Das Aus der FTD und die schnellen Geschichten der Wirtschaftspresse

| 07.12.2012 | Ein Kommentar

Heute erscheint die letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland. Aus diesem Anlass posten wir noch einmal einen Beitrag vom 3.12., der viele offene Fragen hinterlässt.

In dieser Woche soll die FTD sterben. Am Wochenende konnten wir auf Meedia Spekulationen darüber lesen, woran eine Übernahme durch einen geheimnisvollen Beinahe-Retter scheiterte. Ich hege zwar immer noch die Hoffnung auf eine wie auch immer gestaltete Weiterführung. Aber derzeit gibt es dafür zumindest keine öffentlich erkennbaren Zeichen.

Für den Wirtschaftsjournalismus ist dies eine schwarze Woche. Die Ursachen dieses Untergangs sind in vielen Details, insbesondere von Wirtschaftsjournalisten, analysiert und kommentiert worden. Wahlweise sind das Netz, die Strategie, die Finanzkrise, das Selbstverständnis, das mangelnde Paid Content Konzept, die Regierung, usw. schuld. Am Freitag werden wir das sicher noch einmal komprimiert lesen können. Die meisten dieser Erklärungen sind in einem Duktus geschrieben, als kennten die Autoren ganz genau die Gründe für die Krise der Tageszeitungen.

 

Jeder kann sich in diesen Tagen seine Erklärung für die Ursache des Sterbens der FTD aussuchen und daran glauben oder nicht. Ich glaube, dass genau darin eine Ursache für die Krise des Wirtschaftsjournalismus, oder vielleicht für den Mainstreamjournalismus überhaupt, liegen könnte: In der Jagd nach der Präsentation schneller Erklärungen, schneller Analysen und der Forderung nach fixen Lösungen. Wenn “etwas passiert”, dann wollen wir eine schnelle Erklärung der Ursachen und der Verantwortlichkeiten. Hat das Geschehene direkte oder indirekte negative Folgen für Dritte, dann wollen wir kurz nach der Erklärung bereits Lösungsansätze präsentiert bekommen. Diesem Reflex geben Politiker und “Experten” nur zu gern nach; damit können wir ein Thema abhaken und zum nächsten übergehen. Selten interessiert nach ein paar Wochen oder Monaten noch, ob die schnelle Analyse mit der Ad-hoc-Lösung sich später als falsch erwiesen hat.

Nach meinem Eindruck wird im deutschen Wirtschaftsjournalismus zu viel Wert auf das Geschichtenerzählen gelegt. Die Komplexität der Wirtschaftspraxis wird auf plausibles Storytelling komprimiert. Und vielleicht merken die Leser, dass die auf den Wirtschaftsseiten erzählten Geschichten schon lange nicht mehr passen. Die Finanzkrise lässt sich halt nicht auf böse Investmentbanker, die Eurokrise sich nicht auf Spekulanten reduzieren. Manchmal werden Unternehmen und Produkte hochgejazzt, die Monate später abstürzen. Manager werden gefeiert, die später des Betrugs überführt werden. Es werden uns oberflächliche Äußerungen von “renommierten Experten” als ultimative Erklärungen präsentiert, die sich kurze Zeit später als heiße Luft erweisen. Geht es um düstere Vorhersagen, wird gerne so getan, als sei die dramatischste Entwicklung auch die Wahrscheinlichste. Die Kette lässt sich beliebig fortführen.

Marco Herack adressierte auf goowell eine sehr deutliche Kritik an die deutsche Wirtschaftspresse. Auch wenn er sie drastisch verpackt hat, so verkehrt liegt er damit nicht. Ich glaube, dass noch zu viele (Wirtschafts-)Journalisten uns Leser unterschätzen. Sie glauben, es reicht, wenn man uns gute Geschichten von Unternehmen, Managern, Krisen, Produkten, etc.  erzählt. Besonders unangenehm fällt uns das intuitiv auf, wenn hinter diesen Geschichten Kommunikationsprofis stehen, die gerade Carsten Knop in “Die Einflüsterer” für die FAZ wieder aufs Korn genommen hat. Klar, deren Storytelling ist ausgesprochen professionell geworden. Aber gerade, wenn eine Geschichte zu rund, ein Lebenslauf zu passend, ein Verhalten zu glatt, eine Strategie zu geschliffen in der Erzähllinie klingt, wächst bei mir das Misstrauen. Und nicht zuletzt die Finanz- und Wirtschaftskrise hat unzählige der mühsam aufgebauten Mythen entlarvt.

Aber an dieser Oldschool ist die Financial Times Deutschland nicht kaputtgegangen. Ich weiß nicht, woran die FTD kaputtgegangen ist. Die Einstellung des Blatts ist eine Entscheidung des Managements gewesen. Die Parameter dieser Entscheidung sind uns nicht bekannt. Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass die vom Verlag präsentierten Erklärungen nur das sind, was die Öffentlichkeit als Geschichte hören soll.

Nachtrag vom 3.12.

Ein erstklassiges Beispiel für ein Defizit der deutschen Wirtschaftspresse hat Olaf Storbeck in seinem Blog “Economics Intelligence” herausgearbeitet in: Schläft die deutsche Wirtschaftspresse mit offenen Augen? Das untermauert meine These, dass die Medien hier eher an Geschichten als an Inhalten interessiert sind.
 
Crosspost von Blick Log