Arm und nicht mal sexy: Warum gerade linke Zeitungen so große Probleme haben

Weder die Turbulenzen der schwarz-gelben Regierung noch die Finanzkrise haben den klassischen linken (und linksliberalen) Zeitungen neue Leser zugetrieben. Woran liegt’s?

Machen wir zunächst einen Kassensturz, bevor wir nach den Gründen für das ausbleibende Morgenrot suchen:

- Die Frankfurter Rundschau, Jahrzehnte lang das Flaggschiff der linken Mitte, das Pflichtblatt sozialdemokratischer Gewerkschafter mit Bildungshintergrund, wichtigste Gegenstimme zur flächendeckenden Hegemonie der konservativen Regional- und Qualitätsblätter, hat seit der Jahrtausendwende einen beispiellosen Niedergang erlitten (an dem die SPD als Mit-Verlegerin nicht ganz unschuldig war). Heute bringt die Zeitung, die einst zu den „großen Vier“ gehörte (FAZ, SZ, Welt, FR) gerade noch 115.000 verkaufte Exemplare auf die Waage, wobei die harte Auflage aus Abonnements und Einzelverkäufen bereits unter der psychologisch wichtigen 100.000er-Marke liegt: etwa 80.000 Mal verkauft sich das Blatt noch regulär. Und eine erkennbare Haltung links vom Mainstream (eine irgendwie erahnbare Blattlinie) ist kaum noch auszumachen. Jetzt haben die Eigentümer, der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg und die mit der SPD verbandelte Medienholding DDVG, Insolvenzantrag gestellt.

- Die Berliner Zeitung, einst dem Zentralkomitee der SED unterstellt und nach der Wende von Gruner & Jahr zur „deutschen Washington Post“-Hoffnung aufgeblasen, kann sich zwar immer noch als größte Zeitung Ostberlins bezeichnen, aber irgendeine Bedeutung über den Berliner Kiez hinaus hat sie nicht. Der Finanz“investor“ David Montgomery, der die Zeitung 2005 übernahm und 2009 an M. DuMont Schauberg weiter verscherbelte, hat dem Blatt jeden überregionalen Anspruch ausgetrieben. Eine Zeit lang wurden die Redaktionen von Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung zusammengelegt. Genützt hat es nichts.

- Die taz, das Leib- und Magenblatt von über 12.000 taz-Genossen, lag vor fünf Jahren bei 55.000 verkauften Exemplaren. Dort liegt sie – trotz zahlreicher Bettelaktionen – noch immer. Bei der taz herrscht Gemeinde-Stabilität auf niedrigem Niveau. Eine nennenswerte Wirkung über Berlin und einige Großstädte hinaus hat die taz aber nicht mehr. Den Status als Journalistenschule der Nation und als Kreativitätspool hat sie ans Internet verloren.

- Dem neuen deutschland, das sich im Untertitel „sozialistische Tageszeitung“ nennt, sterben sowieso seit 20 Jahren die Alt-Abonnenten weg. Inzwischen ist man bei 34.000 verkauften Exemplaren angekommen. Und trotz mancher Reformen und einer Beteiligungsgenossenschaft als Mitverleger geht es weiter abwärts.

- Die junge welt, 1989 mit einer Auflage von 1,6 Millionen die größte Tageszeitung der DDR (und das Zentralorgan der FDJ), ist in Existenznot geraten. Nur 17.000 Exemplare werden von der „marxistisch orientierten“ Zeitung täglich verkauft, trotz Genossenschaftsmodell und Crowdfunding. Ähnlich wie beim neuen deutschland hat man sich deshalb dazu entschlossen, den eigenen Namen nur noch klein zu schreiben.

- Die Wochenzeitung der Freitag, seit der Übernahme durch den Journalisten und Spiegel-Erben Jakob Augstein auf bestem Wege, ein linksliberales Meinungsmedium für das nicht-konservative Bildungsbürgertum zu werden, kommt auflagenmäßig nicht vom Fleck. Nachdem das Blatt eine Zeitlang aus den IVW-Statistiken verschwunden war, ist seit Herbst 2011 wieder zu sehen, wie die Auflage – stagniert. Knapp 14.000 Exemplare verkaufte der Freitag im dritten Quartal 2011. Und auf diesem Niveau bewegt er sich auch ein Jahr später, trotz ansprechender Renovierungsarbeiten, trotz unterstützender Netz-Community und eines journalistisch überaus umtriebigen Verlagsleiters. Ohne die Zuschüsse aus dem Vermögen des Chefs wäre das Blatt wohl längst über die Spree gegangen.

- Der Vorwärts, einst sozialdemokratische Wochenzeitung, die bis in die achtziger Jahre immerhin 60.000 Exemplare verkaufte, ist aus Kostengründen mit dem Mitgliedermagazin zusammengelegt und entsprechend verunstaltet worden. Als Zeitung kann man das schlaffe Endprodukt nicht mehr bezeichnen – wie übrigens die meisten der (in der Regel achtlos weggeworfenen) Gewerkschaftsblättchen, die nur den Öffentlichkeitsetat ihrer Mutter-Organisationen belasten.

- Das Schicksal der Woche, 1993 von Manfred Bissinger gegründet und zeitweise (optisches) Vorbild der deutschen Presselandschaft, ist typisch für die unzureichende gesellschaftliche Verankerung der linken Presse. Auch Die Woche hat ihre vorgesehene Reiseflughöhe nie erreicht. Das Bordpersonal war zu teuer, die harte verkaufte Auflage blieb unter der wichtigen 100.000er-Marke. Nach neun Jahren war Schluss. Der Zeitschriften-Verleger Thomas Ganske wollte kein Geld mehr verbrennen. Gemeinsam mit der Woche gingen die Restbestände der Wochenpost unter.

Geblieben sind ein paar kleine „Inseln der Vernunft in einem Meer von Unsinn“ – so der Werbeslogan der Blätter für deutsche und internationale Politik (verkaufte Auflage: 9000 Exemplare). Fragt man Journalisten, warum das so ist, lauten die Argumente meist: Blattlinien werden heute nicht mehr gebraucht. Die Bevormundung der Leserschaft ist out. Die Bestätigung der eigenen politischen Meinung reicht als Leseinhalt nicht aus.

Das mag richtig sein. Aber sonderbarerweise wirft man dies der liberal-konservativen Presse, die in Nachrichtenauswahl und Kommentierung genau diese Vorwürfe bestätigt, nicht vor. Solche Zeitungen gelten weiter als unabhängig, objektiv und pluralistisch.

 

Die Bekenntnisscheu der Aufsteigermilieus

Was also sind die wahren Gründe für das flächendeckende Versagen der linksliberalen und linken Medien? Zunächst und vor allem die geänderten Rahmenbedingungen:

- Die Wende von 1989 war das Ende der Systemkonkurrenz. Wer dennoch an linkem Gedankengut festhielt, war ein unverbesserlicher Ideologe. Weder Gewerkschaften noch Sozialdemokratie vermochten es, sich gegen die Verunglimpfung ihres Denkens, das ja aus dem selben Wurzelwerk hervorgegangen war wie der Wortschatz der untergegangenen autoritären Systeme, erfolgreich zu wehren. Die gesamte Linke – nicht nur die kommunistische – war diskreditiert und wurde in Mithaftung genommen. Dies bezahlen die beiden Großorganisationen und ihre Umfeld-Medien bis heute mit Bedeutungsverlust.

- Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft transformierte auch die Arbeitnehmerschaft: Höhere Bildung, die Emanzipation der Frauen, die Anerkennung gesellschaftlicher Minderheiten, neu auftauchende Fragen der Lebensqualität (Ökologie, Arbeitszufriedenheit) und nicht zuletzt das Welt verändernde Universal-Werkzeug Computer sorgten für eine allmähliche Ausdifferenzierung, die sich – zeitversetzt – auch in der Zersplitterung des Parteiensystems (SPD, Grüne, Linke, Piraten) und der Zerfaserung der Einheitsgewerkschaften (Berufsverbände, Mini-Gewerkschaften – Ärzte, Fluglotsen, Lokführer etc.) niederschlug.

- Das Leserpotential linker Zeitungen zersplitterte darüber hinaus durch die Einführung neuer, billiger und visuell orientierter Medien: Heute befriedigen Boulevardzeitungen, Fernsehkanäle und das World Wide Web die Neugier und das schnelle Informationsbedürfnis. Das Publikum teilte sich in vier größere Milieus, die untereinander wenig Durchlässigkeit aufweisen: 1. Facharbeiterschaft und technische Intelligenz, 2. aufstiegsorientiertes neues Bildungsbürgertum (vielfach die Kinder von 1), 3. verarmende „bildungsferne“ Schichten und 4. sicherheitsorientiertes Kleinbürgertum (Provinz, Rentner etc.). Doch fast alle Printmedien links vom Mainstream konzentrierten sich nach der Wende ausschließlich auf das zweite Milieu: das aufstiegsorientierte neue Bildungsbürgertum (das vor allem in den Großstädten lebt).

- In dieser stark umworbenen Gruppe entwickelte sich seit den neunziger Jahren – vor dem Hintergrund einer krisenhaften Ökonomie – eine Außenseiter- und Abstiegsangst, die sich u.a. darin äußert, Medien des linken Spektrums lieber nicht zu abonnieren, um nicht unangenehm aufzufallen und den eigenen Status zu riskieren. So schrieb etwa die FAZ anlässlich eines Interviews mit der Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth: Sie kommt aus Babenhausen in Bayern, einem konservativen Ort, in dem ihre Familie als linksliberal galt, weil der Postbote jeden Montag den „Spiegel“ in den Briefkasten steckte“. Übertragen auf die heutige Zielgruppe linker Medien heißt das: Nicht jeder, der etwas werden (und zur neuen Mitte gehören) will, möchte sich mit der taz oder dem Freitag oder gar der jungen welt exponieren, also greift man lieber zu etwas Unverfänglichem oder verzichtet gleich ganz auf ein sichtbares Zeitungs-Abo.

- Das Internet hat den unbestreitbaren Vorteil, dass es die drohende (soziale) Stigmatisierung verhindert. Da das World Wide Web sämtliche Inhalte in neutraler Verpackung bietet, muss sich der Leser nicht zu etwas bekennen. Seine Haltung bleibt (zumindest nach außen hin) unsichtbar. Der Leser verfügt über das notwendige Maß an Privatheit und Autonomie. Er kann selbst bestimmen, was er gerade sein möchte. Weder Kindle noch iPad verraten, was er denkt. Der Inhalt kommt so unauffällig wie das Sexspielzeug im Postpaket. Kein markanter Zeitungskopf offenbart die Denkrichtung des Lesers. Gerade die aufstiegs- und bildungsorientierten Schichten, die mit linken Medien vielleicht sympathisieren, aber von ihnen nicht „vereinnahmt“ oder „abgestempelt“ werden wollen, wandern aus diesen Gründen (natürlich nicht nur aus diesen!) ins Netz.

- Dort treffen sie auf eine Generation, die mit Zeitungen sowieso nichts mehr anfangen kann, weil a) schon das Wort „Zeitungslektüre“ an überkommene altbackene Verhaltensrituale erinnert und b) die aufgrund des Anzeigenrückgangs stark erhöhten Zeitungspreise abschreckend wirken.

Aber reichen die politische Großwetterlage und die Charakteristika bestimmter Lesermilieus als Begründung aus? Liegt der Niedergang nicht auch an den Zeitungen selbst?

 

Linkes Feuilleton gibt es schon genug

Den wichtigsten Grund für den Misserfolg – die Konzentration auf eine ganz bestimmte (und weitgehend unberechenbare) Zielgruppe – habe ich bereits genannt. Im Folgenden will ich versuchen, einige Aspekte, die sich daraus ergeben, etwas näher zu beleuchten:

- Anders als die liberal-konservativen Flaggschiffe können die linken Zeitungen oft kein Vollprogramm (mehr) bieten. Ihre Berichterstattung ist nicht umfassend und nicht in allen Ressorts gleichermaßen kompetent. Linke Zeitungen kommen deshalb oft nur als „Zweitzeitung“ in Betracht, als Ergänzung und Korrektiv. Ihre Redaktionen sind hoffnungslos unterbesetzt, die eigene Recherche wird – aus Kostengründen – vernachlässigt, ihre Mitarbeiter sind von vielen Hintergrund-Gesprächen und Zugängen in Politik und Wirtschaftsleben ausgeschlossen (man lädt sie gar nicht erst ein). Die unzureichende Qualität des Angebots und die schwierigen Rahmenbedingungen haben zur Folge, dass fachlich und handwerklich gut ausgebildete Journalisten die Arbeit bei einer linken Zeitung oft als Sackgasse und zu große persönliche Abhängigkeit empfinden („Wer nimmt mich denn danach noch?“). Diese Sorge ist durchaus berechtigt, denn die meisten Journalisten entstammen exakt jenen aufstiegs- und bildungsorientierten Schichten, für die sie am liebsten schreiben.

- Oft bereichern die Inhalte linker Zeitungen ihre Leser zu wenig. Es gibt für das Publikum wenig neue Erkenntnisse, kaum überraschende Einsichten oder Aha-Erlebnisse, kein Dazulernen, keinen Mehrwert – zur großen Enttäuschung der unterschätzten Leserschaft. Ein linkes Netzangebot wie die NachDenkSeiten stellt heute mehr profundes Wirtschaftswissen bereit als manches (besser ausgestattete) Printmedium. Das bloße Bestätigen vorhandener Meinungen zu politischen Vorgängen reicht nicht. Anstatt nun aber inhaltliche Tiefenbohrungen zu unternehmen und an Themen und Geschichten dranzubleiben, verschrecken linke Feuilletonisten ihre Leser lieber mit provozierender politischer Inkorrektheit (was zweifellos billiger und leichter zu haben ist).

- Obwohl die Wissenschaften in den letzten 20 Jahren viele Erkenntnisse lieferten, die linke Zeitungen eigentlich frohlocken lassen müssten, überträgt sich die aus diesen Forschungsergebnissen resultierende Grundstimmung kaum auf die linken Medien: So entdeckten Hirnforscher das „Social Brain“, Sozialwissenschaftler die Kraft der Empathie, Tierforscher die Kooperation, Genforscher das sozialisierte Gen, Mathematiker die spieltheoretische Gegenseitigkeit, Ökonomen die  Beziehungsökonomie und das Social Business. Doch weder verfügen linke Zeitungen über die entsprechenden Kenntnisse noch ergänzen sie ihre Kritik der Verhältnisse durch solche „Alternativen“. Sie erschöpfen sich lieber in kulturpessimistischem Gejammer.

- Auch möchten zu viele linke Journalisten exakt dort konkurrieren, wo die liberal-konservativen Medien unbestreitbar im Vorteil sind: im Feuilleton, in der Magazingeschichte, in der Glosse, im Interview, im Porträt. Dieses Wettrennen ist nicht zu gewinnen. Denn die linksliberalen Feuilletons in den liberal-konservativen Zeitungen, die Seite-3-Reportagen, die Wochenmagazine der Zeitungen, die Zeit und der Spiegel mit allen ihren Nebenlinien, die Avantgarde-Zeitschriften von Monopol bis dummy decken die Bedürfnisse nicht-konservativer Leser bestens ab. Im Zweifel sind deren Feuilletons und Reportagen auch radikaler als die der linken Zeitungen – eben weil ihre rebellischen Nischen geschützt, relativiert und abgefedert werden durch ein politisch und ökonomisch eher konservatives Umfeld. In der Finanzkrise z.B. gebärdete sich das FAZ-Feuilleton wie die Kommunistische Plattform der frühen Sahra Wagenknecht. Und Jakob Augsteins Kolumne „Im Zweifel links“ wirkt bei Spiegel Online oft pointierter als der Leitartikel im eigenen Blatt.

- Die Fixierung auf das Feuilleton und die politische Talkshow (auf die reine Personalpolitik der Parteien) zeigt darüber hinaus, wo die großen Lücken der linken Zeitungen klaffen: in der Wirtschaft und im Lokalen. Diese Lücken wurden – außer zu den Hochzeiten der Frankfurter Rundschau – nie mit Leben gefüllt.

- Kurz: Das kuschelige Zusammenglucken der aufstiegs- und bildungsorientierten Milieus auf beiden Seiten des linken Mediums (auf Journalisten- wie auf Leserseite) bewirkt, dass der riesige Bereich der Nicht-Dazugehörenden total vernachlässigt wird. Weder im Boulevard noch im Fernsehen noch im Netz gibt es nennenswerte Versuche, einen größeren Leser-Zuschauer-Produzenten-Kreis zu erschließen. Dort aber spielt die Musik. Und das ist das Problem.

Mit diesem Beitrag eröffnet Carta eine kleine Serie über die Lage der oppositionellen Medien in Deutschland. Als nächstes schreibt Dr.Wolfgang Storz, von 2002 bis 2006 Chefredakteur der “Frankfurter Rundschau”.