Finanzierung des Journalismus: Die falsche Debatte

Die Zukunft des Journalismus hängt nicht von Subventionen oder Stiftungen ab, sondern von den Journalisten selbst. Jeder Einzelne kann etwas tun. Möglichkeiten gibt es genug.

Die Frankfurter Rundschau und die Financial Times Deutschland sind pleite, und plötzlich ist der gesamte Journalismus gefährdet, einige rufen nach einer Art GEZ-Gebühr für Zeitungen, andere nach einem Stiftungswesen.

Doch warum eigentlich?

Wegen zwei Zeitungen, die jahrelang auf wackeligen Beinen standen und deren Geschäftsmodell nie Fuß fassen konnte? Es ist natürlich traurig, dass es diese Marken nicht mehr gibt, und auch, dass viele Journalisten ihren Job verloren haben. Doch Tatsache ist: Es sind Print-Produkte, die pleite gegangen sind. Und es werden nicht die letzten sein. Das Zeitungssterben, das in den USA schon mehrere Blätter dahingerafft hat, hat nun auch Deutschland erreicht. Es vollzieht sich ein Strukturwandel in den Medien – der Staat oder reiche Stifter können diesen vielleicht künstlich verlangsamen, aber aufhalten können sie ihn nicht.

Die Diskussion um die Finanzierung lohnt daher nicht. Die Medienbranche muss hingegen überlegen, wie sie diesem Wandel begegnet. Und was für eine Rolle das Internet dabei spielen kann, offenbart ein Blick auf die Bilanzen.

So machen die Produktions- und Vertriebskosten eines Zeitungshauses rund 50 Prozent seiner Gesamtkosten aus. Die angestellten Redakteure und die beauftragten freien Journalisten müssen sich den Rest mit der Marketingabteilung und der Verwaltung teilen. Und das Unternehmen will natürlich auch noch Gewinn machen: unter wirtschaftslexikon.com ist dies mit 4 Prozent veranschlagt.

Eine Internetredaktion hat laut wirtschaftslexikon.com keine Produktions- und Vertriebskosten (wobei ich mich da frage, wo in der Rechnung die Serverkosten auftauchen). Dafür entfallen 96 Prozent auf Marketing, Verwaltung und Journalismus – die restlichen vier Prozent sind wieder Gewinn. Kurzum: Es bleibt mehr Geld für das Kerngeschäft, den Journalismus. Der Ballast von Produktions- und Vertriebskosten – rund 50 Prozentpunkte – fällt annähernd weg.

In der Diskussion um das Internet beklagen Kritiker meist nur die Einnahmeseite: Mit digitaler Werbung lässt sich kaum Geld verdienen. Dabei lassen sie die Ausgabenseite außer Acht, die im Vergleich zu Printprodukten um einiges niedriger ist. So kann sich Spiegel Online 100 Redakteure leisten und trotz verhältnismäßig geringer Anzeigenpreise Gewinn machen.

Klar, Spiegel Online ist zusammen mit Bild.de der Marktführer, andere Nachrichtensites stecken noch immer in den roten Zahlen. Doch keine andere Anzeigenform verzeichnet ein so hohes Wachstum wie die digitale Werbung, und ich sehe keinen Grund, warum sich das ändern sollte. Die Medien stehen am Anfang einer Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen ist.
 

Muss eine Lokalzeitung jeden Tag erscheinen?

Kleine Lokalzeitungen müssen sich fragen, ob sie es sich leisten können, sechs Mal die Woche ein Blatt zu drucken und zu verteilen. Vielleicht reicht auch drei Mal.

Neben den gesunken Produktions- und Vertriebskosten müssten die Redakteure zudem nicht jeden Tag die Seiten füllen, sondern hätten mehr Zeit für hintergründige Recherche, für tiefergehende Geschichten – für besseren Journalismus im Blatt. Damit die Leser sich trotzdem täglich informieren können, muss die Lokalzeitung über aktuelle Ereignisse auf ihrer Internetseite berichten.

Und was  ist mit den alten Leuten, die sich nur durch die Tageszeitung informieren? Ich habe meine Oma gefragt: „Was würdest du lieber haben: Sechs Mal pro Woche eine Zeitung, so wie sie jetzt ist, oder lieber dreimal pro Woche ein Zeitung, dafür aber mit interessanteren Geschichten?“ Ihre Antwort: „Ach, in der Zeitung steht oft gar nichts drin.“ Wenn die Zeitung interessanter dadurch werde, wenn sie nicht mehr jeden Tag kommt, dann könne sie damit leben. Meine Oma repräsentiert natürlich nicht alle Tageszeitungsleser. Aber vielleicht könnten junge Journalisten mal ihre Großeltern fragen, was sie von der Idee halten, es würde mich interessieren.

Viele Menschen – Drucker, Grossisten, Zeitungsausträger – würden durch eine solche Kürzung ihre Jobs verlieren.  Aber ein Strukturwandel fordert immer Opfer. Es bringt nichts, darüber zu jammern, nur ein optimistischer Blick nach vorne hilft weiter. Begleitende Maßnahmen versprechen mehr Erfolg, als mit einem „Einfach weiter so“ in die Pleite zu rennen – wodurch alle, auch Journalisten und Verleger, ihre Jobs verlieren würden.

Einige Zeitungsverleger pochen und hoffen jedoch noch immer auf das „Rieplsche Gesetz“: Es besagt, dass kein Medium ein anderes verdrängen wird – die Zeitungen also nicht untergehen werden. Abgesehen davon, dass Wolfgang Riepl dies im Jahr 1913 geschrieben hat und die These nie empirisch nachgewiesen wurde, blenden die Verleger den zweiten Teil ihrer „Beruhigungspille“ gerne aus. Journalistik-Professor Klaus Meier bringt es in seinem Lehrbuch auf den Punkt:

„Neue Medien bringen alte Medien zwar nicht um, sie zwingen sie aber zu einer anderen publizistischen und ökonomischen Strategie (zu einem Funktionswandel). Wer den Anpassungsdruck nicht rechtzeitig erkennt, kann untergehen.“

Wie die Industrialisierung ganze Wirtschaftszweige umgekrempelt hat, tut es nun auch die Digitalisierung. Damals führte es zu den Weberaufständen, heute zur Verleger-Empörung. Der Wandel war und ist trotzdem nicht aufzuhalten: Alte Geschäftsmodelle werden untergehen, neue an ihre Stelle treten (einige Ansätze dazu finden sich hier). Der Ökonom Joseph Schumpeter nennt das „schöpferische Zerstörung“.
 

Der vernachlässigte Nachwuchs

Aber nur das Internet mit seinen günstigen Produktions- und Vertriebskosten wird den Journalismus nicht retten. Die Medienbranche – wie jede andere Branche – kann nur existieren, wenn Menschen für ihre Produkte Geld ausgeben, auch im Netz. Und das geht nur über Qualität.

Doch der Nährboden für diese Qualität wird wenig gepflegt: Junge Journalisten hangeln sich von Praktikum zu Praktikum, mit dessen Gehalt sie nicht einmal ihre Miete bezahlen können, unerfahrene Volontäre ersetzen Redakteure und bekommen kaum Weiterbildungen, Journalistenschulen bieten nur wenige Plätze an, die universitäre Ausbildung ist zu weit von der Praxis entfernt.

Natürlich sind das Pauschalurteile: Das System bringt auch gute Journalisten hervor, keine Frage. Doch es könnten mehr sein. Mehr gute Journalisten bedeuten mehr Qualität. Mehr Qualität bedeutet Geld.

Eine bessere Ausbildung muss auch nicht viel kosten: Es würde schon reichen, wenn Redakteure die Praktikanten bei sich auf der Couch schlafen lassen, damit deren mickrige Aufwandsentschädigung nicht gleich von der Miete aufgefressen wird. Wenn Redaktionen ihren Journalisten einen freien Tag pro Jahr einräumen, um Workshops an Universitäten zu halten, trifft die Praxis auf die Theorie. Wenn Redakteure nach der Arbeit mit den Volontären ein Bier trinken gehen und ehrlich über deren Arbeit sprechen, bringt das vielleicht sogar mehr als teure Weiterbildungen. Menschlichkeit ist in Euro nicht zu beziffern.

Ich selbst, 26 Jahre alt, bin ein angehender Journalist und weiß nicht, ob ich bestehen oder untergehen werde. Was ich aber weiß: Journalismus ist ein harter und hartumkämpfter Job. An das große Geld darf ich jetzt noch gar nicht denken – deswegen werde ich ja auch nicht Journalist. Ich will über meine ungewisse Finanzierung nicht jammern, wie gesagt: Das bringt eh nichts. Ich will Qualität abliefern und ich glaube daran, dass dafür die Menschen auch in Zukunft zahlen werden.

Deswegen: Lasst uns aufhören über die Finanzierung per Stiftung oder Staatshilfe zu diskutieren, sondern lasst uns darüber sprechen, was jeder Einzelne tun kann, um den Journalismus ein Stückweit besser zu machen. Der ewige Untergangs-Pessimismus wird uns nicht weiterbringen, im Gegenteil:  Er verbreitet nur Angst. Doch wenn wir Journalisten heute und in Zukunft eines brauchen, dann ist es Mut.