Unternehmensberater Roland Berger: Top oder Flop?

| 21.11.2012 | 6 Kommentare

Roland Berger lässt sich zum 75. Geburtstag feiern. Dabei ist er Sinnbild für ökonomische Fehleinschätzungen, schwere Interessenkonflikte und gravierendes Missmanagement.

Die PR-Profis der „Roland Berger Strategy Consultants“ haben die Trophäe des Bundesverbandes deutscher Pressereferenten für perfekte Pressearbeit verdient. Zwei Tage vor dem 75. Geburtstag ist ihnen das Kunststück gelungen, ihre Kern-Message in die Vorab-Features der beiden großen Nachrichtenagenturen zu lancieren. Berger habe „weltweit Erfolgsgeschichte geschrieben“ posaunen die Pressereferenten, und die Agenturen übernehmen das lupenreine „Berger-Erfolgs-Narrativ“ Eins-zu-Eins und sekundieren: „Immer wieder half der stets höfliche und diskrete Kaufmann bei spektakulären Fusionen“ (dapd). DPA bilanziert vorab: „Aus einem Ein-Mann-Büro hat er einen der weltweit größten Beratungskonzerne gemacht.“
 

Geschäftsmodell des Gebens und Nehmens

Auch in dieser perfekten medialen Inszenierung bei gleichzeitiger Ausblendung von nachgewiesenen Flops ist Roland Berger typisch für die Branche, die von Kompetenz-Mythen lebt, die jedoch dem Praxis-Test nicht standhalten.

Noch im März 2009 sollte der politisch bestens vernetzte „Berater“ im Auftrag der Bundesregierung den Automobilkonzern Opel retten. Dass seine Firma den Mutterkonzern General Motors berät, Berger aber gleichzeitig dem Board of Directors des Opel-
Konkurrenten Fiat angehört, war für den Wanderer zwischen Politik und Wirtschaft kein Problem. Solche massiven Interessenkonflikte sind ebenfalls typisch für die Branche, sie gehören zum Geschäftsmodell des Gebens und Nehmens. Denn das Insiderwissen aus den ungeschminkten Bilanzen eines Mandanten kann später bei Aufträgen für neue Kunden aus der gleichen Branche versilbert werden (vgl. SpOn 19.3.2009).

Bei der Modernisierung der Bundeswehr vor einem Jahrzehnt durch Roland Bergers Berater wurde „mit Vorsatz Geld verbrannt“. Diese Einschätzung des damaligen CDU-Haushaltsexperten Dietrich Austermann wird heute kaum mehr bestritten. Die „ganzheitliche Modernisierungsstrategie“ für rund 11,7 Millionen Euro war am Ende ein ganzheitlicher Beratungsflop, der nicht nur die Skandal- „Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung und Betrieb“ (gebb) in den Abgrund stürzte (vgl. Manager Magazin 18.12.2003).
 

Vernichtende Analysen

Die Analysen des Bundesrechnungshofs zu den Berger-Bundeswehrprojekten sind vernichtend und legen die Defizite der Berater schonungslos offen. Ihre Bilanz: die Berater betreiben oft nur ‚Voodoo-Ökonomie‘ und vollstrecken, was die Politik (oder die anderen Auftraggeber) bestellen. Sie sind das Instrument für unbequeme Sanierungen und Reformen, die sich allein durch politische Überzeugung nicht durchsetzen lassen.

Trotz des von allen Experten bestätigten Desasters: der spätere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wollte bei seiner Großen Bundeswehrreform nicht auf den erneuten „Rat“ Bergers verzichten. Das Ergebnis dieser Beratungs-Blaupause ist bekannt. Bis heute werden von Guttenbergs Nachfolger die Scherben zusammengekehrt, die das Gespann Berger-Guttenberg hinterlassen hat.
 

Unkontrolliert

Die Liste der weiteren „blutigen Beratungsflops“ ist lang: Berger war ein wesentlicher Steuermann der Treuhand-Anstalt; dazu hat Michael Jürgs alles wesentliche aufgeschrieben. 1999 verkündete er das Sanierungskonzept für den Baukonzern
Philipp Holzmann. Die Rettung war eine Illusion und stand nur auf dem Papier. Er mischte in der Hartz-Kommission (und vielen anderen Kommissionen) mit und erhielt dafür später lukrative Aufträge bei der „Modernisierung“ der Bundesagentur für Arbeit, selbstverständlich ohne die notwendige formale Ausschreibung und übliche Erfolgskontrolle. Dutzende, erstklassige Berichte des Bundesrechnungshofs zu diesen Beratereinsätzen sind legendär: Folgenlos trotz beispielloser Analyseschärfe.

Auch aktuell sind die Beratungen – etwa bei der Sanierung des Klinikums Dortmund – höchst umstritten. Wie bei anderen Unternehmensberatungen, verfolgen die Zaubertricks der Berater stets eine Linie: Privatisierung von Gewinnen für die Wirtschaft und Sozialisierung der Risiken für die Allgemeinheit.

Roland Berger ist in diesem Milliardenspiel eine Schlüsselperson der Nachkriegsgeschichte, ein PR-Genie und eine vermeintlich überparteiliche Kontaktmaschine. Kaum eine andere Drehpunkt-Figur stellte sich gleichzeitig in den Dienst von Gerhard Schröder – der ihn angeblich zum Wirtschaftsminister machen wollte – und Edmund Stoiber, Helmut Kohl, Rudolf Scharping und Matthias Machnig und vielen mehr.
 

Immer dabei

Wie seine Branchenkollegen verbindet Berger klassische Lobbyarbeit perfekt mit Politikberatung. Kaum eine Kommission, in der er oder seine Consultants in den vergangenen Jahren nicht vertreten waren. Für Roland Berger galt jahrzehntelang die parfümierte FDP-Losung „4711 – immer dabei“. Als Aufsichtsratsvorsitzender der PR-Spezialisten WMP Eurocom, als Mitbegründer des Konvent für Deutschland, als Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, im Innovationsbeirat von Bundespräsident Roman Herzog oder in Kohls Sachverständigenrat „Schlanker Staat.“ Die (unvollständige) Liste seiner Mandate, Positionen und Funktionen dokumentiert einen Vernetzungsgrad, der im politisch-wirtschaftlichen Komplex einmalig sein dürfte.

Wenn jetzt der Jubel zum 75. Geburtstag die Schattenseiten der Tellerwäscher-Karriere ausblendet, könnten die Jubel-iare sich einmal bei Bergers Ex-Partnern erkundigen, zum üblichen Faktencheck. Denn 40 Top-Manager hatten eine 40-Millionen-Euro Klage gegen ihn angestrengt, weil sie sich bei der Abwicklung des Rückkaufs der Firma von der Deutschen Bank 1998 offenbar über den Tisch gezogen fühlten (Spiegel, 37/2011).

Aber auch hier gilt Bergers jüngste Lebensweisheit: „Denn 100 Erfolge können durch einen gravierenden Misserfolg überkompensiert werden“. Vorausgesetzt, die 100 gravierenden Misserfolge der Lichtgestalt werden überhaupt registriert und nicht durch das Storytelling der Pressereferenten überkompensiert.
 
Thomas Leif ist Autor des Schwarzbuchs „Beraten und verkauft. McKinsey & Co. Der große Bluff der Unternehmensberater“, München 2006 (11. Aufl.)