Was würde Jarvis tun?

Im Oktober ist die deutsche Ausgabe von Jeff Jarvis’ jüngstem Buch „Public Parts“ erschienen. Es ist ein flammendes Plädoyer für einen neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Das Private soll endlich politisch - und ökonomisch! - werden.

Die einen sind die „Internet-Gurus“ (oder „Internet-Evangelisten“), die anderen die „Internet-Skeptiker“. Beide Seiten streiten sich wie die Kesselflicker um die Frage, ob das Internet nun gut oder böse ist. Der Kampf um die Deutungshoheit wird mit harten Bandagen geführt.

Zu den bekanntesten „Evangelisten“ gehört der New Yorker Journalist und Hochschullehrer Jeff Jarvis, der im Internet das revolutionäre Werkzeug zur Selbstbefreiung der Massen erkennt, während sein Gegenspieler, der an der kalifornischen Stanford-Universität forschende Publizist Evgeny Morozov, das Internet als ideale Waffe der Herrschenden gegen den Freiheitswillen der Bürger identifiziert.

Nun hat Jarvis nach seinem fulminanten Bestseller „Was würde Google tun?“ ein neues Werk vorgelegt, und Morozov hat es in der FAZ total verrissen. Im Original trägt das Buch den Titel „Public Parts. How Sharing in the Digital Age Improves the Way We Work and Live“. Das deutsche Cover lehnt sich dagegen etwas altbacken an Willy Brandts Regierungsmotto von 1969 an: „Mehr Transparenz wagen! Wie Facebook, Twitter & Co die Welt erneuern“.

Offenbar wollte der Verlag den schwer übersetzbaren amerikanischen Begriff Sharing vermeiden. Es geht Jarvis auch nicht um das Teilen von Eigentum, sondern um das Herstellen von Öffentlichkeit durch das möglichst freizügige (Mit-)Teilen von Kenntnissen, Meinungen oder Erfahrungen. Es geht um den steigenden Markt-Wert sozialer (Kunden-)Beziehungen, um persönliche Anteilnahme in sozialen Netzwerken und um die Ausweitung der privaten Kampfzonen zu öffentlichen Angelegenheiten. Das Private soll endlich politisch und ökonomisch werden.

Ausgehend von den 95 Thesen des berühmten Cluetrain-Manifests, das als Glaubensbekenntnis der frühen Internet-Startups gilt („Märkte sind Gespräche“), beschreibt Jarvis zunächst „den Kern einer neuen Industrie, die auf dem Prinzip Sharing beruht“. Facebook, YouTube, Twitter, Wikipedia, Flickr, Kickstarter, Trip-Advisor, Foursquare, Blogger, Yelp, Ushahidi, SeeClickFix und all die anderen „sozialen“ Webangebote vernetzen Menschen zu einer neuen, schnell wachsenden Beziehungsökonomie, deren Motor das weltweit anerkannte Gegenseitigkeitsprinzip ist: Hilfst du mir, so helf’ ich dir. Mit Tipps, Empfehlungen, Ratschlägen, Produkten und Ansprechpartnern. Dass die Internet-Konzerne, die ihre Austausch- und Kooperations-Plattformen meist kostenlos zur Verfügung stellen, an ihren „Kunden“ bzw. „Mitgliedern“ gut verdienen, ist nach Jarvis der beste Beweis, dass eine riesige Nachfrage, die von der alten Angebots-Ökonomie nicht bedient wurde, nun professionell und überzeugend befriedigt wird.

Hilfsbereitschaft und Mitteilungsdrang schaffen eine ganz neue Öffentlichkeit, die weit über das hinausgeht, was bisher unter Öffentlichkeit verstanden wurde und meist auf den staatlichen Sektor und die etablierten Medien begrenzt war. Nun kann das Private öffentlich werden, weil „wir“ es so wollen: mit all unseren Eheproblemen, unserem Ärger mit Produkten oder Behörden, den eigenen Krankheiten und den bisher schamvoll verheimlichten Neigungen. Diese Freizügigkeit im Umgang mit der eigenen Person, auch die Großzügigkeit und Unbekümmertheit des Hergebens von privaten Informationen tue den Menschen sichtlich gut, denn sie bekämen in aller Regel etwas zurück.

Jarvis macht sich zum Anwalt und Fürsprecher derjenigen, die mit Hilfe der sozialen Netzwerke aus sich herausgehen wollen. Und als mutiger Anführer setzt er sich sogleich an die Spitze der Bewegung. Ausführlich redet er über seine Krebserkrankung, die Operation und die fatalen Folgen für sein Sexualleben. Dabei schmettert er eine Breitseite gegen alle, die die Befreiung des Menschen aus der Vereinzelung, das Überwinden von überflüssigen Ängsten und Schamgefühlen als Exhibitionismus, Aufmerksamkeitshurerei oder „Oversharing“ abtun. Die Feinde der öffentlichen Emanzipation hat er schnell identifiziert. Es sind die alten Autoritäten: der Staat, die Medien, die Kirche, sowie der von ihnen unterstützte „regulatorisch-industrielle Datenschutzkomplex“. Gerade in Deutschland sei so ein Übermaß an Besorgnis, Kontrolle, Beschränkung und Behütung entstanden; doch hinter der modernen Datenschutzmaske verberge sich die alte Angst vor neuen Technologien und neuen Zeiten. Jarvis argumentiert hier ganz wie die Post-Privacy-Vertreter der Berliner „Spackeria“.

Zum Beispiel hat der post-private Jarvis nichts gegen Nacktscanner an Flughäfen, nichts gegen RFID-Chips in Produkten, nichts gegen Cookies auf Webseiten, nichts gegen die Analyse seines Genoms und nichts gegen Überwachungskameras an öffentlichen Orten. Er will, dass Unternehmen transparent agieren und Produktentwicklungen mit ihren Kunden diskutieren, er will, dass Regierungen ihre Datenbanken ins Netz stellen und mit den Bürgern bei der Lösung von Problemen offen und ehrlich kooperieren.

.

Dampfplauderer oder Anwalt der Demokratisierung?

Bei Evgeny Morozov, dem in Weißrussland aufgewachsenen, 30 Jahre jüngeren Internet-Skeptiker führte Jarvis’ naiv anmutende Schwärmerei für Staat, Sharing-Industrie und mehr Öffentlichkeit zu einem unkontrollierten Wutanfall. Seine Schmäh-Kritik anlässlich des Erscheinens der amerikanischen Originalausgabe ergoss sich nicht nur Spalte um Spalte ins FAZ-Feuilleton, sie strotzte auch vor Beleidigungen, Häme und intellektuellem Vernichtungswillen. „Abgeschmackte Thesen“, „schlampige Diskussion“, „intellektuelle Faulheit“ waren noch die geringsten Vorwürfe. Jarvis’ Vorstellungen – „und die seiner Genossen in der Cyberutopischen Internationale“ – seien letztlich nichts anderes als hyperventilierende „Marktpropaganda“ für Mark Zuckerberg & Co. Weder Jarvis noch Clay Shirky, so Morozov, „wollen sich mit den kulturellen Auswirkungen der politischen Ökonomie des heutigen Web auseinandersetzen. Stattdessen gehen sie stillschweigend davon aus, dass die heutigen Internetunternehmen schon irgendwie harmloser wären als die privatwirtschaftlich kontrollierten Medien, die ihnen vorausgegangen sind.“

Morozovs Wut über die peinlichen „Internetintellektuellen“ ist grandios. Doch trifft sie Jarvis’ jugendliche Netz-Begeisterung ins Herz? Ja und Nein.

  • Ja, weil sich Jarvis’ überschwängliches Plädoyer für den   öffentlichen Raum, den das Werkzeug Internet erschafft, häufig wie das Plädoyer für einen neuen schicken Verkaufsraum liest. Jarvis rät (gegen vier- und fünfstellige Honorare) großen Konzernen, wie sie mit Hilfe des Internets noch mehr Geld machen können. So würde die Mitwirkung oder das Anzapfen von Kunden die Marketing-Kosten erheblich senken.
  • Als Utilitarist handelt Jarvis dabei stets nach dem Motto: Was nützlich ist, ist auch gut. Mit dieser schlichten Unternehmensethik lässt sich vieles begründen, was mit Recht oder Moral wenig zu tun hat. So entspricht sein Kleinreden der Privatsphäre und der Datenschutz-Probleme eher der Argumentation eines PR-Mitarbeiters aus der Marketing-Abteilung von Facebook als dem Bericht eines unabhängigen Journalisten.
  • Auch seine wohlwollende Einschätzung der „techno-humanen“ Ambitionen der Sharing-Industrie fußt in erster Linie auf dem eigenen beispiellosen Erfolg. Der kleine Journalist Jeff Jarvis hat dem Internet allen Ruhm, alle Aufmerksamkeit und alles Geld zu verdanken. Sein wohlkalkulierter Schritt in die Öffentlichkeit zeichnet ihn als cleveren Geschäftsmann aus – weniger als Rebellen, der die Befreiung der Massen aus ihrer selbstverschuldeten Privatheit organisiert.

Doch die lautstarke Kritik an Jarvis ist auch ein Kind des Neids und des unbedingten Willens, ihn niederzumachen. Unvoreingenommen gelesen ist sein Buch randvoll mit Ideen, interessanten Fallbeispielen und linkem Gedankengut.

  • Sein Plädoyer für das Teilen und die sozialen Beziehungen, für Offenheit, Kooperation und Empathie, für Nachfrage- statt Angebotsorientierung formuliert klassische linke Politik. Auch die ohne Scheu verwendete Vorsilbe Sozial- könnte der inflationär verbreiteten Vorsilbe Bio- etwas Selbstbewusstes entgegensetzen.
  • Jarvis erkennt die gesellschaftlichen Folgen der disruptiven Technik Internet viel klarer als manche seiner Kritiker. Er formuliert sie nur wesentlich angenehmer, sozialverträglicher und ohne jeden Alarmismus. Ein Linker, der eingängig schreiben kann, Spaß an technischem Fortschritt und sozialen Utopien hat, sollte nicht gleich der Verachtung anheimfallen.
  • Jarvis ist, wie er selbst bekennt, ein „unheilbarer Optimist“. Sein Menschenbild ist nicht ängstlich, sondern geprägt vom Vertrauen jener Früh-Sozialisten, die fest an ein gutes Ende glaubten, an jene „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“

Dass man bei Jarvis trotzdem nie so recht weiß, ob er mit seinen Vorschlägen für eine „radikale Öffentlichkeit“ mehr Demokratie wagen oder doch nur mehr Produkte verkaufen will, ist seinem ur-amerikanischen Denken geschuldet. Wahrscheinlich ist das für ihn ein- und dasselbe. Denn Jarvis hält die Kombination von demokratischer Öffentlichkeit und Internet-Kapitalismus für eine Win-Win-Situation.

______________________________________________________

Jeff Jarvis, Mehr Transparenz wagen, Wie Facebook, Twitter & Co die Welt erneuern, Quadriga Verlag, Berlin 2012, 320 Seiten, € 24,99;

Diese Rezension ist Ende Oktober – leicht gekürzt – in der Wochenzeitung „der Freitag“ erschienen.