Auf der Flucht

In den 70ern gab es mal einen Spruch, "Jeder ist Ausländer. Irgendwo." Das haben die Deutschen anscheinend ebenso vergessen, wie ihre eigenen Flüchtlingsbiografien.

Ich bin Kind eines Flüchtlingskinds. Meine Großmutter wurde in Essen ausgebombt und begab sich mit ihren drei kleinen Kindern (6, 5 und 4 Jahre) auf die Flucht; mein Großvater war gefallen. Zunächst ging es nach Bayern, später in die Lüneburger Heide. Sie hatten das Glück und das Pech, eine Familie von vielen zu sein, die im eigenen Land, der Not gehorchend, von jetzt auf sofort bei Fremden Unterkunft finden mussten und sich mit dem Versorgungsamt herumschlagen durften.

Vier Köpfe von rund 12 Millionen; später kamen noch einmal rund 12 Million „Displaced Persons“ aus KZ und Zwangsarbeitslagern dazu. Daß meine Omi, die schon hungernd den ersten Weltkrieg überlebt hat und heute im 100. Lebensjahr steht, nach wie vor topfit im Kopf und in der Zeit damals nicht wahnsinnig geworden ist, das finde ich bemerkenswert. An Tagen, an denen ich glaube, gestresst zu sein, denke ich kurz an die junge, hübsche Frau Mitte zwanzig, die frisch verwitwet war, drei kleine Kinder an den Händen hielt und keinerlei Aussicht auf eine nennenswerte Zukunft hatte, und lache herzlich.

Der angeheiratete Teil der Familie hat ebenfalls eine Flüchtlingshistorie, wie ich letztes Jahr eher beiläufg erfuhr. Dort ging es aus Ostpreussen auf dem Handwagen gen Westen; die schmutzigen Details hat man mir erspart und ich war zu feige, um nachzufragen, aber ich denke, wir haben genügend Vorstellungsvermögen und sind in in unserer Generation gebildet genug, um zu wissen, was sich dort so abgespielt hat.

Das alles ist gerade mal siebzig Jahre her.

Etwas über zwanzig Jahre ist es her, daß Menschen aus dem, was ich als Kind als „Ostblock“ kennengelernt habe, heimlich über Nacht ihre Familien und Freunde zurückliessen, um frei zu sein. Den meisten ging es wahrscheinlich objektiv gesehen gut, sie hatten Arbeit und ein Dach über dem Kopf. Aber sie durften sich nicht frei bewegen, und der Schmerz darüber war zu groß. Als ich mein Studium begann, saßen sie z.B. auf der Rückbank eines Fiat Polski und begaben sich ins gelobte Land. Durch eine Verkettung glücklicher Zufälle kamen dann 1989 auch die ohne Blutvergiessen frei, die sie bei Nacht und Nebel zurückliessen.

Niemand ist freiwillig auf der Flucht. Das eigene Land, die Heimat auf immer und ohne Aussicht auf eine Rückkehr zu verlassen, das ist garantiert kein Zuckerschlecken, sondern etwas, was die Not allein gebietet. Deportation ist die Höchststrafe nach der Todesstrafe. Krieg, Folter, politische , religiöse, ethnische etc. Verfolgung sind die Ursache dafür, dass sich Menschen auf die Flucht begeben, nach dem Motto, „Etwas bess’res als den Tod finden wir überall“. Mir kommt die Galle hoch, wenn von „Wirtschaftsflüchtlingen“ gesprochen wird, als ob diese Flüchtlinge sonderlich die Wahl hätten, zu faul zum arbeiten wären, nicht sofort und mit Freuden in der Heimat bleiben würden, wenn sie dort ein Mitbestimmungsrecht, Freiheit und/oder einen Hauch von Zukunft hätten.

„Wir nehmen die meisten Flüchtlinge von allen auf“, höre ich in letzer Zeit häufiger von mehr oder weniger verschleierten (no pun intended) Fans der „Das Boot ist voll“-Parteien. Das mag sein, aber wir sind nicht zuletzt auch deshalb eines der reicheren Länder dieser Welt, weil wir kräftig Gewinn mit dem Elend der anderen machen und es zumindest indirekt oft selbst hervorrufen (Stichwort: Rüstungsexporte). Und natürlich haben wir uns unserer historischen Verantwortung zu stellen: Wer für so viel Flüchtlingselend verantwortlich war und ist wie wir, der darf sich gefälligst auch an der Linderung beteiligen. Ein ganz erhellender Artikel zum Thema findet sich dazu auf ZEIT Online.

Auf dem Pariser Platz in Berlin demonstrieren aktuell Flüchtlinge für  menschenwürdige Unterkünfte. Wobei „demonstrieren“ ein ziemlicher Euphemismus ist – sie befinden sich im Hungerstreik. Einige sind zu Fuß von Würzburg nach Berlin gelaufen, Google Maps gibt mir für diese Strecke von 435 Kilometern zu Fuß einen Zeitraum von 90 Stunden an, was wohl eher optimistisch geschätzt ist. Die Berliner Polizei nimmt den Demonstrierenden Decken und Isomatten weg – bei Bodenfrost. In den klassischen Medien vernimmt man dazu (wie übrigens auch zu den aktuellen Protesten in Spanien) seltsamerweise wenig bis gar nichts; erst, nachdem der Aufschrei im Netz zu groß wurde, nahm man sich widerwillig der Nicht-Nachricht an und hat zynisch einen der letzten echten Journalisten zitiert, Hanns-Joachim Friedrichs.

„Eine Demonstration von 20 Menschen erfüllt diese Kriterien eigentlich nicht. Damit will ich überhaupt nicht sagen, dass die Demo unwichtig ist. Aber die Relevanz überschreitet meiner Meinung nach eine gewisse Schwelle nicht.“

schreibt ZDF-„Spitzenkraft“ Dominik Rzepka. Wo ist die magische Grenze? Hundert? Tausend? Mehr? In Saigon 1963 war ein einzelner Mönch, Thích Quảng Ðức, einen Bericht wert. Immerhin musste er sich dazu selbst verbrennen. Auf dem Tian’anmen Platz ist es ein einzelner Mann vor einem Panzer, dessen Bild von dem Protest und späteren Massaker noch im Bewusstsein ist.

„Das kannst du doch nicht vergleichen“ höre ich einige unter Euch. Und das stimmt natürlich, auf eine Art. Äpfel, Birnen, fliessende Grenzen. Aber trotzdem bin ich sehr froh über das Netz und seine Möglichkeiten, und daß ich für meinen Nachrichtenkonsum nicht länger auf die klassischen Gatekeeper angewiesen bin. Was relevant für mich ist, bestimme immer noch ich.

Crosspost von e13