Warum Roboterjournalisten nerven

Alles bestens: Daten ausgewertet, Bericht geschrieben, pünktlich abgegeben - Kollege Roboter kann's eben. Aber wollen wir das?

Philip Parker von der Insead Business School hat einen Roboter entwickelt, der 200.000 Bücher verfasst hat – das berichtet ein BBC-Reporter. Parker verbreitet die Bücher zum Beispiel über Amazon. Der Roboter benötigt unter einer Stunde, um ein Buch zu schreiben. Der Verkaufspreis ist ordentlich. Meist sammelt der Roboter Infos zu einem bestimmten Thema und reichert sie mit einer Zukunftsprognose, etwa das Marktpotential eines Produkts, an. Der Roboter schreibt also eher statistische oder wirtschaftliche Bücher. Das sind die Schwerpunkte, die auch Journalisten-Roboter bevorzugt beackern.

Die Meldung ist relativ unspektakulär, würde jetzt nicht die Diskussion aufkommen, ob Roboter eventuell auch erzählen könnten. Dafür spreche, so heißt es in dem BBC-Artikel, dass Romane häufig festen Formeln folgten. Mit der Software von Parker kann man zum Beispiel Charaktere entwickeln, Orte, Genre und Grundzüge der Handlung festlegen und das Ausformulieren dem Roboter überlassen.

Da ist es nur ein kleiner Schritt zum Journalisten, der Fakten, Namen seiner Gesprächspartner und ein paar Original-Zitate eintippt. Der Roboter schreibt daraus den Text. Er macht sogar etwas, was wir definitiv nicht können: Er liefert den Text pünktlich, hält exakt die von der Redaktion gewünschte Zeichenlänge ein und vertippt sich kein einziges Mal. Ob ein Roboter damit einen Pulitzer- oder Booker-Preis gewinnen könnte, darüber wird in besagtem Text halbherzig diskutiert – eher nicht.

Seid Ihr Euch da so sicher?

Ist es nicht so, dass Journalisten schon so etwas wie Roboter sind? Kürzlich ging Hans Hoff in der Zeitschrift „Journalist“ der Frage nach, warum wir im Journalismus so viel Wert auf eine objektive Wahrheit legen, die es nicht gibt. Warum nicht mal das Ich aussprechen?

„Die wenigsten Journalisten dürfen ich schreiben. Das Ich-Verbot wurde offenbar auf einer jener Tafeln hinterlegt, die Moses auf dem Berg Sinai in Empfang nehmen durfte. Aus unerfindlichen Gründen hat es das Ich-Verbot nicht in die Top Ten der Gebote geschafft. Dabei rangiert es heute in seiner Verbindlichkeit locker vor der Anweisung, den Feiertag zu heiligen oder die Ehe nicht zu brechen.“

Ich bin sicher, darüber werden einige stöhnen. Der Journalismus sollte sich wenigstens um Objektivität bemühen, sich ihr so weit wie möglich annähern. So eine Art Monte-Carlo-Simulation durchführen. Aber in den Blogs der von uns zitierten Piraten-Politikerinnen erfahren wir leider später, wie sich unser Wahr der Wahrheit zu einem Wahr der Wahrnehmung verflüssigt.

Ich habe neulich das Buch „Telling True Stories: A Nonfiction Writers‘ Guide from the Nieman Foundation at Harvard University“ gelesen, in dem einige renommierte US-Journalisten ihre Gedanken zum erzählenden Journalismus äußern. Es geht um lebendiges Schreiben und um Recherchemethoden. Die Autoren sind sich so gut wie alle einig: Der Journalist soll sich in die Geschichte, die er erzählt, einbringen.

Mir gefallen diese amerikanischen Reportagen, in denen ich die Autoren in der Handlung sehe. Ich habe dann immer das Gefühl, die Autoren stehen auf meiner Seite, und ich nähere mich mit ihnen einer mir fremden Situation. Ich habe die Befürchtung, ein Roboterjournalist würde stattdessen nicht nur mit klugscheißerischen Beobachtungen nerven („er trug eine Krawatte, die 48,57 Zentimeter vom Hals herunter hing – im Farbton #226655″). Er würde sich wahrscheinlich sogar merken, welche Themen ich von ihm gelesen habe, daraus ein Wahrscheinlichkeitsprofil erstellen und nur noch über das berichten, was mich interessiert. Dabei finde ich es schön, eine Reportage über ein Thema zu lesen, von dem ich nicht einmal selbst vorher wusste, dass es mich interessiert.

Crosspost von Robotergesetze