Leila Ahmed: Die „stille Revolution“ der Islamistinnen

Es gibt Umbrüche in der arabischen Welt, über die in den Medien wenig berichtet wird. Zum Teil gehen sie von den USA aus, wie Ahmed in ihrem Buch beschreibt.

Als Kind hat Leila Ahmed in den 1940er Jahren in Ägypten die Anfänge des Islamismus miterlebt. Sie erlebte, wie die Muslimbruderschaft nach und nach die Deutungshoheit über das, was „der wahre Islam“ sei, für sich beanspruchte, und wie der Hijab, diese spezielle Kopf- und Körperbedeckung, zum Signal und Markenzeichen der der Bruderschaft verbundenen Frauen wurde.

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 beobachtete Ahmed, die inzwischen in den USA lebt und Professorin an der Harvard Divinity School ist, auch unter amerikanischen Musliminnen eine Zunahme der „Hijabistas“. Ein Phänomen, das sie als liberale Muslimin zunächst besorgniserregend fand.

Leila Ahmed

Leila Ahmed, Foto: Yalebooks

Über viele Jahre hinweg hat sie daraufhin die Bedeutungen und Debatten rund um das Thema Kopftuch und Geschlechterrollen untersucht, und zwar nicht im Islam generell, sondern speziell im Islamismus, also eben jener religiösen „Erweckungsbewegung“, die ihren Anfang in der ägyptischen Muslimbrüderschaft nahm und später vor allem vom saudischen Wahabismus beeinflusst war. (Der lange Zeit von den USA gezielt gefördert wurde. Mit dessen Unterstützung der Islamismus auch im Ausland, zum Beispiel eben in den USA, Bedeutung gewann. Und der nicht gleichzusetzen ist mit Terrorismus.)

Besonders hat sich Ahmed für die Frage interessiert, wie der Islamismus sich heute in den USA entfaltet. Ihre – wie sie schreibt, auch für sie selbst überraschende – Erkenntnis und These des Buchs ist, dass sich derzeit innerhalb des US-amerikanischen Islamismus eine „stille Revolution“ vollzieht, die vor allem von Frauen, aber auch von Männern einer jüngeren Generation angestoßen wird.

Diese jüngeren Kräfte würden fundamentalistische, patriarchale und nationalistische Meinungsführer innerhalb der islamistischen Moscheen und Dachverbände zunehmend in Frage stellen und offen kritisieren. Dabei würden sie amerikanisch-westliche und muslimische Grundwerte für miteinander vereinbar erklären – insbesondere unter dem Stichwort sozialer Gerechtigkeit.

Ihre Hauptanliegen seien die Vermittlung eines friedlichen und menschenfreundlichen Islam in der Mehrheitsgesellschaft, die größere Beteiligung von Frauen an religiösen Hierarchien, die Schaffung von gleichwertigen Räumen für Frauen in den Moscheen, das Eintreten für Minderheiten sowie die Abkehr von einer oft nationalistischen Bindung an die Herkunftsländer ihrer Eltern und der dortigen Politik, hin zu einem größeren Bekenntnis zum eigenen „Amerikanischsein“.

Dabei reiche das Spektrum von eher konservativen Reformerinnen, die oft innerhalb der islamistischen Organisationen arbeiten und dort teilweise auch Positionen innehaben bis hin zu radikalen liberalen Theologinnen und Aktivistinnen, die patriarchale und fundamentalistische Praktiken eher von außen angreifen – aber häufig selbst biografisch Verbindungen zum Islamismus haben.

Obwohl diese beiden Flügel oft gegensätzlich argumentieren und sich auch gegenseitig kritisieren, so Ahmeds These, würden sie sich letztlich gegenseitig stärken und befruchten. Zum Beispiel ist ihr aufgefallen, dass die konservativeren Frauen innerhalb der Moscheen sich zwar nicht aktiv für die Rechte zum Beispiel von Homosexuellen einsetzen, aber sich auch nicht dagegen aussprechen, wenn die radikaleren Stimmen das tun.

Möglich geworden sei dieser Aufbruch im Zuge der islamfeindlichen Stimmung im Anschluss an den 11. September, glaubt Ahmed. Die öffentliche Aufmerksamkeit für den Islam und die offene Islamfeindlichkeit großer Teile der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft habe zwei Folgen gehabt, die nur auf den ersten Blick widersprüchlich scheinen: Einmal eben jene starke Zunahme von Musliminnen, die bewusst angefangen haben, Hijab oder Kopftuch zu tragen, um ihren Protest gegen Islamfeindlichkeit zu untermauern, und die von außen als „Botschafterinnen“ eines friedlichen Islam wahrgenommen werden wollen. Gleichzeitig seien die bisherigen Führungsmänner innerhalb der Moscheen und Dachverbände unter Druck geraten und könnten sich krass patriarchale Töne nicht mehr leisten. Ahmed hat etwa beobachtet, dass bei den Jahreskongressen des islamistischen US-Dachverbandes sukzessive der insgeheime „Verschleierungszwang“ gelockert wurde, ebenso wie die Rigidität der Geschlechtertrennung in der Sitzordnung. Außerdem seien dort auch zunehmend kritische Redner und Rednerinnen eingeladen worden, denen man vorher niemals das Wort erteilt hätte.

Das Buch ist auch wegen der vielen Detailinformationen lesenswert. Genau beschreibt Ahmed die Geschichte der Muslimbruderschaft, von ihrem Beginn zu einer Zeit, als in Ägypten bei der Mehrheitsgesellschaft die Nachahmung europäischer Lebensstile en vogue war, über die staatliche Verfolgung der Islamisten bis zu ihrem fulminanten Aufstieg und Ausbreitung in jüngerer Zeit, der vor allem mit dem Versprechen sozialer Gerechtigkeit verknüpft war. Dabei erfährt die Leserin vieles über die wechselnden Bedeutungen, die dem Hijab im Lauf der Zeit von verschiedenen Seiten und Interessengruppen zugesprochen wurden, und auch über das Denken einzelner maßgeblicher Protagonisten – und auch Protagonistinnen, wie etwa die einflussreiche „Urmutter“ der Muslimbrüder, Zainab al-Ghazali.

Ebenso detailreich beschreibt Ahmed im zweiten Teil des Buches die Entwicklungen nach dem 11. September in den USA, wobei sie die Ideen zahlreicher maßgeblicher muslimischer Protagonistinnen im Einzelnen beschreibt. Dabei gelingt es ihr, zu zeigen, dass die „stille Revolution“, die sie betreiben, tatsächlich auch auf Wurzeln zurückgreifen kann, die innerhalb der islamistischen Weltsicht selbst bereits angelegt waren.

Eine wirklich interessante Studie, die so manche Frage aufwirft, vor allem die, ob es den Protagonist_innen dieser „stillen Revolution“ gelingt, auch auf die islamistischen Doktrinen und Praktiken in jenen Ländern zurückzuwirken, in denen Islamisten politische Macht oder gesellschaftliche Hegemonie haben, und die, so Ahmed, nach wie vor „endemisch patriarchal“ sind.

Außerdem würde ich gerne ein deutsches Äquivalent zu dieser Studie haben.

Leila Ahmed: A Quiet Revolution. The Veil’s Resurgence from the Middle East to America. Yale University Press, 2011, 352 Seiten.

 

 

Leila Ahmed: A Quiet Revolution. The Veil’s Resurgence from the Middle East to America. Yale University Press, 2011, 352 Seiten.

 

Crosspost von Aus Liebe zur Freiheit