Israel – Gaza: Alles hat seine Zeit – aber warum jetzt?

Weltweit verfolgten Menschen den Konflikt zwischen Israel und Gaza in der vergangenen Woche. Doch was geht den Bewohnern vor Ort durch den Kopf?

Es ist der späte Mittwochnachmittag in einer Wohngemeinschaft im Herzen Jerusalems. Roy ist zu Besuch bei seinem Freund Aviv. Zigarettenrauch vernebelt die Sicht im fensterlosen Wohnzimmer. Die Blicke sind gebannt auf den Fernseher gerichtet. Vor wenigen Stunden wurde Ahmed al-Dschabari getötet und Roy zum Militärdienst einberufen. Erst am Abend wird in der Knesset die Mobilisierung von Bodentruppen beschlossen und dabei auf bereits einberufene Soldaten, Ausnahmefälle wie ihn, verwiesen werden.

Nahezu direkt im Anschluss hatte Roy den Einzugsbescheid auf Facebook verkündet und daraufhin viele besorgte Nachrichten, aber auch Einladungen zur Verabschiedung erhalten. 127 „Likes“ verzeichnet er unter seiner Statusmeldung. Während er per Smartphone den Zählerstand aktualisiert, betätigt Aviv die Stereoanlage.  Die Melodie des Liedes Jerusalem of Gold, das im 45 Jahre zurückliegenden Sechstagekrieg Soldaten bei der Eroberung der Altstadt sangen, mischt sich mit den aufgeregten Stimmen von Reportern und Bildern, die live berichten, von Raketen diesseits und Bomben jenseits der Grenze. Eine seltsame Mischung aus Anspannung und Stolz beherrscht die Atmosphäre.

 

Zwei Geschichten, ein Netzwerk

Sichtbar wird diese Stimmung insbesondere in den Sozialen Netzwerken. Denn Roy ist nicht der einzige, der diese Kanäle zur Information über das Kriegsgeschehen nutzt. Nahezu eine halbe Millionen Nutzerkonten sind mit den Social-Media-Auftritten der Israel Defense Forces (IDF) und der Al Qassam Brigaden verbunden. Zehntausende finden Gefallen an den mehrfach in der Stunde vorgenommenen Aktualisierungen und teilen diese mit ihren Bekannten.

Kommuniziert werden Informationen über Häufigkeit und Zielpunkte von Angriffen, Bilder von Unterschlupf suchenden Kindern, Videos von Bombardements und Drohungen – die übrigens ausdrücklich gegen die Richtlinien der Betreiber verstoßen. Das fortwährende Teilen von Inhalten wird auf dem IDF Blog sogar in Form von digitalen Orden und der Beförderung zum “Research Officer” belohnt. Aus Krieg werde so ein Spiel gemacht, kommentieren die Technik-Blogger von ReadWrite. Weit mehr als kritischer Aufklärung scheint diese Informationspolitik beiderseits der Polarisierung der Bevölkerung und letztlich der Befürwortung militärischer Massnahmen zu dienen.

Die Darstellungen folgen einer einfachen Logik: Der andere ist der Aggressor. Er hat die Existenz des Eigenen bedroht, und deshalb ist die Verteidigung unabwendbar. Jede Seite hat ihre eigene Geschichte: Die einen rechtfertigen sich dabei mit 12.000 Raketen, die nach Angaben der IDF in den vergangenen zwölf Jahren aus Gaza auf israelisches Territorium abgefeuert wurden. Für die anderen ist die gezielte Tötung eines Militärchefs der Beweis der Schuld Israels. Doch die Auseinandersetzungen um das Land und zwischen den Menschen begannen weder mit der neuerlichen Eskalation der Situation in der vergangenen Woche, noch mit Raketenangriffen vor zwölf Jahren.

Vielmehr sind dies zwei von unzähligen existierenden Narrativen des Konflikts, die versuchen, eindeutige Zuschreibungen von Opfer- und Täterschaft sowie Recht und Unrecht zu generieren. Dabei wird je nach eigener Sichtweise auf einen Zeitpunkt der Geschichte verwiesen, der die „ursprünglichen“ Macht- und Besitzverhältnisse repräsentiert und vom anderen bedroht wird. Fernab der Geschichte werden auch religiöse Ansprüche ins Feld geführt, oder zur Rechtfertigung eigener Massnahmen Gedankenexperimente über Bombardement und Reaktion europäischer Städte angestellt.

Bei einer solchen Vielzahl von Erzählungen des Konflikts und seiner Gründe wird die Frage nach Schuld zur Frage nach dem Ei und dem Huhn. Doch Außenstehende, Politiker und Medien lassen sich auf die Narrative ein. Aussagen über das Recht auf Selbstverteidigung oder die Unverhältnismäßigkeit der gegenseitigen Attacken sind omnipräsent; ebenso wie die Fernsehbilder von Explosionen und die fortwährende Zählung von Verletzten und Toten auf beiden Seiten.

Staunend betrachtet die Welt das Faktum Krieg. Mit jeder Darstellung der Gewalt wächst unsere Betroffenheit, und bei den Beteiligten der Wunsch nach Rache am jeweils Anderen. Als Ereignis, das uns ergreift, gewinnt die Eskalation des Konflikts eine normative Kraft. Diese emotionale Perspektive verhindert den Blick dafür, dass, was ist, nicht zwangsläufig sein muss.

Warum sollte die 12.000ste Rakete der Auslöser für die Eskalation sein, während es tausende zuvor nicht waren? Und warum sollte der Tod einer Person die politische Situation destabilisieren, wo doch schon so viele in diesem Konflikt ihr Leben ließen? Es herrscht Krieg, und alle schauen hin. Das aber reicht nicht aus. Stattdessen gilt es zu fragen: Warum jetzt?

 

Die politischen Beziehungen eskalieren im November

Dieser Zeitpunkt “jetzt” wird für Roy nun konkret. Er macht sich nach einem letzten Schulterklopfen Avivs auf den Weg in Richtung Süden. Die Verbliebenen stellen sich auf eine gedankenschwere Nacht ein. Der Donnerstagmorgen bestätigt die Befürchtungen. Seitens der Hamas wurde die israelische Aufforderung zur Einstellung des Raketenbeschusses im Anschluss an die Luftangriffe unbeachtet gelassen. Eine zunehmende Militarisierung des Konflikts bahnt sich an.

Dies bedeutet für einen Austauschstudenten in Jerusalem auch Aufregung in der Heimat. Anrufe von Familie und Freunden wollen beantwortet sein, vorsorglich schreibt man Mitteilungen an die Bekannten, in denen man über die politische Lage – soweit einschätzbar– aufklärt und Sorgen um die eigene Sicherheit ausräumt. Auch ist es der erste Tag, an welchem Live-Ticker sowie Radio- und Fernsehnachrichten den Alltag der Menschen von morgens bis abends, ob zuhause, bei der Arbeit oder in den Geschäften begleiten.

Journalisten jonglieren mit Begriffen, die selbst Unbeteiligten seltsam vertraut sind: Gaza, Israel, Westbank, Netanyahu, Abbas, Hamas, Fatah, Likud, Al Qassam und IDF. Seit Jahrzehnten verfolgt man weltweit das Geschehen auf diesem kleinen Flecken Erde; zumeist ratlos, was zukünftige Entwicklungen angeht. Weniger Beachtung findet in den Medien der Donnerstag selbst. Dabei hat das Datum eine Bedeutung für die Frage, warum der Konflikt sich jetzt wieder verschärft.

Es ist der 15. November 2012. An diesem Tag vor 24 Jahren beschloss der Palästinensische Nationalrat in einer Sitzung die Verabschiedung einer Unabhängigkeitserklärung, die heute von 131 Staaten anerkannt wird. Aus rechtlicher Perspektive wurde die Staatlichkeit der Palästinensischen Autonomiegebiete hingegen unter anderem vom Landgericht NRW dementiert, was nicht zuletzt in Zusammenhang mit der von Israel nicht aufgegebenen infrastrukturellen und politischen Abhängigkeit der Gebiete begründet wurde. Mit einer Einstellung des Raketenbeschusses an diesem in Gaza gefeierten Tag war nur schwerlich zu rechnen.

Beeinträchtigt wurde das politische Verhältnis auch vom Bekanntwerden des geplanten Antrags auf einen UN-Beobachterstatus der Palästinensischen Autonomiegebiete durch Mahmud Abbas. Am 29. November will dieser in der Vollversammlung der Vereinten Nationen sein Anliegen vortragen, den Sitzungen des Gremiums beobachtend beiwohnen zu dürfen. Der israelische Umweltminister Gilad Erdan sieht darin einen Versuch Abbas’, ohne Israel an einer Aufwertung der Gebiete hin zu einem eigenständigen Staat zu arbeiten. Er drohte daraufhin vor wenigen Wochen mit einer Annektion palästinensischer Gebiete. Damit agierte Erdan ebenso sehr außerhalb seiner ministeriellen Aufgaben, wie er sich der öffentlichen Wirkung der Aussage sicher sein konnte.

Schon 2008, vor der israelischen Militäroperation “Gegossenes Blei” im Gazastreifen, war die politische Lage in den Monaten November und Dezember eskaliert. Auf die trotz eines Waffenstillstandsabkommens aus Gaza abgefeuerten Flugkörper reagierte Israel mit einer Luft- und Bodenoperation, bei der mehr als 700 Menschen ums Leben kamen.

 

Einen gerechten Krieg gibt es nicht

In der damaligen Situation wurden die Toten als Nebenprodukte einer militärischen Operation bezeichnet. 2012 war mit Ahmed al-Dschabari eine Person Ziel von Attacken. Völkerrechtlich ist diese auch von anderen Staaten eingesetzte und als targeted killing bezeichnete Vorgehensweise umstritten, wird sie von manchen Rechtswissenschaftlern doch als Hinrichtung auf Distanz ohne vorheriges Gerichtsverfahren verstanden. Dass im selben Maß das Zuschadenkommen der Zivilbevölkerung verurteilt wird, verrät die Abgründigkeit jeglicher Planung von Militäroperationen.

Über eine ähnliche technische Ausstattung verfügen die Al-Qassam-Brigaden der Hamas nicht, was in einigen Medien in Form des Kampfes von David gegen Goliath stilisiert wurde. Während die amerikanische Journalistin Charlotte Silver dieses Motiv bei Al Jazeera aufgrund seiner “prekären Logik” ablehnte, um sich daraufhin für eine nicht auf einem Opferstatus beruhende Solidarisierung mit Gaza einzusetzen, kann es auch in allgemeinerer Hinsicht kritisiert werden: Schließlich wird hierdurch die fragwürdige Möglichkeit eines gerechten Krieges suggeriert, in dem bei gleichen Mitteln der ihn Verdienende den Sieg davon trägt.

Fern dieser romantischen Vorstellung sieht Yotam Feldmann bei Zeit Online in den militärischen Mitteln den eigentlichen Grund für die Eskalation. Als einer der inzwischen führenden Waffenexporteure sei Israel auf eine regelmäßige Präsentation der Innovationen im Konflikt mit Gaza angewiesen, um deren Wirksamkeit unter Beweis zu stellen. Silver wie Feldmann, ob man ihre Standpunkte teilt oder nicht, thematisieren eines nicht: Mit dem israelischen Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ hat ebenjener technische Vorsprung auch dem Schutz von Menschen gedient.

Einen Eindruck vom Unterschied, den „Iron Dome“ vor allen Dingen für die Gefühlslage der Bewohner im Süden des Landes machen muss, gewinnen die Jerusalemer am Freitag. Am späten Nachmittag ertönen erstmals seit 1991 die Sirenen der Heiligen Stadt, wegen eines herannahenden Geschosses. Detonieren wird dieses tatsächlich in der Westbank auf unbewohntem Gebiet, in der Nähe palästinensischer und israelischer Dörfer, etwa 15 bis 20 Kilometer südlich der Stadtgrenzen.

Die Bewohner des Häuserblocks, in dem sich Avivs WG befindet, können dies noch nicht wissen, als sie, den Sicherheitsvorschriften folgend, in das Treppenhaus hasten. Es folgt Stille. Trotz der Vielzahl von Menschen auf engem Raum spricht niemand. Das einzige wahrnehmbare Geräusch ist die Sirene. Einige nehmen auf den Stufen Platz, andere halten ihre Kinder im Arm. Die meisten stehen für sich alleine an die Wand gelehnt, sind mit ihren Gedanken bei einem fliegenden Stück Metall irgendwo zwischen Gaza und Jerusalem. Die genaue Position ist niemandem hier bekannt.

Aus der Ungewissheit erwächst das Gefühl von Machtlosigkeit und schließlich eine leise, unergründliche Sorge: um das eigene Wohl, Bekannte in anderen Teilen der Stadt, den Fortgang des Konflikts.

Dann verstummen die Sirenen. Aus anderen Vierteln berichtet man, einen Einschlag gehört zu haben, sowie Gewehrsalven aus Ostjerusalem. Hier im Treppenhaus war dies nicht der Fall. Man wartet noch einige Minuten. Smartphones werden hervorgezogen in der Hoffnung, etwas über den Alarm herauszufinden. Die Stille weicht, hallend kehren die Geräusche in das Wohnhaus zurück. Erst unterhält man sich mit gedämpfter Stimme, dann tauschen die Nachbarn über Stockwerke hinweg ihre Informationen aus.

Ein Mittdreißiger im Sportdress, der ein Stockwerk tiefer haust, verfügt entweder über die schnellste Internetverbindung oder den versiertesten Umgang mit den neuen Medien. Er gibt synchron Auskunft über das Gelesene: Die Hamas spricht von Angriffen auf die Knesset. Ein israelischer Militärsprecher erklärt, es habe Detonationen im Grossraum Jerusalem gegeben. Durch den Spalt zwischen den Stufen blickt er nach oben und versichert: “Das ändert alles.”

Noch eine Viertelstunde wird es dauern, bevor aus den disparaten Berichten der tatsächliche Einschlagort ausserhalb der Stadt hervorgeht. Dann wird sich jeder wieder innerhalb seiner vier Wände aufhalten und die Aufregung langsam verklungen sein.

 

Dem Feind so nah

Beruhte die Einschätzung des technikaffinen Erdgeschossbewohners zunächst auf falschen Informationen, wohnt ihr dennoch etwas Reales inne. Der Luftalarm rüttelt am Sicherheitsgefühl der hier lebenden Menschen. Schon vor der neuerlichen Verschärfung stand Israel unter Beschuss durch Gaza. Solange dieser die üblichen Ziele im Süden traf, wähnte man die eigene Heimatstadt ungefährdet. Nun fliegen die Raketen einige Kilometer weiter, als man erwartete, richten sich auf bis dato undenkbare Ziele, und die verdrängten Vorurteile sowie Ängste brechen hervor.

Ein konstruiertes Sicherheitsgefühl war für die Menschen auch notwendig, da eine den Konflikt betreffende Hoffnung zutiefst unzeitgemäß ist. Jahrzehnte nach dem ersten Menschen auf dem Mond und dem Fall der Berliner Mauer als Symbolen einer sich entgrenzenden Welt, wird bezüglich des Nahen Ostens im 21. Jahrhundert immer noch an einer territorialen Befriedungspolitik festgehalten. Die Aufteilung des Landes, die Errichtung von Mauern und Sperrzonen haben sich zweifelsohne auf die Auseinandersetzungen ausgewirkt, jedoch nicht in der gewünschten Form.

Unpassierbare Grenzen haben den Konflikt zunächst durch Raketen in die Luft verlagert. Nun erstreckt er sich via Social Media in den virtuellen Raum. In einer sich globalisierenden Welt wird man Problemen auf die Dauer nicht entkommen, indem man sich räumlich von ihnen separiert.

Dass diese jedoch gerade jetzt akut werden, dürfte auch politische Gründe haben. Immer wieder ist vom Kalkül der politisch Verantwortlichen, insbesondere Binyamin Netanyahus, zu lesen. So verlagert sich die Antwort der Schuldfrage von einer nationalen auf eine personale Zuschreibung. Wirklich ernstgenommen wird der Konflikt auch in diesem Narrativ nicht. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Vorkommnisse von innen- wie außenpolitischen Entscheidungen ebenso beeinflusst sind, wie sie diese künftig beeinflussen werden.

 

Wahlen – nicht nur in Israel

Als größter außenpolitischer Faktor dürfte die Wiederwahl Barack Obamas angesehen werden. So war in der Folge mit einer Weiterführung der vermittlungsbedachten Außenpolitik der USA zu rechnen. Zwar hatte Netanyahu sich mit kritischen Aussagen in Bezug auf Obamas Iranpolitik und einer Rolle in Mitt Romneys Fernseh-Wahlkampfspot für Florida deutlich auf republikanischer Seite positioniert. Von einer Kehrtwende Obamas in Bezug auf den Nahen Osten war jedoch nicht auszugehen.

Insbesondere Gazas zunehmend aggressiver Raketenbeschuss in den vergangenen Wochen wäre für den Fall einer Wahl Romneys deutlich riskanter gewesen. Dieser hatte vor seiner Wahl eine kritiklose Unterstützung Israels zugesagt, und die miserablen wirtschaftlichen Zustände der palästinensischen Autonomiegebiete auf die kulturelle Unterschiedenheit seiner Bewohner zurückgeführt. Das dies keine hinreichende Begründung ist, beweist der nähere Blick dorthin.

Die in Westjordanland und Gaza unterteilten und unverbundenen Territorien des palästinensischen Autonomiegebiets werden von einer Autonomiebehörde verwaltet. Präsident dieses regierungsähnlichen Konstruktes ist seit dem Jahr 2005 Mahmud Abbas von der gemäßigten Fatah-Partei. Bei den Parlamentswahlen im Januar des darauf folgenden Jahres erzielte die islamistische Hamas die absolute Mehrheit und Ismail Haniyya besetzte, enormen internationalen Widerständen zum Trotz, den Posten des Premierministers. Die Spannungen zwischen Fatah und Hamas verstärkten sich daraufhin, bis Präsident Abbas im Juni 2007 Haniyya seines Ministeramts enthob. Dieser politische Konflikt führte in den Folgemonaten zu einem Bürgerkrieg im Gazastreifen, den die Hamas nach dem Sieg ihrer Al-Qassam-Brigaden de facto ohne Legitimation regiert.

Hier trifft Haniyya auf soziale und demographische Strukturen, die sich mit den radikalen Ansichten seiner Partei zur derzeitigen Gewaltbereitschaft Gazas verbinden. 1,2 der 1,7 Millionen Bewohner des Gebiets haben teilweise in der dritten oder vierten Generation Flüchtlingsstatus, der zumindest die Grundversorgung von 80 Prozent der Bürger von Seiten der UN sichert. Trotz mangelnder ökonomischer Potentiale steigen Geburtenrate und Bevölkerungsdichte unaufhörlich, die bei hierfür vollkommen ungeeigneter Infrastruktur höher liegt als die Berlins. Das Durchschnittsalter hingegen hat inzwischen 18 Jahre unterschritten.

Einerseits bedeutet dies, dass Israel gerade einen Krieg mit Heranwachsenden führt. Weiß man, dass etwa jeder zweite Bewohner Gazas das Alter von 15 Jahren noch nicht erreicht hat, verwundert die Vielzahl der Bilder von Luftangriffen verletzter und getöteter Kindern nicht sonderlich.

Andererseits werden diese Jugendlichen von radikalen Gruppierungen in Gaza instrumentalisiert. Von Bedeutung dürfte hierfür auch die neuerliche Annäherung von Fatah und Hamas sein. Im vergangenen Jahr söhnten sich Mahmud Abbas und Ismail Haniyya aus und stellten die insgesamt dritten Parlamentswahlen der Autonomiegebiete für das Jahr 2012 in Aussicht. Eine Verschärfung des Konflikts dürfte der radikalen Hamas zu Gute kommen, der nach einer aktuellen repräsentativen Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung von weniger als 5 Prozent der palästinensischen Bevölkerung der Respekt vor Bürgerrechten und politischer Freiheit zugetraut wird, und die derzeit nur die Hälfte der Wählerstimmen der Fatah erzielen würde.

Doch auch in Israel liegen die Wahlen in Sichtweite. Im vergangenen Monat hatten Netanyahus Likud und die rechte Israel-Beitenu-Partei des Außenministers Avigdor Liebermann eine Kooperation verkündet. Mit einer Verschärfung seiner oft als zu zurückhaltend kritisierten Konfliktpolitik in Folge der Kooperation war zu rechnen, zumal sich eine auf die Militäroperation folgende Zeit der Ruhe positiv auf die Wiederwahl auswirken könnte.

 

Solidarität kann auch kritisch sein

Ruhe prägt den Samstagabend in Jerusalem. Diesmal trifft man sich in einem Wohnzimmer mit bodentiefen Holzfenstern. Das Metallöfchen daneben, die einzige Heizquelle der Wohnung, ist auch Mitte November noch nicht in Gebrauch, die Temperaturen sind mild. Durch die einen spaltweit geöffnete Balkontür dringt die Popmusik des naheliegenden Barviertels ans Ohr. Sonst strömen die Menschen nach Beendigung des Schabbat in dieses Stadtviertel, um Freunde und Bekannte zu treffen. Heute bleibt man lieber daheim.

Dort freut man sich über das Wohlergehen der anderen. Auch wenn sich die Gefahrensituation vom Freitag als irreal herausgestellt hat, bleibt das Gefühl der Sorge auch am Folgetag. Jeder Versuch der Konversation endet letztlich bei der Politik. Als Rivka von ihrem Sozialdienst in den israelischen Siedlungen in Gaza zu erzählen beginnt, holt sie ein Fotoalbum hervor. Die Bilder zeigen junge Menschen in der ersten Wohnung außerhalb des Elternhauses, bei der Arbeit in einem Telekommunikationszentrum, auf Geburtstagsfeiern, am Mittelmeerstrand, den Sonnenuntergang betrachtend.

Dann ändern sich die Motive. Dieselben Menschen tragen plötzlich Protestbanner, besprühen Hauswände mit Sprüchen, und Bagger reißen diese Mauern ab. Rivkas Dienst endete mit der Räumung der jüdischen Siedlungen im Gazastreifen im August 2005. Sie begleitete die 8500 protestierenden Siedler, die Ariel Scharon in der Hoffnung auf eine Beruhigung der politischen Beziehungen aus dem Gazastreifen abzog. Noch heute erfassen sie Trauer und Wut, wenn sie die Bilder betrachtet. Fernab politischer Überlegungen fühlt sie sich um einen Teil ihres Lebens betrogen und wird an diesen für sie bedeutsamen Ort vielleicht nie mehr zurückkehren.

Wäre man nicht in Jerusalem, sondern befände sich in Gaza-Stadt, könnte man diese Lebensgeschichten auch von palästinensischen Flüchtlingen hören. Auch sie haben eine Heimat verloren. Die Biografie eines jeden hier – ob Israeli oder Palästinenser – ist vom Konflikt durchzogen, teilweise zerrissen. Für sie wird die Auseinandersetzung um das Land immer eine emotionale Frage sein.

Außenstehende werden dies nie ganz begreifen können, und doch geniessen sie ein Privileg: ihre Unvoreingenommenheit. Bei aller Betroffenheit vom Leid der Menschen sollte sie nicht vorschnell aufgegeben werden. Empathie bedeutet mehr, als sich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Wer solidarisch sein will, muss sich auf die Suche nach Gründen machen. Statt eines Schuldigen braucht dieser Konflikt Lösungen für eine Vielzahl von Problemen.

Andreas Menne verbringt gerade ein Auslandsjahr in Jerusalem.