicht, sollte man bei Amazon schon mal vorsichtshalber ein paar Sicherheitswesten bestellen. Da macht sich eine Haltung in Deutschland breit, die so gefährlich wie bequem ist: In Kalifornien steht der Feind, der unser schönes Leben bedroht. Ohne ihn könnten wir ruhig schlafen und weiter machen wie bisher. Also auf ihn mit Gebrüll!

Ich will mich hier gar nicht mit den handfesten Interessen aufhalten, die hinter solchen hehren Argumentationsmustern (auch) stecken: egal, ob die Kritiker nun ihre Interessen als Datensicherheitsberater deutscher Firmen verteidigen oder als Herausgeber von Zeitungen oder als Auftrag nehmende Journalisten, die für ihre angegriffenen Herrn den Wadenbeißer geben. Diese Interessen sind so legitim wie die Interessen von Apple, Google und Facebook. Es sind wirtschaftliche Interessen – doch „beide Seiten“ arbeiten nun verstärkt mit ideologischen Überhöhungen.

Halt! Einen bedeutsamen Unterschied gibt es: Die drei US-Konzerne haben die Phase ihrer ideologischen Selbst-Überhöhung schon weitgehend hinter sich, während die deutschen Opponenten diese gerade erst einüben. Ersteres ist eine typische Aufstiegs-Ideologie, die sich mit dem Erfolg und der wachsenden Akzeptanz allmählich verliert, letzteres ist eine typische Abstiegs-Ideologie, die sich im Zuge der Konfrontation und des Niedergangs zuspitzt und radikalisiert.

Diese chronologische Sicht ist wichtig für die Beurteilung des Konflikts zwischen der amerikanischen Herausforderung und dem deutschen Abwehr-Reflex.

 

Die amerikanische Aufstiegsideologie

Die älteste der heute übermächtig erscheinenden Internetfirmen aus dem kalifornischen Silicon Valley – Apple – startete in den siebziger Jahren als kleine Klitsche mit einer Ideologie, die aus den sozial-romantischen Utopien der damaligen Zeit, dem ökologisch-hedonistischen Hippie-Lebensstil begüterter College-Studenten und „revolutionären“ Technologien, die Freiheit und Teilhabe für alle versprachen, zusammengerührt war. Andy Cameron, Designer und später Kreativdirektor der Firma Benetton und der im Hacker-Milieu sozialisierte Politologe Richard Barbrook haben die (dialektische) Entstehung dieser neuen ‚Weltwirtschaft’ 1995 in ihrem Buch „Die kalifornische Ideologie“ beschrieben. Nach Ansicht der britischen Forscher, die damals am „Hypermedia Research Centre“ der Westminster-Universität arbeiteten, beruhte die Kraft und die Zukunftsfähigkeit der neuen „Sharing“-Kultur auf der intelligenten Verbindung zweier gegensätzlicher Prinzipien: einer marktradikalen Ökonomie (in den USA regierte das Konzept der Chicago Boys!) und einer kommunistischen oder besser: kommunitaristischen Gesellschaftsvorstellung. Das Ergebnis war eine Ökonomie des Verschenkens, des Teilens, der Mitteilung und des Austauschs.

Beide Stränge, die anfangs gleich stark vertreten waren, bildeten zusammen den Überbau, die „Religion“, die wir heute in Deutschland als „sektenhaftes“ Verhalten wahrnehmen.

Doch nicht einmal 40 Jahre nach der Gründung von Apple stellt die „kreative Klasse“ (Richard Florida), die den neuen Internet-Kapitalismus trägt und repräsentiert, einen gehörigen Anteil an den Beschäftigten, der Wertschöpfung und dem Umsatz entwickelter Volkswirtschaften. Die religiöse Überhöhung der bescheidenen Anfänge in den kalifornischen Katakomben/Garagen (Religion ist immer Kennzeichen und Bindemittel großartiger Anfänge!) wird zur Stabilisierung der Branche heute nicht mehr benötigt. Die Internet-Konzerne konzentrieren sich jetzt auf ihre wirtschaftliche Tätigkeit. Sie wachsen und gedeihen, und sie verlieren dabei ihre kommunitären Vorstellungen (oder pflegen diese noch zu Werbe- und Kampagnenzwecken). Sie machen sich breit in der Gesellschaft und drücken dabei die zurückgebliebenen Wirtschaftszweige an die Wand.

 

Die deutsche Abstiegsideologie

Der Widerstand gegen diese Entwicklung erscheint uns in Deutschland nur deshalb so gewaltig, weil er vorwiegend von den sprachmächtigen kulturellen Eliten kommt. Diese haben die Fähigkeit und die Mittel (und die Chuzpe), ihre Partikularinteressen zu allgemeinen Interessen aufzublasen und so die Gesellschaft als Ganzes „aufzuhalten“ – mit dem positiven Nebeneffekt, dass sich ihre Verzögerungstaktik als wohltuende „Abfederung“ des Umbruchs erweisen kann. Denn eine Gesellschaft kann nie so schnell umsteuern wie Teilbereiche der Wirtschaft unter den disruptiven Bedingungen der neuen Technologie.

Problematisch wird die Verzögerungstaktik aber dann, wenn sie sich ideologisch aufzuladen beginnt. Und das ist derzeit der Fall. Statt die Verbindungen von Finanzkapital und Internet-Ökonomie zu analysieren, und daraus eine Perspektive für die Lösung der Euro- und Europakrise zu destillieren, statt nüchtern die Widersprüche und Lebenslügen der „kalifornischen Ideologie“ zu erkunden, fördern die Kritiker der Silicon Valley-Industrie die Einkreisungs- und Überfremdungsängste der Deutschen durch die Produktion weiterer Feindbilder: nach dem politischen Islam und dem übermächtigen China drangsaliert uns nun auch noch der kalifornische Internet-Krake (inklusive seiner „nuklearen Option“!). In den Worten Hajo Schumachers:

„Warum akzeptieren wir ein totalitäres System wie iTunes, obwohl wir so viel Wert auf Freiheit und Individualität legen? Warum bilden wir uns verbissen ein, Apple habe etwas mit kalifornischer Freiheit zu tun, obgleich das System auf Abhängigkeit und Drangsalierung angelegt ist?

Wir kämpfen für ein paar mittelmäßige Mohammed-Karikaturen, wir bangen um die Pressefreiheit, wenn ein CSU-Mensch beim Fernsehen anruft – aber wenn Apple die Pfeiler der Demokratie sprengt, regt sich niemand auf…“

Das ist nichts anderes als ein Ruf zu den Waffen – gegen die Pfeiler sprengenden Terroristen, gegen die Drangsalierer aus Kalifornien und das totalitäre amerikanische System. Und warum? Weil man in einer Hotline-Schleife von Apple hängen blieb und ein paar standardisierte E-Mails bekam (was einem bei jeder deutschen Versicherung genauso gut hätte passieren können).

Der Korschenbroicher Krieger Ansgar Heveling war offenbar nur die Vorhut in diesem Kulturkampf – heute hevelingt es an allen Ecken und Enden. Es ist ein Kennzeichnen von Abstiegsideologien, dass die Anlässe für Erregungen immer kleiner werden, während der dafür aufgewendete Sprachbombast immer größer, pathetischer, wilder und aggressiver wird.

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