Euer Facebook-Gejammere nervt!

Es gibt viele Gründe, Facebook nicht zu mögen. Aber auch ein paar sehr gute, es trotzdem zu benutzen.

Seit geraumer Zeit ärgere ich mich über das Facebook-Gejammere dieser “Netzgemeinde”. Der gefühlt fünfttrillionste Artikel mit der Überschrift “Facebook nervt” von Maik Söhler aus der heutigen taz ist jetzt mal der Anlass, darüber zu bloggen.

Der Hauptgrund, der von den Facebook-Verächterinnen vorgebracht wird, ist natürlich die Bevormundung dieser Plattform. Alle drei Tage werden wieder irgendwelche Einstellungen verändert, man hat keinerlei Kontrolle (haha) über das, was einer so in die Timeline gespült wird. Undurchsichtige Algorithmen schreiben mir vor, was ich lesen soll, lauter langweiliges Zeug kommt da oder – oh Göttin! – Werbung, die ich nicht bestellt habe. Die Daten gehören sowieso Herrn Zuckerberg, alles, was ich bei Facebook poste, wird überwacht, ausgenutzt und im Zweifelsfall gegen mich verwendet. Und dann diese ganzen Poesiealbumssprüche.

Ja, das stimmt alles.

Und ja, es gibt viele schönere Orte im Internet, zum Beispiel Blogs oder Twitter oder noch irgendwelche anderen Seiten, die noch viel nerdiger und selbstbestimmter und unüberwachter sind. Und das ist gut so, und es spricht nichts dagegen, sie zu nutzen.

Aber.

Es ist halt einfach so, dass die allermeisten Menschen, wenn sie überhaupt irgendwo in diesem “sozialen Netz” sind, bei Facebook sind, und nicht anderswo. Laut aktueller Online-Studie von ARD und ZDF nutzen 43 Prozent der Internetnutzerinnen “soziale Netzwerke” (faktisch: Facebook), während nur 8 Prozent bloggen und nur 4 Prozent bei Twitter sind. Und warum ist das so?

Ich behaupte, dass der Grund gerade der “bevormundende” Ansatz von Facebook ist. Menschen, die nicht schon seit den Anfangsjahren auf Twitter sind, finden sich da nämlich kaum zurecht. Ich kann mich erinnern, dass es mir selbst anfangs ziemlich komisch vorkam, und dabei war Twitter im Jahr 2009 noch lange nicht so komisch, wie es jetzt ist. Es ist in der Zwischenzeit praktisch eine eigene Sprache entstanden, eine eigene Kultur, mit eigenen Codes usw., die man beherrschen muss, wenn man irgendwie Spaß haben will. Es ist, als ob man auf eine Party geht, die schon seit Tagen läuft, wo man niemanden kennt (die anderen kennen sich aber schon seit Kindertagen), und das Ganze auch noch auf einem fremden Planeten, ohne Sprachkenntnisse und ohne Wissen, wie man sich hier benimmt. Und wem von diesen Millionen Twitterinnen soll ich folgen? Und wie mache ich auf mich aufmerksam, mit null oder zwei Followerinnen am Anfang?

Von zehn Menschen, die ich überrede, auf Facebook oder Twitter zu kommen, bleiben bei Facebook acht bis neun da, bei Twitter höchstens eine.

Bloggen ist leider auch keine Alternative. Für ein neues Blog Aufmerksamkeit zu bekommen, ist heute viel schwerer als vor drei, vier Jahren noch. Und Mitdiskutieren in den Kommentaren? Meine Güte, reihenweise Bloggerinnen machen neuerdings ihre Kommentare ja wieder zu, weil sie den ätzenden Tonfall, der dort normalerweise herrscht, selbst nicht ertragen. Wieso sollte eine Neu-Netz-2.0-Bürgerin sich das antun?

Es ist schwer, in diesem sozialen Internet-Dingens Fuß zu fassen, wenn man nicht selbst schon lange drin ist.

Bei Facebook ist das anders. Da findet jede Neuanfängerin gleich Freundinnen, die werden ihr praktisch auf die Nase gebunden. Da ist die Hürde, auch selbst mal was in dieses gefährliche Internet hineinzuschreiben, gering, zum Beispiel kann sie erstmal vorsichtig mit einem “gefällt mir” beginnen.

Um sich relevante Timelines zusammen zu stellen, braucht man Know-How, Wissen und Zeit. Bei Facebook nicht, da ist – den bevormundenden Algorithmen sei Dank – gleich schon mal was. Und was versierte Timeline-Konfiguriererinnen als Bevormundung empfinden, ist für Leute, die nicht wissen, was eine Timeline ist, geschweige denn, wie sie funktioniert, ein hilfreiches Tool.

Mir gefällt Facebook auch nicht, aus all den guten Gründen, die momentan so ausufernd ins Internet geschrieben werden.

Mir gefällt Facebook aber sehr, sehr gut, weil ich dort all die Menschen treffe, mit denen ich mich gerne austauschen möchte. Facebook ist der einzige Ort im Internet, wo ich sie treffe. Ich treffe sie nicht auf Twitter, ich treffe sie nicht in meinem Blog (manche lesen, aber fast nie kommentieren sie).

Und da kann ich selbst auch etwas dazu tun, dass sich die notwendige Medienkompetenz etwas verbreitet. Ich kann Bekannte darauf hinweisen, dass es nicht so cool ist, wenn sie Fotos von Dritten posten, ich kann Hinweise zum Urheberrecht und zur Datensicherheit anbringen. Ich kann erklären, was “lol” bedeutet, oder wie man Herzchen macht.

Und vielleicht kommt dann irgendwann der Punkt, wo sich die Facebook-Nutzerinnen dann auch jenseits davon umschauen. Der Punkt, wo sie auch mal in einem Blog kommentieren, oder sich Twitter anschauen, oder was es dann irgendwann mal geben wird. Und deshalb bin ich bei Facebook und werde es auch noch solange bleiben, wie es nötig ist.

Meinen Netzschwerpunkt muss ich dort freilich nicht  haben, aus all den genannten guten Gründen nicht. Aber weil ich daran interessiert bin, dass die Möglichkeiten, die das Internet bietet, nicht nur Spielwiese für ein paar Spezialinteressierte bleibt, sondern ein Tool wird, das für Frau Meier und Frau Müller so selbstverständlich ist wie heute das Telefon – deshalb bin ich  Facebook dankbar dafür, dass es eine Plattform bietet, die den Zugang zum interaktiven Internet leicht macht. Eine Plattform, die die Schwellen niedrig hängt, die lockt und verlockt, und die offenbar schafft, was andere Plattformen eben nicht schaffen.

Facebook ist momentan sozusagen der Durchlauferhitzer, der eine Brücke baut zwischen denen, die “drinnen” sind, und denen, die noch “draußen” sind. Und das ist gut so.
 

Crosspost von Aus Liebe zur Freiheit