Die Verklärung der Zeitungskrise

| 24.11.2012 | 5 Kommentare

Man kann es ruhig Selbstbeschädigung nennen. Nur vielleicht in einem anderen Sinn, als Giovanni di Lorenzo es ursprünglich meinte.

Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo in der Zeit:

Es gibt keine Branche in Deutschland, die sich so lustvoll und unheilvoll selbst beschädigt hat, wie es viele Verleger, Geschäftsführer und Journalisten der Printmedien getan haben. Sie begleiteten die Einführung ihrer Onlineangebote so manisch, als hätten sie permanent gekokst. Zu dieser Zeit hatten sie überwiegend Blätter, die reinste Gelddruckmaschinen waren; und sie waren Anteilseigner (und sind es trotz aller Schwierigkeiten immer noch) der in ihrer Vielfalt, Ernsthaftigkeit und Unabhängigkeit vielleicht besten Medienlandschaft der Welt. Nun überboten sie einander in der Lobpreisung des neuen Mediums. Was sie damit ihren bisher treuen und zahlenden Lesern auch vermittelten, war: Schön, dass ihr noch dabei seid, aber das Medium der Zukunft ist ein anderes, es ist das Internet.

Ich hatte den Text schon gestern morgen in den Links, aber diese Geschichtsverdrehung ist so bemerkenswert, dass ich sie noch einmal gesondert aufnehmen will.

Schaut man sich die konstante Dämonisierung des Internets in den deutschen Medien, auch in der Zeit, an, dann fragt man sich, in welcher Parallelwelt Herr di Lorenzo lebt; oder ob er glaubt, dass er auf diese Weise die Moral der eigenen Truppen stärken kann, ohne am eigenen Image beim aufgeklärten Leser zu kratzen.

Gab es in den letzten zehn Jahren eine Titelgeschichte in der Zeit, die statt über die Gefahren über die Potentiale der Digitalisierung berichtet hat? Nur eine? Gab es so etwa in irgendeiner deutschen Printpublikation, die nicht auf Technik spezialisiert war? Nur eine?

Die deutschen Medien sind wie die einst Bücher von Hand kopierenden Mönche, die ob der Einführung des Buchdrucks um ihre Position fürchten und glauben, objektiv zu erscheinen, wenn sie ihrer sehr ausführlichen Erörterung der Gefahren und Befürchtungen ein “Der Buchdruck  ist ganz praktisch, aber …” voranstellen.

Das ist natürlich ganz menschlich und nachvollziehbar, dass es aber praktisch kaum Ausnahmen gibt, dass die Diskurse sowohl via Medium als auch via Argument abgeschirmt werden,  könnte auch ein Grund dafür sein, dass man trotz der, auch bereits dort vorhersehbaren gleichen Vorgänge in den USA seit Jahren dann doch noch einmal überrascht ist. Wäre es tatsächlich möglich, dass das nur Medienwissenschaftlern und Bloggern klar war?

Angesichts eines solchen Texts des Chefredakteurs in einer Ausgabe, in der es darum gehen soll, ‘wie guter Journalismus überleben kann’, würde es mir als Mitarbeiter angst und bange werden.

Warum nicht einmal schonungslos über die Realität berichten? Sich mit ihr auseinandersetzen und das Ergebnis der Öffentlichkeit präsentieren?

Stefan Niggemeier ist auch irritiert:

Abgesehen davon wüsste ich gerne, wo di Lorenzo heute einen überkritischen Umgang der Printmedien mit sich selbst ausmacht. Umgekehrt könnte ich ihm Berge von Artikeln schicken, die sich lesen, als seien die Kollegen längst der verlängerte Arm der Marketing-, Lobby– und PR-Abteilungen ihrer Häuser und ihrer Branche.

Stefan Niggemeier über die gesamte Zeit-Ausgabe:

Mich hat diese hilflos-verzweifelt-verklärende Flucht ins Pathos unter dem Sinnbild des süßen gephotoshoppten Hundes heute depressiver gemacht als alle aktuellen Untergangs-Nachrichten von Print-Medien.

Christian Jakubetz fasst die erschütternd realitätsfernen Reaktionen gut zusammen:

Kein Wort davon, dass sich möglicherweise der gesamte Journalismus verändern müsste. Kein Wort davon, dass es vielleicht gar nicht ausreichend ist, einfach nur eine etablierte Marke ins Netz zu verlängern. Stattdessen als Quintessenz: Wir waren ein bisschen langsam und ein bisschen unentschlossen und ein bisschen zu kostenlos.

Die Berichterstattung und die Kommentare und Analysen zum Ende von FTD und Frankfurter Rundschau haben gezeigt, dass die deutschen Presseverlage entweder mental noch immer nicht auf die Herausforderungen vorbereitet sind, oder sie zumindest in der Öffentlichkeit nicht darüber reden wollen.

Die nächste Spiegel-Ausgabe wird wahrscheinlich ähnlich werden.
 
Crosspost von neunetz.com