Zeitungen und ihre Leser: Für wen wird die Tagespresse eigentlich gemacht?

Die Insolvenz der Frankfurter Rundschau (FR) interessiert Medienmenschen brennend. Die Ursachenanalyse betrifft sie oft ganz persönlich, denn sie verspricht Aufschluss darüber, wie es für sie mittel- und langfristig beruflich weitergehen kann.

Anfangs war von dieser oder jener verlegerischen Fehlentscheidung die Rede; die Konzentration auf die Entwicklung des einen oder anderen Bereichs sei wahlweise zu schwach gewesen oder zu stark. Inzwischen steht auch die Financial Times Deutschland (FTD) vor dem Aus. Die Fragen, die sich Medienmenschen stellen, sind inzwischen universeller, und dementsprechend schauen sie bei ihren Antworten stärker auf strukturelle Aspekte der Zeitungskrise. Das ist ein Schritt nach vorn:

Das große Ganze in den Blick zu nehmen ist erhellender, als einen zufällig an die Oberfläche geschwemmten Aspekt zu verabsolutieren. Um den Blick derart zu weiten, ist es hilfreich, einige Schritte zurück zu treten, Abstand zu gewinnen und den Wald statt lauter Bäumen zu betrachten. Die Geschichtswissenschaft ermöglicht diese Distanzierung, wenn es ihr gelingt, eine unbekannte Geschichte zu erzählen – oder eine bekannte Geschichte neu zu erzählen –, so dass ihr Irritationspotential zur Gegenwartsdiagnose fruchtbar wird. Von der Gründungsgeschichte der FR ist manches weitgehend unbekannt, manches neu zu erzählen. Das versuche ich im historischen Essay „Frankfurter Rundschau: Zeitungsinnovation 1945–1947“. Darauf aufbauend folgt hier meine – pessimistische – Krisendiagnose.
 

Selberdenker und Meinungsvielfalt

Die ersten Kommentare zur Insolvenz der FR machen überwiegend das Internet als Bösewicht aus. Tiefer gehen etwa Wolfgang Blau und Christian Jakubetz mit ihren grundsätzlichen Zweifeln an der Zukunftsfähigkeit des Produkts „Tageszeitung“. Radikalisiert prophezeit Georg Seeßlen das Verschwinden der bürgerlichen Zeitung in der postbürgerlichen Gesellschaft. Warum gerade linke Zeitungen so große Probleme haben, fragt sich auch Wolfgang Michal und macht die soziale Lage des aufstiegsorientierten Bildungsmilieus als Haupterklärungsfaktor stark. Ich will auf einen dabei vernächlässigten Aspekt der intellektuellen Bedürfnisse dieses Milieus hinweisen, die eine Zeitung – theoretisch – stillen könnte:

Sozial aufsteigende Bildungsbürger streben nach Orientierung, doch sie beanspruchen als alltäglichen Beweis ihres Aufstiegs, sich ihre Meinungen selbst bilden zu können. Ihre geistige Unabhängigkeit beruht nicht nur auf bildungsbürgerlicher Bekenntnisscheu, sondern auch auf Ideologieskepsis und der Überzeugung, dass man das Selberdenken nicht an Politiker, Priester oder Presse auslagern kann, da erfahrungsgemäß keine dieser Gruppen dem Ausgangs- und Standpunkt des Selbstdenkenden gerecht wird. So sind diese Bildungsschichten politikerverdrossen und präferieren direktdemokratische Elemente. Sie sind gewiss auch kirchenverdrossen und wollen nicht einfach nachbeten, was die geistlichen und weltlichen Vordenker von ihren Kanzeln herab predigen. Jedenfalls sind sie presseverdrossen und wählen lieber selbst online aus, was sie interessiert und wessen Position sie Aufmerksamkeit und Glauben schenken, statt eine Blattlinie zu abonnieren, die ihnen das Selberdenken abnimmt.

Praktisch leisten Zeitungen in Deutschland es nicht, die Meinungsvielfalt in einem Blatt angemessen zu repräsentieren, so dass Leser ihre Meinungen im echten Meinungskampf bilden könnten. Anders als angedacht im PWD-Gruppenzeitungsmodell, das ich im historischen Essay skizziert habe, entwickelten sich in der Nachkriegszeit keine programmatisch binnenpluralistischen Zeitungen. Meinungsvielfalt wurde stattdessen durch Zeitungsvielfalt hergestellt, allerdings in gewissen Grenzen. Zeitungen wurden – wieder – zum Eigentum ihrer Verleger, und in Ermangelung guten Willens könnte man sagen: Ihre ursprünglichen Ziele, die Wiederentstehung von drei schädlichen Elementen der Weimarer Presselandschaft zu verhindern, konnte die alliierte Pressepolitik im Nachkriegsdeutschland nicht realisieren. Tendenzpresse, Pressekonzentration und vorgeblich unpolitische Generalanzeiger-Presse im kommerziellen Verlegerinteresse entstanden spätestens seit 1949 neu. Den Interessen der Leser entsprach das damals nicht, und wo heute regelmäßig solche Entwicklungen zu beobachten sind, entspricht es ihnen natürlich ebenfalls nicht.
 

Nutzwertfiktionen und Selbstvergewisserung

„Das Publikum geht leer aus“, meint auch der ehemalige FR-Chefredakteur Wolfgang Storz. Damit meint er nicht unbedingt die Orientierungsangebote für Selbstdenker, bei denen Zeitungen dem Internet unterlegen sind, auch nicht eine irgendwie linke Zielgruppe, die besondere Probleme bereite. Storz geht es um den „handfesten Nutzwert“ für die Leser, den er an solider Recherche, verständlicher Sprache und gutem Lokaljournalismus festmacht.

Der handfeste Nutzwert einer Zeitung, der sie Computern, Tablets und Smartphones stets überlegen bleiben lässt, liegt in ihrer Eignung zum Fliegen-Erschlagen und Fisch-Einwickeln. Der immaterielle Nutzwert ist für den größten Teil der Abonnenten nur eine idealistische Fiktion aus dem bürgerlichen Zeitalter. Selbst die schrumpfenden bildungsbürgerlichen Milieus können die von Zeitungen transportierten Informationen im Alltag kaum mehr verwerten. Die relevantesten Nachrichten der Lokalpresse zeigen sich in einer verbreiteten Lesegewohnheit: Nicht das Titelblatt, die Todesanzeigen werden oftmals zuerst konsultiert – schließlich stellen sie konkrete Handlungsanforderungen zum Versenden von Kondolenzschreiben und Besuch von Beerdigungen. Oftmals sind sie sogar der letzte verbliebene Abogrund. Ohne die Berichterstattung zu Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport lässt es sich hingegen gut leben, wenn man nicht gerade Medienmensch, -junkie oder Politiker ist. Das schwindende Bedürfnis nach bürgerlicher Selbstvergewisserung und entsprechendem Klassenbewusstsein tut sein Übriges und führt wieder zurück zur Orientierungsfunktion von Zeitungen.

Nicht nur die irgendwie linken Zeitungen betrifft es, sondern auch rechts wird man früher oder später merken: „Das bloße Bestätigen vorhandener Meinungen zu politischen Vorgängen reicht nicht.“ Das hat wenig mit dem Internet zu tun, deshalb kann es auch nicht durch Mobile-App-Strategien aufgefangen werden. Der technische Wandel katalysiert lediglich einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel, der herkömmliche Papierzeitungen überflüssig macht, da sie den Informations- und Meinungsbildungsbedürfnissen der Menschen nicht mehr entsprechen. Wenn Springer-Chef Döpfner hofft, dass „das, was die Menschen lesen wollen, was sie wirklich interessiert“, bei veränderter Technologie im Wesentlichen gleich bleibt, dann verschließt er vor der veränderten Gesellschaft die Augen.

Doch selbst wenn Döpfner den strukturellen Wandel sähe, dürfte er nicht davon sprechen, da er jene Defätisten für die „Totengräber“ der Zeitung hält, die nicht von ihrer goldenen Zukunft schwärmen. Denn wenn nicht einmal die Zeitungsmacher mehr glauben, dass ihr Produkt für das Publikum von Bedeutung ist, wie soll man das dann der Werbewirtschaft weismachen, bei der es sich in den Augen vieler Verlagsmanager um den eigentlichen Kundenkreis der Presse handelt?

Jürn Kruse beschreibt die Zeitungskrise ungeschönt anhand der Verkaufszahlen, von denen auch die Werbeeinnahmen abhängen. Wenn keiner das Papier mehr kaufen will, dann ist die gedruckte Zeitung nicht mal mehr das wert. Nur die Marke bleibe, und voller „Nachkriegsromantik“ verweisen Verleger auf eine angebliche „Relevanz der gedruckten Tagespresse für die Demokratie“. Dafür soll der Staat ihnen direkte und indirekte Subventionen genehmigen – und aus alter Verbundenheit tut er das sogar. Von Unabhängigkeit keine Spur. Ob das wirklich besser ist als multinationale Konzerne, die eigene Massenmedien zur Promotion ihrer Marke gründen, statt teure Werbung in fremden Medien zu schalten, weiß man nicht. Die Interessen der Rezipienten spielen natürlich in beiden Fällen die geringste Rolle.