Wolfgang Michal

Über Säue und Dörfer

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Was geschieht eigentlich mit den Säuen, die gestern und vorgestern durchs Dorf getrieben wurden? Müssen die sich vorne wieder anstellen oder werden die irgendwann vergessen?

30.12.2012 | 

Es ist schon viel darüber nachgedacht worden, wie schnell sich die Erregungs- und Empörungswellen, die das Internet ermöglicht, auftürmen und wieder verlaufen. Bei den meisten Online-Medien hält sich die Aufmerksamkeit für ein Aufreger-Thema maximal 24 Stunden. Können (und wollen!) die Medien nachlegen, dauert es ein paar Tage länger.

Bei Twitter überlebt die Aufmerksamkeit nur wenige Stunden, dann ist die Meldung, der Empörungs-Tweet veraltet. Viele Twitterer sorgen auch selbst für die Zerstreuung ihrer Tweets, indem sie kurz nacheinander auf NSU-Fahndungspannen, Markus Lanz, den Syrien-Konflikt, ein Fußballspiel, Wettendass, die Netzneutralität und ihre eigene Befindlichkeit verweisen. Natürlich sind diese Themen alle interessant, aber was bedeutet es für die Inhalte, wenn man sich nicht mehr auf sie konzentrieren kann?

Der Durchsatz von Themen hat sich vervielfacht. Spiegel Online z.B. veröffentlicht etwa 100 Beiträge am Tag. Der Turbojournalismus, das Live-Ticker-Getöse und die +++breakingnews+++ sind zwar inzwischen zu Parodien ihrer selbst geworden, aber die Macher wissen auch, dass ihre Leser nur wegen dieser „Aufregernews“ fünf oder zehn Mal am Tag „vorbei(!)schauen“. Als Prosumer schämt man sich über die eigene Inkonsequenz – a) auf keinen Fall ein Durchlauferhitzer für Themen sein zu wollen und b) trotzdem ein Durchlauferhitzer zu sein.

 

In Nachrichtenüberflussgesellschaften

Durch das Anreißen immer neuer Themen im Viertelstundentakt werden die vorangegangenen Themen aus dem Blickfeld gedrängt. Eben musste man sich noch über den unsäglichen Verfassungsschutz ärgern, da grätscht schon wieder ein skandalöser Gesetzentwurf dazwischen oder ein Politiker, der sich daneben benimmt. Wer hat noch alle „Skandale“ der ersten Jahreshälfte parat?

Paradoxerweise gibt es trotz der Zerstreuung viele Menschen, die an „ihren“ Themen dranbleiben. Die sich seit vielen Jahren mit etwas beschäftigen. Durch irgendeinen Zufall, durch ein Ereignis, durch gutes Timing gerät „ihr Thema“ plötzlich ins Rampenlicht – und ist kurz danach wieder verschwunden. Selbst für Bücher, die als Bestseller konzipiert sind, ist das Zeitfenster der Aufmerksamkeit höchstens drei, vier Wochen offen.

Gegen diese Flüchtigkeit gibt es ein ganzes Arsenal von Abwehrmaßnahmen: vom gefürchteten Wiederholungs-Tweet über die erinnernde Verlinkung bis zur Archivierung. Es gibt hervorragende Dossiers, Schwerpunkte und Themenseiten. Es gibt storify und paper.li, Netzarchive und Time-Machines. Doch alle ehrbaren Versuche, ein Thema festzuhalten, werden von neuen Dossiers, neuen Schwerpunkten und neuen Themenseiten überspült. Wer Statistiken liest, muss feststellen, dass Merkposten dieser Art nur selten genutzt werden. Und in den Feedreadern und auf den Festplatten stapeln sich die Themen, die noch gelesen und durchgearbeitet werden müssen – da rennt schon die nächste Sau durchs Dorf.

Es ist fast egal, worum es geht, um #refugeecamp oder #eurorettung, um #ftd oder #fdp – das Gefühl, nicht mehr nachzukommen mit der Verarbeitung des Datenstroms, taucht in immer kürzeren Intervallen auf, trotz aller sorgsam installierten Filter. Nichts wird zu Ende gedacht, nichts wird zu Ende gebracht. Die Probleme werden vertagt und kommen irgendwann als +++dringende Wiedervorlage+++ zurück. Denn aus Fehlentwicklungen werden keine Konsequenzen gezogen, Ursachen werden nicht beseitigt, Änderungen so lange „angedacht“ und hin- und hergewälzt, bis ihre Durchführung hinter der nächsten Aufregermeldung in Deckung gehen kann. Das Wissen – sagen viele – ist da, allein es fehlt die Umsetzung. Immer mehr Geplapper staut sich auf.

Gegen dieses Ohnmachtsgefühl in Nachrichten-Überflussgesellschaften hilft sich die Öffentlichkeit mit einer Ersatzbefriedigung: Solange strukturelle Änderungen im Machtgefüge ausbleiben und die Aufmerksamkeitsspannen für die Komplexität von Problemlösungen nicht ausreichen, müssen Rücktrittsforderungen und Rücktritte ein sinnhaftes Geschehen vortäuschen. Rücktritte simulieren, dass etwas geschieht. Die Öffentlichkeit kann das Thema abhaken und für erledigt erklären.

Durch diese Form der Ersatzbefriedigung ist der Verbrauch an Säuen, die durchs Dorf gejagt werden, in Nachrichten-Überflussgesellschaften enorm gestiegen. Es hat sich ein wahrer „Schweinezyklus der Öffentlichkeit“ entwickelt, ein spektakuläres, ja unterhaltsames Sau-Spiel.

Was aber geschieht, wenn die Sau das Dorf durchquert hat? Was spielt sich hinter dem Dorf ab? Gibt es dort einen Sau-Stau? Oder sind es immer die gleichen Säue, nur in wechselnder Verkleidung? Brauchen wir das Ritual als Abwechslung? Oder brauchen wir die Abwechslung als Ritual?

Die in Nachrichten-Überflussgesellschaften entstehende Hassliebe zur Dauer – a) „Ich kann seine Fresse nicht mehr sehen!“ b) „Toll, wie die sich hält!“ – erinnert ein wenig an eine bipolare Störung, die manisch-depressive Züge trägt, mit allen Stimmungsschwankungen, die uns als Wähler, Freunde, Mitarbeiter und bloße Beobachter des Geschehens unberechenbar machen.

Irgendwann entsteht daraus eine Sehnsucht nach dem einen großen Thema, das auch für alle anderen ein großes Thema ist, und uns aus der Zerstreutheit und Beliebigkeit der Säue herausführt. Historiker ordnen solche Zeitstimmungen gerne unter „Vorabend“ ein.

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26 Kommentare

  1. Martin Lindner |  30.12.2012 | 14:29 | permalink  

    ja, aber genau so funktioniert das ja überhaupt im leben. das netz macht wie immer nur das viel sichtbarer (und designbarer) was es eh schon gibt:

    “Nichts wird zu Ende gedacht, nichts wird zu Ende gebracht. Die Probleme werden vertagt und kommen irgendwann als +++dringende Wiedervorlage+++ zurück. Denn aus Fehlentwicklungen werden keine Konsequenzen gezogen, Ursachen werden nicht beseitigt, Änderungen so lange „angedacht“ und hin- und hergewälzt, bis ihre Durchführung hinter der nächsten Aufregermeldung in Deckung gehen kann.”

    was wir brauchen, ist eine theorie der kettenreaktion (eine sau stößt die nächste an und die die übernächste …) und eine theorie der anreicherung (die erinnerung an viele in dieselbe richtung gelaufene säue akkumuliert sich im system, bis scheinbar aaus heiterem himmel mal eine stampede losbricht). und natürlich, wie angedeutet, eine theorie der web-metzgerei.

  2. Christoph Kappes |  30.12.2012 | 14:50 | permalink  

    Ein Publikum, das klatscht, ruft und kommentiert, wenn es selbst (!) Säue treibt, ist für mich keine “Zeitstimmung”, sondern das Verhalten derer, die sich unterhalten – in dem Sinne, dass sie Irritation wahrnehmen, reflektieren und auflösen. Mit Problemen und deren Lösung hat es schon deswegen nicht viel zu tun, weil die Diskussion an der Artikulation von Meinung und Befindlichkeit stehenbleibt, wo Analyse und Diskurs gefragt wäre.
    Infotainment ist nicht allein mehr massenmediale Aufgabe, sondern wird arbeitsteilig und kostenlos von Internet-Kohorten bewältigt. Das senkt Kosten und erlaubt Perma-Unterhaltung.
    Das ist weniger ein Zeichen eines herannahenden Weltkrieges als ein Zeichen von Langeweile, die ideologisch noch dadurch unterstützt wird, dass noch alle innerlich an die Kraft des Wortes, der Utopie und der Moral glauben, während sie sich äusserlich zugleich abgrenzen, beschuldigen, ignorieren.

  3. Wolfgang Michal |  30.12.2012 | 15:03 | permalink  

    Sowohl eine Theorie der “Sauanreicherung” als auch eine Theorie der “Selbstunterhaltung” ist interessant, bedürfte aber wohl noch der genaueren Darlegung.

  4. Friedemann Karig |  30.12.2012 | 17:07 | permalink  

    Zugespitzt ausgedrückt, beschreibst Du die narzissistische Komplexitätsreduktion, die heute modus operandi vieler psychischer Systeme und damit Zeitgeist geworden ist.

    Als Narzisst will ich meine (moralischen) Maßstäbe, meine Weltsicht, mein Menschenbild um- und durchgesetzt sehen in diesen Themen (=Säuen), ich will mitmachen und vor allem: Recht haben. Ich will die Bestätigung, dass wenn ich ein Verhalten falsch finde, das genug andere auch tun, dass es sanktioniert wird, was mir wiederum Orientierung verspricht. Ich will mich abgebildet finden auch und gerade in öffentlichen Diskursen.
    Ideale solche sind eben dichotomische Hexenjagden, Skandale, Hypes und Scoops, bei denen man sich eindeutig und heute eben auch zunehmend in seiner Mikro- (oder Marko-)Öffentlichkeit positionieren kann. Das ist nicht unbedingt neu, da bin ich ganz bei Martin Lindner, aber eben viel sichtbarer. Und weil echte Lösungen sehr, sehr komplex wären und weniger satisfaktionsfähig hinsichtlich der persönlichen Defizite wäre, reduziert man diese Komplexität lieber auf Säue.

    Ja, Christoph, Langeweile halte ich auch für eine Ursache, und eben dieses sich abgrenzen und wieder identifizieren und positionieren (via Irritation) versucht, einen Mangel an Identität qua Existenzkampf/Nationalismus/sonstwas zu decken.

  5. Vera Bunse |  30.12.2012 | 17:54 | permalink  

    @Martin
    Verkehrstheorie und Stauforschung könnten hilfreich sein.

  6. Udo Stiehl |  30.12.2012 | 18:46 | permalink  

    Interessante Theorie. Allerdings sollte der Begriff Nachrichten präziser gefasst werden. Denn zum Einen: Nicht jede “Sau” ist überhaupt eine Nachricht, auch wenn manche Redaktion sie zu einer solchen erklärt. Zum Anderen: Nachrichten können nur Momentaufnahmen vornehmen. Die “Sau” zu verfolgen und sie inhaltlich gegebenenfalls als trojanisches Pferd zu enttarnen oder als verkleidete Ente zu überführen, das ist vor allem Aufgabe von investigativen Redaktionen. Deren Ergebnisse werden dann möglicheweise wieder zu einer Nachricht. Solche Redaktionen werden jedoch stetig ausgedünnt. Den meisten Verlagen und Privatsendern reicht es ja, nach außen hin ein (Pseudo-)Nachrichtenangebot zu haben, um damit Geld zu verdienen. Und das Publikum fällt drauf rein.

  7. Wolfgang Michal |  30.12.2012 | 19:02 | permalink  

    @Friedemann Karig: Ihre Analyse finde ich sehr einleuchtend. Ein paar ungeordnete Gedanken dazu:

    “Narzisstische Komplexitätsreduktion” trifft es, flüchtet sich aber in die Distanzierung – so als wären wir nicht Teil dieses Problems/Phänomens.

    Mein Fokus ist auf die KURZLEBIGKEIT gerichtet, die sich ja auch in neueren Bewegungen wie Occupy oder WikiLeaks oder Arabellion spiegelt. Es reicht nur für eine Saison. Das Wachstum des Interesses oder der Bewegungen ist meist explosionsartig, doch auf den kurzzeitigen Nachrichtenüberfluss folgt schnell der Überdruss – und Interesse und Bewegungen ebben schnell wieder ab, weil sie fortlaufend ersetzt werden.

    Ich denke, Langeweile oder Selbstunterhaltung als Erklärungsmuster greift hier nicht. Das ist nur “webbasiertes Achselzucken”.

    Niemand staut den Rivva auf, niemand hält die Saujagd an. Die Frage ist also, wie man die Permanenz des Nachrichtenflusses und die notwendigen Problemlösungen miteinander verbinden kann. Im Grunde ist es die Frage nach der Funktionsfähigkeit von Liquid Democracy.

    Die klassische Öffentlichkeit (Zeitungen, Fernsehen) sind bzw. wären am ehesten in der Lage, Halt zu rufen. Halt, jetzt gehen wir erst mal dieser Sache ganz auf den Grund, jetzt erledigen wir erst mal dieses Problem, bevor wir uns dem nächsten zuwenden. Aber die klassischen Medien passen sich – selbstverständlich bei fortlaufender Schimpferei auf das Netz – der Netzöffentlichkeit an. Sie betreiben Saujagden. Und sie haben Angst, ihr Publikum zu verlieren. Sie reden zwar ständig von Haltung, aber sie haben keine.

    Eine eigenständige Netzöffentlichkeit bildet sich erst heraus. Ihr fehlt bislang ein Selbstverständnis, das unabhängig von einzelnen Personen existiert. Deshalb verläuft sich alles so schnell. Deshalb hat die Netzöffentlichkeit keine Ausdauer und keinen Biss.

    Die Netzöffentlichkeit lässt sich durch die klassische Öffentlichkeit mit potentiellen Säuen versorgen, an denen sie sich abarbeiten darf (das kann man z.B. gut an Steinbrück studieren. Ein Nebensatz von ihm wird zur Schlagzeile umgeformt und schon kann die Jagd wieder losgehen).

  8. Jens Best |  30.12.2012 | 19:24 | permalink  

    Vielleicht bin ich auf meine eigene Weise auch viel zu optimistisch, um den Grundtenor des Artikels teilen zu können.

    Ich sehe trotz der ganzen Vielfältigkeit, Schnelllebigkeit und augenscheinlichen Zusammenhanglosigkeit der ganzen Aufregungsthemchen rote Linien statt Säue.

    Teilweise sehr fahrig, teilweise grellbunt beschreiben sie die in den Alltag und auf die Stunde runter gebrochene Werdung einer komplexe Netzwerkgesellschaft, die sich ihrem wichtigen liberalen aufklärerischen Erbe nicht bewusst sein will oder kann, weil Vielfalt mit Beliebigkeit, Haltung mit Meinung und Rausch mit Glück verwechselt wird.

    Es sickert immer etwas in den Boden. Wenn aber die Art, wie “die Säue getrieben werden” (von allen), und das schreibe ich, ohne jetzt hier den Böckenförde geben zu wollen, so ist wie sie sich heute in weiten Teilen darstellt, ist das, was hängenbleibt aktuell noch nicht einmal gerahmt von einem Verständnis für die Einsicht in die Notwendigkeit, geschweige denn, dass wirklich Neues daraus wachsen könnte.

    Aber ich bin optimistisch. Das Würgen, das immer mehr überkommt, wird nicht zu alten neuen Auswüchsen des Ungetüms oder des Unsinn führen. Auch wenn einige unterschiedlichste, längst überkommen gedachte scheinbürgerliche Schutzwälle aufbauen, sich mit dem Starrsinn des Alters oder der gemeingefährlichen Inbrunst der Jugend die Grundlagen des Miteinanders aufweichen – ich bleibe optimistisch.

    Warum? Weil wir lernen werden mit dieser Informationsrevolution und ihrem aufklärerischen Potential umzugehen. Das mit dem Säuetreiben ist oberflächlicher Kram – ein erster Schritt zur Besserung wäre, sie metaebenen-mässig weniger daran aufzugeilen.

  9. Christoph Kappes |  30.12.2012 | 19:55 | permalink  

    @Wolfgang: Das ist keine Frage von “Netzöffentlichkeit” vs “klassischer Öffentlichkeit”. Carta ist der beste Beweis: mit einer hohen Crossposting-Quote spiegelt Carta nicht die klassische, sondern die Netzöffentlichkeit.
    Und der letzte Text zu Sarrazin (http://carta.info/52511/eine-frau-ihres-aussehens-eine-begegnung-mit-thilo-sarrazin/) war unterirdischer Betroffenheits”Journalismus”. Dass die Autorin zugleich Sido interviewt, ihn aber keine einzige kritische Frage stellt, hätte auffallen müssen. Eine Analyse war es jedenfalls nicht, sondern ein Thema ad hominem, was seit zwei Jahren wunderbar “funktioniert”. Sarrazin läuft immer, so auch hier.
    Nein, das ist kein Plot “die” gegen “wir”. Das ist ein systemischer Mechanismus einer Öffentlichkeit, die immer fragmentierter wird und zugleich lauter, weil sie immer weniger Erklärungen für die komplexer werdende Welt hat. Und weil sie nach Reichweitenmechanismen funktioniert. Die “klassischen” aufgrund bin Markt und Marktdruck, und die “Netzöffentlichkeit”, weil sie um Beachtung buhlt und nicht damit zufrieden ist, einfach nur qualitative Arbeit zu machen.

  10. Christoph Kappes |  30.12.2012 | 19:59 | permalink  

    @Wolfgang: Das ist keine Frage von “Netzöffentlichkeit” vs “klassischer Öffentlichkeit”. Carta ist der beste Beweis: mit einer hohen Crossposting-Quote spiegelt Carta nicht die klassische, sondern die Netzöffentlichkeit.
    Und der letzte Text zu Sarrazin (http://carta.info/52511/eine-frau-ihres-aussehens-eine-begegnung-mit-thilo-sarrazin/) war unterirdischer Betroffenheits”Journalismus”. Dass die Autorin zugleich Sido interviewt hat, ihm aber keine einzige kritische Frage stellt, hätte auffallen müssen. Eine Analyse war es jedenfalls nicht, sondern ein Thema ad hominem, was seit zwei Jahren wunderbar “funktioniert”. Sarrazin läuft immer, so auch hier.
    Nein, das ist kein Plot “die” gegen “wir”. Das ist ein systemischer Mechanismus einer Öffentlichkeit, die immer fragmentierter wird und zugleich lauter, weil sie immer weniger Erklärungen für die komplexer werdende Welt hat. Und weil sie nach Reichweitenmechanismen funktioniert. Die “klassischen” aufgrund von Markt und Marktdruck, und die “Netzöffentlichkeit”, weil sie um Beachtung buhlt und nicht damit zufrieden ist, einfach nur qualitative Arbeit zu machen.

  11. Miranda |  30.12.2012 | 20:01 | permalink  

    Sehr geehrter Herr Michal,

    bitte benutzen Sie ernsthafte psychische Störungsbilder nicht als Sinnbild. Man sagt so im Alltag dahin: “das ist ja schizophren” – selbst wenn man verstanden hat, dass schizophrene Erkrankungen nicht durch Gespaltensein gekennzeichnet sind. Ähnliches gilt für andere psychische Störungsbilder, z.B. Depressionen/bipolare Störungen und Manien und weitere. Das Alltagsverständnis zu psychischen Erkrankungen ist immer noch dermaßen schwammig und unrealistisch, dass meiner Meinung nach keine stimmigen Bilder kommuniziert werden können.

    Einerseits verdienen alle von psychischen Erkrankungen Betroffene eine wertschätzende Anerkennung/Behandlung auch in der Öffentlichkeit – hinter einer Störung steht ein Mensch mit weitaus mehr Merkmalen als einer psychischen Erkrankung.

    Andererseits führt die Vermutung, das Verhalten medialer Nutzer sei pathologisch, meiner Meinung nach nicht besonders weit.
    “Mensch, Du bist einfach krank in Deinem medialen Denken und Verhalten” erklärt rein gar nichts – weder eine Krankheit noch das Verhalten, es verdeutlicht nicht wirklich, warum jemand sich so verhält. Es wirkt wie ein Schritt zurück in eine andere Zeit: Krankheitsbilder als Schimpfworte aufzugreifen.

  12. Art Vanderley |  30.12.2012 | 20:03 | permalink  

    “Irgendwann entsteht daraus eine Sehnsucht nach dem einen großen Thema, das auch für alle anderen ein großes Thema ist, und uns aus der Zerstreutheit und Beliebigkeit der Säue herausführt. Historiker ordnen solche Zeitstimmungen gerne unter „Vorabend“ ein.”

    Ein sehr interessanter Gedanke.
    Gleicht doch die ganze Wirtschaftskrise , die ganze Vorgeschichte dazu , die freiwillige Selbstverblödung , in erstaunlicher Weise den Vorgängen vor dem – allerdings zweiten – Weltkrieg.
    Genau da aber liegt ein großer Unterschied – Europa hat dem Krieg als Endpunkt solcher Entwicklungen glaubwürdig abgeschworen , das Mittel , alles kaputtzuschlagen und neu anzufangen , steht nicht mehr zur Verfügung.

    Historisch völlig neu sind wir gezwungen , konstruktive Lösungen zu finden ,ob wir wollen oder nicht – für die Wirtschaftskrise ebenso wie für den zunehmenden Konformismus , die geistige Degeneration und auch für die Krise der Medien.

  13. A. G. |  30.12.2012 | 22:48 | permalink  

    Der Pseudo-Turbo-Journalismus nervt irgendwann. Und findet dann kaum noch Beachtung, ebenso die Säue.

    Das unter #9 erwähnte Posting hingegen war persönlich, emotional, gut, lesenswert, nicht “unterirdisch”. Für harte Hunde vielleicht nicht geeignet…

  14. Wolfgang Michal |  30.12.2012 | 22:49 | permalink  

    @Miranda: Sie haben Recht. Allerdings bedeutet “erinnert ein wenig an” kein “ist gleich”.

    @Art Vanderley: Die Verlinkung auf Illies’ Buch “1913″ bedeutet nicht, dass die “Vorabend”-Metapher auf einen Weltkrieg verweisen muss. Sie ist hier im Sinne von “Zeit-Stimmung vor einem Umbruch” zu sehen. So wie es auch den Vormärz als Bezeichnung für die Zeit vor der 1848er-Revolution gab. Im Buch von Illies wird diese Stimmung sehr facettenreich belegt.

    @Christoph: Ich meine das durchaus selbstkritisch, dass die Netzöffentlichkeit noch kein eigenes Verständnis von sich entwickelt hat und atemlos allem (und nicht selten ungeprüft) hinterherrennt. Das wird hoffentlich nicht so bleiben. Ich bin andererseits nicht so optimistisch wie Jens Best, der die Netzwerkgesellschaft schon auf gutem Wege sieht.

    @Udo Stiehl: Ja, an dieser Differenzierung (und Überprüfung) fehlt es. Oft ist die Sau am Ende doch eine Ente.

  15. hardy |  31.12.2012 | 05:36 | permalink  

    vielleicht ein klitze kleines bißchen “out of topic” aber doch mit einem kleinen vorschlag, wie man auf moralische sauhatzen auch reagieren könnte.

    http://hinterwaldwelt.blogspot.de/2012/12/einen-selten-schonen-moment.html

  16. joss |  31.12.2012 | 10:37 | permalink  

    Mal aus einer ganz anderen Perspektive gesehen:

    Eine australische Krankenschwester die jahrelang Sterbende betreut hat,
    hat über ihre Erfahrungen damit ein Buch geschrieben.
    Darin beschreibt sie was die Sterbenden am meisten und häufigsten
    bereuten. Sie kam dabei auf fünf wesentliche Punkte.
    Das Medien und Medienkonsum kommt darin nicht vor. Es hätte sehr wohl
    als sechster Punkt wirklich passend zu den anderen gepasst, nämlich als
    vielfach verheerende Zeitverschwendung.
    http://www.inspirationandchai.com/Regrets-of-the-Dying.html

  17. Oydenos |  31.12.2012 | 13:10 | permalink  

    »… müssen Rücktrittsforderungen und Rücktritte ein sinnhaftes Geschehen vortäuschen.«
    Wenn es denn nur echte Rücktritte wären. Nicht mal die erzwungenen Rückzüge taugen noch was. Nachdem Tanja Piraña in ihrer Kirchenunion in keine Funktionsstelle mehr gewählt worden war, wurde sie -ich spekuliere mal: vom abgehalfterten Rittmeister aus der “Neoliberalen Demokratischen Partei”- in einer seinem Ministerium nachgeordneten Behörde als Vorstandssprecherin installiert: https://www.giz.de/de/html/impressum.html .

    Besser wäre, wir lassen die Dämlichkeiten und Schaffherrden einfach weiter wursteln, bis die Zustände ähnlich unerträglich werden wie sintemalen in …
    ach das bringt ja auch nichts, da werden die Abzocker auch wieder nur ausgetauscht.

    Prosit, schöne neue Welt.

  18. Umleitung – Presseschau vom 31.12.2012 » xtranews - das Newsportal aus Duisburg » Duisburg, Peer Steinbrück, Presseschau, Umleitung |  31.12.2012 | 13:15 | permalink  

    [...] Carta, 30.12.2012 [...]

  19. anonymus |  31.12.2012 | 14:22 | permalink  

  20. Stefan Engeln |  31.12.2012 | 17:03 | permalink  

    Alles, was gerade passiert, passiert im Modus der Gleichzeitigkeit. Die Technik ermöglicht schneller wahrzunehmen, was gerade gleichzeitig in der Welt auf der Sachebene passiert. Um zwischen Information und Rauschen zu unterscheiden, muss komplexe Informationsverarbeitungskapazität aufgebaut werden, die hilft, das im jeweiligen Kontext Relevante vom Irrelevanten zu unterscheiden.

    Der Fall Steinbrück ist m.E. kaum ein geeigneter Anlass, um darüber einen Metadiskurs unter dem Topos “Säue und Dörfer” anzustrengen: Die Äußerungen im Interview geben deshalb Anlass zur Kritik, weil sie vor dem Hintergrund der Thematik “Vortragshonorare” gelesen werden. Es dürfte sich eben nicht um eine
    kurzfristige Empörungs- und Erregungswelle handeln.

  21. Daniel Leisegang |  02.01.2013 | 12:00 | permalink  

    Ich verstehe Wolfgangs Text über Medienerregungen als Ersatzbefriedigung eher als einen Kommentar über die großen medialen Verdrängungsleistungen unserer Zeit. Mit anderen Worten: Die täglich neuen Erregungskurven vernebeln einem bisweilen nicht nur die Sinne, sondern auch die Sicht auf die großen – und zumeist verdrängten – Fragen unserer Zeit. Bleibt zu hoffen, dass der Vorabend nicht eine (erneute) Katastrophe einläutet.

  22. Falk D. |  02.01.2013 | 15:33 | permalink  

    @Vera Bunse: Stauforschung ist nichts weiter als eine Verschwurbelung der doch sehr abstrakten mathematischen Spieltheorie. Eigentlich hätte ich nach Duisburg erwartet, dass nicht nur die Kinder sehen, dass der Kaiser vom Schreckenberg nackt ist.

    Allerdings wäre eine Frequenz- und Reichweitenanalyse der Sauen interessant, wenn man dann noch Hoch-Sauen und Tief-Sauen unterscheidet, könnte man sie mit Vorhersagemodellen aus der Meteologie abbilden.

  23. Vomitorium |  02.01.2013 | 18:19 | permalink  

    Man müsste mal ne anständige, öffentliche Backcheck-Liste einführen mit gezielter Suchfunktion etc., das wäre tatsächlich mal eine Idee ;-)

  24. Augstein werde Antisemitismus vorgeworfen. Eine Medienkritik | Erbloggtes |  03.01.2013 | 03:21 | permalink  

    [...] genau zu sein, wenn die begriffliche Ungenauigkeit die wichtigste Grundlage dafür ist, die erste Sau des Jahres durchs Dorf zu treiben. Das Simon Wiesenthal Center (SWC) ist nämlich nicht so doof, wie ein Großteil der [...]

  25. Die SPD kann die Bundestagswahl gewinnen – im September 2017 — Carta |  06.01.2013 | 19:02 | permalink  

    [...] herunterzuschreiben, ist das für den kommenden Wahlkampf der Super-GAU. Bei so viel Sautreiberei kann ‚das hämische Internet’ (das sonst für alles Böse herhalten muss) den [...]

  26. Die SPD kann die Bundestagswahl gewinnen – im September 2017 » carruba.de |  07.01.2013 | 14:20 | permalink  

    [...] Wulff-Niveau herunterzuschreiben, ist das für den kommenden Wahlkampf der Super-GAU. Bei so vielSautreiberei kann ‚das hämische Internet’ (das sonst für alles Böse herhalten muss) den fallenden [...]

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