Michael Seemann

Google und die Linke

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Ist unsere Einstellung etwa zum Leistungsschutzrecht gar nicht logisch begründet, sondern vielmehr anerzogen – und generationsabhängig?

29.11.2012 | 

Ich war am Montag im Landtag NRW zu den Tagen der Medienkompetenz eingeladen, mit dem Datenschutzbeauftragten des Landes Ulrich Lepper zu diskutieren. Es war eine nette Veranstaltung, und Lepper ist ein sehr freundlicher Mensch. Ich hingegen war etwas krawallig drauf, was auch mal vorkommt. Und immer, wenn ich in Datenschutzdiskussionen krawallig drauf bin, bringe ich eine Dichotomie ins Spiel, die die meisten Zuhörer erst verwirrt und dann erbost.

Ich sage, dass ich Datenschutzbedenken gegen den deutschen Staat durchaus verstehen kann und sogar teile – immerhin droht er mir, mich mit Polizei, Gefängnissen und Gewaltmonopol zu disziplinieren – ich aber gegenüber amerikanischen Internetfirmen keinerlei Gefahrenpotential erkennen kann. Dann geht ein Raunen – manchmal ein Lachen rum. Es gibt ungläubige Nachfragen mit empörten Blicken. Und wenn ich dann noch einen draufsetzen will, erzähle ich, dass ich ja meine Daten lieber auf amerikanischen Servern liegen habe als auf deutschen, denn da kämen deutsche Behörden schließlich schwieriger ran. Spätestens da wird die Wut beim ein oder anderen Zuhörer förmlich spürbar.

Ich finde meine Argumentation allerdings völlig nachvollziehbar und habe bislang kaum nennenswerte Gegenargumente zu hören bekommen. Das, was die Leute da so aufregt, scheint mehr ein anderer Trigger zu sein. Ein Trigger, der bei sich als links verstehenden Leuten (vor allem einer bestimmten Generation – ich komme darauf zurück) besonders heftig wirkt. Der Trigger ist der “amerikanische Konzern”, und er löst einen Blumenstrauß an multiplen Gefühlen der Abwehr aus. Die Tatsache, dass der “amerikanische Konzern” in irgendeiner Hinsicht besser/sicherer/unschuldiger/ethischer oder so etwas sein kann, als ein deutsches Äquivalent, kann nicht sein, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Eine solche Behauptung ist immer eine effektive Provokation!

Als Google seine Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht gestartet hatte, fasste ich mir an den Kopf und dachte, „Just Not Helping!“. Wenn Google als Google mit offenem Visier gegen die Position des guten, alten deutschen Qualitätsjournalismus (das Residuum des deutschen Bildungsbürgers!) antritt, dann kann es nur verlieren. Von links bis rechts schließen sich sofort die Reihen gegen den “amerikanischen Konzern“, der ja “nur seine eigenen Interessen verfolgt” (im Gegensatz natürlich zu den integren deutschen Verlagen, die nur die Demokratie retten wollen!). Und tatsächlich war haargenau diese Argumentation in ihrer einfältigen Schlichtheit von Spiegel Online bis FAZ über Süddeutsche nachlesbar. Was aber ebenfalls zum Ausdruck kam, war die bis ins groteske übersteigerte Bigotterie, die hier von den Verlagen betrieben wird (schön auseinander genommen von Stefan Niggemeier). Und da merkte ich: Vielleicht hat die Google-Kampagne ja doch etwas Gutes. Vielleicht sollte man diesen Konflikt, der da im Untergrund die Debatte mitbestimmt, mal herauskramen und in aller Offenheit darlegen.

Denn dieser Konflikt ist ein Stück weit ein Generationenkonflikt. Die, die da von rechts, aber vor allem von links ihre reflexhaften Ressentiments ausleben, sind meist in einer Zeit politisiert worden, in der Antiamerikanismus mindestens zum guten Ton gehörte. Nicht, dass immer wieder Handlungen der USA kritisierenswürdig gewesen seien, aber diese Antipathie in der linken Szene ging sehr viel tiefer und war grundsätzlicher. Sie ging meist einher mit einer undifferenziert einseitigen Haltung zum Nahostkonflikt (Zionismus = Imperialismus) und einem grundsätzlichen, kulturpessimistischen Mißtrauen gegen die “Konsumgesellschaft”. Die Protagonisten dieser in ihrer Reinheit noch unverwässerten Linken sind meist in den 80er Jahren politisiert worden und sitzen heute längst an den politischen Fleischtöpfen.

Heute nennt man diese Art von Linkssein “Antiimp” – für “antiimperialistisch”. Man nennt sie aber natürlich erst so, seitdem sich in den 90ern aus ihr heraus etwas abspaltete und gegen sie wendete: die Antideutschen. Die Antideutschen brachten den linken Diskurs in Aufruhr, indem sie den Antiimperialismus einer radikalen Ideologiekritik unterzog. Die Antideutschen gingen dabei ziemlich weit, von Rufen wie “Bomber Harris do it again!” über “Deutschland verrecke!” bis hin zu einer ihrerseits wieder sehr einseitigen und unbedingten Israelsolidarität. Aber hinter der Provokation stand eine gültige Analyse: die Linke hatte es sich mit ihrem Antiamerikanismus zu leicht gemacht und war offen für antisemitisches Gedankengut.

Ebenfalls in den 90ern brach der Popdiskurs über die linke Szene hinaus den kulturpessimistischen Grundton der “Konsumgesellschaftskritik” auf. Mit affirmativen Gesten umarmte man Produkte der Massenproduktion, übte man Identitätskonzeptionen anhand von Kosumgewohnheiten, und schloss so ins Herz, was längst zum Leben gehörte. Der Popdiskurs ist nicht im strengen Sinne links, hatte aber auch dort eine enorme Strahlkraft. Es lässt sich, denke ich, von dort eine Linie bis zur heute allgemein offen gezeigten Gadget-Begeisterung ziehen (woran im übrigen auch der CCC mit seinem „Spaß am Gerät“ nicht völlig unschuldig ist). Was ebenfalls ein Bereich ist, in dem die Linke heute oft zwischen den Stühlen sitzt. Emphatische, oft politische Smartphonenutzung und „amerikanische Konzerne Dooffinden“ geht meist nur mit schmerzhaften Selbstwidersprüchen zusammen.

Ich denke, es sind diese beiden Diskurse – die Antideutschen und der Popdiskurs – die einen Generationsbruch ausmachen zwischen einer Linken, die in den 80ern, und einer Linken, die in den 90ern politisiert wurde. Das heißt nicht, dass die heute 30-Jährigen alle antideutsche Popper sind und es unter ihnen keine Antiimps gäbe. Aber das Linkssein ist einfach ein anderes, wenn man mit diesen Diskursen zumindest konfrontiert wurde. Und es ist eben dieser Bruch, den man in der Netzszene ausmachen kann, der in der aktuellen Diskussion zum Leistungsschutzrecht zum Ausdruck kommt.

Für mich ist es etwas völlig Normales, dass ein Player in diesem Spiel wie Google hier seine Interessen vertritt. Und ich habe kein Problem damit, Seit’ an Seit’ mit dem Konzern gegen das Leistungsschutzrecht zu kämpfen, wenn unsere Interessen sich matchen. Ein Padeluun z.B. tut sich da wesentlich schwerer.

Hier, beim Leistungsschutzrecht, lässt sich die antiimperialistische Denke recht gut herausextrahieren, denn die altlinken Netzaktivisten distanzieren sich völlig ohne Not vom “amerikanischen Konzern”, dessen Interessen sie teilen. Der Datenschutzdiskurs ist da viel verstellter. Da ist nicht mehr zu trennen, was jetzt reines Ressentiment, und was echte Besorgnis ist. Aber es besteht kein Zweifel, dass die altlinken Reflexe beim Datenschutz ebenfalls die Debatte bestimmen. Und ich finde das immer extrem anstrengend.

Ich glaube, wir sollten diese Debatte jetzt mal führen. Abseits der üblichen linken Foren und Medien, hier in den Blogs der sogenannten Netzgemeinde sollten wir die Gretchenfrage stellen: wie stehst du eigentlich zu „amerikanischen Konzernen“? Wir sollten mal hervorkehren, wie das so ist mit dem eigenen Antiamerikanismus, wie das so ist mit der an die Grenze zum Selbstwiderspruch gelebten Konsumkritik. Wir sollten mal anfangen, Apple, Google, Microsoft und so weiter als das zu sehen, was sie sind: Unternehmen mit Gewinnabsichten, aber auch eine Ansammlung von Menschen mit bestimmten Werten und Vorstellungen für die Zukunft. Wir sollten mal auseinanderklamüsern, was Kritik ist und was Ressentiment, wem wir in Wirklichkeit vertrauen, und welche Gründe wir dafür haben.
 
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19 Kommentare

  1. 5 Lesetipps für den 29. November | Netzpiloten.de |  29.11.2012 | 09:43 | permalink  

    [...] MEINUNGEN Google und die Linke: Ist unsere Einstellung etwa zum Leistungsschutzrecht gar nicht logisch begründet, sondern vielmehr anerzogen – und generationsabhängig? [...]

  2. Wolfgang Michal |  29.11.2012 | 10:42 | permalink  

    Lieber Michael,
    in seinem jüngsten Rant gegen das Netz stellt Frank Schirrmacher – wie Thomas Mann 1918 in seinen “Betrachtungen eines Unpolitischen” – die kalifornische Ideologie (‘die welsche Zivilisation’) gegen die deutsche Zeitungskultur. Würdest du sagen, dass dieser ‘Antiamerikanismus’ von Altlinken kommt?
    http://is.gd/cGT3wS

  3. mspro |  29.11.2012 | 10:58 | permalink  

    Lieber Wolfgang,

    die Kritik an der “Kalifornischen Ideologie” kommt ursprünglich aus der Mailingliste NetTime, einem frühen, linken Internet-Projekt. Schirrmacher hat diese Kritik nur geborgt. Was aber durchaus in sein derzeitigen Wandlungsprozess passt. Er sucht seit einiger Zeit ja explizit die Nähe der anti-imp Linken, die er ja beispielsweise auch in Rieger und Kurz gefunden hat. Der Neoliberalismus – dem er selbst früher frönte – passt derzeit nicht so gut ins Geschäftsmodell.

  4. mspro |  29.11.2012 | 11:03 | permalink  

    Was aber – und das beobachte ich seit geraumer Zeit vor allem bei Schirrmacher aber auch bei anderen – ein allgemeiner Prozess ist. Es gibt eine ideologische Annäherung der bürgerlich Konservativen zu der antiimp Linken. Sie treffen sich seit Neustem in einer ziemlich verkürzten Kapitalismuskritik. Thomas Mann wäre da in der Tat gut aufgehoben gewesen.

  5. TmoWizard |  29.11.2012 | 11:27 | permalink  

    Hallo Michael,

    ich politisiere ja auf meinem Blog auch sehr gerne, aber dieses Thema habe ich von der amerikanisierenden Seite aus noch nicht betrachtet… aus guten Grund! Wenn ich mir so verschiedene Leute ansehe, die gegen Amerika schreien, dann sehe ich auch gleichzeitig immer das iPhone in ihren Händen oder das MacBook auf dem Schoß. Das paßt irgendwie nicht zusammen!

    Kopfschüttelnd betrachte ich auch immer diejenigen, die pro Ausländer sind, aber zugleich gegen Amerika. Ja sind denn die Amerikaner keine Ausländer?

    Irgendwie habe ich das Gefühl, daß ich darüber einen eigenen Artikel verfassen sollte. Das Thema ist zumindest eine Überlegung wert.

    Grüße aus TmoWizard’s Castle zu Augsburg

    Mike, TmoWizard

  6. Hans Hütt |  29.11.2012 | 11:55 | permalink  

    Es gibt einen kleinen aber entscheidenden historischen Lesefehler: “Die Linke”, egal welchen Datums, ist eine Projektion. Die älteren Linken, die in den 60er und 70er Jahren jung waren, kritisierten den Vietnamkrieg, liebten Amerika zugleich enthusiastisch, man erinnere sich zB an Rolf Dieter Brinkmann und Carl Weidner, ohne deren Anthologien und Übersetzungen man hier so gut wie nichts über die Popkultur der Zeit und die Beat-Poeten wüsste.

  7. Wolfgang Michal |  29.11.2012 | 13:45 | permalink  

    @Hans Hütt: Deshalb ist der Begriff Antiamerikanismus ja auch so perfide. Die 68er orientierten sich an der amerikanischen Kultur, lehnten aber die amerikanische Regierungspolitik ab.

    @Michael: Um 1900 herum haben die Amerikaner ihre wirtschaftlichen Monopolbildungen zerschlagen (siehe Rockefellers Öl-Monopol). Und auch das waren keine Antiamerikaner.
    Wo siehst du denn die “altlinken Netzaktivisten”, die sich ohne Not von Google distanzieren, obwohl sie die gleichen Interessen in Sachen LSR-Ablehnung haben? Namen bitte!

  8. Tobias |  29.11.2012 | 14:58 | permalink  

    Die Keule geht nach hinten los, denn Schirrmacher ist kein linker Antiimp. Dieser Gedankengang ist ein dummes Geschwurbel.

  9. Tobias |  29.11.2012 | 15:36 | permalink  

    Und wenn schon krumme Vergleiche, dann aber richtig:

    Damals: Geh doch nach drüben!
    Heute: Geh doch zu Google!

    Damals: Hopp hopp hopp, Berufsverbote stopp!
    Heute: Dann mach ich eben irgendwas mit Netzlobbyismus…

    Damals: Ihr seid doch von Moskau bezahlt!
    Heute: Ihr seid doch von Google bezahlt!

    :-)

  10. Wolfgang Michal |  29.11.2012 | 16:08 | permalink  

    Eine Keule, die nach hinten losgeht, ist zwar kein krummes, aber ein schiefes Bild.

  11. Tobias |  29.11.2012 | 16:28 | permalink  

    Korrekt, die Keule schwingt krumm und schief und richtet dabei hoffentlich keinen größeren Schaden an.

  12. Hans Hütt |  29.11.2012 | 17:03 | permalink  

    Ich meinte natürlich Carl Weissner (Weidner heißt Stefan und übersetzt arabische Literatur)

  13. Thomas Elbel |  30.11.2012 | 15:50 | permalink  

    Ich muss zugeben, ich konnten den Artikel nicht zu Ende lesen, weil ich schon die sich abzeichnenden Ausgangsprämisse abenteuerlich finde. In der Kritik an Googles Positionierung und Methodik im Zusammenhang mit dem Kampf gegen das LSR sprechen zwei Umstände für eine kritische Haltung zu Google.
    1. Google ist faktisch ein Monopol
    2. Google beeinflusst seit Jahren den Diskurs über dieses Thema mit einem bemerkenswerten finanziellen Engagement und auf vielen zum Teil für den Normalbürger kaum überschaubaren Kanälen.
    Die repressive Seite des deutschen Staates tritt jedem deutschen mit offenem Visier gegenüber. Jeder kann seine inhaltlichen Anknüpfungen und seine Methodik direkt aus den veröffentlichten Gesetzen nachvollziehen. Googles Machtausübung funktioniert deswegen so gut, weil sie weitgehend im Verborgenen wirkt. Sie wiederum, wie Niggemeier es tut, der Machtausübung der Verlage gegenüber zu stellen ist unsinnig, weil letztere – auch in Bezug auf das LSR – keinesfalls das Meinungskartell sind, als dass sie im öffentlichen Diskurs immer leichtfertig dargestellt werden.
    Die ganze Debatte und die Positionierung der Verlage auf latenten Amerikanismus oder Antiliberalismus zurückzuführen ist ein dummes Hirngespinst, das nicht einmal zu einer schlechten Pointe im Landtag von NRW taugt. Ich kann die Wut der Zuhörer von Herrn Seemann gut verstehen.

  14. Wolfgang Michal |  30.11.2012 | 16:15 | permalink  

    Die erwähnte gegenseitige Annäherung eines Teils der Konservativen und der Linken wäre m.E. schon ein spannendes Thema. Es gibt ja historische Vorläufer. Aber vielleicht ist Google als Beleg für diese These zu dünn. Wäre schön, wenn Michael das Thema mal vertiefen könnte.

  15. Nick1 |  30.11.2012 | 19:54 | permalink  

    Thomas Mann?? Frankreich 1914 :USA 2012? Das ist so abenteuerlich blöde, dass einen die Worte fehlen. Und wer wäre der linke Zivilisationsliterat? google? Und Google=USA? Merke: Carta wird schwachsinnig.

  16. Wolfgang Michal |  30.11.2012 | 21:54 | permalink  

    @Nick1: Herzchen, auch wenn du es noch so oft versuchst…

  17. dr.do |  01.12.2012 | 09:53 | permalink  

    Ich hätte gar nicht vermutet, dass man aus dem Google-Thema so viel Antiamerikanismus heraus kitzeln kann. Auch die Vermutungen hinsichtlich Generationenkonflikt und des Auslebens “reflexhafter Ressentiments” möchte ich nicht teilen. Vielmehr steckt ja im Begriff des Leistungsschutzrechts der Begriff “Leistung” drin, und der ist nirgendwo gründlich definiert. Ist Leistung etwas, das sich verkaufen läßt? Oder etwas, das Zeit und Aufwand gekostet hat? (Vielleicht verzeiht man mir, wenn ich dabei unterschwellig an die Grau-Bilder des Gerhard Richter denke.) Solange man dieses Manko in der Diskussion unbeachtet mit herum schleppt, sind praktikable und akzeptable Ergebnisse nicht zu erwarten.

  18. Links 2012-12-03 | -=daMax=- |  03.12.2012 | 19:06 | permalink  

    [...] Mspro über Google und die Linke: Das, was die Leute da so aufregt, scheint mehr ein anderer Trigger zu sein. Ein Trigger, der bei [...]

  19. Wolfgang Michal |  04.12.2012 | 11:07 | permalink  

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